Warum das Schlager-Projekt von K.I.Z. überhaupt kein Lückenfüller ist

K.I.Z. mal wieder. Als Fan der Kannibalen in Zivil wird man seit über zehn Jahren in steter Regelmäßigkeit mit Sarkasmus und immer neuen Ideen der polemischen, makaberen und lustigen Sorte überschüttet. Die Jungs haben die eigene Klamauk-Messlatte hoch gelegt und bisher konstant oben gehalten. Zu behaupten, K.I.Z. seien die „Erfinder von deutschem Humor“ ginge vielleicht etwas zu weit, ihnen den Thron im Königreich des deutschen „Clownrap“ zuzubilligen jedoch keineswegs. Tarek, Nico, Maxim und Sil-Yan haben sich in ihrer eigenen Witzigkeit immer wieder selbst übertroffen.

Um nur ein paar Beispiele zu nennen: da waren parodistische Coups wie der Track und die Acappellas eines gewissen Verbalen Style Kollektivs, das den Hamburger Mittelstandsrap der 90er-Jahre auf‘s Korn nahm oder die bis heute unerreichte Persiflage unbeholfener Vergleiche im deutschsprachigen Dipset-Hommage-Rap “Herbstzeitblätter”. Da wurde ein Album, das in Wirklichkeit gar keines war, als vermeintlich geleaktes Release im Netz verbreitet, um Hacker blöd aussehen zu lassen und damit nebenbei das wohl unterhaltsamste, verwirrteste deutsche Rap-Release aller Zeiten für die Nachwelt bereitgestellt. Da war der Konter gegen Kraftklubs „Ich will nicht nach Berlin“, der sich zu einer heimlichen Berlin-Hymne gemausert hat. Da waren Moves, wie das alljährlich stattfindende Konzert zum Frauenkampftag, bei denen nur Frauen beziehungsweise als Frauen verkleideten Männern der Eintritt gewährt wurde. Da war die Online-Premiere eines ersten interaktiven Musikvideos, die verstörende Begleit-Software zum legendären Song „Neuruppin“. Und all das sind nur ein paar Auszüge einer Liste voller einfallsreicher Kniffe, mit denen Spaß und Ernst geschickt verknüpft wurden.

Und dann auch noch das: Ende Februar geisterte plötzlich der Track „Glück gehabt“ durch die Weiten des Internets.

Was früher „Kriegsverbrecher im Zuchthaus“ waren, sind plötzlich die Schwarzwälder Kirschtorten, wo sonst auf HipHop-Beats gerappt wurde, wird nun ein volkstümlicher Schlager-Hit geschmettert. Abgerundet wird das Ganze durch ein rekordverdächtig schmalziges Video, dessen Kulisse spontan die Melodie von „Heidi, Heidi, deine Welt sind die Berge“ triggert. Die Jungs haben die strammen Uniformen abgelegt, tragen kitschige Schwiegersöhnchen-Anzüge und grinsen debil vor sich hin.

Das ist schon deshalb sympathisch, weil das Projekt ein weiteres Mal beweist, dass die Jungs sich auch nach der hundertsten goldenen Platte nicht zu ernst nehmen und sich nicht zu schade sind, in Rollen zu schlüpfen, die uncooler kaum sein könnten.

Trotzdem sind manche der Meinung, „Glück gehabt“ sei nur aus Langeweile und zur eigenen Belustigung entstanden, auch weil der gesungene Text auf den ersten Blick nicht besonders tiefgründig daher kommt. Als ich den Track zum ersten, zweiten und dritten Mal gehört habe, war ich selbst eher abgeturnt. Ich empfand „Glück gehabt“ in seiner Aufmachung auf den ersten Blick als viel zu einfach und flach, zumindest gemessen an K.I.Z.-Standards früherer Tage. „Glück gehabt“ ist schließlich bei Weitem nicht die erste Schlager-Persiflage aus mehr oder weniger subversiven Gefilden deutscher Popkultur. Hier sei an die Toten Hosen erinnert, die unter dem Decknamen der Roten Rosen bereits Ende der 1980er-Jahre die Schlager-Fernseh-Formate mit ironischen Interpretationen volksdeutscher Weihnachtlieder aufmischten.

Erst beim geschätzten vierten Durchlauf des Videos und durch den Fernsehauftritt bei Circus Halligalli begriff ich langsam die Genialität und Einzigartigkeit. Der Text, der einen unheimlich oberflächlichen und inhaltslosen Eindruck macht, glänzt bei genauem Hinhören durch lupenreinen Zynismus mit ernstem Hintergrund: in drei Parts werden drei zwar völlig unterschiedliche, aber gleichermaßen fatale Katastrophenlagen beschrieben, aus denen sich der jeweilige Protagonist am Ende jedes Mal tückisch oder Dank gewisser Privilegien doch noch heraus winden kann. Themen sind der mörderische Drogenhandel in Mexiko oder der Erste-Welt-Sextourismus nach Asien und diese werden hier aus Ich-Perpektive polemisch gnadenlos ausgeschlachtet. Im Anschluss an jede dieser Geschichten trällert der Krawatten-tragende Männerbund glückselig: „Da hab’n wir wieder mal Glück gehabt, da war schon wieder fast Schicht im Schacht …“.

Es geht also um geheuchelte Anteilnahme, Privilegien weißer, europäischer Männer, knallharte Korruption und andere Schweinereien. Die Entscheidung, gerade Schlager zur provokanten Vermittlung dieser Themen zu wählen, kommt nicht von ungefähr: Ist doch kaum ein anderes Genre der deutschen Musiklandschaft derart repräsentativ für die gutbürgerlich-konservative Mitte. Und wohl kein anderes Genre kehrt das Leid und das Elend, die Ungerechtigkeiten und Katastrophen, die Leichen im Keller dieser Welt so konsequent unter den Teppich wie Schlager.

Es scheint das erklärte Ziel der Jungs, die in bürgerlichen Medien bereits als „ehemalige Deutschrap-Crew“ bezeichnet werden, zu sein, mit dieser Auskopplung die deutschen Schlager-Charts zu entern und den käsigen Sumpf um Florian Silbereisen mit einem klassischen Trojaner unsicher zu machen. Gerade weil ja bekannt ist, wie großartig Pranks der Marke K.I.Z. in der Vergangenheit funktioniert haben, darf man gespannt sein, ob aus dem bisherigen One-Hit-Wonder im Laufe der nächsten Wochen eventuell eine ganze EP wird, oder ob es bei „Glück gehabt“ bleibt. Festzuhalten ist jedenfalls, dass das Konzept Schwarzwälder Kirschtorten weit mehr ist als nur das Ergebnis von Langeweile. Tarek, Maxim, Niko und Sil-Yan werden es schon richten, wem, wenn nicht ihnen, können wir da vertrauen…

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