Fler: Warum die Musik wieder epischer als die Interviews ist

Erinnert sich noch jemand? Vor etwas mehr als einem Jahr lautete Flers Vorsatz für 2016: „Mehr Interviews!“ Und vor genau einem Jahr, am 6. März 2016, erschien der bisherige Höhepunkt seiner vielen öffentlichen Gespräche: Das legendäre epische Interview. Inzwischen aber hat Flers Musik seine Interviews überholt – ein Kommentar.

 

Es gab eine Zeit, in der man sich über ein neues Fler-Interview in der Aboliste bei YouTube mehr gefreut hat als über ein neues Musikvideo. Nicht, weil die Mucke schlecht gewesen wäre. Sondern weil die Interviews zu diesem Zeitpunkt einfach geiler und spannender waren.

Steile Thesen, starke Meinungen – man musste Flers Standpunkte nicht teilen, aber man konnte sie nachvollziehen. Weil er sie mit Nachdruck und Überzeugung ohne Filter raushaute, nicht berechnend und vorsichtig, sondern glaubwürdig und aus dem Bauch ‚raus. Und zu Lachen gab es auch immer genug. Perfektes Entertainment.

Die Folgen sind bekannt. Deutsche Rapper outeten sich als Fler-Interview-Fans, es gab Public-Viewings, manche widmeten dem Phänomen sogar einen Song.

Heute ist es genau umgekehrt. Ein Fler-Interview ist zwar nach wie vor eine unterhaltsame Sache. Aber tatsächlich ist die Vorfreude inzwischen größer, wenn ein neues Video oder, wie im Fall von „Predigt“, sogar nur eine neue Audio angekündigt wird. Und statt wie früher die Interviews fünf bis zehn Mal zu gucken, merkt man, dass man das Video schon seit einer Stunde auf Schleife laufen hat.

Der Wendepunkt, an dem Flers Musik seine Interviews in Sachen „Epik“ klar überholte, war irgendwann 2016. Mit „Vibe“ brachte er die visionäre Ästhetik seines Raps klarer und eindrucksvoller als je zuvor auf eine Platte. Und mit „Epic“, dem gemeinsamen Album mit Jalil, geht er diesen Weg offenbar konsequent weiter – die bisherigen Auskopplungen lassen keinen anderen Schluss zu.

Nicht, dass die 2015er-Alben „Keiner kommt klar mit mir“ oder „Weil die Straße nicht vergisst“ schlecht gewesen wären. Aber der futuristische, metallisch-kühle, düstere Sound, der etwa das neuste Video „Makellos“ durchzieht, ist einfach noch mal ’ne andere Nummer. Zeitgemäß, ohne die „CCN“-Wurzeln auch nur im Ansatz zu verleugnen. Die schlüssige Vereinigung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, von Westberlin, Atlanta und Paris.

Parallel zum musikalischen Qualitätsmanagement wurden die Interviews etwas ruhiger, etwas weniger spektakulär. Vieles ist eben auch schon gesagt. Der Überraschungseffekt ist weitgehend weg. Außerdem wirkt Fler dank stetig steigender Verkaufs- und Klickzahlen sowie fast ausnahmslos positiver Resonanz ausgeglichener, mehr mit sich im Reinen. Das ist gut für ihn, sorgt aber natürlich auch dafür, dass die Interviews weniger explosives Potential haben.

Müssen sie aber auch gar nicht. Mit seinen Erfolgen an der Interviewfront konnte der noch kurz zuvor mal wieder totgesagte Fler die Grundlagen dafür legen, sein musikalisches Game up zu steppen. So kann es auch laufen: Erst mutige und innovative Interviews, dann mutige und innovative Musik.

 

Anmerkung: Natürlich war auch „Carlo Cokxxx Nutten“ mutig und innovativ. Damals spielten Interviews aber keine mit heute vergleichbare Rolle.

S/o auch an den Kollegen Jakob von der Juice, der in seinem Beitrag zu „Makellos“ den gleichen Ansatz vertritt.

 

4 KOMMENTARE

  1. Makellos ist eins zu eins ein young thugga beat, aber dafür kriecht einem die journaille hierzulande wieder in den arsch. Shindy lässt grüßen

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