Interview mit Trettmann über „KitschKrieg 2“, Sachsen und Inspiration

Bild: awhodat

Trettmann konnte die Spielzeit 2016 bislang entscheidend mitbestimmen. Seine beiden „KitschKrieg“ EPs verbinden modernen Based-Sound mit sächsischem Autotune-Gesang. Wir haben mit dem Leipziger über die beiden EPs, sein Heimatbundesland Sachsen, Inspiration und vieles mehr gesprochen.

Wie kamst du eigentlich als junger Mensch in Leipzig dazu, Dancehall und Reggae zu machen?

Ich bin in den 80er Jahren schon, durch die Schallplattensammlung meiner Mutter, mit Musik in Berührung gekommen. Da waren zum Beispiel Aretha Franklin, Stevie Wonder, Kool and the Gang, Michael Jackson dabei. Dann kam ich 1984  zum Hiphop über Beatstreet, danach war Breakdance das Ding. Vordergründig ging es für mich damals ums Tanzen. Ein paar Jahre nach der Wende habe ich eine Rückzahlung vom Arbeitsamt bekommen. Das war damals noch verhältnismäßig viel Geld. Von dem Geld habe ich mir ein DJ-Equipment gekauft und was fürs Reisen zur Seite gelegt. Alle meine Freunde wollten nach New York um Sneaker und Schallplatten zu kaufen. Bei uns im Osten gab es ja überhaupt keinen Hiphop, außer die Electric Beat Crew. Da gab es eben keine Hiphop oder R’n’B-Platten, deswegen ging es nach der Wende eh alle paar Wochen nach Berlin ins WOM (World of Music) oder zu irgendeinem Konzert von den Beastie Boys, BDP oder Public Enemy. Wir mussten das halt nachholen. Ich hatte jedoch keinen Bock auf New York, weil das so ein Winter war, wo sie den Schnee mit LKWs aus der Stadt fahren mussten. Und irgendwie lag auf meinem Tisch ein Prospekt, ich weiß bis heute nicht wer das dahin gelegt hat, mit der Aufschrift „Jamaika“ in pink oder rot. Dazu kam eine Frau aus türkis-grünem Wasser (lacht). Ich habe daraufhin den Entschluss gefasst, dorthin zu reisen. Ich bin mit einem Kumpel über Amsterdam nach Montego Bay geflogen. Dort hat man am ersten Abend gleich zwei Typen aus Brooklyn kennen gelernt, die mich auf ein Festival mitgenommen haben. Dort habe ich alle populären Künstler gesehen, wie Sugar Minott, Coco Tea oder Everton Blender. Das war der Hardcore-Kulturschock und von da an war alles andere nichtig. Das Poster hängt heute noch bei mir an der Wand.

Du warst schon früh in der deutschen Rapszene unterwegs und hast zum Beispiel bereits 2007 auf dem Splash! Festival gespielt. Wie hat sich die Wahrnehmung seitens des Rap-Publikums seit den „Kitschkrieg“ EPs verändert?

Das ist ja auch immer eine Frage dessen, wie bekannt du bist. Wie gesagt, ich komme aus dem HipHop. Breakdancing und Sprühen war alles schon vorher da. Es gibt ja auch Leute, die meinen, dass ich ein Trittbrettfahrer sei. Aber denen sage ich: „Fahrt euch meine alten Songs rein. ‚Vergesslich‚, ‚Tanz auf dem Vulkan‚ oder die ‚Zentralgestirn EP‚“. Das sind Trapbeats, als man es noch nicht so genannt hat. Das war zum Teil schon 2012. Ich hatte also immer HipHop-Songs am Start. Ich habe auch immer die bekanntesten R’n’B oder HipHop-Songs gecovert. Ansonsten ist das Feedback auf die EPs aber massiv positiv. Vor allem HipHop-Leute kommen und sagen mir, dass sie die Melodien mögen und dass man die Dancehall-Vergangenheit noch hören könne. Bei der Dancehall-Szene bin ich mir momentan noch nicht sicher, ob sie mitgeht. Aber um das zu ermitteln, ist das KitschKrieg-Ding auch noch etwas zu frisch.

Du arbeitest gerne und viel mit anderen Künstlern aus dem „Cloud Rap“-Kosmos. Die meisten von ihnen sind jünger als du. Macht sich das bei den Kollaborationen bemerkbar?

Überhaupt nicht.

Was kannst du von ihnen und sie von dir lernen?

Ich weiß natürlich nicht, wie die anderen das sehen, aber ich lerne auf jeden Fall auch von den jüngeren Künstlern. Weil dabei geht es ja oft nicht um Alter, sondern um Talent und Ansätze. Gerade im deutschen HipHop. Ich finde, das hat sich sehr positiv entwickelt.

Statt des jetzigen Sounds hättest du ja auch jede andere Musik machen können. Was hat dich dazu inspiriert, diesen „Kitschkrieg“-Sound zu fahren?

Für mich war der Sound aus Übersee schon immer ein Begleiter, egal ob Karibik oder Amerika. Ich habe Reggae wirklich 25 Jahre lang gepumpt, gespielt und gesungen und mir kam es irgendwann so vor, als ob ich alles schon dreimal gehört hätte. Ich hatte nicht wirklich das Gefühl, dass sich da etwas weiter entwickelt. Natürlich gibt es immer neue Entwicklungen, sei es die Geschwindigkeit oder die Instrumentierung, aber mein Hauptaugenmerk liegt immer auf den Lyrics. Und da hatte ich das Gefühl, dass sich im Dancehall nicht wirklich viel getan hat. Da bleibt es halt bei Girls, Guns und Ganja, den drei G’s (lacht). Währenddessen habe ich festgestellt, dass sich in Amerika viel in Sachen Melodien tut. Sei es ein Travis Scott, Post Malone oder Tory Lanez. Das erinnert mich an Reggae und Dancehall, weil es rough ist, die Themenvielfalt ist aber größer. Die Musik aus der UK kommt auch noch dazu, diese ganze Grime-Geschichte. In London ist es ja auch so, dass da alles in einander verschwimmt. Das finde ich schön.

Kannst du nochmal erklären, wer alles hinter dem Produzententeam Kitschkrieg steckt?

Das sind drei Berliner. Fizzle, Fiji Kris und Teka.

Wie kann man sich die Produktion der beiden EPs vorstellen? Produzierst du aktiv mit oder lässt du produzieren?

Ich lasse produzieren. Ich bekomme die Beats und schreibe darauf, gehe anschließend ins Studio, passe alles an und nehme auf.

Auf dem Track „Alles echt“ bringst du deine Abneigung gegen Nationalismus zum Ausdruck. In deinem Heimatbundesland sehen das leider einige Leute anders. Wie gehst du damit um?

Montags kreist immer der Hubschrauber über meinem Haus (lacht). Dann trifft sich die Legida, der Leipziger Ableger der Pegida. Mich hat das jetzt anderthalb Jahre wirklich schwer beschäftigt und es hat immens Vibes gezogen. Ich habe im letzten Jahr im Januar sogar einen Song dazu geschrieben, obwohl ich mich politisch eigentlich gern bedeckt halte. Aber wenn es sein muss, muss es halt sein. Und ja, das ist einfach unfassbar. Ich wusste, dass es so Leute gibt, irgendwo in ihren Enklaven im Ost-Erzgebirge oder im Leipziger Umland, aber ich hätte nie gedacht, dass die nochmal ein Sprachrohr bekommen. Und es ist auch eine Frage dessen, wie die Landesregierung, die Polizei und der Verfassungsschutz damit umgehen. Im Endeffekt kann man sagen, dass die nichts dagegen getan haben. Auch die NSU-Geschichte wäre nicht möglich gewesen, wenn man damals schon effektiver dagegen vorgegangen wäre. Während Links immer kriminalisiert, eingekesselt und verhaftet wurde, waren sie auf dem rechten Auge sprichwörtlich immer blind. Das Ergebnis davon sehen wir jetzt.

Nervt es dich persönlich, wie extrem Sachsen von den Medien als rechts dargestellt wird? Deine Heimatstadt Leipzig ist ja zum Beispiel eine sehr linke Stadt.

Leipzig ist da echt die Ausnahme. Wie der rote Fleck auf der schwarzen Karte. Zu den Medien muss ich sagen, dass ich mir das gar nicht mehr so reinfahre, weil es mich runterzieht. Ich nutze eher das Internet, um mich zu bilden und um zu schauen, was los war. Ich muss aber auch einfach sagen, dass ich nicht stolz darauf bin, Sachse zu sein. Ich wusste nicht einmal, wie die Landesflagge aussieht, bis mein Nachbar 1989 sein Haus damit beflaggt hat (lacht). Im Endeffekt scheiße ich da drauf. Ich finde aber, dass die Regionen, wo das alles still geduldet und toleriert wird, ruhig mit ordentlich Gegenwind konfrontiert werden sollen. Der Ruf ist eh versaut auf die nächsten 30 Jahre. Die sollen den Hass, den sie sähen, zurückbekommen.

„Bukanier“ ist in meinen Augen fast schon ein Battlerap-Song in einem anderen Gewand. Ist das bewusst so gemacht?

Ich finde es grundsätzlich cool zu abstrahieren und fand es einfach schön, den Song in dieses Bukanier-Ding zu kleiden. Ich hatte aber kein Konzept und habe den Song einfach geschrieben. Die Ansagen in dem Song beziehen sich auch nicht auf andere Künstler, sondern im Grunde genommen auf alles, was auf mich zugekommen ist, in Sachen Zuhörerschaft, Medien etc. Es geht ja auch um die Leute, die an uns zweifeln oder mir Kopie vorwerfen. Also ist es eher eine Abrechnung mit all dem. Der Song ist frei interpretierbar, aber man kann ihn durchaus als Battlerap deuten.

Auf dem „Skyline“-Remix vereinst du mit Ufo361 und Samy Deluxe zwei Deutschrap Generation. Wieso hast du gerade die beiden ausgewählt?

Zu Samy hatte ich eh schon einen Link, weil er mal ein Dubplate für meinen Soundclash gegen OK Kid auf dem Splash! Festival gesungen hat. Als die Idee im Team aufkam, dass wir einen Remix machen könnten, habe ich als erstes Samy gefragt. Er fand es geil, hat zugesagt und innerhalb von Tagen geliefert. Ufo hat mich einfach angeschrieben und mir gesagt, dass er „Skyline“ feiert. Er war dann auf Anfrage auch sofort dabei. Und was gibt es Schöneres, als zwei Generationen zu einen. Ich finde beide Parts richtig krass und feier die Perspektiven. Ich hab wieder hart abstrahiert, Ufo kommt mit seinem Struggle mit der Welt und Samy deutet es gesellschaftskritisch und spricht Tacheless.

Kannst du nochmal erklären, was es mit Song „Raver“ auf sich hat und woher deine Abneigung gegen einen bestimmten Typus Raver kommt?

Der Track ist keine harte Ansage, es ist schon alles mit einem schmunzeln formuliert. Aber ja, der Track hat einen Hintergrund. Mir war „Rave“ schon immer bekannt aus Jamaika und von britischem Acid-Jazz. Der Begriff wurde dann, meinem Empfinden nach, von Techno vereinnahmt. Ich hab dann im Internet gegraben, wo der Begriff herkommt. Da bin ich auf Mick Mulligan gestoßen, ein Jazz-Trompetist in den 40er, 50er Jahren. Der hat ein Album gemacht, das „Raver’s“ heißt, in Verbindung mit Partys in Soho und East-London, wo eben die Leute dann erst um sieben oder acht Uhr morgens aus dem Club gekommen sind. Das hat diesen Begriff geprägt. Im Endeffekt ist ein Rave aber auch nichts anderes als Turn Up oder feiern zu gehen mit der Konsequenz, die Nacht durchzumachen.

Du sagtest: „Musik hat für mich immer ausgemacht, dass sie sich stetig weiter entwickelt“. Weißt du schon, wo es für dich in Zukunft musikalisch hingeht?

Es gibt natürlich auch Leute, die ewig bei ihrem Style bleiben und einfach schöne Musik machen. Das ist alles cool. Ich kann auch heute noch Sound aus den 60ern oder alten Reggae hören. Trotzdem brauche ich irgendwann neuen Stoff. Ich mag den Moment, wo ich gebannt bin, etwas Neues höre und überrascht werde. Das ist das, was ich immer schon am schönsten fand. Wenn ich weggehe, will ich nicht schon ahnen können, was der DJ spielt, sondern überrascht werden. Dank meinem innovativen Team, werde ich mit Sachen versorgt, die mich voll zufrieden stellen. Natürlich wäre es aber geil zu originaten, also quasi etwas komplett Neues zu erfinden. Ob uns das gelingt, weiß ich nicht. Momentan bin ich sehr zufrieden mit dem Sound, den wir gefunden haben.

Wie interpretierst du den Begriff „KitschKrieg“? Meiner Meinung nach steckt da ein wunderbarer Kontrast drin.

Ich habe letztens erst mitbekommen, dass die Juice den Begriff „Kitschkrieg“ für einen anderen Künstler verwendet hat. Heute habe ich den auch wieder irgendwo gelesen (lacht). Den Begriff selbst habe ich nicht erfunden, ich glaube das war das Producerteam, was darauf gekommen ist. Ich empfinde es so, dass melodische Musik und auch die Sachen die ich singe, oft einen gewissen Kitsch-Moment haben. Davor scheue ich mich auch nicht, ich finde das cool. Und was das „Krieg“ angeht: Man befindet sich ja in einer stätigen Auseinandersetzung mit den Kritikern oder Teilen der Gesellschaft. Insofern vereint es das ganz gut.

Ist die „Kitschkrieg“-Reihe als Trilogie angedacht, oder belässt du es bei den zwei Teilen?

Es geht auf jeden Fall weiter (grinst).

Unsere Review zur „KitschKrieg 2“ EP findest Du hier.

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