form – Blitzableiter – rap.de Exclusive

form alias prim hat nicht nur einen ungewöhnlichen, nicht leicht zu entschlüsselnden Namen. Er macht auch ziemlich eigensinnigen, nicht leicht zu entschlüsselnden Rap. Aber leicht zu entschlüsseln ist ja auch nicht unbedingt gleichbedeutend mit interessant – eher ganz im Gegenteil. Soeben ist auf der Internetplattform Bandcamp forms Remix-EP" format C:" erschienen. Auch außerhalb seiner Musik hat form eine Menge zu sagen, wie das kurze (!) Interview mit ihm beweist. Dazu beglückt er uns und euch mit dem rap.de-Exclusive "Blitzableiter"
rap.de: Seit wann bist du aktiv? form: Ich habe 2000 angefangen, ganz allein in der schwäbischen Metropole Cottenweiler. What you rep, don? Vorbilder im Sinne der Nacheiferung hatte ich keine, ich war nur sehr großer Rapfan, der alles gehört hat, was eigenständig und cool war. Ich weiß noch den exakten Moment, es lief Dabru Tack auf der zweiten Juice-CD, da überkam es mich wie eine warme Natursektdusche: So, jetzt reicht’s, jetzt mach ich das auch mal. Mir ist kürzlich aufgefallen, dass meine Rapauffassung auch stark vom Konsum von Computerspielmagazinen geprägt wurde. Innovation und Ergonomie wurden da immer wieder eingefordert, außerdem beklagten sich auch die Rapper ständig darüber, dass früher alles besser war und niemand was Neues machen würde. Also entwickelte ich, der auch zu Beginn nie was mit anderen HipHoppern zu tun hatte, die waren alle dumm bzw. gar nicht vorhanden auf dem Dorf, mein Verständnis von Rap, das auf mir selbst basierte, nicht auf dem Verständnis irgendwelcher Homies. rap.de: Gelegentlich hört man einen gewissen Anklang an Kinderzimmer Productions bei dir heraus. form prim: Keine Ahnung, dieser Vergleich kommt immer wieder, ich weiß nicht genau warum. Ich mag die sehr, ich habe alle Alben bis auf "Die Erste", die wurde mir kürzlich geklaut (verrotte in der Hölle, du Arschloch!), aber ich check nicht, was die Leute meinen. Meine Beats sind komplett anders, mein Flow und der Inhalt ebenfalls. Außerdem wurde mir schon Ähnlichkeit zu Sentence attestiert (lacht). Und Curse! Und Fler. Weshalb nur? rap.de: Vielleicht liegt es ja an deinem leichten schwäbischen Akzent? form: Ich rappe auch immer wieder auf Schwäbisch. Ich habe ihn mir im Lauf der Jahre ein wenig abtrainiert, weil ja dieses dumme Deutschland auf Grund der hässlichen Stadt-Land-Hierarchie nur Akzente akzeptiert, die aus für deutsche Verhältnisse so richtig großen Städten zu kommen scheinen. Auch wenn das vermeintliche Berlinerisch z.B. eben ein märkischer Dialekt ist, der genauso vom Land kommt. Ich habe nur keine Lust, jedes Mal erst mal jemanden zu schlagen, der meint, mich nachäffen zu dürfen. Eigentlich hätte ich es ja gern, dass alle so reden, wie sie eben reden, weil es dann doch wichtiger ist. WAS man zu sagen hat statt wie das dann gesagt wird. Spricht nicht unbedingt für eine untertanenfreie Kultur, wie das hier gehandhabt wird. Ich liebe alle Dialekte insgesamt und jeden einzelnen dann nochmal extra. Sprache ist Heimat und mit Heimat ganz prinzipiell, im Sinne einer weltoffenen emotionalen Bindung an Orte, habe ich kein Problem. 80% meiner Familie sind Franzosen, das wunderschöne Kaff "Fresse" in den Vogesen ist für mich genauso Heimat. Aber das führt jetzt schon sehr weit, haha. rap.de: Du bezeichnest dich selbst als Gutmensch. Was genau verstehst du darunter? form: Yeah, Lieblingsthema! Ein Gutmensch ist jemand, der/die Probleme mit Arschlöchern nicht nur hat, sondern diese auch noch ausdrückt und etwas dagegen tut. Nicht immer nur alles hinnehmen, was an Dummheit so vorhanden ist. Das Wort "Gutmensch" ist eine Beleidigung für Leute, die z.B. Atomkraftwerke nicht so schlau finden und obendrein noch etwas gegen Rassismus haben. Geilo, dann bin ich halt ein Gutmensch, du Vollidiot. Wenn wir schon so weit sind, dass die Zusammenführung von "gut" und "Mensch" als Beleidigung benutzt wird, dann gute Nacht. Weil wir hier bei rap.de sind: Wie viele Rapper meinen, ihren Judenhass, ihre hässliche Homophobie oder ihre sonstige gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit einfach so rausplärren zu dürfen? Auf jeden Fall zu viele. Kool Savas rappt: "Ich fick dich perverser als ein gleichgeschlechtliches Pärchen", hängt cool mit G-Hot ab, der obendrein auch noch Lehrer werden darf, verteidigt ihn sogar usw.. Ekelhaft. Oder Olli Banjo, dessen Rap ich ja auch oft feiern kann. Aber außerhalb von Tracks Judensprüche bringen, auf Tracks dann eindeutig ein Problem mit Homosexuellen zu haben usw.? Geht’s noch? Gerade er ist jemand, der viel von Freiheit und sowas redet, checkt er denn nicht, dass mit seiner Argumentation Leute in Deutschland verprügelt, in anderen Ländern sogar ermordet werden? Einfach nur, weil sie jemanden lieben. Wo ist da die Freiheit bitte? Die Gutmenschlichkeit wird hauptsächlich bei FICKO, dem Magazin für gute Sachen und gegen schlechte, zelebriert, auch wenn da in den letzten Monaten auf Grund technischer Probleme und Zeitfehlung nicht viel ging. Aber wir haben z.B. im April bei unserer Kirchenaustrittsorganisation viel Rabatz gemacht. Ich wurde von Al Jazeera interviewt, geiler Scheiß. Oder als Sarrazin in Mainz war, haben wir die größte Demo hinbekommen, die es gegen ihn bisher gegeben hat. Ihr hattet das ja auch als News. rap.de: Dein Style ist eigensinnig. Wie positionierst du dich innerhalb der HipHop-Szene? Gefällt dir die momentane Entwicklung? form: Ich positioniere mich unter Gleichgesinnten. Leute, die HipHop lieben. Die kochen können, gute Beats machen, nicht nur Scheiße rappen und auch abseits der Bühne keine Soziopathen sind. Wer nicht den Anspruch hat, einen eigensinnigen Style zu vertreten, hat meiner Ansicht nach kein Recht darauf, ernst genommen zu werden. Das ist zwar in den Interviews irgendwie immer Konsens, de facto wimmelt es aber doch noch überall von Gartennazis. Leute, die HipHop wirklich ganz doll lieb haben, haben viel zu oft eine hässliche Engstirnigkeit, z.B. was die Beats angeht. Dumm sind sie zu oft obendrein. Und die Leute, die auch mal Beats abseits von ´94-NY-Bummtschakk feiern können, haben mir zu oft keine Liebe für HipHop. Naja, ganz so schlimm ist es nicht, aber die Tendenz seit dem Huss&Hodn-etc.-Revival, plötzlich nur noch "whack" sagen zu wollen auf einem knisternden Beat und sich dafür schon feiern zu lassen, ist halt auch nicht das Wahre. Von den schlechten Synthiebeats der anderen Heiopais ganz zu schweigen. Macht doch mal mehr gute Synthiebeats, das geht. rap.de: Was willst du mit deiner Musik erreichen? form: Ich will unsterblich werden und ich will, dass meine Enkel mit mir angeben. Außerdem ein Feature mit Chilly Gonzales, Helge Schneider, Maïa Vidal und Serj Tankian. Und wen? Alle Nestbeschmutzer, Gutmenschen und Gsichtsgedullahs. Menschen mit Humor, Liebe und Haltung. Die wissen, wann es angebracht ist, zu singen, zu tanzen oder zuzuschlagen. rap.de: Wie wichtig ist Rap in deinem Leben? Könntest du auch damit aufhören oder ist das ausgeschlossen? form: Immer wenn es allzu frustrierend wird, denkt man schon ans Aufhören. Aber da ich mit Koljah z.B. die Crew Rechthabaz nicht zu Unrecht habe, geht das halt doch nicht. Außerdem kommen noch so viele viele viele Lieder mit Illoyal, Tufu, Bassdeaph und vielen anderen, ich kann nicht aufhören. Kennt ihr das beim Essen: Man macht sich zu viel Füllung auf den Teller, muss dann noch Nudeln nachgeben, bis man merkt, dass man zu viel hat und noch mehr Füllung braucht usw.. So ist es mit Rap auch. Ich habe noch nie Geld damit verdient und die schlimmsten Demütigungen über mich ergehen lassen, wie könnte ich da jetzt aufhören? Zumal ich nun mit Duzz Down San immerhin ein Label habe, das auch schon was bringt. Rap ist sehr wichtig, auch wenn ich gern singe und das mit der "Musik für Menschen"-Sache auch erfolgreich tue. rap.de: Die Frage nach Namen ist meistens albern, aber: Was zur Hölle bedeutet form bzw. form prim? form: Ganz am Anfang hieß ich "form prim", als sich Jasauf, die Hauptfigur aus "Jasauf und seine Freunde" am elften September in "form prim" verwandelte. Lange Geschichte, seeehr lange Geschichte :D, die ich vor zehn Jahren schrieb. Zum einen hat der Name ästhetische Gründe. form prim, zuerst geht es mit dem "f" hoch, dann mit dem "p" nach unten, grafisch gesehen. Dann versprühen vier Buchstaben klein geschrieben eine alles zerfickende, symmetrische Harmonie, in meinem Empfinden, jedenfalls mit den die Linie verlassenden Ausreißern, -orm und -rim bleiben ja flach. Und inhaltlich beschäftige ich mich gern mit der Form der Darbietung. Wie sagt jemand etwas aus, welche Möglichkeiten werden genutzt, worauf achtet man etc.? Inwiefern ist der Inhalt einer Aussage die Form schon selbst, kann man das trennen? Die Form ist ja das Erste, was einem bei was auch immer ins Auge, Ohr etc. fällt. "prim" kommt von meiner Überzeugung, dass alle Menschen zumindest das Potenzial dazu haben, eine unvergleichliche, unberechenbare, einzigartige Persönlichkeit zu werden. Mich haben Primzahlen immer fasziniert und ich hätte gerne, dass alle Primzahlen werden, nur durch sich selbst und 1 teilbar und sehr freistehend in Q. Künstlerisch ist die Trennung jetzt so, dass form die lautstarke Megafonatombombe ist, extrovertiert und wahnhaft aufgedreht, prim jedoch leidet, trauert und weint. Bei den Stücken von prim gibt es halt in der Regel keinen Humor, nur sehr bitteren. form schreit rum, prim sinkt in sich zusammen. Ich hätte gerne alles unter form prim veröffentlicht, zusammen ergibt der Name ja auch Sinn und ist symmetrisch, aber es ist ja offensichtlich jetzt schon schwer fürs Publikum, mitzukommen.

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