Die mediale Ausschlachtung des „Rapper-Kriegs“ in Köln

Der vermeintliche "Rapper-Krieg" kommt einigen Boulevard-Medien offenbar gerade recht. Schließlich ist noch Sommerloch. Aber auch HipHop-Medien springen auf den Zug auf und übernahmen unkritisch und ungeprüft Informationen von "Bild" und Konsorten. Ein Kommentar zur medialen Ausschlachtung einer Fehde, die mit HipHop längst nichts mehr zu tun hat.

Stell dir vor, es ist Beef, und jedes Klatschblatt berichtet. Der „Express“ hat bereits 16 Artikel über den sogenannten „Rapper-Krieg“ veröffentlicht. Einigen Boulevard-Medien kamen die Vorfälle am Rudolfplatz offenbar sehr gelegen, schließlich ist gerade Sommerloch. So wird aus dem Fund von Patronenhülsen eine Schießerei, aus den Hauptverdächtigten werden „Rapper-Brüder“, obwohl keiner von beiden rappt. Anscheinend erschien die Alliteration „Brutalo-Brüder“ nicht mehr als dramatisch genug, um über die beiden Verdächtigten zu schreiben.

Überprüfbare Fakten gibt es kaum, dafür jede Menge wilde Spekulationen und Vermutungen, die eines gemeinsam haben: Sie versuchen, aus dem ganzen einen „Rapper-Krieg“ herbeizureden. Bekannt ist eigentlich nur, dass zwei Männer aus Xatars Bekanntenkreis verdächtigt werden, einem Mann aus KC Rebells Bekanntenkreis schwere Verletzungen zugefügt zu haben. Dass einer der beiden Rapper überhaupt etwas damit zu tun hat, ist eine reine Vermutung. Aber: Unschuldig bis zum Beweis des Gegenteils? Nicht, wenn man so tolle Geschichten zusammenreimen kann.

Und dafür scheint fast jedes Mittel recht. So beruft man sich zudem auf vermeintliche Insider aus dem Umfeld der Shisha-Bar („Xatar wirkte auf jeden Fall angespannt und nicht so locker und cool wie sonst“) oder berichtete über einen Facebook-Post, den das Opfer aus dem Krankenbett veröffentlicht haben soll. Selbst Aussagen von Jan Böhmermann, die dieser im hiphop.de-Interview mit Rooz getätigt hat, werden als Kommentar über dessen Verhältnis zu Xatar gedeutet. (Die Headline dazu lautete: „Rapperkrieg in Köln: So mischt sich Jan Böhmermann ein“). Dass dessen Äußerungen überhaupt nicht auf bestimmte Rapper bezogen waren, sondern lediglich auf eine Aussage von Rooz, dass Jan sich mit Rappern gut verstehe, wird nicht beim Lesen des Artikels, sondern erst beim Anschauen des Videos deutlich. Egal, „Rapper-Krieg“ UND „Jan Böhmermann“ in EINER Überschrift? Darauf ein Kölsch!

Schuldig bei Verdacht

Als sei das noch nicht genug, spekuliert das DuMont-Blatt zwischenzeitlich sogar darüber, dass Enissa Amani der Grund für die Fehde sein könnte. Grundlage für diese äußerst vage Vermutung ist eine Textzeile aus KC Rebells Track „Dizz da“, auf dem dieser Xatar indirekt unterstellt, eine Affäre mit Amani zu haben. Hier wird die mangelnde Fachkenntnis der „Express“-Redaktion in Bezug auf HipHop besonders deutlich. Schließlich ist es nicht ungewöhnlich, dass in Disstracks Behauptungen aufgestellt werden, die nichts mit der Realität zu tun haben müssen (Könnt ihr Separate fragen).

In einem pseudobiografischen Artikel heißt es zudem: „Unglaublich: Selam Ali soll früher sogar für mehr Frieden in dem Stadtteil gesorgt und sich um andere gekümmert haben.“ Was für den „Express“-Redakteur unglaublich ist, sollte für einen Menschen, der nicht nur in Schubladen denkt, allerdings keine große Überraschung sein – Menschen ändern sich, haben auch verschiedene Facetten. Jemand, der heute in eine Schießerei verwickelt ist, kann gestern noch etwas Gutes getan haben.

Das ist nicht unglaublich, sondern zeigt, dass auch die Menschen, die solche Gewalttaten verüben, keine Monster sind, sondern Menschen wie du und ich, mit dem Unterschied, dass sie unter anderen Umständen aufgewachsen sind und andere Entscheidungen getroffen haben. Damit möchte ich ihre Taten keinesfalls relativieren oder gar rechtfertigen. Doch die Berichterstattung von „Bild“, „Express“ & Co. stellt diese Menschen als eindimensionale Comicfiguren zur Unterhaltung eines gelangweilten Publikums an den medialen Pranger, statt beispielsweise ihre Beweggründe oder die eigentlichen Motive der Gewalt zu hinterfragen.

Klischees statt Fakten

In dem Artikel lässt der Express dann auch „Kölns bekanntesten Streetworker“ Franco Clemens zu Wort kommen. Sein Fazit fällt sehr alarmistisch aus: „Den Rappern geht es um die Ehre. Da leben die außerhalb unserer Rechtsnormen. Das klären die untereinander. Ich bin mir sicher, dass dieser Krieg gerade erst begonnen hat“. Mal ganz abgesehen davon, dass überhaupt keine Beweise vorliegen, dass Rapper in irgendeiner Weise direkt oder indirekt an den Vorfällen beteiligt waren: Angesichts der aktuellen Ereignisse in Aleppo ist es ausgesprochen zynisch, von „Krieg“ zu sprechen. Auch die Phrase von den „Parallelgesellschaften“, die außerhalb unserer Rechtsnormen leben, passt ins Bild: Warum nur spricht man nie im Zusammenhang mit gewaltbereiten Hooligans oder Neonazis davon? Bei einem Rapper reichen dagegen schon vage Unterstellungen aus, um ihn zu einem echten Outlaw zu machen.

Ja, Straßenrapper reden in ihren Texten oft von Hausbesuchen, beleidigen Kollegen, die zur Polizei gehen, als „Snitches“ und „31er“. Aber man darf nicht vergessen, dass es auch bei all der vermeintlichen Authentizität immer noch einen Unterschied zwischen dem Privatmensch und der Kunstfigur gibt. Die allermeisten Rapper leben keineswegs „außerhalb unserer Rechtsnormen“. Selbst ein Bushido lässt es seinen Anwalt regeln, wenn jemand sein Album in einer Tauschbörse hochlädt, und schickt nicht den Abou-Chaker-Clan.

An die eigene Nase fassen

Allerdings reicht es nicht, nur die katastrophale Berichterstattung gewisser Boulevard-Medien zu kritisieren. Natürlich würde der Express nicht so reißerisch über diesen Vorfall berichten, wenn es nicht genau das wäre, was seine Leser wollen. Und auch die HipHop-Szene muss sich hinterfragen. Wie kann es sein, dass fast 40.000 User einen Beitrag von KC Rebell liken, auf dem dieser unter Bezugnahme auf den Angriff Payback ankündigt? Sind die Rap-Fans hierzulande wirklich so beschränkt, dass sie nicht realisieren, dass das kein gewöhnlicher Beef unter Rappern mehr ist, bei dem man sich für eine Seite entscheidet und mitfiebert, als handele es sich tatsächlich um einen olympischen Wettstreit?

Nicht zuletzt opfern auch diverse HipHop-Medien für die Klicks jegliche Bedenken, machen aus jedem Tweet eine Headline und übernehmen unkritisch sämtliche Behauptungen von Boulevard-Medien. So wurde die Information, dass nach Xatar „international gefahndet“ wurde, auch von mehreren HipHop-Seiten übernommen und weiterverbreitet. Dabei ist die „Bild“ dafür die einzige Quelle. Weder Staatsanwaltschaft noch Polizei bestätigen die Behauptung, die das Boulevard-Blatt aus „Justizkreisen“ erfahren haben will. Inzwischen hat sie der Oberstaatsanwalt sogar direkt dementiert, wie der „Express“ in einem Nebensatz verlauten lässt.

Deshalb kann man nur an Medien, Fans und alle anderen appellieren: Es gibt viele Gründe, warum sich Menschen gegenseitig die Köpfe einschlagen. Rap ist nach bisherigem Kenntnisstand keiner davon, und so sollte es auch bitte bleiben.

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