Skinnys Abrechnung #32: Deutschrap ist erfolgreicher denn je, aber immer noch ein Knecht

Ich lehne mich wohl nicht allzu weit aus dem Fenster, wenn ich sage, dass deutscher Rap sich zu einem der erfolgreichsten Musikgenres hierzulande gemausert hat. Wenn überhaupt, hat an der Spitze nur noch der gute alte Schlager ein Wörtchen mitzureden. Die Vertriebswege mögen zwar andere sein, nicht umsonst hat der Bundesverband Musikindustrie die Wertigkeit von Streams für die Vergabe von Auszeichnungen nach oben hin angepasst, nicht zuletzt wohl eben auch ob der überwältigenden Streamingzahlen, die deutsche Rapper erzielen. Wir können aber wohl festhalten: Kaum ein Genre ist aktuell präsenter als Rap.

Ja, wir haben es geschafft. Wir sind keine Nischenkultur mehr; keine kleine Gemeinde, die von außen belächelt wird. Aber vielleicht sind wir jetzt eine große Gemeinde, die von außen belächelt wird. Zumindest scheinen die Größenordnung und der kommerzielle Erfolg unseres Genres nichts an den Symptomen zu ändern, an denen Rapmusik seit jeher krankt. Aber warum um den heißen Brei reden? Es geht um Folgendes:

Ja, an diesem Video passt mir vieles nicht in den Kram. Ich will aber jetzt gar nicht großartig auf Olexesh herumhacken. Rumgehackt wird später noch, erstmal drängen sich mir aber einige Fragen auf. Besonders die Frage nach dem Warum. Olexesh konnte jüngst wahnsinnige Erfolge feiern. Sein Album „Rolexesh“ und die Single „Magisch“ besetzten zeitgleich die Spitze der Album- und der Singlecharts. „Magisch“ heimste alsbald die goldene Schallplatte ein und ist noch immer nicht aus der Tabelle verschwunden. Kurz gesagt: OL rasiert gerade komplett. Dass mir „Magisch“ persönlich nicht gefällt – drauf geschissen. Dass mir „Wir 2 immer 1“ mit Schlagersängerin Vanessa Mai nicht gefällt, ist auch egal. Der Song ist ohnehin für ihr Album bestimmt und findet sich auf keiner Olex-Platte wieder.

Die Zeiten, in denen für Rapfans wegen „L.O.V.E.“ die Welt zusammenbricht, sind glücklicherweise längst vorbei. Wenn Rap ohne weiteres Millionensummen einspielt, gehören einstmals geflügelte Begriffe wie „Sellout“ nie wieder aus der Mottenkiste gekramt. Dass es Rap (zumindest aus geschäftlicher Sicht) besser denn je geht, ist schön. Dass man mittlerweile weitgehend ungestraft Songs wie „Wir 2 immer 1“ machen kann, ist zumindest nicht weiter tragisch. Zumindest, sofern anständiger Rap dabei nicht zu kurz kommt. Tut er in Olexeshs Fall nicht, wie die letzten Gastspiele bei Massiv und Blokkmonsta eindrucksvoll bewiesen.

Also alles schön und gut, aber zurück zur Frage: Warum dieser Auftritt? Starnacht am Wörthersee? Das hat er doch nicht nötig. Diese respektlose Behandlung über sich ergehen zu lassen hat er nicht nötig. Diesen unmotivierten Playback zu performen hat er nicht nötig.

Eine potentielle Zielgruppe erschließt Olexesh sich so sicher nicht, das ist auch ihm bewusst. Vermutlich war der Gig lediglich eine Gefälligkeit für Vanessa, in deren Metier sich das Ganze schließlich abspielt. Dass aber ein Live-Monster wie Olexesh mit einem billigen full Playback abgespeist wird und in stylishem Insel- & Nixen-Print (Ich muss mich auch mal trauen, sowas zu rocken) zu den Klängen des gemeinsamen Songs gequält vor LEDs herumzappelt, ohne wirklich etwas mit sich anzufangen zu wissen, tut irgendwie weh zu sehen. Die Bühne gehört eindeutig den luftig bekleideten Tänzerinnen (Was soll das BMX auf der Bühne? Hipedihop ausstrahlen?) und der Lightshow.

Viel schlimmer ist aber, wem die Bühne vorher gehörte. Eine ausgebrannt wirkende Barbara Schöneberger und der mir bis dato unbekannte Österreicher Alfons Haider moderieren den heiteren Schlagerspaß. Wenn da einer von diesen Räppers sein erscheinen ankündigt, gehört das natürlich auch passend und fürs bejahrte Mitklatsch-Publikum mundgerecht anmoderiert. Nach ein bisschen albern inszeniertem Gezanke wird das Instagram-Video gezeigt, über das die Feature-Anfrage formuliert wurde. Dass Olexesh sich in diesem völlig normal artikuliert und im Gegensatz zum österreichischen Haider sauberes Hochdeutsch spricht, scheint im darauffolgenden niemanden zu interessieren.

Die Hände der beiden Moderatoren verknoten sich unbeholfen zur Spider-Man-Handhaltung, die wohl eine Art Gangsign darstellen soll. Die Stimmen verfinstern sich. CH-Laute werden plötzlich genüsslich als SCH ausgesprochen. Die Mienen verkommen zur bemüht grimmigen Gesichtskirmes. Mit den Worten „Schau an ey – checkitout!“ kündigen die noch immer wild herumfuchtelnden Hosts Vanessas Antwort-Video an. Selten habe ich etwas peinlicheres gesehen.

Nochmal zur Einordnung: Es ist 2018! Rap ist wahnsinnig präsent, selbst Rentenkandidaten wie Schöneberger und Haider sollten das mitbekommen haben. Die arbeiten in der Medienbranche, gottverdammt! Entweder, der Elfenbeinturm, in dem die beiden sich einmauern, ist viele Meilen hoch, oder – noch schlimmer – der Musik-Exot soll vor dem szenefremden Publikum mal ein bisschen vorgeführt werden. Während er offen und vorbehaltlos dazu bereit ist, trotz seiner Reputation und einer nicht unwesentlichen Fallhöhe in den Augen der Rapfans, auf einer biederen Schlagerveranstaltung aufzutreten, wird er von den unverschämten Moderatoren mit grobmotorischem Herumgehample und Isch-Witzen anmoderiert. Während Vanessa Mai wenige Sekunden danach in ihrer eingeblendeten Antwort proklamiert, mit „diesem Scheiß-Schubladendenken“ aufräumen zu wollen.

Das hätte Olexesh sich nicht gefallen lassen müssen. Ob er die Anmoderation aus dem Backstage heraus überhaupt gehört hat, weiß ich natürlich nicht. Seine Kumpanin Vanessa vor ihrem Publikum mit einem Ausraster zu blamieren, wäre auch nicht gerade galant gewesen. Aber wow. Dieses Video ist ein einziger Krampf.

Auch als derart großes, wichtiges und prägendes Genre muss Rap sich immer noch mit einem derartigen Affentheater herumschlagen. Wenn es um geschmacklose Punchlines geht, dann ist plötzlich jeder Frühstücksfernsehen-Moderator und Boulevard-Schmierfink ein selbsternannter Rapexperte und weiß alles ganz genau einzuordnen. Aber einen Rapper, der sich ganz normal artikuliert und höchstprofessionell auf eurer Schlagerveranstaltung performt, normal anzumoderieren – das ist dann wieder ein Ding der Unmöglichkeit.

Ach ja, hier ein bisschen Soulfood zum Runterkommen: