Geeno – Nur ein Traum (rap.de Exclusive)

Das Urban Dictionary versteht unter "Geeno" ein, so wörtlich, schreckliches Arschloch, einen bösartigen, gemeinen Bastard. Na, mit Geeno aus Mainz hat das wohl eher nichts zu tun. Seit 2004 ist der Junge aus Mainz bereits am Mic aktiv. Wenig später lernte er Seperate kennen und trieb sich im Umfeld dessen Labels Buchkwheats herum, bis es noch vor dem Release seines Mixtapes "Stadtkind" zur Trennung kam. Eine Zeitlang war es still um Geeno, erst 2007 drängte er sich mit dem Free-Album "Straßenhighsociety" wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zurück. Kürzlich hat er seine neue EP "Evidenz" zum Download auf seiner Seite bereitsgestellt, für rap.de nahm er den Exklusivtrack "Nur ein Traum" auf.
rap.de: Du hast dir deine ersten Sporen in Seperates Umfeld, bei Buckwheats, verdient.
Geeno: Ich würde sagen, meine ersten Sporen habe ich mir schon vorher verdient. Weißt du, ich komm noch aus der JUZ-Jam Zeit, war auf hunderten Freestylebattles, in verschiedenen Crews und so weiter. Nachdem sich dann meine letzte Crew Flashnbrand aufgelöst hatte, übrigens geadelt mit einem "JUICE Demo des Monats“, begab ich mich auf Solopfade, machte ein paar Songs, drehte ein Video, woraufhin Seppo auf mich aufmerksam wurde. Klar kannte man sich vorher, aber auch nur flüchtig und ich glaube, wir sahen uns damals noch als Konkurrenten, wie das nun mal so ist.
rap.de: Später folgte die Trennung. Was lief damals denn schief?
Geeno: Erstens waren Seppo und ich schon befreundet, bevor es Buckwheats gab. Wir waren sehr enge Freunde, ich war sogar dabei, als die Idee geboren und der Name gefunden wurde, die ganze Anfangszeit von Buckwheats. Zweitens war ich nie ein Buckwheats-Künstler, ich hatte zwar einen Bandübernahmevertrag für ein Mixtape in der Schublade liegen, aber das wollten wir erst regeln, sobald ich und auch mein Projekt so weit waren. Ich gehe immer noch davon aus, dass das Release bei Buckwheats erschienen wäre, ich war ja auch auf allen anderen Releases drauf. Also, wie gesagt, Seppo und ich waren sehr, sehr enge Freunde, und die Gründe unseres Auseinandergehens liegen in erster Linie in privaten Differenzen, die ich nicht öffentlich machen will. Wir hatten Stress und konnten das nicht so regeln, dass es weiter geht, weder privat noch geschäftlich. Ich war ja schon weg, bevor Buckwheats dicht gemacht wurde, ich kann mir vorstellen, dass es mit den anderen Künstlern, mit denen er sich damals überworfen hatte, mehr um Bizness ging oder um künstlerische Differenzen. Bei uns hat's einfach geknallt und danach war auch nicht mehr viel Luft zum reden.
rap.de: Danach sollst du sogar zeitweise obdachlos gewesen sein. Was war denn da los?
Geeno: Naja, "Obdachlos“ ist so 'ne Sache. Das ist in meiner Biografie ein wenig dramatisch geschrieben worden. Selbst meine Mutter hat mich letztens drauf angesprochen, von wegen, "Wie obdachlos!? Was denken die Leute denn, als ob du keine Familie hättest, wo du hin hättest gehen können….“ Die Wahrheit ist, damals kam alles auf einmal, der Bruch mit Seppo, wo ich dann auch nicht mehr genau wusste, wer ist jetzt Freund und wer ist Feind, ausser bei ein paar Ausnahmen. Und ich konnte nicht mehr in meine eigene Wohnung, wurde rausgeschmissen, wurde nach meiner Ausbildung überraschenderweise nicht übernommen. Also, die haben mich gelinkt, muss ich hier nochmal sagen. Naja, und ich hatte einfach auch diesen falschen Stolz, wollte bei niemandem schnorren oder ähnliches. Und natürlich fiel es mir extrem schwer zu meiner Mum zu gehen und ihr alles zu erzählen, "Du, ich hab versucht auf eigenen Beinen zu stehen, es hat nicht geklappt, hab alles versaut und 'n paar Tausend Euro Schulden an der Backe, da bin ich wieder!“. Das konnte ich nicht und so habe ich schon einige Nächte auf der Strasse verbracht, vielleicht 'ne Woche. Im Winter. Ich sag ja auch auf meiner aktuellen EP "Evidenz“: "Draußen geschlafen im Winter gefroren, das Leben ist hier, nicht in Internetforen
rap.de: Wie hast du dich wieder berappelt?
Geeno: Es gibt da so ein Zitat: Krise kann ein produktiver Zustand sein. Man muß ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen. Und nach dem Motto lebe ich eigentlich auch, wenn es eng wird, bin ich erst mal sehr down und aufgewühlt, aber kurz darauf kann ich halt auf Grund des Drucks wieder Unmenschliches vollbringen. Das war auch nicht die erste und auch nicht die letzte Krise in meinem Leben. Es war trotzdem nicht so easy. Auf der einen Seite 'nen Job finden, dann halt einfach auch diese Einsicht, dass man es irgendwie verkackt hat plus halt Stress mit 'nem guten Freund und die Inkasso-Vögel im Nacken. Es fiel mir dann auch relativ schwer zu der Zeit, Texte zu schreiben oder mich mit der Musik zu beschäftigen. Ich hatte ja auch erst mal wieder niemanden und wenn, wie gesagt, wusst ich nicht immer, ob Freund oder Feind. Irgendwann hat mir dann The One von den Audiotreats, die u.a. für Nico Suave und Dendemann produziert haben, zwei Beats geschickt. Einer hat mich so angepetzt, da ist dann "Euer Junge is zurück“ draus geworden. Und ab da an ging's dann auch wieder weiter, zum einen mit der Musik, aber ich hatte auch 'n Job gefunden, und mich für 'n Studium beworben, 'ne Bewerbungsmappe in Rekordzeit fertiggestellt und wurde auch genommen. Ich sagte ja, Krise kann ein produktiver Zustand sein. Und so war das dann auch mal wieder.
rap.de: Mittlerweile hast du dein Studium abgeschlossen. Welches Fach?
Geeno: Als ich anfing, hieß das Fach noch "Mediendesign“, heute nennt sich das "Zeitbasierte Medien“, im Grunde ist es ein Design Fachbereich, in dem es hauptsächlich um bewegte Bilder geht, also Film, Animation aber auch interaktive Installationen und so einen Kram.
rap.de: Und woher kam die Motivation dazu?
Geeno: Also, in erster Linie, war es schon immer der Wunsch meiner Mum, dass ich studiere und auch ich wollte der Erste in meiner Familie mit akademischem Abschluss sein. Nach meiner Ausbildung, die ich ja eigentlich nur gemacht hatte, um mein Fachabi zu kriegen, weil ich in der 12. von der Schule geflogen war, dachte ich mir, okay, das war's jetzt aber noch nicht. Das Fach an sich hat mich gereizt, weil ich was kreatives machen wollte, vor allem Geschichten auf Film bringen. Und es macht einfach Bock, kreativ zu sein, was zu erschaffen und organisieren, was aus deinem eigenen Kopf, aus deiner Fantasie und deiner Kraft entstanden ist. Wir haben während des Studiums sehr viel frei gearbeitet, das war auch super. Ich tue mich sehr schwer darin, mich unterzuordnen und mir von irgendwem sagen zu lassen, was ich wann zu tun habe und wann nicht. Ich hatte auch noch die Möglichkeit Kommunikationsdesign zu studieren. Da geht’s dann halt mehr um Printmedien, F otografie usw. Aber ganz ehrlich, da sind größtenteils nur Zicken unterwegs, härteste Ellbogengesellschaft schon ab Semester 1, jeder will jeden übertrumpfen. Zicken und Tucken, die alles, was irgendwie akkurat aussieht, "kommerziell“ finden und alles, was irgendwie Scheiße und schief ist, "voll cool und kreativ“. Am End vom Tag sind die aber die größten Trendopfer.
rap.de: Hast du, gerade in schweren Zeiten, jemals an Rap als wichtigem Bestandteil deines Lebens gezweifelt?
Geeno: Nie. Vielleicht sagt man ab und zu mal so Sachen wie "Ach, das bockt alles nicht mehr, bringt nix, ich hab kein Bock mehr“. Aber den Gegenbeweis gibt man sich dann meistens selbst, also ich zumindest. Egal, wie schlecht es mir geht oder ging. Broke, abgefuckt, traurig – Rap war immer da für mich. Musste sogar da sein. Alter, es gab Zeiten da konnt ich gar nix machen, weil mein Kopf so gefickt war, aber für Mucke konnte ich mich immer wieder irgendwie aufrappeln. Auch wenn nix bei rumkommt in finanzieller Hinsicht. Und wenn du dir meine Texte und Songs anhörst, wirst du eher sogar feststellen, dass ich das ganze auch therapeutisch nutze. “…ich therapier mich selbst seit ich 14 bin...“.Ich glaube, ich werde mit 40 noch Raps aufnehmen, weil ich auch nie irgendwelche Erwartungen daran hatte. Weißt du, Rap hat mir nix versprochen, daher kann es eigentlich auch nie einen Grund geben, warum es auf einmal nicht mehr Bestandteil meines Lebens sein sollte. Rap kann mich nicht enttäuschen.
rap.de: Was bedeutet Rap für dich?
Geeno: Rap ist ein Teil meines Lebens. Ohne, dass ich ihn hinterfrage. Klar denke ich mir auch manchmal, "Yo, Rapper XY kann nicht annähernd das transportieren, was du tust, aber hat viel mehr Erfolg.“ Aber im Prinzip, als ich das erste Mal zum Mic griff, habe ich keinen Gedanken daran verloren, wo ich mal damit hin will oder was ich verkaufen will, pipapo und haste nicht gesehen. Ich wollte einfach nur meine Gedanken verteilen und Leute erreichen mit dem, was ich sage. Daran hat sich nix geändert. Na gut, dann erreiche ich eben nur 500 Leute, aber was heisst "nur“?! Das feier ich auch. Verstehste, wenn man alles mit Erwartungen schwängert, kann man nur enttäuscht werden. Und wenn man etwas macht, was man liebt, macht man es eben aus Liebe. Punkt. Das ist Rap für mich, ein ganz natürlicher Teil von mir. Ich hack mir ja auch nicht das Bein ab, nur weil ich mir ma den Knöchel verstaucht hab und nicht mehr rund laufen kann.
rap.de: Was wärst du ohne Rap?
Geeno: (lacht) Gute Frage. Das Ding ist, ohne Rap hätte ich die krassesten Sachen in meinem Leben nicht erlebt, positive wie auch negative. Die ganzen Menschen, größtenteils gute, denen man begegnet. Rap war fast immer die Nr. 1 für mich auf meiner Prioritätenliste. Auf der anderen Seite: Wäre ich nie so mit Rap oder eher gesagt HipHop, ich hab nämlich auch gesprüht und an den Turntables hab ich auch noch n paar Skills, in Kontakt gekommen, hätte ich wohl mit 18 mein Abi gemacht, danach Studium und würde jetzt vielleicht ein oberflächlich gesehen "besseres“ Leben führen. (lacht) Ich wäre wahrscheinlich echt ein anderer Mensch, die Überlegung ist schon verrückt.
rap.de: Welche Veröffentlichungen darf man von dir demnächst erwarten?
Geeno: Also zunächst einmal ist aktuell meine EP "Evidenz“ zum Download zu haben, und zwar auf www.geeno-musik.de. Desweiteren solltet ihr euch auch die drei Videos, die wir zu dem Release gedreht haben reinziehen ("Intro“, "Frozen“, "Herbst“). Ich bin ja Teil des Künstlekollektivs Le Bagage aus Mainz und wir bringen im ersten Quartal 2012 den 2. Teil unseres Samplers "Morsmusik“ raus. Ich glaub, über den ersten habt ihr sogar 'ne Review geschrieben. Wir bei Le Bagage machen ja auch alles selbst. Also, von der Musik über Artworks, T-Shirt-Designs bis hin zu den Videos wird alles von uns selbst gemacht. In diesem Zusammenhang werden die nächsten Monate auch einige Dinge kommen. Achja, und mein wichtigstes Projekt ist "Beste Leben“, der Film. Den habe ich geschrieben, habe Regie geführt und ihn geschnitten. Ist kurz vor der Fertigstellung und mit dem werde ich dann nächstes Jahr die Filmfestivals attackieren. Und paar Drehbuchideen hab ich auch noch in der Schublade. Zur Zeit arbeite ich mit 'nem guten Freund an einem Album oder EP, wir wissen es noch nicht genau. Wer der andere Rapper ist, will ich noch nicht verraten, ist auch jemand aus Mainz, nur so viel, und es wird ein richtig geiles Ding, fünf Tracks sind schon fertig. Und heute haben wir erst überlegt ob wir vorher irgendeinen Skandal anzetteln für die Promo…(lacht) Also, wie ihr seht ist einiges zu erwarten, und wenn nur die Hälfte davon klappt, ist es auch nicht so schlimm. Immer locker bleiben. Mr Gee Nice Style, we do it the Bagage Way.

Hinterlasse einen Kommentar

Please enter your comment!
Please enter your name here