Review: Mortel – Racaille

Selten hat ein Titel so viel über das Release ausgesagt, wie es bei Mortels neuem Mixtape „Racaille“ der Fall ist. „Racaille“ ist Französisch und bedeutet so viel „Gesindel“ oder „Abschaum“. Und genau das hat das Tape zu bieten: Stark von unseren Nachbarn inspirierten, zeitgenössischen Sound und haarsträubende Erzählungen aus der Sicht von den Abgehängten der Gesellschaft.

Dass Drogen und Gewalt den Alltag auf der kalten Straße prägen, ist soweit nichts Neues. Mortel zeigt da auch keine neuen Facetten auf, trägt seine Eindrücke aber derart emotional aufgeladen und zornig vor, dass es unweigerlich mitreißt. Ohne Sportwagen, rentable Kilo-Deals und fliegende Scheine im Club. Stattdessen herrschen Hunger und Angst vor. Roh, ungeschönt und glaubwürdig. Das Zusammenspiel aus versierter Routine und inbrünstigem Hunger verschafft Mortel, der ohnehin eine bemerkenswerte Stimme sein Eigen nennen kann, eine Präsenz, die jeden seiner illustren Featuregäste in den Schatten stellt.

Und in Anbetracht der Gästeliste ist das wirklich beeindruckend: Nicht nur, dass er Sido und Fler das erste Mal seit acht Jahren wieder auf einem gemeinsamen Track versammelt, beinahe das gesamte Einmaleins der Straßenrap-Elite gibt sich auf „Racaille“ die Klinke in die Hand. Von Azad über Nimo, Olexesh, Celo & Abdi bis hin zu Massiv – um nur einige der Namen zu nennen – hat der Trierer einen elfköpfigen Kader an Gästen zusammengetrommelt, der dem recht monochrom ausgefallenen Mixtape die nötige Abwechslung einhaucht.

Die großen Hits und Highlights bleiben leider dennoch weitgehend aus. Dafür ähneln die einzelnen Anspielstationen einander zu sehr. Auch wenn es gelegentliche Verschnaufpausen wie das smoothe „Ganja Day“ mit Marvin Game und Estikay gibt, preschen die meisten Beats mit ihrem brachialen Banlieue-Flavor kompromisslos vor. Fies zischende 808s, dröhnende, voluminöse Basslines und sture Synthie-Melodien oder Piano-Riffs ziehen sich durch das Gros der 13 Tracks.

Trotz der Absenz des einen ganz großen Songs ist „Racaille“ rundum gelungen. Material zum skippen, wie es eigentlich auf fast jedem deutschssprachigen Mixtape der Fall ist, findet sich nämlich auch nicht. Einfach jeder Song ist ein unbequemer Brecher, den Mortel voll und ganz zu tragen vermag. Die regelrecht hasserfüllte, zornige Kampfhund-Delivery, die man gar nicht oft genug hervorheben kann, macht Mortel zu einem ungemein interessanten Künstler, der französische Einfluss wird direkter und unverschnittener transportiert als es bei den meisten seiner Paris-beeinflussten Kollegen der Fall. Noch mag Mortel ein Rohdiamant sein, doch mit etwas Schliff und dem richtigen Umfeld sollte da noch Großartiges kommen.

Racaille (Limited Box)
  • Mortel, Racaille (Limited Box)
  • Racaille Music Group (Edel)
  • Audio CD

Mortel feat. Fler & Sido – Nie mehr broke [Audio]

Erstes gemeinsames Feature seit 8 Jahren.

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