Auge auf Deutschrap-Journalismus #3: Beim besten nichts Neues

Unsere Gastkolumne geht in die dritte Runde. Thomas beschäftigt sich dieses Mal mit dem Phänomen der News über Nichts, also nichts konkretes, nichts relevantes etc. Wie immer stellen die Aussagen seine Meinung dar und spiegeln nicht unbedingt die der Redaktion wieder. 

Das Internet ist eine Art permanente Pressekonferenz. Jeder kann alles mit wenigen Klicks veröffentlichen und obendrein schnell viel Feedback einholen. Das stellt Teile der journalistischen Arbeit infrage: Eigentlich ist es Aufgabe der HipHop-Plattformen, als Filter tätig zu werden und Relevantes von Irrelevantem zu trennen. Aber was ist relevant, also informativ für die Leser?

Die folgende Zusammenschau ist ein Spotlight darauf, was meines Erachtens mindestens fragwürdig erscheint: Hochgradig Irrelevantes, das zu anklickbaren Nachrichten gemacht wird. Zum Teil mit übertrieben dramatischen oder bewusst irreführenden Überschriften. Beispiele gibt es unzählige, deshalb ein Blick auf die Beiträge der letzten Tage.

Information: Noch drei Tage bis zur Information!

In der HipHop-Welt gab es kürzlich zwei Countdowns. Einer der beiden, und zwar der von Credibil, endet kommenden „Sonntag um 20 Uhr“, schreibt hiphop.de. „Seinen Fans macht der Frankfurter damit Hoffnung auf neue Musik oder zumindest eine Ankündigung. […] Nun bleibt zu hoffen, dass der 11. Dezember auch wirklich Musik-News bereithält. […] Irgendetwas sagt mir …, dass es bei Credibil nicht um Sweater, Shisha-Tabak oder Liquids geht. Mal sehen, ob ich Recht behalte.“

Es ist also eine News darüber, dass es bald konkrete News gibt. Der Leser erfährt jetzt und hier jedoch – Hand aufs Herz – gar nichts. Nur, dass er etwas erfahren wird. Anstatt die Neugier der Credibil-Fans für sich nutzen (und letztlich zu enttäuschen) hätte man auch einfach bis Sonntag warten können.

Wieder Frankfurt: Den zweiten Countdown hatte Azad ins Leben gerufen, um anschließend seinen Einstieg in das Liquids-Geschäft verkündet. Dabei ist die Relevanz der Neuigkeit fraglich: Obwohl die einzelnen Liquids Songtitel als Namen haben und Azad ein Protagonist des HipHop ist – das Produkt selbst hat mit HipHop nicht das Geringste zu tun.

Die Überschriften zur konkreten (Un)neuigkeit wecken große Erwartungen: „Hinter Azads Countdown hat keine Musik gesteckt“ und „Das Geheimnis ist gelüftet: Azad erschließt neuen Geschäftszweig!“ – eher zu Unrecht, jedenfalls, wenn man nicht gespannt darauf gewartet hatte, dass endlich ein Rapper seine eigene Liquids-Kollektion vorstellt.

„G’schichten“

Anderes Beispiel, dieses Mal ohne Countdown: Dass ein Shindy-Fan sein Parfüm gegen eine „Dreams“-Box tauschen möchte, er dem Rapper einen Brief dazu geschrieben hat, der wiederum durch Shindy abfotografiert und via Twitter gepostet wurde, hat für , rapupdate.de, hiphop.de und 16bars.de offenbar genug Relevanz für eine News. Letztere Seite hat sogar einen Affiliate-Link zum besagten Parfum im Text untergebracht.

Zumindest haben hiphop.de und 16bars.de, anders als rapupdate, inhaltlich konkrete Überschriften geliefert: „Shindy-Fan will Parfüm gegen ‚Dreams‘-Box tauschen“ und „Shindy tauscht ‚Dreams‘- Box gegen ein Parfüm“. Bei rapupdate klingt es dagegen eher, als habe der schwäbische Grieche einen faustischen Pakt mit dem Teufel geschlossen – mindestens: „Rapper Shindy akzeptiert außergewöhnliches Tauschgeschäft!“

Biting-Vorwürfe gegen Bonez MC

Gerne werden auch Hass- und sonstige missgünstige Kommentare in den Sozialen Medien aufgegriffen. Natürlich nur, wenn der betroffene Künstler antwortet. So griffen rapupdate.de, hiphop.de und spit-tv.de eine Auseinandersetzung zwischen Bonez MC und einem Facebook-User auf.

Was war passiert? Der Facebook-User warf dem Rapper vor, dass RAF Camora und er eine Melodie geklaut hätten. Der Frage, ob oder inwiefern „Ohne mein Team“ mit MHDs Song „Afro Trap Part 5 (Ngatie Abedi)“ in Verbindung zu bringen ist, hatte sich bereits RAF im September gestellt.

Auf erneute Vorwürfe reagierte nun also Bonez MC. Und das genügt den Berichterstattern offenbar völlig. Was dabei auffällt: Keine der Plattformen erwähnte die homophobe Äußerung von Bonez MC, und vor allem: keine der Plattformen lieferte eine weitere Nachforschung zu diesem „Fall“. Stattdessen gibt es bequemen Copy-and-Paste-Journalismus. Man hätte als Musikjournalist ja einfach auch selbst nachprüfen können, ob an den Vorwürfen überhaupt etwas dran ist, bevor man sie öffentlich macht.

Dass der Erfolg solchen Schludrigkeiten aber immer noch recht gibt, zeigt die Boulevard-Plattform rapupdate.de: Laut dem Social-Media-Ranking-Dienst 10.000 Flies ist die Seite mittlerweile unter den Top 20 der erfolgreichsten deutschsprachigen Likemedien. Ihren kräftigen Zuwachs verdankt die Plattform laut dem Artikel vor allem Umfragen nach dem Schema X vs. Y – wer ist der bessere Rapper? Herzlichen Glückwunsch!

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