Bonez MC & RAF Camora – Palmen aus Plastik [Review]

Es ist ein Trip durch Marihuanawolken, zwischen den tropisch heiß-schwülen Gefilden der Dancehall-Insel, auf der sonnengeküsste Frauen ihre schönen Körper von Rum und Ganja beflügelt zum Off-Beat bewegen und durch die trappigen Ecken von Hamburg, Berlin und Wien, wo dir der Geruch von Regen auf poppigem, warmem Asphalt in die Nase steigt, bevor du bei düsterer Nacht mit der „Skimaske“ auf das Geld aus der Kasse holst.

Der Flug nimmt Kurs auf den urbanen Großstadtdschungel, in dem du besser bewaffnet bist oder das Maul hältst – weil dich sonst „Möder“ „Attackiern“. Mit Zwischenstopp an Traumstränden, an denen du betäubt vom „Vaporizer“ den Fahrtwind im „Cabriolet“ in deinen Haaren spürst. Es ist kaum in Worte zu fassen, wie vielfältig und aufregend dieser Trip ist.

„Palmen aus Plastik“ von Bonez und RAF Camora hat alle noch so hoch gesteckten Erwartungen übertroffen. Es scheint unmöglich zu sein, dass, wenn zwei Künstler sich gemeinsam auf neues Territorium bewegen, sie einerseits etwas völlig Neues schaffen und gleichzeitig derart unbeirrt weiterhin ihren eigenen Film fahren. Aber dieses Feuerwerk erbringt den Gegenbeweis dafür.

Die Kollaboration gleicht dramaturgisch einem jamaikanischen Junitag. Das Intro läutet den Inselflair in einem Dialog mit Junior Kelly auf Patois ein – dem für die Insel typischen englisch-creolischen Slang. Darauf folgen die ersten beiden Tracks „Ciao Ciao“ und der Titeltrack. Das heitere Soundbild, getragen von RAFs animierendem Beat von, lässt die Dancehall-Sonne über den „Palmen aus Plastik“ aufgehen.

Darauf folgend erreicht die Sonne mit „Mörder“ und „Ohne mein Team“ ihren Zenit. Die beiden Tracks sind Club-Bretter, die auch den letzten Stoner auf den Dancefloor treiben. Bonez‘ 187-Gangsterattitüde, betont von Gzuz und Maxwell als Features, fusionieren mit Camoras durchdringender, fast schon soulig anmutender Stimme, auf dem unerbittlich treibenden afro-trap Sound zu Dancehall Sturzwellen.

Die schwüle Hitze, die sich in der erstes Sequenz aufbaut, braut sich in Mitte des Albums zu einem unheilvollen Gewitter zusammen, das in „Evil“ zu eskalierten droht. Dramatisch wie eine Oper mit dem schaurig-schönen Part von Tommy Lee Sparta fährt einem „Evil“ wie „ein Stich in die Niere“ durch Mark und Bein. Das Gewitter gipfelt sich in „Attackieren“: Bonez und Raf „kommen, […]sehen und exekutier’n“ mit Hanybal und schmettern Rap-Blitze vom Himmel. Wortwörtlich folgt auf das Szenario die „Ruhe nach dem Sturm“ und die Wolken ziehen auseinander, deckungsgleich wie deine Gedanken, die sich in Trettmanns weicher Stimme verlieren – völlig auf „Vaporizer“.

Zum Finale der Symphonie trifft noch ein letztes Blitzgewitter im Skimask Way mit einem brachialen Part von Gzuz auf „Skimaske“. Obwohl diese Konstellation bei einem Verbrechen keine Unterstützung mehr benötigt, ölen die Jungs ihre Knarren zusätzlich mit 50 Cent und Biggie Sample – auf Nummer sicher, wie sich das für organisierte Kriminalität gehört. Organisierte Kriminalität auf die Ohren – BRAKKA BRAKKA!

Es ist Zeit für den Sonnenuntergang und er kommt so intensiv und wärmend, wie das nur auf Jamaika möglich zu sein scheint: Das Soundgeflecht des Outros „Daneben“ mit Trettmann durchflutet deinen Körper, bis deine Gliedmaßen gewichtslos im Raum schweben und dich allein die Schwere deiner Brust am Boden hält. „Hast du gerade was gesagt, Digga lass ma “ – Gänsehaut produziert von Kitschkrieg. Die Nacht bricht herein.

Bonez und Raf Camora haben die haushohen Erwartungen noch um Längen übertroffen und ich bin dazu geneigt, das Album vorab zu meinem Album des Jahres zu küren. Dieses Werk schickt einen auf eine Reise, um deutschen Dancehall neu zu erfinden: Catchy Hooks treffen auf düstere Sounds, unglaublich starke Produktion, Gangster-Attitüde on Point, Urlaubsflair, Hurricanes und Flutlicht-Sonne. Dass so viele Hits auf eine Platte passen, hätte ich vorher schlichtweg nicht geglaubt. Diese Platte hat mir den Kopf gesprengt.

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