Dr. Dre – Compton: A Soundtrack [Review]

Es ist also doch noch passiert. Dr. Dre hat ein neues Album veröffentlicht. Nicht das gefühlt seit Jahrzehnten angekündigte „Detox„, nein. Daran hatte ja auch niemand ernsthaft geglaubt. Stattdessen ein Album, das er seiner Heimatstadt Compton widmet, dem mystischen Gründungsort von N.W.A., Gangsta-Rap, G-Funk und was nicht noch alles. Von ihm selbst als „großes Finale“ seines persönlichen musikalischen Schaffens angekündigt, ist „Compton“ genau das: Ein Abschied. Und so fühlt es sich auch an. Hier geht mit Pauken und Trompeten nicht weniger als eine Ära zuende. Gangsta Rap, der von Dre maßgeblich mit auf den Weg gebracht und geprägt wurde, ist durch.

Compton“ hätte vieles werden können. Zum Beispiel – Traum vieler Fans der ersten Stunde, inklusive dem Autor dieser Review – ein Album voller Banger im G-Funk-Style mit leichten Konzessionen an den Zeitgeist. Oder, der Gegenentwurf, ein zeitgemäßes Trap-Album mit einer gewissen eigenen Dre-Note. Beides ist es nicht. Stattdessen entscheidet Dre sich für ein Panoptikum, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft abwechselnd zu Wort kommen. Das ist teilweise genial, teilweise verwirrend und teilweise anstrengend.

Die Vergangenheit wird durch Reminiszenzen an den guten, alten G-Funk repräsentiert, vor allem im Song „Genocide“ mit Kendrick Lamar, der auf einem fast schon klassischen G-Funk-Beat daherkommt, angereichert mit ein paar futuristischen Einsprengseln. Auch Dank der Skills von Kendrick ganz klar einer der Höhepunkte. Auch „Loose Cannons“ mit einem erstaunlich frischen Xzibit und obendrein Cold187Um von Above The Law oder „All In A Day’s Work“ mit dem Newcomer Anderson .Paak erinnern vom Sound her an glorreiche Zeiten. Und wenn Ice Cube auf „Issues“ endlich einsetzt, kann man schon mal kurze nostalgisch-feuchte Augen kriegen.

Dass Dre auch die heutigen Trends nicht verschlafen hat, zeigt er dagegen mit dem Opener „Talk about it“ oder „Deep Water„, die sich mehr oder weniger an aktuell beliebten Trap-Entwürfen orientieren. Songs wie „Satisfiction“ mit Snoop  oder „Medicine Man“ schlagen indes musikalisch überzeugend den Bogen zwischen damals und jetzt – wobei letzteres einen technisch zwar sehr guten, inhaltlich aber extrem ärgerlichen Eminem-Part bereithält. Sich mit über 40 noch einen auf Rape-Lines zu wichsen ist einfach mal richtig peinlich. Nicht mal die Ausrede „jugendlicher Leichtsinn“ gilt da.

Allerdings begnügt sich Dre nicht damit, einfach seine Stärken beim Produzieren voll auszuspielen. Man muss sagen: leider. Denn sowohl seine Rapparts, die im Vergleich zu seiner früheren, zurückgelehnten Vortragsweise seltsam überambitioniert (und irgendwie auch sehr nach Kendrick) klingen als auch die vielen Schnörkel hätte er sich sparen können. Die Songs auf „Compton“ kommen oft sehr langsam in Fahrt, brauchen lange Bridges, Gesangsparts, Hooks und weiß der Teufel noch was, bis endlich mal gerappt wird. Und das schadet dem Hörgenuss doch beträchtlich, zumindest, wenn man es eher gern geradlinig und ohne allzu viele letztlich unnötige Schnörkel mag.

So gibt es auf „Compton“ abgesehen von dem wirklich schon achttausend mal gehörten E-Gitarren-Sample bei „One Shot One Kill“ keine wirklichen Ausfälle. Trotzdem wirkt das Album überladen, will zu viel auf einmal. Ein bisschen weniger wäre vermutlich viel mehr gewesen.  Das gilt auch für die mitwirkenden Vokalisten, vor allem die vielen Newcomer, von denen außer den bereits etablierteren Kräften höchstens der bereits erwähnte Anderson .Paak überzeugt.

Mit „The Chronic“ hat Dr. Dre eine Ära (mit)begründet (Snoop Dogg ff.), mit „2001“ hat er ihren Höhepunkt vorbereitet (50 Cent ff.). „Compton“ ist Dr. Dres Alterswerk, das ganz bewusst den Schlusspunkt unter eine Ära setzen will. Nicht unter HipHop, wie es in manchen Rezensionen steht, Quatsch. Aber unter den Gangsta Rap Dre‘scher Prägung, diese fast schon poppige, gefällige, melodiöse Spielart mit den wuchtigen, mächtig klatschenden Drums. Im Gegensatz zu seinen beiden Vorgängern ist es weit weniger schlüssig umgesetzt, das große Talent des Doktors leidet darunter, dass er immer überall noch einen draufsetzen will.

Allerdings beinhaltet „Compton“ bereits auch ein Versprechen für die Zukunft: Gangsta Rap ist tot, es lebe Gangsta Rap. Es ist keineswegs ein Zufall, dass Kendrick Lamar auf dem Album so präsent ist.  Er und seine Post-Gangsta-Attitüde, die auf dem letzten Album „To Pimp A Butterfly“ noch stärker ins Politische umschlug, sind das, was kommen wird, bzw. was schon da ist und weiter wachsen wird. Natürlich wird es auch den Gangsta-Style alter Prägung weiter geben. Es wird nur keinen mehr groß jucken. Been there, done that. Und jetzt bitte einen Applaus für das Lebenswerk von Dre – auch wenn „Compton“ wie gesagt ein wenig zerfasert und überambitioniert daherkommt. Angesichts seiner bisherigen Verdienste ist das absolut verzeihlich.

4 KOMMENTARE

  1. Gute Review, ich gebe in vielen Punkten recht, aber: Für mich ist das keine Verabschiedung von Dre, da das Album viel zu wenig Dres Handschrift trägt. Kaum einen Beat hat er voll und ganz selbst gemacht, kaum ein Lied wird durch seine Rapparts geprägt. Das Album erinnert auch viel stärker an „da Carter 3“ von Lil Wayne als an Chronik oder 2001. Dieses Album ist kein Schlusspunkt oder irgendwas. Es ist ein hastig überfrachteter Versuch, Kapital aus einem Film zu schlagen. Nicht mehr und nicht weniger.

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