Review: Sierra Kidd – 600 Tage

Sierra Kidd hat schon vieles durch in seiner Karriere. Wenn man ihm eines nicht vorwerfen kann, dann ist es Stagnation. Angefangen vom 15-jährigen Teenager unter den Fittichen Raf Camoras bei Indipendenza, über die Gründung des eigenen Labels TeamFuckSleep samt Umzug in die Hauptstadt, bis hin zum Absturz zwischen Drogen und Psychosen und der Versuch eines Schlussstrichs mit dem letzten Album „TFS“. All das mit gerade einmal 23 Jahren. Es gab und gibt keinen anderen deutschen Rapper, der in diesem Alter solch bewegte eine Künstlervita vorweisen kann. Während viele Künstler oft jahrelang im Stillen herumtüfteln, konnte man Sierra Kidds musikalischen und mentalen Status Quo stets auf der großen Bildfläche verfolgen. Das macht ihn einerseits zu einer einfachen Zielscheibe für Hate und Missgunst, andererseits aber auch zu einem besonders greifbaren Künstler.

Anschluss an „TFS“

Mit „600 Tage“ erscheint nun ein Jahr nach „TFS“ Sierra Kidds neues Album – sein insgesamt achtes Release. Die 14 Songs präsentieren einen Sierra Kidd, der erstmals mit sich selbst im Reinen wirkt – soweit man das von außen betrachten kann. Zunächst muss der Hörer jedoch mit „Gott“ ein Intro verarbeiten, welches einem jegliche positive Energie förmlich aussaugt. Nur von einer brüchigen Mandoline begleitet, bringt Sierra Kidd seine Dämonen zu Papier, die ansonsten drohen, ihn zu zerreißen. „Vielleicht sind das hier meine letzten Worte, die letzten Jahre waren ziemlich harte. Vielleicht Suizid, vielleicht wurd´ ich ermordet“. Das sind keine neuen Gedanken in Kidds Kosmos, doch sie wirken in dieser trostlosen Umgebung bedrückend. Und dann ist da noch die Angst. Angst vorm Leben. Angst vorm Sterben. Angst, die so omnipräsent ist, dass es vor ihr kein Entkommen gibt. Diese Angst diente bereits auf „TFS“ als Leitmotiv und wird nun direkt im Anschluss wieder aufgegriffen. Während auf dem letzten Release jedoch eher Song-Skizzen das Grundgefühl zum Ausdruck brachten, wird auf dem schonungslosen „Gott“ kein Raum für Interpretationen gelassen. Das Intro ist gewissermaßen eine Abrechnung und gleichzeitig ein Schlussstrich unter dem alten Sierra Kidd.

Was danach folgt, ist ein Album, welches einen Menschen thematisiert, der zwar immer noch mit allerlei Problemen zu kämpfen hat, aber zum ersten Mal seit langer Zeit so wirkt, als hätte er seinen Platz gefunden. Sierra Kidd war schon in frühen Jahren ein Vorreiter, wenn es darum ging, das schützende Visier hochzuklappen und seine Emotionen ehrlich darzustellen. Auf „600 Tage“ macht sein Songwriting nochmals einen Schritt nach vorne, auch wenn vereinzelte Parts etwas zusammenhangslos wirken. Wo früher teilweise stumpfe Plattitüden oder unaufgeräumte Gedanken vorherrschten, lassen sich heute authentische und sauber ausformulierte Zeilen finden.

„Sie starren mich nur an, wenn sie mich sehen / Ich hab wenigstens was zu erzählen“. Und das macht er auch. Frei von übermäßigen Dramatisierungen erzählt Kidd auf „Big Boi“ bodenständig die Geschichte von dem kleinen Jungen aus Ostfriesland, dessen Werdegang ihn nach Berlin verschlägt. Der eindrucksvolle Storyteller ist definitiv eines der Highlights der Platte und überzeugt mit einer Stringenz, die heutzutage nicht mehr oft zu finden ist. Gleichzeitig ist „Big Boi“ mit fünf Minuten Laufzeit der längste Song des Albums, auf dem sich Sierra Kidd in Sachen Songstruktur erfreulich experimentell zeigt. Während viele der Hits seiner Kollegen wirken, wie aus dem Baukasten zusammengestellt, zeigt „600 Tage“ wie variabel man ein Album gestalten kann. So werden auf „Wissen wie es ist“ zwei Parts aneinander gereiht, „Ready Set Go“ erhält nach der letzten Hook noch einen weiteren Verse und „Sonate“ kommt beinahe skit-artig daher.

Rapper und Produktion gehen Hand in Hand

All das wird ummantelt von einer Produktion, die sich mit ihren Gitarren-Samples zwar klar an US-amerikanischen Vorbildern orientiert, aber dennoch so viel mehr bietet als nur den nächsten „Gunna Type Beat“. Kidd schafft es auf diesen Riffs und Piano-Loops, eine eigene Ästhetik zu kreieren, die zuweilen an frühere Jahrzehnte erinnert, ohne sich in unangenehmen Rockelementen zu verlieren. Parallel dazu beweist er, dass er sich in diesem Soundbild zu Hause fühlt und Autotune mehr als ein simples Tool zur Korrektur von Gesangslinien ist. „Ihr Bitches sucht noch immer nach dem Key für das Autotune“ trifft den Nagel auf den Kopf.

Einzig „Higher“ fällt mit seinem mächtigen Drill-Beat etwas aus dem Rahmen. Labelkollege Edo Saiya, der gleichzeitig das einzige Feature auf dem Album ist, überzeugt hier mit einem eigensinnigen, aber einnehmenden Stimmeinsatz, während Sierra Kidd zeigt, dass er neben all den Soundeffekten und dem Trubel um seine Person vor allem eines ist: Ein verdammt guter Rapper, der sich in puncto Technik und Flowvariation hinter niemandem verstecken muss.

„600 Tage“ als schlüssiges Konstrukt

Nichtsdestotrotz stellen sich gegen Ende des Albums leichte Ermüdungserscheinungen ein und die Platte plätschert trotz des starken „Wissen wie es ist“ ein wenig dahin, bevor mit „Falte die Hände“ im Finale nochmals das Tempo angezogen wird. Paradoxerweise wirkt der Song wie ein Intro, auf dem Sierra Kidd gekonnt seine Stellung in der Szene zelebriert, wohingegen „Gott“ auch als Outro durchgehen könnte. Wenn „Gott“ also die Entpuppung des schwer depressiven Kidd darstellt, dann erzählt das Album eine 600 Tage lange Geschichte, die letztendlich in einem Licht am Ende des Tunnels mündet und die Platte mit einer positiven Note abschließt.

Was bleibt, ist ein Album, welches die Persona Sierra Kidd um eine weiter Facette erweitert. Kidd ist 2020 ein gereifter Künstler, der nach den vielen Ausflügen der letzten Jahre zu sich selbst gefunden hat. An einigen Stellschrauben kann hier und da noch gedreht werden, um das Gesamtwerk zu optimieren, aber die entscheidenden Weichen sind gestellt. „600 Tage“ ist ein gutes Album – vielleicht Sierra Kidds bestes bis jetzt. Doch das dürfte er womöglich schon bald wieder übertrumpfen, wenn bereits die Alpha-Version seines neuen Selbst derart abliefert.

2 KOMMENTARE

  1. Absolut geiles Album. Kam mal wieder perfekt zu ner Krise und wird grad stetig gepumpt. Danke Kidd für die energy.

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