Deutschrap ist fresher denn je? Biting, Sampling, Hommage – Eine Unterscheidung

Was ist Sampling, was Biting, was ist lediglich eine Hommage? Eine Frage, die zurzeit kaum präsenter sein könnte.

Deutschrap ist fresher denn je. Oder eben auch nicht. Wer auf Twitter aktiv ist und sich in der Deutschrap-Bubble herumtreibt, wird in den letzten zwei Wochen kaum um den User Clo1444 herumgekommen sein, der die „Inspirationen“ einiger Deutschrapper offenlegte. Alles begann mit einem Zusammenschnitt von Travis Scotts „Butterfly Effect“ und Enos Song „Souvenir“, der die Melodie des Originals recht deutlich übernimmt. Enos anschließender Spruch „Deutschrap ist fresher denn je, wir haben Amerika seine Mutter gefickt“ wirkt dementsprechend deplatziert und setzt dem ganzen die Krone auf.

Es folgten weitere Beispiele von mehreren Rappern und es entstand eine Art „Deutschrap ist fresher denn je“-Reihe mit über 30 Parts, bei der einige große Künstler nicht besonders gut wegkommen. Die unterhaltsamen Memes reihen sich in eine Debatte ein, die fast so alt ist wie HipHop selbst: Wann dient ein Song nur als Inspiration und wo geht „biten“ los? Worin besteht der Unterschied zwischen einer Hommage und einem Rip-Off?

Dabei soll es nicht explizit um Eno gehen. Dass seine Aussagen zu dieser Thematik, wie auch schon nach seinem durch defekte in-ear-Monitore gescheiterten Auftritt bei den Hype-Awards, zu einem Meme wurden, ist etwas unglücklich. Die Diskussion ist weitaus größer als Eno selbst und umfasst auch sehr viele andere Rapper. Clo1444 stellt dabei in einem Interview klar, dass es für ihn ein großer Unterschied sei, ob man das gleiche Sample benutzt, oder aber ganze Songs kopiert. Dennoch findet man im Internet viele Kommentare, die Künstler für solche Methoden, die im Rap seit jeher gang und gäbe sind, kritisieren. Die Grenzen zwischen Biting und einer Hommage verlaufen oft fließend. Diese ein für allemal festzulegen, ist unmöglich. Der Vorwurf, „dass alles nur geklaut sei“, wird aber dennoch oft voreilig und undifferenziert vorgebracht.

Biting

Biting, also das Kopieren von fremden Flows, Lyrics und / oder Beats, gilt im Hip Hop seit jeher als Todsünde. Dies mag, wenn man sich die Ursprünge der Kultur betrachtet, etwas widersprüchlich wirken, doch der Originalitätsgedanke war vor allem in der Vergangenheit von wichtiger Bedeutung. Heutzutage geht die Szene damit in der Regel deutlich entspannter um. Von Zeit zu Zeit sehen sich aber dennoch immer wieder einige Künstler Biting-Vorwürfen ausgesetzt. Wer Ordnung in dieses Wirrwarr an Anschuldigungen bringen möchte, muss zunächst einmal die einzelnen Vorwürfe voneinander trennen. Biting kann sich einerseits auf die Produktion (Samples, Drums und Instrumente) und andererseits auf den Rapper (Lyrics, Flows und Gesangslinien) beziehen. Dies macht auf den ersten Blick keinen großen Unterschied, doch ist bei näherer Betrachtung von großer Bedeutung.

In Bezug auf die Produktion steht in der Diskussion vor allem die Frage im Vordergrund, inwiefern es sich bei dem Beat um eine Eins-zu-eins-Kopie handelt oder ob sich der Produzent lediglich von anderen Songs inspirieren lassen hat. Immerhin gibt es heutzutage haufenweise Künstler, die versuchen, einen ähnlichen musikalischen Vibe einzufangen. Der HipHop-Journalist und wohl größte Experte unserer Zunft Falk Schacht erklärt dies so: „Es gibt einen State of the Art. Dabei geht es um Klangästhetiken, die den Zeitgeist widerspiegeln. Wir haben das Phänomen, dass im Trap seit Jahren die 808 und Autotune benutzt wird. Es ist klar, dass dann vieles ähnlich klingt. Diese Soundästhetik ist diesen Trends geschuldet. Jeder möchte dem State of the Art entsprechen. Dementsprechend werden dieselben Mittel benutzt, um Kunst zu machen.“ Jeder Künstler möchte also den Zeitgeist perfekt treffen. Ihnen allen Biting vorzuwerfen wäre absurd. Dann wäre da noch das altbekannte Thema des Samplings. Gleich vorweg: Wer Sampling mit Biting gleichsetzt, liegt selbstverständlich falsch.

Sampling

Die HipHop-Kultur basiert in ihren Ursprüngen darauf, sich an anderen Musikrichtungen zu bedienen – oder drastischer ausgedrückt – zu klauen. Dies mag zunächst negativ klingen, jedoch lag der Anspruch immer darin, aus diesen kurzen Songschnipeseln, genannt Samples, etwas Neues und Eigenes zu schaffen. Breakbeats, Samples und Backspins sind das Rückgrat der Kultur. Rap hätte sich nie in der Form entwickeln können, wenn sich die DJs in der Bronx der 70er-Jahre nicht an den Drumbreaks populärer Hits bedient hätten. Dennoch ist die Verwendung von Samples bis heute eines der umstrittensten Themen der Musikindustrie, da viele Rechtsfragen nach wie vor ungeklärt sind, was die unendliche Debatte zwischen Moses Pelham und Kraftwerk beweist. Urheberrecht und künstlerische Freiheit scheinen einander unversöhnlich gegenüber zu stehen.

Fakt ist: Künstler müssen für die Sample-Rechte (in der Regel) Geld bezahlen. „Ein Sample klären“ nennt man das. Wer sich ungefragt an fremdem Eigentum bereichert, muss mit drakonischen Geldstrafen rechnen. Diese Erfahrung mussten schon einige Rapper machen. Man kann nur darüber mutmaßen, inwiefern sich deutsche Rapper darum kümmern, ihre Samples zu klären. Einige der Beats und Melodien aus der „Deutschrap ist fresher denn je“-Reihe erinnern jedoch sehr stark an die amerikanischen Vorbilder.

„Wenn man gewisse Noten verändert, hat man immer noch eine ähnlich klingende Notenlinie. Es ist aber eine andere Melodie. Das sind sogenannte Soundalikes. Man lehnt sich an einen Sound und eine Melodie an und wandelt diese so ab, dass es rechtlich nicht problematisch werden kann. Nicht alles was ähnlich klingt, muss geklaut sein. Es gibt die moralische und die rechtliche Ebene.“ ordnet Falk die Vorgänge ein. Ob sich die Rapper in den Beispielen an diese Vorgaben gehalten haben, entscheidet auf juristischer Ebene letztlich aber der Richter. Für den Hörer stellt sich hier im Einzelfall jedoch eher die moralische Frage, ob hier dreist ein Hit nachgebaut wurde, oder sich die Künstler lediglich auf die gleichen Ideen beziehen.

Hommage

Etwas anders stellt sich die Situation bei der Unterscheidung zwischen dreistem Biting und einer respektvollen Hommage dar. Nicht selten findet man in Raptexten Zitate bekannter Lines aus früheren Tracks anderer Künstler. Die Problematik besteht darin, dass es sich bei einer Hommage und Biting um den handwerklich beinahe gleichen Prozess handelt, der lediglich unterschiedlich interpretiert wird. Wer legt nun aber fest, wann welcher Fall eintritt? Als Faustregel gilt: Je bekannter der Song bzw. die Zeile ist, auf die sich bezogen wird, desto wahrscheinlicher ist es, dass dies als Hommage angesehen wird.

Wenn Luciano sich auf „Late Night“ an der Gesangslinie von Kid Cudis „Day ‚N‘ Nite“ orientiert, ist das für jeden erkennbar, der in den letzten zehn Jahren einmal das Radio aufgedreht hat. Beispiele in denen Rapper sich auf vergangene Welthits beziehen, gibt es zuhauf. Dies mit Biting gleichzusetzen wäre unsinnig.

In den Tweets von Clo1444 sieht man jedoch auch jede Menge Deutschrapper, die ihre Inspirationen eher aus aktuellen Hits der US-Szene beziehen. Diese Songs sind vielen Fans in Deutschland unbekannt, da die nationale Rapszene den internationalen Künstlern, abgesehen von Eminem, Drake & Co., hierzulande längst den Rang abgelaufen hat. Wer Jack Harlows „Whats Poppin“ kennt, wird sofort hören, dass Enos „Was machst du“ daran angelehnt ist. Im Song lassen sich jedoch keinerlei Querverweise finden und die Mehrheit der Hörer wird mit dem Original nicht vertraut sein. Eine Hommage funktioniert nur, wenn sie als solche auch erkennbar ist. Das macht den Song per se nicht schlechter, bricht aber mit dem moralischen Tabu des Bitings.

Beispiel: RAF Camora & Shindy

Zwei bekannte Beispiele, die sich in der Vergangenheit immer wieder mit solchen Vorwürfen konfrontiert sahen, sind Raf Camora und Shindy. Der entscheidende Unterschied jedoch: Beide gingen immer offen mit ihren Inspirationen um. Raf Camora macht kein Hehl daraus, dass er sich, vor allem seit 2016, aber auch schon zuvor, stark an Dancehall und französischem Rap orientiert. Dass „Ohne mein Team“ eine starke Ähnlichkeit zu „Afro Trap Part. 5“ aufweist, ist kein Geheimnis. MHD war damals sogar als Featuregast vorgesehen. Ob hingegen die beinahe originalgetreue, aber dennoch querverweisfreie, Umsetzung von French Monatanas „Famous“ als Hommage durchgeht, steht auf einem anderen Blatt.

Shindy gab bereits vor „Drama“ bekannt, dass er den Vibe der frühen 2000er Jahre in die Neuzeit übertragen wolle. Das Ergebnis war ein Album, welches Unmengen an musikalischen und textlichen Referenzen an jene Zeit mit sich bringt. Wenn er sich beispielsweise auf die vielzitierte Zeile „Can’t a young man get money anymore?“ bezieht und diese 1:1 übersetzt, ist das nicht dasselbe wie der Vorwurf, Eko würde Texte von Cam’ron originalgetreu ins Deutsche übersetzen, den Savas in „Das Urteil“ als Haymaker-Punchline besonders prominent platziert.

Put some respek on it

RAF und Shindy ist der Respekt und die Liebe gegenüber der Kultur anzumerken, was sich sowohl in den Songs als auch in Interviews zeigt. Wird die ursprüngliche Leistung gewürdigt und sich klar auf etwas bezogen, kann von Biting keine Rede sein. Wird aber versucht, darüber hinwegzutäuschen, dass es eine Art Vorlage gab, kann von einem respektvollen Tribut ans Original keine Rede mehr sein.

Was ist nun das Ergebnis der ganzen Diskussion? Vermutlich gibt es überhaupt keines. Die Kontroversen rund um die Thematik beschäftigen die Szene nicht erst seit gestern und werden sich wahrscheinlich auch in den nächsten Jahren nicht klären. Einige Realkeeper und Heads verteufeln sehr schnell alles als Biting – oft auch ohne sich mit den Künstlern näher beschäftigt zu haben. Das bedeutet nicht, dass dreiste Kopien und Plagiate nicht zu kritisieren sind. Solche sind klar von Inspirationen abzugrenzen und als das zu bezeichnen was sie sind. Dennoch sollten wir, auch in Anbetracht des Ursprungs von HipHop, nicht bei jeder Ähnlichkeit sofort auf die Barrikaden gehen. Musik ist immer Weiterentwicklung. Und die kann es nur geben, wenn auf Vergangenem aufgebaut wird.

6 KOMMENTARE

  1. Das Ergebnis ist das Deutschrap gerne etwas wäre was es nicht ist und nur wenigen Originalität nachgesagt werden kann. Der Rest kopiert wie blöde und kann darauf setzen das die Fanbase zu 99% nichts von Originalen wissen wird.

  2. Klar, macht RAF keinen Hehl draus. Was soll er auch sonst tun, wenn man ihn drauf anspricht? Im übrigen sind ganze Szenen im Video gleich.

  3. Das Ding ist doch: Deutschrap ist nicht fresher denn je.
    Er ist nur professioneller. Mixing und Mastering ist mit US-Produktionen gleichgezogen, aber in Sachen Kreativität wird auch mehr kopiert denn je.
    Abgesehen davon kann man sich im Jahr 2020 ruhig mal die Frage stellen, ob „Mutter ficken“ eine angemessene Phrase ist, um Begeisterung (oder je nach Kontext Verachtung) auszudrücken.
    „Amerikas Mutter gefickt…“
    Da bin ich einfach raus.
    Früher hörte ich fast nur deutschen Rap, heute überwiegt US- oder UK-Rap und ich bin froh, daß ich nicht jeglichen Slangbegriff verstehe.
    Und wer Lust auf kreatives Zeug aus den USA hat, sollte sich mal El-P und Run the Jewels geben.
    In Deutschland fand ich übrigens die letzte Curse – Scheibe soundtechnisch sehr stark.
    Peace out.

  4. So sieht’s aus, Tom. Doitsch Rap eh größte Blamage der Musikgeschichte. Da war Milli Vanilli kredibiler. Bussi.

  5. Der Mainstream Deutschrap ist wack, unkreativ und soundtechnisch elektrisch künstlich. Es gibt im deutschen Untergrund wirklich gute Künstler und Produzenten, die den Sound kreieren, den sie wirklich selber lieben und feiern. Es ist schade, dass das hier quasi nicht stattfindet. Den Kommentaren nach sind hier ja durchaus Heads, die sich hier eine andere Richtung wünschen. Das gibt vermutlich weniger Clicks und ist deshalb aus ökonomischer Sicht nicht attraktiv.

    Schadööööööööö

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