Lance Butters‘ Karriere: Von Ignoranz & Sexismus zu Seelenstriptease & Sozialkritik

Lance Butters hat sich in den letzten Jahren zu einem der interessantesten Künstler im Deutschrap-Game entwickelt. Vor einer Woche meldete er sich mit der „Loner EP“ zurück aus der Versenkung. Die Züge, die sein aktuelles Schaffen angenommen hat, waren nicht immer abzusehen. Ein Blick zurück.

Karrierestart im VBT

Bei den meisten Hörern landete Lance Butters, dessen Roots in der RBA liegen, wohl durch seine Teilnahmen am VBT erstmalig auf der Bildfläche. Aus heutiger Sicht nur schwer vorstellbar, konnte das Videobattleturnier vor allem in der Phase von 2010 bis 2013 Unmengen an Fans gewinnen. Das VBT funktionierte als eigener Mikrokosmos und Karrierestart für zahlreiche mal mehr und mal weniger talentierte Rapper. Die Finalrunden von Weekend und Battleboi Basti konnten innerhalb kürzester Zeit Millionen von Klicks generieren und gelten bis heute als der absolute Höhepunkt des Turniers.

Das Problem für viele der Teilnehmer sollte sich jedoch erst später herausstellen: Das VBT war größer als seine Rapper selbst. Kaum einer der Teilnehmer konnte sich in den nächsten Jahren eine erfolgreiche Karriere aufbauen. Das VBT war eine Publikumsmagnet für Battlerap-Fans, welche die Gegnerbezüge der Punchlines zwar genau verstanden und die Protagonisten in und auswendig kannten, aber darüber hinaus kaum Interesse an den Künstlern besaßen. Die Runden lebten von Inside-Jokes und akribischen Analysen des jeweiligen Gegners.

Mit einer Ausnahme: Lance Butters. Ihm war das mit dem Gegnerbezug (und vermutlich auch das gesamte Turnier) damals schon egal. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen konnte Lance nicht einmal die ganz heißen Phasen des Turniers erreichen und schied bei seinen beiden Teilnahmen im Sechzehntel- bzw. Achtelfinale aus. Das war jedoch nicht von Bedeutung, denn Lance schaffte, was kaum jemand anderes vermochte. Er konnte Interesse an seiner Person wecken, welches über ein paar VBT-Runden hinaus reichte. Da stand ein Typ in billiger Iron-Man-Maske, der mit unvergleichbarer Lässigkeit die Silben der Endreime langzieht und die pure Ignoranz verkörpert. Seine gesamte Ästhetik schien schon damals stilsicher in Szene gesetzt. Kaum jemand konnte das Image des Online-Battlerappers, das anderen Teilnehmern bis heute anhaftet, so schnell und problemlos ablegen wie Lance und das sollte sich langfristig auszahlen.

Anfänge als Solo-Künstler

Als erstes musikalisches Lebenszeichen erschien nach dem VBT 2012 die „Selfish“-EP. Die Themen waren schnell erzählt: Bitches, Weed, Money. Über allem schwebt Lance auf den höchsten Stufen von Arroganz und Selbstbeweihräucherung. Mit dem heutigen Wissen über seine Person, könnte man die oberflächlichen Texte als Flucht aus der Realität interpretieren. Das funktioniert auf einigen Tracks gut, auf anderen gar nicht. Für einige der Texte müsste er heutzutage vermutlich harsche Kritik einstecken. Dennoch fand die EP bei vielen Fans und Journalisten Zuspruch und konnte vor allem durch den unvergleichlichen Stil und das Charisma des Protagonisten überzeugen, der sich in seiner selbstverliebten Art über die restliche Deutschrap-Szene abfuckt. Dies brachte ihm allerdings einen Labeldeal bei Four Music ein und sorgte dafür, dass diese Formel auch auf der im Folgejahr erschienenen „Futureshit EP“ zum Einsatz kam.

Das altbekannte Schema sollte auch 2015 auf seinem Debütalbum für den roten Faden sorgen. Lance ist der krasseste. Alle anderen sind wack. „Blaow“ ist ein Battlerap-Album in klassischer Manier. Daran ist per se zwar nichts auszusetzen, dennoch machte sich  schnell eine gewisse Redundanz breit. Das Image des dauerkiffenden, ignoranten Arschlochs hätte ihn sicher noch weiter getragen, doch tiefere Inhalte und eine künstlerische Weiterentwicklung blieben bis dahin auf der Strecke.

„Letztendlich hätt‘ ich allerhand voll zu reden
doch füll‘ mein Album nicht mit privaten Problemen“

Mit diesen Worten schließt Lance sein erstes Album. Drei Jahre später scheint sich seine Meinung geändert zu haben. Es ist die beste Entscheidung, die der Künstler Lance Butters hätte treffen können.

Stilbruch mit dem zweiten Album

Lance liefert 2018 mit „Angst“ seine absolute Meisterleistung und erschafft ein introspektives Album, welches seine innersten Gefühle offenbart. Lance Butters versteckt sich nicht mehr hinter seiner Maske, auch wenn er sie noch trägt. Die Platte zeichnet das Bild von einer Person, die zwischen Geldproblemen, Depressionen und kaputten Familienverhältnissen das Vertrauen in zwischenmenschliche Beziehungen komplett verloren hat. Das alles beschreibt Lance mit einer lyrischen Präzision und Treffsicherheit, die förmlich wehtut. Selten ließ ein Rapper so viele private Einblicke zu, ohne sich dabei in pseudo-deepen Kalenderblättersprüchen zu verlieren. Bei Lance sitzt keine Zeile am falschen Platz.

Auf der neuen „Loner“-EP setzt Lance nochmal einen oben drauf. Er bricht mit seiner ich-bezogenen Perspektive und wagt sich an die größeren gesellschaftlichen Themen. Dabei agiert er wahlweise als Akteur oder als Beobachter. Lance Butters als Conscious-Rapper: Wer hätte das vor fünf Jahren gedacht?

Wer mehr über den Entstehungsprozess der EP und Lance Butters als Person erfahren möchte, kann sich hier unser kürzlich erschienenes Interview mit ihm reinziehen. Alex und Lance gehen dabei nochmal im Detail auf die einzelnen Tracks der EP ein und es entwickelt sich eines der interessantesten Gespräche seit Langem.