Shindy, RIN & Co im Sample-Wahn: Warum die 2000er jetzt Retro sind

Samples sind seit jeher ein elementarer Teil von Rap. Die Neuinterpretation bestehender Werken oder Melodien ist in vielen Musikgenres seit vielen Jahrzehnten gang und gäbe, doch besonders im Rap sehr stark ausgeprägt – schließlich bildete die DJ-Technik des Samplings bzw. des Backspinnings die Grundlage für eine ganze Kultur. Dies geschieht manchmal sehr offensichtlich, wohingegen in anderen Fällen die Parallelen kaum hörbar sind. Wie auch immer man das Thema betrachten mag: Ohne Sampling würde HipHop nicht existieren.

In der jüngeren Vergangenheit häuft sich dabei ein Phänomen im Speziellen: Rapper bedienen sich bei Songs aus den späten 90er-und frühen 00er Jahren in Form von Beats, Referenzen, Stil und Vocals. Wenn Summer Cem sich also an dem Song orientiert, welcher maßgeblich mit seinem Künstlernamen verwoben ist (The Underdog Project – Summer Jam) oder Lil Uzi Vert einen Backstreet-Boys-Klassiker (I want it that way) für seinen neusten Hit als Vorlage nutzt, sind das keine einzelnen Erscheinungen mehr, sondern Bestandteile eines größeren Prozesses. Die Ästhetik der 2000er wurde im vergangenen Jahr so deutlich zelebriert, wie schon seit langem nicht mehr. Die 2000er sind jetzt Retroshit. Eine neue Golden Era.

Deutschrap bringt den Vibe back

Dies hat sich wohl kaum jemand so groß und eindeutig auf die Fahne geschrieben wie Shindy. Dass Shindy ein ziemlicher HipHop-Nerd ist, sollte inzwischen jedem klar sein. Schon auf früheren Alben ließen sich zahlreiche Inspirationen von anderen Künstlern finden. Diese bezogen sich jedoch meist eher auf den aktuellen Sound, wodurch ihm von einigen Seiten immer wieder Biting-Vorwürfe entgegen schlugen. Interessanterweise werden solche Stimmen meist nur laut, wenn sich der Künstler am Zeitgeist orientiert. Die hundertste Variante eines Boom-Bap-Beats, der aus 1996 stammen könnte, stößt hingegen nur selten auf Kritik. Dass jemand, der sein erstes Album nach N.W.A benennt, Bone-Thugs-N-Harmony auf seinem Intro samplet und Jay-Z zitiert („Vielleicht bin ich overhyped, na und was jetzt / Lieber überbezahlt als unterschätzt“) genügend Respekt für die Kultur mitbringt, hätte jedoch schon damals außer Frage stehen sollen.

Auf „Drama“ legt Shindy eine kleine Zeitreise hin und versucht sich an dem Spagat zwischen den frühen 2000ern und der Moderne. Das Album strotz nur so vor musikalischen und textlichen Referenzen. Zwischen den Vocals von Timbaland und DMX, lassen sich Unmengen an Querverweisen finden. Spätestens wenn zu der Zeile „2Pac, Hit ‚Em Up, rapp’ von oben herab / So wie 50 Cent im Clip zu In Da Club“ das entsprechende Drum-Sample aus „In da Club“ ertönt, wird die Liebe zum Detail deutlich. Dieser Trend setzt sich auch auf den neuen Singles fort, auf denen wahlweise Three 6 Mafia („Tiffany“) oder Pimp C („554“) gesamplet werden.

In eine ähnliche Kerbe schlägt Elias, der im letzten Jahr mit seinem Mixtape „Flyest alive“ auf sich aufmerksam machen konnte. Mit Bandana, Allen Iverson-Shirt und unzähligen Anspielungen hätte er sich hervorragend in die damalige US-Szene eingefügt. Die Parallelen spiegeln sich bei Elias und Shindy nicht nur auf musikalischer Ebene, sondern auch im Visuellen wider. Die Videos kommen in einem Hochglanz-Look daher, der viele der eher lieblosen zeitgenössischen Produktionen in den Schatten stellt. Statt Fußballtrikots werden Basketballshirts getragen. Anstelle von bewusst unscharfen Kamerapassagen sitzt hier jedes Detail, auch wenn bei Elias merklich weniger Budget verbraten wird.

Dass vergangene Stilrichtungen nach einer gewissen Zeit wieder neu interpretiert werden, ist zunächst einmal nichts ungewöhnliches. Am Beispiel von Shindy und Elias kann man jedoch sehr gut die Absurdität festmachen, mit welcher Fans solche Erscheinungen bewerten. Beide Künstler werden von den Hörern dafür gefeiert, dass sie den „realen“ HipHop zurückbringen. Zur damaligen Zeit war die Bling-Era rund um Fabolous, Nelly & Ja Rule jedoch bei vielen Oldschool-Heads aufgrund der fehlenden Message verschrien. Die Texte drehten sich oft nur noch um die neusten Autos, die teuersten Ringe und die größten Ketten. Damit sind die Lyrics ironischerweise inhaltlich gar nicht allzu weit entfernt von einigen erfolgreichen Teilen der heutigen deutschen Rap-Szene. Das macht die Musik von Shindy oder Elias natürlich nicht schlechter, sondern zeigt lediglich auf, wie sich Meinungen im Laufe der Jahre verschieben können. Was früher den „echten“ HipHop kaputt gemacht hat, gilt heute als Retro und „real“.

Ein anderer Rapper, der „den Vibe back bringt“, ist Rin mit seinem letzten Album „Nimmerland“. So samplet die Lead-Single „Vintage“ Jay-Zs Klassiker „Dirt off your shoulder“, woraus eines der stärksten Instrumentals des gesamten letzten Jahres entstand. Auch die Reaktion von Jigga und Timbaland auf den Original-Beat sprach seinerzeit schon Bände.

Davon abgesehen orientiert sich Rin etwas mehr an den später 90er Jahren, was sich auch an der grundsätzlichen Aufmachung und dem vintage-lastigen Stil des Albums festmachen lässt. Ein weiteres Paradebeispiel hierfür ist die Hook von „Keine Liebe“, welche Echts Hit „Du trägst keine Liebe in dir“ covert. Rin versteht „Nimmerland“ als Konzeptalbum, welches seine Kindheitserinnerungen in die Gegenwart transportiert. Nimmerland beschreibt einen Ort, an dem die Kinder niemals erwachsen werden und steht somit sinnbildlich für eine unbeschwerte Zeit im Leben, von der man sich oft nur schwer trennen kann. Doch warum vermissen wir unsere Kindheit so sehr? Warum versuchen Künstler wie Shindy oder Rin dieses Gefühl aufzusaugen und musikalisch neu zu gestalten?

Der Nostalgie-Effekt

Das Zauberwort lautet Nostalgie. Unter Nostalgie versteht man im Allgemeinen die Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“ und die Hinwendung zu vergangenen Sachen. In seinem Leben filtert der Mensch alle Eindrücke und Erscheinungen, um das Gehirn nicht dauerhaft zu überfordern. Während wir uns an einige Ereignisse auch noch Jahre später sehr genau erinnern können, verblassen andere Erinnerungen recht schnell. Generell erinnern wir uns lieber an schöne und angenehme Ereignisse, da man sein Leben grundsätzlich in einem positiven Licht betrachten möchte. Dies führt zu einer Verklärung der Vergangenheit, welche die negativen Aspekte ausblendet.

Dass Künstler heutzutage gewisse Elemente der frühen 2000er Jahre wieder aufgreifen, ist also kein Zufall, sondern psychologisch begründbar. Die Musik reproduziert das Gefühl der Kindheit und Jugend, welches wiederum mit angenehmen Erinnerungen verknüpft ist. Wer zur damaligen Zeit aufgewachsen ist, wird heute erwachsen sein und sich gerne in die entsprechende Stimmung zurückversetzen.

Nostalgieprodukte verkörpern immer einen gewissen Charme, der nur schwer mit Worten zu beschreiben ist. Es gibt kaum einen rationalen Grund, warum sich jemand im Jahr 2020 eine Vinylplatte zulegen sollte, doch trotzdem ist dies für viele Musikliebhaber eine Herzensangelegenheit. Das spiegelt sich auch auf künstlerischen Ebene wider. Wenn sich der aktuelle Sound zu sehr angleicht, bietet einem der Blick in die Vergangenheit die Möglichkeit etwas Zeitloses zu erschaffen.

Was als Retro gilt und die entsprechende Portion Nostalgie versprüht, hängt immer vom Standpunkt des Betrachters ab. Im Falle der aktuellen Deutschrap-Generation ist dies häufig die Zeit um die Jahrtausendwende, weshalb wir auch in den nächsten Jahren noch mit einigen Samples aus dieser Zeit rechnen können. Für die gesamplete Generation dürften eher die 80er und frühen 90er diesen Charme versprühen. Auch die nachfolgende Generation wird wieder auf die Musik ihrer Kindheit zurückgreifen und irgendwann werden sich die Fans nach dem guten alten „echten“ Rap von 2020 sehnen.