Munichwristbusters vs. Rolex-Rapper: Was bedeutet Realness im Jahr 2020?

Während sich die Realness-Debatten in früheren Jahren um die Glaubwürdigkeit des Gangster-Images oder einen Mangel an HipHop-Kredibilität eines Rappers gedreht haben, bestimmt heutzutage offenbar der Besitz von Luxus-Kleidung und teuren Accessoires über die Authentizität eines Rappers. Der Künstler mit dem teuersten Drip ist – so scheint es zumindest – auch gleichzeitig der beste und realste Rapper. Die Musik, auf die das Augenmerk des Rapkonsumenten gerichtet sein sollte, wirkt dabei zuweilen fast zweitrangig. Unzählige Fans liefern sich in den Kommentarspalten heiße Diskussionen darüber, wessen Idol die teurere Uhr trägt oder wer den kostspieligeren Wagen fährt. Rapper, die in ihren Musikvideos und den sozialen Medien ständig mit Luxusgegenständen flexen, tragen für diese Entwicklung selbstverständlich eine große Mitverantwortung. Der KMN-Rapper Nash widmete zum Beispiel der Schweizer Luxus-Uhrenmarke Audemars Piguet bereits drei EPs. Olexesh nannte sogar ein ganzes Album „Rolexesh“. Hinzu kommen etliche Deutschrap-Tracks, die nach sündhaft teuren Uhren benannt sind.

Es stellt sich die Frage, ob ein Rapper heutzutage als „fake“ beziehungsweise nicht „real“ betitelt werden kann, wenn seine Uhr als Fälschung enttarnt wird. Den Anschein macht es zumindest, wenn man sieht, wie viel Hate Rapper auf Social Media schlucken müssen, sobald deren Uhren als Nachahmung entlarvt werden. Hauptverantwortlich dafür ist der Instagram-Account Munichwristbusters, der bereits zahlreiche deutsche Rapper aufgrund ihrer gefälschten Luxusuhren „exposed“ hat. Besonders getroffen hat es Sinan-G, der neben Fake-Uhren anscheinend auch gefälschte Markenklamotten zur Schau trägt. Das behaupten jedenfalls die Munichclothesbusters.

 

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@sinang45 mit einer Fake Rolex Daytona „Rainbow“. Wir haben einen Fake gefunden der fast identisch zu seiner Uhr ist. Bei seiner Uhr ist die Aufbauhöhe viel zu hoch und die Drücker stehen zu weit heraus. Außerdem ist die Qualität der Uhr insgesamt sehr schlecht, es sieht sogar so aus als würde an einigen Stellen die Gold Beschichtung schon ab gehen. ————————————————————————Wir haben nicht den Besatz der Uhr in die Analyse mit einbezogen, da Aftermarket Besätze immer unterschiedlich sind! ———————————————————————— Preis einer Echten: ca. 35.000-50.000€ (Aftermarket)————————————————————————#fakeflex #busted #münchen #rolex #fakerolex #audemarspiguet #patekphilippe #fakepeople #minga #089 #photooftheday #watches #watch #uhren #crownsclub #filmcasino #münchencity #sad #fake #watchesoftheday

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Muss ein Rapper heutzutage also originale Iced-Out-Uhren oder echte Designer-Shirts tragen, um als relevanter, realer Künstler anerkannt zu werden? Die Antwort lautet selbstverständlich: Nein! Nichtsdestotrotz sind Zeilen wie „Ja, die Roli ist am glänzen, Prioritäten, die wir setzen, alle meine Jungs sind am fetzen wie die Kleider deiner Neffen“ vom Song „Action“ ein amüsantes Eigentor von Sinan-G. Wenn die Roli gefälscht ist, glänzt sie bekanntlich nur halb so schön. Auch wenn die echte Uhr sicher verstaut im Bankschließfach liegen mag, wie es bei Sinan wohl der Fall war – dann werden die Prioritäten halt eher Richtung „sichere Wertanlage“ gesetzt. Nicht verwerflich und sogar ziemlich gescheit – aber am Handgelenk glitzert dann halt entgegen den vollmundigen Lyrics lediglich billige Basarware. Das Unverständnis der Fans ist bis zu einem gewissen Punkt nachvollziehbar, denn als Fan will man schlichtweg nicht verarscht werden. Wenn man merkt, dass man von einem Künstler für dumm verkauft und angeschwindelt wird, kann das die Beziehung zum Rapper durchaus negativ beeinflussen. Die tatsächliche Realness-Frage stellt sich aber wohl nur bedingt. Wenn Deutschrapper nämlich in ihrer Musik mit Luxusuhren flexen, handelt es sich um einen generischen Textinhalt, dem man nicht zu viel Bedeutung beimessen sollte. Es ist lediglich eine weitere Form der Selbstbeweihräucherung.

Muss ein Rapper denn überhaupt „real“ sein?

Aus der Sicht eines einfachen Musikkonsumenten würde ich diese Frage verneinen. Aus HipHop-Sicht würde ich dem entschieden entgegensetzen, dass gerade die Person hinter der Musik den Anreiz in diesem Genre ausmacht und seit jeher ein Maßstab ist. In keinem anderen Musikgenre sind der Künstler und dessen Kunst so stark miteinander verstrickt wie im Rap. Oder wie Megaloh sagen würde: „Einzige Mucke, wo man das, was man sagt, auch verkörpern muss“. Das hebt Rap seit seiner Entstehung von allen anderen Musikrichtungen ab.

Mittlerweile trifft die Aussage von Megaloh nicht mehr flächendeckend zu. Tat sie vielleicht auch nie. Das ist auch völlig legitim, denn das Genre ist mittlerweile so groß geworden, dass man ein relevanter Künstler sein kannst, ohne sich bestimmte Werte auf die Fahne zu schreiben, die es dann auch noch authentisch zu verkörpern gilt. Ein Rapper muss sich weder raptechnisch in einem Battle auf der Bühne behaupten, noch beim splash! seinen Worten Taten folgen lassen, wenn er in seiner Musik große Töne gespuckt hat. Trotzdem muss weiterhin zwischen Künstlern, die „realen“ Rap machen und damit eine ganze Kultur verbinden und Künstlern, die zwar Rapmusik benutzen, aber sonst wenig bis gar nichts mit HipHop am Hut haben, unterschieden werden. Genauso wie du HipHop leben kannst, ohne rappen zu müssen, kannst du eben auch Rap machen, ohne HipHop zu leben. Wichtig ist, dass beides absolut seine Daseinsberechtigung hat. Einen Unterschied gibt es trotzdem, auch wenn der sich in Grauzonen äußert, nicht in fest definierten „Real“ oder „Fake“ Stempeln.

Es gibt verschiedene Arten der Realness.

Backpack-Realness

Laas Unltd. ist ein Beispiel für einen echten, vollwertigen MC, der über eine Menge an Rapskills verfügt und die HipHop-Kultur mit jeder Faser des Körpers lebt. Der gebürtige Gütersloher verkörpert HipHop-Werte, für die er in seinem jahrelangen Beef mit Kollegah vehement einstand. Nicht umsonst forderte er seinen Kontrahenten des Öfteren zu einem 1on1-Battle auf. Es war der Kampf des Realkeepers gegen den schier übermächtigen Imagerapper. Kollegah ließ sich aber nicht aus der Reserve locken. Stattdessen machte er sich immer wieder über die „erfolglose“ Karriere seines Rivalen lustig. Der Höhepunkt war der Besuch eines spärlich besuchten Laas-Konzerts seitens Kollegah. Der selbsternannte Boss gibt schlichtweg nichts auf Laas‘ HipHop-Kodex, denn seine Musik definierte sich nie durch Authentizität. Die Kunstfigur Kollegah war immer klar als solche gekennzeichnet. Obwohl er vier Zuhältertapes veröffentlichte, ist es immer offensichtlich gewesen, dass der Jurastudent in Wahrheit keine Größe im Rotlichtmilieu ist.

Wenn ein Rapper offen damit umgeht, dass er eine Kunstfigur darstellt, wird es ihm nicht zum Verhängnis werden, denn er kann schlichtweg nicht als „fake“ entlarvt werden. Ein Beispiel für dieses entwaffnend offene Visier ist auch LGoony, der zwar gerne von teuren Luxusgegenständen rappt, aber gar nicht den Verdacht aufkommen lässt, dass er diese wirklich besitzen würde. Er bricht das Flexen mit Luxusgütern und Geld als überspitztes Stilmittel herunter.

Straßen-Realness

Ähnlich wie die Kunst von Laas Unltd. wird Haftbefehls Musik unter anderem von der Authentizität des Rappers getragen. Während der Backpacker Laas auf den HipHop-Kodex schwört, schreibt sich Haftbefehl Straßenkredibilität auf die Fahne. Wenn über Aykut Anhan bekannt würde, dass er ein Medizinstudent aus der Mittelschicht ist, würde die Magie seiner Musik urplötzlich verfliegen. Die Musik des Offenbachers Musik lebt, neben dem brachialen, einzigartigen Sound, von seiner mystischen, glaubwürdigen unergründbaren Persönlichkeit. Würde bei Haftbefehl die Authentizität-Komponente wegfallen, hätte die Kunst des Aykut Anhan in Zukunft definitiv nicht mehr den Status, den sie heute inne hat. Rein musikalisch wüsste Haftbefehl zwar immer noch zu überzeugen, aber sein realer Charakter hat einen großen Anteil an der Faszination seiner Musik.

Bushido ist das Paradebeispiel für einen Rapper mit einem aufgesetzten Gangster-Image, das dem Konsumenten als wahrhaftig verkauft wurde. Nach und nach entzauberte sich der Mythos vom Gangster-Bushido, der selbst immer bedacht war, seine Straßenattitüde durch Charme und Eloquenz zu brechen und so einen doppelbödigen Charakter darzustellen. Doch niemand kauft Bushido heutzutage noch das Gangsterimage ab. Die Person, die Bushido lange darstellte, ist somit endgültig verschwunden. Doch wirklich neu ist das nicht, die aktuellen Entwicklungen waren eher der letzte Sargnagel für Bushidos Image. Vielen Fans war Bushidos „wahre“ Person schon lange bekannt, mittlerweile gibt er sich via Social Media selbst als gemütlicher Familienmensch – die Kunstfigur verhält sich aber noch immer wie der raubeinige G mit dem Zahnstocher und der Cordon Sport Jacke. Sie hat sich schlichtweg von ihrem Darsteller Anis Ferchichi abgespalten.

Charakter-Realness

Es gibt Rapper, die einfach durch ihre Persönlichkeit zu überzeugen wissen. Ein Apache 207 besticht beispielsweise durch sein charismatisches Auftreten. Er ist ein Charakter, dessen Ansagen und Video-Auftritte für sich sprechen. Das ist eine Form der Realness, die man gar nicht beweisen muss oder kann. Das Gleiche gilt für Shindy, wobei der zeigt, dass so ein Charakter durchaus Ermüdungserscheinungen aufweisen kann. Ein Beispiel dafür ist sein peinlicher Auftritt bei Late Night Berlin, wo er ein paar Worte an Shirin David richtete. Der Auftritt hinterließ leider nicht den gewünscht lässigen Eindruck, sondern wirkte eher unbeholfen. Solch irritierende Momente lassen ihn sehr menschlich erscheinen und somit bröckelt der Status des unantastbaren Stars, den Shindy verkörpert. Mit so einem Ausrutscher verliert der Bietigheim-Bissinger zwar nicht an Glaubwürdigkeit, aber darunter leidet die Stringenz seines Übermenschen-Images. Zu viele Kratzer in dieser Fassade könnten tatsächlich auch die Musik massiv entzaubern, die zu großen Teilen von genau dieser Attitüde lebt. Auch hier hat es natürlich keinen direkten Einfluss auf die Musik, wohl aber darauf, wie sie wahrgenommen wird.

Ein Rapper ist nicht „fake“, wenn er eine gefälschte Rolex trägt.

Um die Eingangsfrage abschließend zu beantworten: Damit ein Rapper in puncto Realness als authentisch angesehen werden kann, sollte er als Privatperson den Inhalt seiner Musik verkörpern. Dabei muss aber nicht jedes Wort auf die Goldwaage gelegt werden. Ein Rapper ist nicht gleich „fake“, wenn er mal eine gefälschte Rolex trägt. Einen lustigen  Kommentar auf Social Media muss er sich trotzdem berechtigterweise gefallen lassen. Darüber hinaus ist Rap so groß, dass ein Künstler überhaupt nicht zwingend „real“ sein muss, um mit dieser Musikrichtung Erfolg zu haben. HipHop-Musik, die auf Authentizität basiert, darf trotzdem niemals aussterben!