Deutschrap und Verschwörungstheorien: Hintergründe, Akteure & Lösungsansätze

Man muss nicht lügen, um ein falsches Bild zu vermitteln.

Diese aktuelle „Super-Verschwörungstheorie“, die all das NWO-Gefasel der letzten Jahre noch einmal bündig zusammenführt und bei den Gläubigen für verdammt aufgeheizte Gemüter sorgt, ist die Konsequenz all dessen, was in den letzten Jahren kursierte und wogegen wir bei rap.de immer wieder vergeblich Alarm geschlagen haben. Das muss dabei nicht so bizarr klingen, wie in meiner Zusammenfassung: B-Lash etwa, macht seit Wochen nichts anderes, als in seiner Insta-Story vermeintlich seriöse Quellen zu dieser Thematik zu teilen und vermeidet es generell tunlichst, sich auf ein Glatteis zu begeben, das ihn offenkundig als Spinner dastehen ließe oder direkt angreifbar macht. Das Bild, das er letztlich zeichnet, ohne es namentlich zu adressieren, ist jedoch eindeutig.

Man kann all das schließlich auch geschickt verpacken, wie es der „alternative Journalist“ Ken Jebsen tut, dessen Videos unter anderem Fler seit Jahren immer wieder vereinzelt teilt – aktuell wieder vermehrt, allerdings meist hinter den verschlossenen Türen seiner Telegram-Gruppe. Jebsen biegt sich Informationen und Zahlen zurecht, verfälscht diese, dass sie seinem Narrativ entsprechen und nennt dann seriöse Quellen – die ihn eigentlich widerlegen, aber wer checkt bei einem halbstündigen Video schon alle Quellenangaben. Jebsens aktuelles Hype-Video „Gates kapert Deutschland“ steht bei über drei Millionen Aufrufen und hat einen derart großen Buzz, dass sich immer mehr Medien dazu berufen fühlen, dieses aufzudröseln und im Detail als die verlogene Propaganda zu entlarven, die es ist.

Die Rapszene hat ein Problem!

Verschwörungstheorien sind schon seit Jahren ein Problem in der Rapszene, doch das scheint sich gerade zu potenzieren. Selbst Vollblutspinnern wie Trau keinem Promi, der seit Jahren nur als Witzfigur und Meme herumgeschickt wurde, wird mittlerweile für voll genommen und streamt munter mit Sido, Kianush und Leon Lovelock, die zwar kontra geben, sich aber lediglich von dessen Vorwürfen gegen die Rapper selbst reinwaschen wollen.

Verschwörungstheorien sind nicht harmlos – sie locken Naive mit einem durchaus spannenden und auf den ersten Blick schlüssigen Weltbild und füttern dann nach und nach ideologisch verseuchte Sündenböcke zu, die das Weltbild und die Meinung des Gläubigen formen sollen. Natürlich ist ein Marvin Game kein Antisemit, doch wenn er sich auf derart geschichtsrevisionistisches Glatteis begibt, wie es im Interview mit Leon der Fall war, ist der nächste Schritt nach dem Anzweifeln des Weltkriegsverlauf und der Geschichtsbücher das Anzweifeln des Holocausts und schlussendlich der ebenfalls erschreckend verbreitete Mythos vom durch Juden selbst inszenierten Holocaust.

Soll heißen: Verlauft euch nicht in dubiosen Informationsgeflechten! Medienkritik schön und gut, aber „Mainstream-Medien“ per se nicht zu glauben, nur weil auch dort gerne mal ein unausgewogenes Bild gezeichnet oder eine Hintergrundinformation unterschlagen wird, ist kein kritisches Denken. Das ist ein schwachsinniges Dogma – besonders wenn anderen Medien dafür vorbehaltlos aus der Hand gefressen wird. Irgendein dahergelaufener Professor Doktor ist übrigens nicht zwingend eine seriöse Quelle, nur weil er ein Professor Doktor oder anderweitiger Wissenschaftler ist – erst recht nicht, wenn tausende andere Wissenschaftler widersprechen. Hinterfragt bitte wirklich Dinge. Checkt Quellen, prüft Fakten, seid kritisch! Behauptet das nicht nur großspurig in Interviews, obwohl ihr eigentlich jede vorgekochte Scheiße fresst, die irgendwie in euer Narrativ passt – denn dieses Narrativ ist verdammt gefährlich, auch wenn ihr es vielleicht (noch) nicht merkt.

Nachwort:

Bevor wieder die ewige Tirade von der Meinungsfreiheit losgeht: Genau so funktioniert Meinungsfreiheit. Jeder darf seine Meinung haben und kritisieren, muss aber auch damit klar kommen, wenn seine Meinung wiederum auf Gegenkritik stößt. Dass bestimmtes Gedankengut nicht kommentarlos stehengelassen werden sollte, heißt nicht, dass die Meinungsfreiheit eingeschränkt wird. Auch nicht, wenn beispielsweise Händler von ihrem Recht Gebrauch machen, zu entscheiden, wessen Produkte sie anbieten – oder Rapplattformen entscheiden, wessen Musik sie weiterhin verbreiten. Die Freiheit, für die wohl vermeintlich beide Seiten einstehen, funktioniert genau so.

Allerdings muss es diese beiden Seiten nicht geben. Wie alles im Leben, sind auch Verschwörungsmythen oft Grauzonen – was auch ein Problem darstellt. Viele Mythen und Theorien sind derart ideologisch gefärbt, dass es sie mit aller Härte zu bekämpfen gilt – dadurch geraten kritische Betrachtungsweisen anderer Themen ins Hintertreffen und ganze Diskurse sind kaum noch möglich. Natürlich ist es per Definition auch eine Verschwörungstheorie, das massenhafte Zeugensterben im Zuge der NSU-Prozesse kritisch zu hinterfragen und eine öffentliche Freigabe der Akten zu fordern – Zweifel an offiziellen Versionen sind nicht verboten. Insbesondere die Intentionen von QAnon sollten nachdrücklich hinterfragt werden.

Außerdem ist es durchaus schwierig, jeden, den man als Verschwörungstheoretiker entlarven kann, mit bedingungsloser gesellschaftlicher Ächtung abzustrafen. Die aktuelle SpiegelTV-Reportage etwa, in der auch Hildmann gezeigt wird, und die ein offensichtlich tendenziöses Bild zeichnet, das sogar Polizeigewalt relativiert – auch nicht cool! Allerdings ist es erfahrungsgemäß auch kaum möglich, Menschen mit dieser Denkweise durch Argumente umzustimmen. Kianush etwa, nimmt im Stream mit KuchenTV von einigen Punkten, die der YouTuber zweifellos widerlegt, Abstand. Seine Denkweise oder sein Weltbild hinterfragt er deshalb aber nicht – obwohl er sich extrem gesprächs- und reflexionsbereit zeigt. Der Impuls des Umdenkens und des tatsächlichen kritischen Denkens und Hinterfragens muss also vom Verschwörungsgläubigen selbst kommen – wenn er allerdings kommt, möchten wir jedem die Hand reichen, sich von derlei Gedankengut abzuwenden und „aufzuwachen“, wie es so schön heißt.

Deutschrap hätte Xavier Naidoo längst den Rücken kehren müssen!