Rap und Literatur #11 mit HipHop Journalist Malcolm Ohanwe: Rassismuskritische Fernsehreportagen über deutsche Rapper*innen

In unserer Interviewreihe “Rap und Literatur” geht es um das Verhältnis von HipHop-K ünstlern zu Literatur und Sprache. In der elften Folge dieser Reihe kommt der Fernsehjournalist Malcolm Ohanwe zu Wort, der mit originellen Beiträgen zu Deutschrap und Politik auf sich aufmerksam gemacht hat. Am Beispiel von deutschen Rapper*innen illustriert er in seinen rassismuskritischen Reportagen die Marginalisierung von Teilen der Gesellschaft, die als „nicht deutsch“ gesehen werden. In diesem Interview geht es unter anderem um „Blackfishing“ im Deutschrap am Beispiel von Shirin David und seine Faszination für albanische Pop- und Rap-Musik. Außerdem erklärt er, wie deutsche Medienhäuser ihre Deutungshoheit gegen marginalisierten Sichtweisen durchsetzen.

In letzter Zeit habe ich häufig das Lied „110“ von Capital Bra, Samra und Lea auf
Bayern 3 beim Autofahren gehört. Jedes Mal aber ohne die Parts der Rapper. Wieso boykottieren Radios deutschen Rap weitestgehend?

Puuuh! Das ist eine gute Frage. Ich denke, dass die Redaktion selbst jetzt nicht unbedingt
super Deutschrap-affin ist oder aus dem Milieu von Capital Bra stammt, um es zu „fühlen“.
Entsprechend denkt man, ihren Hörer*innen würde es genauso gehen. Außerdem
besingt Capital Bra zugegebenermaßen sehr viele fragwürdige Dinge, die nicht unbedingt
familientauglich sind für einen Familien-Sender wie Bayern 3. Pauschal kann man das nicht
sagen.

2018 bin ich durch deinen Podcast-Beitrag “Wir sind zu viele: Warum deutscher Pop nicht mehr weiss bleibt” auf dich aufmerksam geworden. Welchen Aspekt dieses Beitrags würdest du rückblickend hervorheben wollen?

Ich küsse deine Augen für diese Liebe! Ich bin sehr stolz auf dieses Stück. Es hat mir meinen allerersten coolen Moment in meiner Karriere ermöglicht.

Könntest du kurz deinen Werdegang skizzieren?

Ich habe mit 19 Jahren in der Jugend-Redaktion vom Bayerischen Rundfunk (BR) angefangen und dort meine ersten Gehversuche gemacht. Ich hatte da einen tollen Mentor, der mir viele Möglichkeiten gegeben hat, dem ich sehr, sehr dankbar bin. Aber irgendwann, nach zahllosen Stücken als Autor, wollte ich mehr. Ich wollte mich emanzipieren und mehr im Programm mitbestimmen. Ich wollte auch prominentere Sachen moderieren oder Themen und Strukturen mitgestalten, aber die Chefs der Redaktion und einige Redakteur*innen sahen das immer nicht so wie ich (lacht).

Ich kann mir vorstellen, dass es da die ein oder andere Meinungsverschiedenheit gab. War das der Fall?

Ja, sehr oft wurden meine Themen, Gedanken und Analysen, für mich gefühlt, als irrelevant abgetan. Gleichzeitig war ich journalistisch noch nicht so versiert wie ich es heute bin. Meiner Meinung nach fehlte es der sehr bürgerlichen und komplett weiß-deutschen fast
immer migrationshintergrundlosen (außer der zwei Schwarzen ModeratorInnen) Redaktion an Verständnis für die aktuellen Diskurse in der Popkultur von migrantisch und Arbeiter-geprägten Communitys in Deutschland. Manchmal dachte ich, ich rede gegen eine Wand.
Ich bewunderte diese Menschen alle und fand das Programm so toll, aber es gab irgendwo einfach einen inhaltlich-redaktionellen Disconnect.

Ehrlich gesagt klingt das für mich wenig überraschend, denn die Haltung von vielen großen Medien im Bezug auf Rap ist von einem gewissen Paternalismus oder vielleicht sogar willentliche Ignoranz geprägt. Kannst du ein solchen Konflikt genauer schildern?

Ich hatte 2016 ein exklusives Interview mit dem französischen Rap-Star MHD. Er hat mit mir darüber gesprochen, wie viele deutsche Rap-Stars damals angefangen hatten, seinen Afro-Trap-Sound zu imitieren. Das war ein großer Coup. Ich war der erste deutsche
Reporter, der dieses Interview als Video hatte. Die Redaktion wollte das aber nicht umsetzen, auch nach langem Hin und Her nicht. Ich habe dort so viel gelernt und bin für die Zeit sehr dankbar und hätte, glaube ich, nirgendwo anders so viele coole Sachen umsetzen können, wie meine Radiobeiträge zu albanischem Pop oder über den problematischen Begriff „Black Music“. Trotz dieser Highlights, war es mitunter mental super belastend, von unterschiedlichen Seiten immer suggeriert zu bekommen, deine Expertise, deine Lebensrealität hat nicht ebenbürtige Wertigkeit. Auch wenn ich weiß, dass niemand je beabsichtigt hat, fühlte sich die Zeit so an. Das ist leider oft unausweichlich als einziger BIPoC in einem weißen Unternehmen.

Wie hat sich diese Erfahrung auf dich ausgewirkt?

Ich kam nicht so recht voran und war frustriert, habe aber dennoch nach meinem Studium ein Volontariat beim BR angefangen, um dem Laden einfach nochmal eine Chance zu geben und auch um das Handwerk von Grund auf zu lernen. Das ist eine zweijährige
journalistische Ausbildung, in welcher du verschiedenste Redaktionen des Hauses kennenlernst. Es war beruflich mit die beste Entscheidung, die ich je hätte treffen können.

Heißt das, dass dein Podcast während des Volontariats entstanden ist?

Genau, im Rahmen eines dreiwöchigen Praktikums beim Zündfunk habe ich dann diese Sendung, von der du sprichst, gemacht und das Thema Repräsentation von BIPoC in unserer Musik endlich kompromisslos nach meiner Vorstellung umgesetzt. Das war ein richtiger Marathon, weil verdammt viele Künstler*innen und Perspektiven zu Wort kommen und ich echt wenig Zeit hatte. Ich finde, dass es ein richtig rundes, empowerndes und gut recherchiertes Ding geworden ist. Es gibt ebenfalls einen guten Querschnitt über Race Relations im Deutschrap. Ich hatte als Mensch und Journalist meinen Full Circle-Moment. Dass ich endlich ohne inhaltliche Kompromisse mein Musikwissen einbringen durfte und dass dann auch noch mit einem Award honoriert wurde.

Gibt es auch etwas, was du kritisch an diesem Beitrag siehst?

Ich bin sehr verärgert, dass ich es in der Zeit nicht geschafft habe, mehr als eine Frau vors Mikro zu bringen. Ich habe mich aber wirklich reingekniet, bin auf eigene Kosten dafür extra nach Berlin gefahren, um Eunique zu bekommen. In der Zukunft wünsche ich mir regelmäßig solche Sendungen gestalten zu können. Rundfunkanstalten, meine Mailbox ist
offen!

Du hast dich in diesem Podcast, aber auch in einem anderen Artikel mit albanischer Pop- und Rap-Musik befasst. Welcher dieser Künstler*innen haben es dir am meisten angetan?

Ich liebe, liebe, liebe albanische Pop- und Rap-Musik. „Shume qef“ von Dafina Zeqiri ist ein richtiger Banger Ihre Videos, ihre Ästhetik, aber auch ihr Sound ist Deutschland was „urbane Musik“ betrifft auf jeden Fall um einiges voraus. Das ist super, was die Jungs und Mädels da machen. Sänger wie Blero haben so einen geilen Schmelz in der Stimme. Das erinnert mich an meine großmütterliche Heimat Palästina. Dieser traurige langgezogene melismatische Gesang. Oder auch die begnadete Shkurte Gashi. An sich mischen die Albaner*innen eigentlich alles was ich liebe: R&B, HipHop, Arabesk, Balkan-Folk, Dancehall und Kitsch. Ich liebe diese selbstverständliche musikalische Vielfalt von den albanischen Youtube-Seiten wie ArkivaShqip. Und auch in Deutschland leisten albanische Akteur*innen wie Loredana, Ardian Bujupi, Gent, oder Dardan einen krassen Beitrag zu unserer Musikkultur. Es ist ein großer Traum von mir mal über die albanische Popkultur-Szene eine Fernsehreportage zu machen.

In deinem ARD-Film “Deutschrap – erfolgreich gegen Diskriminierung?” hast du den uigurischen Rapper Xay, die Schwarze Rapperin Aisha Vibes, queerfeministische Kurdin Ebow und den Bonner Sugar MMFK, dem die Abschiebung nach Angola drohte, getroffen.

Viele Menschen aus der Mehrheitsgesellschaft verbinden Rap, vor allem den von nicht- weißen und nicht-bildungsbürgerlichen Akteur*innen, als verroht, verwahrlost, kulturell irrelevant. Er sei besonders homophob, frauenfeindlich, gar faschistisch, heißt es von manchen weißen Kulturjournalisten. Und ja sowas gibt es, aber der Rap ist halt auch super selbstermächtigend und gibt vielen Leuten, die sonst niemals in gesellschaftlichen Debatten stattfänden, eine Stimme. Auch das zeigt die Doku für ARD alpha aus der Reihe
„RESPEKT“.

Gut, das du das erwähnst, denn dieses Argument hat auch die postkoloniale
Historikerin Fatima El-Tayeb in einer ausführlichen Arbeit zu deutschem Rap
ins Zentrum gestellt.

Ebow ist Kanakin, gleichzeitig Bildungsaufsteigerin, Architektin und Queerfeministin, die eingängige Songs macht. Sugar MMFK bewegt so viele junge Schwarze, gibt ihnen das Gefühl endlich in der deutschen Musik wieder repräsentiert zu sein. Xay macht einfach krassen R&B und repräsentiert Uiguren im Exil und Aisha Vibes ist eine der talentiertesten Texterinnen, die wir in Deutschland haben. Der Film zeigt, wie heterogen und vielschichtig die Rap-Welt ist und wie viel Potential sie hat und ist auch super funny und spannend, weil ich mich zum einen als Rapper versuche und manchmal daran zweifle, wie anti- diskriminierend der Rap dann doch ist. All diese Künstler*innen werden die nächsten Jahre noch sehr viel bewegen in unserer Musik und ganz viele Gruppen mitnehmen, die bislang noch unterrepräsentiert sind. Schaut auf jeden Fall rein!

Neben deiner regulären Tätigkeit als Journalist bist du ja auch erfolgreicher
Podcaster. Warum geht es in deinem Podcast Kanackische Welle?

Mit meinem Kollegen Marcel Aburakia reden wir zwei Mal im Monat über Identität im Einwanderungsland Deutschland. Es geht um Beschneidung bei Männern, es geht um Fußballgucken als Kanacke, es geht um deutschen R&B, Selbstablehnung als Schwarzkopf und vieles mehr. Wir hatten Gäste wie Moe Phoenix, Aminata Touré, Kay One, Muhabbet, Hassan Akkouch oder Sawsan Chebli. Am besten einfach direkt reinhören!

Auf Instagram spricht du oft über „Blackfishing“ im Deutschrap anhand des Beispiels Shirin David oder darüber wie ein Shindy mit seinem Mix aus Deutsch und Englisch mehr Fame abgreift als Schwarze Counterparts. Warum ist das ein wichtiges Thema?

Ich muss sagen, Shirin Davids Musik ist richtig gut. Sie wirkt auch sehr sympathisch. Ich höre ihre Lieder gerne und finde sie ist eine große Bereicherung für den deutschen Rap. Aber grundsätzlich bedienen sich viele nicht-schwarze Rapper sehr gekonnt an Schwarzen Stil-Elementen wie westafrikanischem Afro-Trap oder Slang aus den Straßen von New York oder Atlanta. Das ist ja irgendwo auch in der Natur der Sache, aber Schwarze deutsche Künstler*innen, die das machen brechen keine Rekorde oder werden nicht für „diese Innovation“ in den Himmel gelobt, wie etwa ein Trettmann oder Raf Camora. Es heißt bei Schwarzen dann oft, sie seien billige US-Kopien, die es in Deutschland nicht brauche. Shindys kompletter Film gerade ist einfach R. Kelly/Ja Rule/P. Diddy-Nostalgie um 2003 und Shirin ist oft eine laufende Karikatur von afroamerikanischen Stereotypen. Wenn Schwarze so reden, ist das oft ganz natürlich, weil sie so aufgewachsen sind, bei manchen nicht- schwarzen Acts, fällt es mir aber schwer zu glauben, dass es authentisch für sie ist. Und die meisten Deutschrap-Journos haben dafür einen blinden Fleck, weil fast keine*r von ihnen schwarz ist. Also ich kenne sie nicht. Manchmal finde ich es schwierig mich als Mann zum Beispiel kritisch an Shirin David abarbeiten zu müssen, aber sie macht das so eklatant mit der Ganzkörper-Schminke und mit ihrem Slang, dass es benannt werden muss. Über die Verwendung von Sprache im Deutschrap um die eigene Musik zu schmücken, habe ich auch kürzlich referiert bei der re:publica. Hoffentlich gibt es bald tolle Schwarze Journalistinnen im Deutschrap, die solche Debatten kritisch einfangen können.

Welche Rap-KünstlerInnen feierst du gerade hart ab?

Ich feier momentan eigentlich nur die Sängerin Mashanda. Mashanda. Mashanda. Aber auch Luna Simao. Johnny Joker aus München finde ich sehr spannend gerade. Glaube Soliana und Layla Boe könnten sich gut entwickeln. Auf Apple Music gibt es eine Playlist mit meinen liebsten Songs von 2019, da sind Tracks von Eunique, Loko Ben, reezy,
Hava zu finden.

Adem Ferizaj ist Essayist, schreibt über kulturelle sowie politische Themen und lebt in
München. Auf rap.de führt er das Interview-Format “Rap und Literatur”.