Haszcara im Interview: Rückblick, Sisterhood und neue EP

In den letzten Jahren hat Haszcara einige Dinge erreicht, auf die sie mit Stolz zurückblickt: Sie trat beim Splash! Festival und auf der Fusion auf, veröffentliche ihr erstes Studioalbum und war Mitglied der Jury beim Tapefabrik Rapcontest. Als vollwertiges Mitglied der Rapszene hat sie nun eine weitere EP namens „Hautnah“ veröffentlicht. Darin beschäftigt sie sich mit den Veränderungen, die das Leben als Rapperin mit sich bringen, spricht über Beziehungen und über die gegenseitige Unterstützung von Frauen im Rapgame – Sisterhood for the win! Gemeinsam mit Krissi Kowsky wagt sie einen Rückblick auf das, was in den 1 1/2 Jahren seit ihrem letzten gemeinsamen Interview so alles passiert ist. 

Deine Rapkarriere hat vor fünf Jahren mit der Teilnahme am VBT begonnen. Damals wurdest du dafür bewertet, wie gut du im Battle rappst. Inzwischen saßt du beim Tapefabrik Rapcontest mit Größen wie Falk Schacht, Alex Barbian, Josi Miller und Kai Scholtysik in der Jury. Wie war das für dich?

Das war total schön, weil ich genau den gleichen Gedanken hatte wie du. Krass, dass ich fünf Jahre danach nun selber einschätze, wie Leute rappen. Es war teilweise ein bisschen merkwürdig, weil es weird ist, Leute zu bewerten. Ich finde die Bewertung von Kunst mit Daumen hoch, Daumen runter sehr schwierig. Man muss immer auch darüber nachdenken, was das für die Leute bedeutet. Wenn wir da sitzen und die Kunst anderer bewerten, ist das natürlich sehr subjektiv.

Unser letztes Interview ist inzwischen 1 1/2 Jahren her. Damals war dein Leben ganz schön im Wandel: Du bist frisch nach Berlin gezogen und hast dein erstes Studioalbum released. Inhaltlich ging es darin – zugespitzt formuliert – um den Weg von der Bevormundung hin zur Selbstbestimmung. Nach außen wirkst du auf mich inzwischen sehr ausgeglichen und so, als hättest du dich von all dem freimachen können. Siehst du das auch so und inwieweit wirkt sich das auf deine Musik aus? 

Ich glaube, dass es da um zwei Ebenen geht. In Polaris geht es, auf die Selbstbestimmung bezogen, um einen geistigen Zustand. Es geht um mein Innenleben, ganz unabhängig von der Musikbranche. Diese Reise ist nie zu Ende. Die Reise auf der Suche nach sich selbst und nach der Person, die man sein möchte, dauert ein Leben lang an.

Die andere Ebene kann man auf die Rapbranche beziehen. Da habe ich auf jeden Fall ein paar Sachen erreicht, auf die ich stolz bin, die mir Selbstbewusstsein geben. Teilweise war ich sogar schon etwas überfordert damit, wie sich das alles entwickelt hat, dass ich beispielsweise meinen Instagram Account zwischenzeitlich auf privat gestellt habe.

Was zählt zu den Dingen, auf die du stolz bist?

Dass ich 2018 auf dem Splash! Festival mit den Hoe_Mies auftreten durfte – für mich ist das Splash! wie für andere Weihnachten. Gizem und Lucia von Hoe_Mies haben mich gefragt, ob ich ein paar Songs performen möchte. Das war also kein Haszcara-Konzert aber ich stand auf der Bühne und hatte ein Artists Bändchen, welches jetzt in meiner Wohnung hängt. Das war für mich super aufregend und krass, das werde ich nie vergessen!

Das glaube ich. Jetzt geht es mit deiner vier Songs starken EP „Hautnah“ weiter. In dem gleichnamigen Track rappst du einen Teil der Hook auf spanisch. Wie bist du auf die Idee gekommen? 

Ich höre zurzeit gerne vielsprachigen Rap und finde das sehr inspirierend. Ich hör im Moment eh viel Rap auf meinen Muttersprachen und dann kommt das von alleine. Außerdem haben in meinem Umfeld Unkn0nz Productions (Anm. d. Redaktion: Haszcaras Producer) und DosTres echt geile deutsch-spanische Tracks gemacht. Das hat mich dann nochmal gepusht.

Worum geht es in dem Song inhaltlich?

Es geht darum, wie es ist, eine Beziehung zu führen, in der eine Person im Rampenlicht steht und dadurch viel reist, auf Bühnen steht, ein paar mehr Follower auf Instagram hat und gelegentlich mal von der Seite vollgelabert wird. Das lässt die andere Person natürlich auch nicht kalt. Deswegen habe ich den Song aus der Perspektive der anderen Person geschrieben.

Du sagst immer „eine Person“. Bei Instagram hast du neulich im Rahmen eines Q&As gesagt, dass du als Privatperson anders aussiehst, als Haszcara. Früher hat sich die Kunstfigur nicht so stark von der Privatperson unterschieden. Gab es einen Auslöser dafür, dass nun vermehrt zu trennen?

Ich habe mich unter Druck gesetzt gefühlt, in privaten Kontexten als Haszcara angesprochen zu werden und hatte das Gefühl, mich dann auch wie Haszcara verhalten zu müssen. Außerdem gab es noch eine unangenehme Situation: Einmal war ich bei mir in der Gegend unterwegs und dann hat ein Typ unter einen Facebookpost von mir „Ich habe dich gerade in dem und dem Outfit in der ******* Straße gesehen“ geschrieben – und das war die Straße, in der ich gewohnt habe. Das fand ich total creepy. Nur weil man eine Person des öffentlichen Lebens ist, haben die Leute ja nicht die Berechtigung, jederzeit auf dich zugreifen zu können. Ich wollte diesen Druck loswerden. Außerdem bin ich nach wie vor recht neu in Berlin. Wenn man die ganzen Zeit seine langjährige Clique um sich hat, die einem immer widerspiegeln, wie und wer man wirklich ist, kann man mit solchen Situationen vielleicht besser umgehen. Es ist sehr entspannt, beispielsweise bei einem Geburtstag erst nach zwei Stunden erkannt zu werden.

Sisterhood for the win

Für den Song „Schon lange“ hast du dir etwas besonderes für das Video überlegt. Magst du das Konzept kurz erklären?

Der Song handelt von Sisterhood. Eigentlich wollten wir das Video bei meinen Tapefabrik Auftritt drehen und ganz viele andere Frauen aus der Rapszene mit einbeziehen. Das geht durch Corona natürlich nicht. Ich wollte aber auf gar keinen Fall alleine in dem Video sein und habe deshalb alle meine Friends und Fans aufgerufen, mir Videos von Momenten, in denen sie vielleicht mal schief angeguckt wurden, weil sie etwas bestimmtes tun, zu schicken. Zum Beispiel, wenn man als Frau rappt, Fußball spielst, boxt oder sprayt. 

Was für Videomaterial ist dabei zusammengekommen?

Ich habe total geile Videos bekommen! Eine feministische Boxcrew hat mir Boxvideos geschickt, eine talentierte Sprayerin hat auf eine komplette Wall „schon lange“ gesprüht, eine andere Freundin programmiert gerade Computerspiele und hat sich dabei gefilmt. Ansonsten sind viele Rapperinnen, die sich beim rappen gefilmt haben und ein*e nonbinary Rapper*in beim Nägel lackieren zu sehen.

Am Ende haust du eine Minute lang Shoutouts raus und nennst die Namen ganz vieler Rapper*innen. Warum ist dir diese gegenseitige unterstützen unter Frauen so wichtig?

Weil es sich super scheiße anfühlt, wie man behandelt wird, wenn man etwas angeblich nicht dem eigenen Geschlecht entsprechendes tun. Diese Art von Sexismus tut mir richtig weh. Als Kind wollte ich Fußball spielen und musste ab einem bestimmten Alter merken, dass ich als Mädchen kaum eine Chance hatte, das so auszuleben, wie ein Junge. Das ist total unfair. Ich möchte aufzeigen, dass das Problem strukturell ist, wir als Mädchen und Frauen damit nicht alleine sind und es nichts mit unserer Persönlichkeit zutun hat. Und wenn ich noch einmal höre „Es gibt ja keine Frauen, die rappen“… Von nun an kann man als Antwort auf diese Aussage einfach den Link zum Video schicken, darin sieht man dann zahlreiche Rapperinnen aufgelistet. Das ist wie ein Mittelfinger, mit dem man sagen kann, dass es zig Frauen gibt, die rappen. Manche rappen gut, manche schlecht, genau wie bei den Männern.

Ich habe das Gefühl, dass im Rap, wie auch in anderen Bereichen der Gesellschaft, von außen das Gefühl vermittelt wird, dass unter den „wenigen“ Frauen im Rap ja ein Konkurrenzdenken oder Missgunst herrschen müsse, weil die „freien Plätze“ ja begrenzt wären. 

Es tauchen derzeit auf jeden Fall viele Frauen auf, die rappen, was toll ist. Ich würde mir im Mainstream ein bisschen mehr Diversität wünschen – viele von ihnen sehen aus wie Instamodels, was junge Mädchen, die auch rappen wollen, unter Druck setzen kann. Intern herrscht auf jeden Fall ein gewisser Support. Man folgt sich bei Instagram, empfiehlt sich gegenseitig.

Intern habe ich auch überhaupt nicht das Gefühl, dass Missgunst herrscht. Eher von außen, zum Beispiel in den Kommentaren. Da wird dann beispielsweise unter ein Bild von der Rapjournalistin Helen Fares geschrieben „Du bist viel besser als Jule Wasabi“ und Helen gibt kontra, dass das kein Wettstreit sei, sondern beide parallel gute Arbeit leisten können.

Das stimmt. Vielleicht ist das Publikum gerade im Internet etwas zu jung und unreflektiert. Ich sehe oft Kommentare, in denen dann „Ciao, Juju/Loredana/Nura“ unter die Videos von Rapperinnen geschrieben wird. Halten die Leute es nicht aus, dass es mehrere nice Rapperinnen gibt? Deswegen fand ich es richtig gut, dass Juju und Loredana gemeinsam einen Song aufgenommen haben.

Selbstliebe und Liebe

Jetzt würde ich gerne noch über Riker sprechen. Bei unserem letzen Interview hast du gesagt, dass du lernen musstest, dass Selbstliebe und die Liebe zu einer anderen Person kein Widerspruch ist. In diesem Song erklärt du, wie man beides miteinander vereinbaren kann. Du teilst also die Erkenntnisse, die du dir über die Jahre hinweg erarbeitet hast. Was macht für dich eine Beziehung auf Augenhöhe aus und wie merkt man, wenn eine Beziehung eben nicht auf Augenhöhe ist? 

Eine Beziehung auf Augenhöhe beinhaltet für mich auf jeden Fall Eigenverantwortung. Der Idealfall ist, wenn man auch gut mit sich selber klar kommt, nicht 24/7 aber im großen Ganzen und wenn der oder die Partner*in lediglich eine positive Ergänzung ist. Nicht meine zweite Hälfte, da das schnell gefährlich sein kann, wenn man in ungesunde Abhängigkeiten gerät, sich Machtverhältnisse ausbilden und eine Beziehung toxisch wird. Außerdem ist radikale Ehrlichkeit der Kern einer guten Beziehung. Auch das hat wieder etwas mit Eigenverantwortung und Selbstbewusstsein zutun. Ein „People Pleaser“ zu sein ist wahnsinnig ungesund – sowohl für einen selber, als auch für andere. Wer nicht „Nein“ sagen kann, lebt keine echten Beziehungen. Eine Liebesbeziehung und auch eine Freundschaft wächst ja auch an den Konflikten, die man gemeinsam austrägt. Das geht aber nur, wenn man sich auch wirklich mitteilt und darüber spricht, wenn etwas mal nicht so cool ist.

Ein „People Pleaser“ ist eine Person, die das eigene Selbstwertgefühl aus der Bestätigung anderer aufbaut und sich selbst immer hinten anstellt, um andere Leute glücklich zu machen?

Genau. Und ein „People Pleaser“ hat wahnsinnige Angst davor, andere zu enttäuschen. Ich muss aber sagen, dass ich auch ein wenig dazu neige. Niemand enttäuscht gerne andere Leute und es ist schwer, „Nein“ zu sagen. Ich glaube aber, dass es wahnsinnig wertvoll ist. Wenn jemand „Ja“ und „Nein“ sagen kann, ist das „Ja“ viel mehr wert, weil es echt ist. 

Ich glaube, dabei die Balance zu finden, ist recht schwierig. Leute, die anderen gerne etwas Gutes tun, fühlen sich dadurch ja auch gut. Aber das kann natürlich schnell ungesund Ausmaße annehmen. Wenn man sich aber radikal dazu entscheidet, nur noch Sachen für sich selbst zu tun, ist das langfristig betrachtet wahrscheinlich auch nicht unbedingt gut.

Da hast du recht. In der Hook spiele ich auch noch auf was anderes an. Man lernt ja bereits als Kind, dass wenn ein Junge gemein zu einem ist, er eigentlich auf einen steht. Das hat sich so in unsere Köpfe eingebrannt, dass es in jedem Alter Frauen gibt, die in der Beziehung Scheiße behandelt werden, aber denken, dass das Liebe ist. Natürlich ist es auch wichtig, was man füreinander empfindet, aber das wichtigste ist, wie man miteinander umgeht! Deswegen sagte ich „Ich brauche dicht nicht / Aber Baby, ja, ich will dich / Und wenn du mich auch wirklich willst, Baby dann bemüh‘ dich“. Ich bin nicht abhängig von dir, komme super mit mir selber klar, aber ich würde sehr gerne eine Beziehung mit dir führen. Und dafür müssen wir uns beide anstrengen.

Schön gesagt. Ich habe gesehen, dass du bei deinen Videos auf YouTube die Kommentarfunktion deaktiviert hast. Warum hast du dich dafür entschieden?

Es hat mich genervt, wenn Leute Scheiße unter meine Videos geschrieben haben. Der Großteil sind zwar nette Kommentare aber inzwischen ist Musik ein bisschen so, wie ein Amazon Artikel. Bevor man sich etwas anhört, schaut man erstmal in die Kommentarspalte. Ich mache das auch, aber warum? Ich habe immer mal wieder einen Shitstorm bekommen. Das tut mir nicht gut und das bringt mich nicht weiter, weder musikalisch noch menschlich. Wenn ich alleine zu Hause sitze und dann so ein scheiß Kommentar aufploppt, macht mich das wütend. Ich will dann allen zeigen, dass das nicht stimmt – da muss ich wahrscheinlich auch noch ein bisschen an mir selber arbeiten. Leute können hinter meinen Rücken über mich reden, was sie wollen, aber müssen das nicht auf meinem Kanal tun.

Ich habe dich und deine Musik durch unser letztes Interview kennengelernt und erst im nachhinein gemerkt, wie viel von dem, was du in deinen Songs thematisiert hast, auch auf mich persönlich zugetroffen hat. Das hat mir wirklich geholfen. Ich spreche jetzt mal im Namen wahrscheinlich vieler junger Frauen ein Dank dafür aus , dass du deine Erfahrungen und Überlegungen über deine Musik mit uns teilst.  

Das ist voll schön zu hören! Das gibt mir auf jeden Fall sehr viel. Vielen Dank.

Gern! Danke für das Interview und alles Gute.