Lina Burghausen im Interview über 365 Female* MCs, das Label 365XX & Sexismus in der Szene


Foto: Vanessa Seifert / Beitragsbild: Sebastian Frank

Lina Burghausen ist seit Jahren als Managerin, Autorin und DJ in der HipHop-Szene tätig. Im September 2018 rief sie das Projekt „365 Female* MCs“ ins Leben, um Rapperinnen eine Plattform zu bieten. Aus dem ursprünglichen Blog ist mittlerweile eine eigene Website geworden, auf der jeden Tag eine andere Künstlerin vorgestellt wird. Wir sprachen mit ihr über 365 Female* MCs, ihr eigenes Label und Sexismus im Deutschrap.

Kannst du das Projekt „365 Female* MCs“ einmal für alle Leute vorstellen, die noch nie etwas davon gehört haben?

Ja klar, gerne. Ich habe „365 Female* MCs“ im November 2018 als Reihe auf meinem Blog gestartet. Dabei habe ich über ein Jahr lang pro Monat einen Blogartikel veröffentlicht, in dem für jeden Tag eine Rapperin vorgestellt wurde. Das Ganze ist inzwischen zu einem eigenen Blog geworden, auf dem wir jeden Tag eine neue Rapperin vorstellen. Das können Oldschool-Legenden, bekannte Namen oder Underground-Acts sein, von denen man vielleicht noch nie gehört hat. Wir versuchen, dass jeden Monat jeder HipHop-Fan eine neue Lieblingsrapperin findet, egal wofür er sich interessiert.

Wie genau kam es zu der Idee, das Projekt zu starten?

Ich führe seit vielen Jahren dieselben Debatten. Wann immer ich mit einem Veranstalter oder Journalisten darüber geredet habe, warum so wenig Frauen im Deutschrap stattfinden, bekam ich oft die gleiche Antwort: „Wir würden ja mehr Frauen buchen oder über sie berichten, aber es gibt ja so wenig Frauen.“ Irgendwann werden solche Diskussionen auch sehr frustrierend. Der Moment, der das Fass zum Überlaufen brachte, war das Reeperbahn Festival 2018, bei dem ich mich mit Fler etwas in die Haare bekommen habe in Bezug auf das Thema Frauen im Deutschrap. Ich hätte dann den nächsten Kommentar darüber schreiben können, warum wir in der Szene über Sexismus reden müssen, was aber nachhaltig wenig verändert hätte. Deshalb wollte ich den Leuten zeigen, wie viele Künstlerinnen es gibt und dass sie diese nicht ignorieren können. So habe ich angefangen Namen zu sammeln und das wurden schnell sehr viele. Inzwischen habe ich eine Datenbank mit 1500 Rapperinnen und das werden ständig mehr. Ich habe immer noch keine wirkliche Tiefenrecherche gemacht. Wenn man sich einmal ein bisschen damit beschäftigt, entdeckt man schon so viele Künstlerinnen, dass es eigentlich kein wirklicher Aufwand ist die zu finden.

Das sind wirklich extrem viele Künstlerinnen. Wie genau findet man die alle, speziell wenn es um internationale Untergrund-Rapperinnen geht?

Es ist tatsächlich oft Zufall. Natürlich werden mir auch Leute empfohlen und wenn ich auf Reisen bin oder jemanden aus der jeweiligen HipHop-Szene treffe, frage ich auch nach. So findet man oft die spannendsten Leute. Ich hab einfach Spaß daran, mich mit HipHop zu beschäftigen, auch außerhalb der großen Szene wie USA, Frankreich, Deutschland oder UK. Wenn man das eine Zeit lang macht, ist es meistens so, dass man über eine Rapperin stolpert und von dort aus 15 andere entdeckt. Ich glaube aber, wenn man noch mehr recherchieren würde, könnte man auch noch viel mehr finden.

Vor einigen Wochen wurde eure eigene Website gestartet, nachdem es zuvor nur den Blog gab. Was bedeutet dieser Schritt in der Praxis?

Die größte Veränderung ist für mich, dass ich das im ersten Jahr komplett allein gemacht habe und der alte Blog auch überhaupt nicht für so ein großes Projekt ausgelegt war. Inzwischen gibt es ein Team aus ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen, die an den Porträts schreiben. Das ist eine wahnsinnige Veränderung, weil es jetzt eine richtige Redaktion gibt, die mir sehr viel Arbeit abnimmt. Außerdem bekommt das Projekt dadurch endlich auch die Plattform, die es verdient. Auf der Website hat jetzt jede Rapperin ihren eigenen Beitrag. Man kann die Porträts auch nach Ländern filtern, wenn man z.B. nur Bock hat auf japanischen Rap hat. Wir arbeiten jetzt auch daran, dass alle Rapperinnen eigene Illustrationen bekommen und grafisch nochmal aufgewertet dargestellt werden. Das Lesen macht dadurch viel mehr Spaß als auf dem alten Blog mit den Longreads. Es ist insgesamt ein Upgrade für das Projekt, aber auch sehr viel Arbeit. Außerdem arbeiten wir grade auch an englischen Übersetzungen der Beiträge. Es ist immer noch viel zu tun auf der Seite, aber trotzdem bin ich schon sehr stolz darauf.

Außerdem wurde auch das Label 365XX gegründet, um Künstlerinnen eine Plattform zu bieten. Wie weit ist da die Planung vorangeschritten und habt ihr schon die ersten Acts gesignt?

Wir haben noch keine Verträge abgeschlossen, aber schon die ersten Gespräche geführt. Ich höre grade ganz viel Demos und spreche Künstlerinnen an, die ich eh schon auf dem Schirm habe und mit denen ich gerne arbeiten möchte. Wir wollen aber auch nicht wahllos Leute signen, sondern wirklich dope Künstlerinnen unter Vertrag nehmen. Da mache ich mir auch keinen Stress. Das ist grade alles noch sehr im Aufbau und in den Kinderschuhen.

Wenn wir von deinem eigenen Projekt etwas Abstand nehmen: Wie beurteilst du die allgemeine Entwicklung in Bezug auf die Stellung von Frauen in der HipHop-Szene und den Medien? Hast du das Gefühl, dass sich da Sachen tun oder dreht sich noch immer vieles im Kreis?

Ich habe schon das Gefühl, dass sich was verändert. Es gibt im Deutschrap derzeit so viele erfolgreiche und sichtbare Rapperinnen wie nie zuvor. Das ist eine krasse Entwicklung. Außerdem führen wir diese ganzen Debatten über Sexismus und die mangelnde Sichtbarkeit von Frauen oder nicht binären Personen inzwischen auch szeneintern. Das hat es vor zehn Jahren so nicht gegeben. Wir müssen gucken, dass das auch nachhaltig ist und sich nicht in drei Jahren wieder erledigt hat. Ich merke auch, dass es ein viel größeres Miteinander unter den Frauen im HipHop gibt. Früher gab es im HipHop-Journalismus nur Visa Vie und ich weiß, dass sie ganz viel Scheiße ertragen musste und total viel in Frage gestellt wurde. Inzwischen kann es Visa Vie geben und Miriam (Davoudvandi), Helen (Fares), Josi (Miller), Salwa (Houmsi) und ganz viele andere Menschen, die nebeneinander existieren können und respektiert werden, obwohl sie natürlich immer noch viel Scheiße erleben. Wenn ich für etwas angefragt werde und das nicht machen kann, dann empfehle ich eben eine dieser Frauen. Da ist einfach viel mehr Zusammenhalt als früher, auch bei den Künstlerinnen. Es gibt DJ-Kollektive und Crews, die sich zusammentun, bei denen viel Support untereinander vorhanden ist. Früher waren Frauen im HipHop oft isoliert. Das bricht grade so ein bisschen auf und das hängt auch mit der Sichtbarkeit zusammen. Frauen checken viel mehr, dass sie nicht alleine sind in dieser Szene. Das ist eine super Entwicklung, aber trotzdem ist es noch ein sehr langer Weg. Wir führen zum Teil immer noch dieselben Debatten wie vor 10-15 Jahren und das nervt.

Du hast gerade schon angesprochen, dass wir zur Zeit sehr viele erfolgreiche Künstlerinnen haben. Letztes Jahr sind Leute wie Shirin David, Juju, Nura oder Loredana hoch gechartet. Glaubst du, dass sowas als Vorbildfunktion für andere Rapperinnen wirken kann und dass dadurch Türen in der Industrie geöffnet werden?

Ja, das glaube ich absolut. Wir merken jetzt schon den Impact, den SXTN hatten. Ich weiß, dass ganz viele jüngere Rapperinnen durch SXTN angefangen haben zu rappen. In dem eher politischen Rapkosmos hat Sookee eine sehr große Rolle gespielt. Sie war und ist ein Vorbild für Frauen, die sich mit ihren Inhalten vielleicht mehr identifizieren konnten als mit denen aus dem Mainstream-HipHop. Das führt dazu, dass viele junge Mädchen und Frauen auf die Idee kommen, auch zu rappen und genauso sein möchten wie Juju, Nura oder Shirin. Man kann darüber reden, ob diese Leute immer die perfekten Vorbilder sind, aber es sind starke Frauenfiguren, die eine Form von erfolgreicher Weiblichkeit ausdrücken. Dadurch werden andere dazu animiert, sich auch an HipHop zu beteiligen.

Ich weiß jetzt schon, dass es unter dem Beitrag Kommentare geben wird, die sagen, dass es auch ausgrenzend wäre, männliche Künstler aufgrund ihres Geschlechts von deinem Label und der Website auszuschließen. Was würdest du diesen Leuten erwidern und wie würdest du begründen, warum solche Maßnahmen notwendig sind?

Ich verstehe diese Kommentare ein Stück weit. Natürlich ist es eigentlich das Ziel, dass wir über das Geschlecht nicht mehr reden müssen und sich das ganze Thema erübrigt hat. Alle sollten möglichst erfolgreich Musik machen können, ohne auf das Geschlecht limitiert zu werden. Ich würde mir wünschen, dass Projekte wie „365 Female* MCs“ oder auch Keychange überhaupt nicht mehr notwendig sind, weil es 2020 ist und wir über solche Probleme hinweg sind. Das sind wir aber nicht. Aus diesem Grund ist es einfach wichtig, eine höhere Sichtbarkeit für nicht-männliche Künstlerinnen zu ermöglichen. Da ist so ein Blog eine Möglichkeit. Mir geht es in dem Blog darum, diese Masse und Vielseitigkeit an weiblichem Talent sichtbar zu machen. Wer die Blogbeiträge liest, wird sehen, dass es darin fast nie um Weiblichkeit geht, sondern um die Musik und um die Geschichte. Das passiert im normalen Musikjournalismus viel zu selten. Wenn da überhaupt über Frauen geschrieben wird, geht es darum, dass die Frau ja locker mit den Männern mithalten kann. Damit ist aber auch niemandem geholfen, weil Frauen immer noch oft als das seltene Einhorn dargestellt werden. Wir sprechen über All-Female-Crews, aber nicht über All-Male Crews. Darum gehts es in meinem Blog nicht. Die künstlerische Leistung von Frauen aus der ganzen Welt soll im Vordergrund stehen. Es ist ein Mittel, um Frauen mehr in den Mittelpunkt zu stellen, wo sie aktuell noch kaum stattfinden. Ich weiß, dass Rapperinnen durch diesen Blog inzwischen auch auf den Bühnen oder in den „normalen“ Musikmagazinen landen und über diesen Umweg den Weg in den Mainstream finden.

Das Thema Sexismus im Rap ist nach wie vor präsent, wie zuletzt durch die #unhatewomen-Kampagne deutlich wurde. Im Zuge dessen wird auch immer wieder das Thema Kunstfreiheit groß diskutiert. Wo würdest du die Grenze zwischen blankem Sexismus und künstlerischer Ausgestaltung der Texte ziehen?

Das ist eine harte Frage. Wie wahrscheinlich jeder HipHop-Fan, tue ich mich mit einer eindeutigen Antwort schwer. Für mich hört das Ganze spätestens dann auf, wenn ein Rapper immer wieder auf seine Authentizität pocht und dann sexistische Lines bringt. Dann funktioniert dieses Argument mit der Kunstfigur einfach nicht mehr. Wenn sich jemand die ganze Zeit als super authentisch und real präsentiert und darüber rappt, dass er seine Frau schlägt oder als Objekt behandelt, finde ich es immer ein bisschen weird, wenn plötzlich ein Aufschrei durch die HipHop-Szene geht, weil sich herausstellt, dass der Rapper wirklich ein sexistisches Arschloch ist. Das finde ich dann doch eher wenig überraschend. Bei mir kommt noch dazu, dass mich sexistische Lines nicht mehr unterhalten. Es ist 2020 und ich finde Mutter-Lines einfach nicht mehr lustig. Das war vor 15 Jahren vielleicht innovativ oder lustig, aber langsam ist das vielleicht auch mal vorbei. Natürlich habe ich früher auch viel sexistischen Rap gehört und das nicht hinterfragt oder mich daran gestört, einfach weil ich das gar nicht so reflektiert habe, was da eigentlich gesagt wurde. Ich glaube, dass wir überlegen müssen, was das mit bestimmten Hörergruppen macht und ob wir das wirklich so lustig finden.

Hältst du solche Kampagnen gegen Sexismus für zielführend? Ich habe oft das Gefühl, dass das in erster Linie bei den Leuten ankommt, die sowieso schon der gleichen Meinung sind und die anderen eher noch weiter auf Distanz gehen. Was sind vielleicht andere Wege, wie man gegen Sexismus in der Szene vorgehen könnte?

Ich verstehe voll was du meinst. Es ist auf jeden Fall ein Thema, dass sich eher die Leute angesprochen fühlen, die das eh schon auf dem Schirm haben. Ich denke aber schon, dass es einen Diskurs in der Szene auslöst und das ist immer gut, auch wenn die Fronten verhärtet sein mögen. Ohne einen Diskurs ändert sich ja gar nichts.  Diese #unhatewomen-Kampagne ist für mich ein bisschen zwiespältig, weil es schwierig ist, von Externen nur auf HipHop zu zeigen, obwohl Sexismus kein explizites HipHop-Problem ist. Es ist ein Problem im HipHop, aber nicht ausschließlich im HipHop. Es ist trotzdem extrem wichtig, dass wir uns als Szene dabei reflektieren. Ich finde auch, dass HipHop die Power hat, solche Sachen in der Szene selbst oder in der Gesellschaft zu verändern. Aber wir reden davon, dass HipHop schlimm ist, aber wenn im Schlager davon gesungen wird, dass der Frau von hinten an die Brüste gefasst wird, lachen alle darüber und klatschen mit. Das geht nicht. Wir müssen konsequent über Sexismus in der Popularkultur reden. Das machen solche Kampagnen oft leider nicht. Es wird mit dem Finger auf HipHop gezeigt, aber die nackte Frau auf dem Plakat von irgendeinem Malereibetrieb ist in Ordnung.

Es kann sich sehr viel verändern, wenn wir anderen Themen eine größere Bühne bieten. Wir geben als Medien und Musikindustrie den Künstler*innen Raum, die solche Themen abbilden. Natürlich finden diese Künstler*innen über die sozialen Netzwerke sowieso ihre Zielgruppe. Das kann man nur bedingt verhindern, aber man kann sich trotzdem überlegen, wem man selbst eine Bühne gibt. Wir sollten vermehrt Rapper*innen unterstützen, die für etwas anderes stehen. Da muss sich auch die Musikindustrie krass an ihre eigene Nase fassen. Wenn ich mit meinem Label nach Künstlerinnen suche, checke ich vorher die Texte. Ich würde nie irgendwelche zweifelhaften Sachen veröffentlichen. Wenn eine meiner Rapperinnen eine antisemitische oder rassistische Line droppt, egal wie humoristisch diese gemeint sein mag, dann wird das nicht veröffentlicht. Alle verdienen ganz viel Geld mit diesen Rapper*innen, aber es gibt doch auch eine gewisse Verantwortung von Labelseite. Das ist eine große Stellschraube. Außerdem müssen wir uns als Menschen mit Gehirn mehr damit auseinandersetzen, warum man nicht 50 % der Menschheit marginalisieren sollte. Das betrifft wieder nicht nur HipHop, aber das ist unsere Kultur und unser Zuhause, in dem wir uns bewegen. Damit können wir anfangen. „365 Female* MCs“ ist dabei nur ein kleiner Tropfen auf einem heißen Stein, aber das ist der Bereich, in dem ich etwas ändern kann.

Damit sind wir auch fast am Ende angelangt. Welche zukünftigen Projekte stehen bei euch an? Kannst du uns einen kleinen Ausblick geben?

„365 Female* MCs“ geht auf jeden Fall weiter. Perspektivisch wird es die Seite hoffentlich bald auch in anderen Sprachen geben. Man kann uns gerne über Patreon per Crowdfunding unterstützen, wo man monatlich mit einem kleinen Beitrag helfen kann, dass wir das als ehrenamtliches Team weiterhin stemmen können. Wir würden auch gerne größere redaktionelle Projekte realisieren, aber das geht nicht ohne den finanziellen Background. Außerdem wird das mit dem Label wahnsinnig aufregend, sobald die ersten Signings und Veröffentlichungen anstehen. Wenn Corona uns nicht für immer lahmlegt, wird es auch noch weitere „365 Female* MCs“-Partys geben. Die letzten Partys waren in Köln und Dortmund. Berlin wäre Ende März dran, aber ich fürchte, dass das nicht stattfinden wird. (Mittlerweile ist klar: Wird es nicht; Anm. d. Red.) Es stehen aber auch schon einige Termine für den Sommer fest. Es wird aber darauf ankommen, wie das öffentliche Leben in Deutschland weitergeht. Ansonsten gibt es auch eine „365 Female* MCs“-Spotify-Playlist, für die Leute, die nicht gerne lesen und täglich die Website abchecken wollen.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

 

2 KOMMENTARE

  1. endlich mal ein gutes Interview! Sowas kann die heutige Szene gebrauchen, starke Frauen im Rap! Vor allem solange Bastarde wie GZUZ und Farid und Fler dort rumlaufen! Und bitte hört auf über diese zu berichten!

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