Interview mit Pöbel MC über sein Album „Bildungsbürgerprolls“, seinen Werdegang & den Inhalt seiner Texte

Neben einigen Tapes veröffentlichte Pöbel MC unter anderem 2018 das Kollaboalbum „Soli Inkasso“ mit Milli Dance. 2019 erschien zuletzt das „Pöbel Sports Tape“. Nun steht sein erstes vollwertiges Album „Bildungsbürgerprolls“ in den Startlöchern. Nachdem Pöbel Mc die Promophase am 14. Januar mit dem Splitvideo zu Patchworkwendekids/Bildungsbürgerprolls eingeläutet hatte, folgten des Weiteren noch die Singleauskopplungen „Alkmukke“ und „Dopamindealer“. Wir trafen uns mit dem gebürtigen Rostocker, der mittlerweile seit vielen Jahren in Berlin lebt, in unserem Redaktionsbüro in Kreuzberg.

Das Wichtigste zum Anfang: Wie oft trainierst du Waden pro Woche?

Der Witz ist, dass ich meine Waden überhaupt nicht trainiere. Ich spiele gerne Fußball oder fahre ein bisschen Fahrrad, aber eigentlich sind die von Natur aus so. Wenn ich im Fitnessstudio bin, trainiere ich auf jeden Fall keine Waden. Ich habe großes Glück, was meine Waden anbelangt.

Dein kommendes Album trägt den Namen „Bildungsbürgerprolls“. Beschreib mal den typischen Bildungsbürgerproll.

Ich habe viele Kolleginnen und Kollegen, die ich als klug und umsichtig einschätzen würde. Die es als etwas positives ansehen, ihre geistigen Fähigkeiten zu pflegen und zu erweitern. Darüber hinaus haben sie aber mit den sonstigen akademischen Klischees nicht viel gemein, sondern sind eher laut, prollig und in vielen Situationen enthemmt. Da wird das klassische Akademiker-Klischee aufgelöst. Bildungsbürgerprolls versucht das in einem Wort zu umschreiben. Diese strikte Zuordnung in verschiedene Kategorien gibt es in der heutigen Zeit nicht mehr wirklich, beziehungsweise es kommen neue Typen dazu, die das aufbrechen. Den Geige spielenden, Goethe lesenden Bildungsbürger, der sich in einer bestimmten Art und Weise kleidet, findet man heute seltener als früher. Ich könnte dir jetzt aber nicht die drei wichtigsten Eigenschaften eines typischen Bildungsbürgerprolls aufzählen, ohne dass es albern wird. Der Introtrack versucht den klassischen Bildungsbürgerproll ein bisschen abzubilden.

„Ich werde immer versuchen, neue Sachen auszuprobieren und damit Abwechslung in meine Musik zu bringen.“

Du rappst seit 2015 und hast in dieser Zeit verschiedene Styles ausprobiert. Was war das für ein Prozess und hast du jetzt nach knapp fünf Jahren deinen Style gefunden?

Nein. Ich glaube, dass sich das immer weiter verändern wird, so wie es mir gerade passt. Mein Werdegang sieht so aus, dass ich eher mit 90 BPM und Boom Bap sozialisiert worden bin. Auf solchen Beats habe ich 2015 angefangen zu rappen. Mit der Zeit habe ich für mich entdeckt, dass man musikalisch noch mehr ausprobieren kann und dass ich andere Themen als Battlerap bedienen kann. Ich bin immer offen für alle möglichen Experimente und denke nicht, dass ich mich irgendwann auf ein ganz bestimmtes Soundbild festfahren werde. Ich werde immer versuchen, neue Sachen auszuprobieren und damit Abwechslung in meine Musik zu bringen.

Alle Beats des kommenden Albums wurden von Tombs Beats produziert. Inwiefern ist er für die Entwicklung deines Soundbildes mitverantwortlich?

Er ist für die Beats verantwortlich, aber die Produktion der Songs machen wir im Endeffekt gemeinsam. Durch meinen Text gebe ich dem ganzen Konstrukt eine Struktur. Er hat erstmal einen Loop. Wenn mir der Loop gefällt, schreibe ich was darauf. So entstehen beispielsweise zwei 16er, eine Hook und vielleicht noch eine Pre-Hook oder ein C-Teil. Meistens fangen wir dann erst an, die einzelnen Elemente des Beats auseinanderzunehmen. Daraus versuchen wir einen Song mit einer Dramaturgie zu erschaffen. Das heißt, durch seinen Beat ist der Song schon geprägt. Den Song, den du am Ende hörst, hat aber auch viel mit unserer gemeinsamen Arbeit zu tun. Das Mixing und Recording des Albums, also die musikalische Ausgestaltung, machen wir zusammen. Bei manchen Produzenten ist es so, dass der Rapper nur ins Studio kommt, um seine Parts einzurappen. Der Produzent ist dann schlussendlich für den ganzen Song verantwortlich und definiert somit stark den Sound.

Das Cover deines kommenden Albums ist im Design eines Reclam-Buches gestaltet – Wie literarisch wertvoll ist „Bildungsbürgerprolls“?

(Grinst) Extrem literarisch. Ich würde es auf Augenhöhe mit den Werken von Goethe, Dostojewski und anderen Klassikern der Literaturgeschichte ansiedeln. Spaß beiseite – ich glaube für den interessierten Zuhörer, der sich schon mal mit meiner Musik befasst hat, sind einige interessante Aussagen und Stimmungen enthalten. Ich glaube, dass man merkt, dass das Album zweigeteilt ist. Die eine Hälfte beinhaltet eher nachdenklichere Songs und die andere Hälfte ist mehr in die Fresse. Insofern ist das für Raphörer mit kulturellem und asozialem Anspruch genau das Richtige.

Erwartest du von deinen Fans, dass sie sich mit dem Inhalt deiner Musik auseinandersetzen?

Ich würde niemandem einen Vorwurf machen, wenn diese Person, warum auch immer, einfach nur meine Stimme angenehm findet. Das ist auch in Ordnung, jeder hat da seine eigenen Zugänge zur Musik. Gleichzeitig hat man mehr von der Musik, wenn man versucht, die Punchlines für sich selbst ein bisschen zu ordnen und den Text zu durchdringen. Unabhängig davon, kann man sich mit den geäußerten Ansichten weiter auseinanderzusetzen. Egal, ob man die Ansichten teilt oder sie für zu kurz gegriffen hält. Es kann auf jeden Fall einen Mehrwert haben, wenn man sich auch mit den Texten beschäftigt. Es geht mir ja genauso, wenn ich irgendwelche Rapmusik höre. Erst achte ich auf das Soundbild und in dieser Hinsicht ballern auch die meisten Songs. Wenn aber die Sachen, über die die rappen, permanent langweilig sind, erschöpft mich das schnell. Ich habe dann das Gefühl, dass ich nichts entdecke und das ist bei meinen Songs zum Glück meistens nicht der Fall. Das ist jedenfalls das Feedback, das ich bekomme.

Wie schwierig ist es, die Balance zu halten zwischen inhaltlich gehaltvollen Lines und dem Sound, der zum Abgehen auf der Bühne geeignet ist?

Das ist ein großes Puzzle. Ich mache mir sehr viele Gedanken darüber, weil es gerade bei gesellschaftlich bedeutenden Themen, Gratwanderungen zwischen erhobenem Zeigefinger, lustig ironischer Auseinandersetzung und der Rap-Sprache gibt. Man kann viel Zeit damit verbringen, das ganze vernünftig auszubalancieren, um einen coolen Style zu finden. Die Leute sollen schon das Gefühl haben, dass ich ihnen was zu erzählen habe und dass sie mit meiner Gedankenwelt in Berührung kommen.

„Ich als Raphörer würde es begrüßen, wenn auch die Rapper aus dem Mainstream textlich wieder etwas interessanter werden“

Auf „Patchworkwendekids“ rappst du: „Ich vermittle was es braucht, und Aggression und Bildung schließen sich auf keinsten aus.“ – Inwiefern braucht Deutschrap mehr Bildung?

Ich weiß nicht, ob es das zwingend braucht, aber ich als Raphörer würde es begrüßen, wenn auch die Rapper aus dem Mainstream textlich wieder etwas interessanter werden. Dass sie wieder vermehrt gesellschaftskritische Inhalte behandeln und somit auch eine größere Bandbreite haben. Vielleicht kriege ich die guten Sachen auch gar nicht mit, aber ich hatte in den letzten Jahren das Gefühl, dass es viel um Aufstiegsparolen und Materialismus geht. Das kann auch lustig sein und es gibt auch viele gute solcher Tracks, aber in der Menge erschöpft es sich halt. Wenn man da thematische Vielfalt reinbringen könnte, würde das Deutschrap wieder interessanter machen.

In Anspielung auf deinen Namen: Wo liegt für dich die Grenze zwischen elegantem Pöbeln und stumpfem Beleidigen?

Im Battlerap gibt es oft die Auffassung, dass man auffällt, wenn man besonders ekelhaft ist und besonders viele Grenzüberschreitungen einbaut. Bei manchen Battlerap-Figuren ist das mittlerweile programmatisch. Man will der sein, der noch ein bisschen sexistischer ist als der andere. Das finde ich in den meisten Fällen langweilig. Das würde ich als unattraktiven Teil des Pöbelns ansehen. Der elegante Teil des Pöbelns besteht darin, die Schwächen des Gegners in einer sprachlich überraschenden und interessanten Weise aufzuzeigen. Dass man seine Beleidigungen auf eine analytische Art und Weise aufbaut. Das ist es, was ich versuche und das finde ich auch beim Battlen viel interessanter. Wenn jetzt mal wieder jemand sagt, dass er die Mutter von irgendwem fickt, hat er zwar den Gegner beleidigt, aber jeder weiß, dass es nicht passieren wird. Oder wenn es passiert, wird er halt umgeboxt. Wenn du aber jemanden mit Realtalk, der lustig verpackt ist, angreifst, reiben sich die Leute vielleicht mehr dran, weil es eben den Bezug zum Gegner hat.

Vielen Dank für das Gespräch!