Loredana Boykott: Doppelmoral trifft auf Cancel Culture – auch bei rap.de #BoycottLoredana

Loredana-Boykott: Kommentar
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Der Hashtag #BoycottLoredana dominiert aktuell Twitter. Eine Diskussion tobt, die gleichzeitig so simpel und so komplex ist, dass man sich kaum dazu äußern kann und will. Denn es geht nicht wirklich um Loredana, es geht um alle moralischen Diskussionen, die der Deutschrap-Kosmos in den letzten Jahren erlebt hat. Außerdem geht es um Misogynie, Doppelstandards von allen Seiten und die Verantwortung von HipHop-Medien. Eine längst überfällige Diskussion wird endlich angeschoben.

Doch was ist hier überhaupt los? Shootingstar Loredana steht im Verdacht, ein Rentnerehepaar um viel Geld betrogen zu haben. Umgerechnet ca 650.000€ soll Loredana den Opfern Petra und Hans Z. als angebliche Anwältin abgeschwatzt haben. Bewiesen ist all das noch nicht, der Prozess läuft seit mindestens letztem Jahr. Dennoch: Der Shitstorm tobt. Anlass war allerdings nicht das Bekanntwerden dieses Sachverhalts, sondern ein Interview, das die mutmaßlich Geschädigte Petra Z. dem Schweizer Boulevard-Magazin 20 Minuten gab. Im Interview schildert Z. ihre Situation: Sie lebe aktuell am Existenzminimum und könne nicht für die Beerdigung ihrer Mutter aufkommen, die am 11. Juli verstorben sei. Um die Summe von ca. 3.700€ zusammenzukriegen, setzt das Ehepaar nun auf Spenden. Diese Ungeheuerlichkeit schlug nun berechtigterweise Wellen.

Die Spendenkampagne haben wir hier verlinkt.

Nur um das direkt festzuhalten: Sollte sich der Fall nur ansatzweise so gestalten wie hier geschildert, dann kann es keine zwei Meinungen geben. Das ist verachtenswert. Tfu! Rentner abzocken, quasi auf Enkeltrick-Basis Deluxe – was für eine ekelhafte, skrupellose Nummer. Da gibt es nichts schön zu reden. Allerdings sollte man sich immer vor Augen führen: Der Prozess läuft, es gibt noch kein Urteil. Aus juristischer Sicht gilt klar die Unschuldsvermutung. Der Hashtag #BoycottLoredana trendete dennoch und viele Tausend User wüten über die Taten der Rapperin.

Die schwarze Liste

Nun haben wir bei rap.de uns bei vergleichbaren Fällen ebenfalls die Freiheit genommen, uns von einem eigenen Standpunkt ausgehend ein Bild zu machen und selbst darüber zu urteilen, wer auf dieser Plattform stattfindet und wer nicht. Die berüchtigte schwarze Liste, die wir nie öffentlich zugänglich gemacht haben, weil es sich nicht um eine Strafmaßnahme oder ein Tribunal handelt, sondern schlicht und ergreifend um unser Hausrecht.

Das beantwortet allerdings nicht die Frage, warum Loredana noch immer auf rap.de stattfindet, während andere Künstler auch ohne Hashtag boykottiert werden, wenn man es denn so nennen will. Das erkläre ich gern: Wir canceln keine Künstler, weil wir sie für schlechte Menschen halten. Wir canceln Künstler, weil wir sie für gesellschaftlich untragbar halten. Dieser kleine, aber feine Unterschied ist natürlich nicht immer klar ausdefiniert und wir argumentieren hier auf keiner juristischen Grundlage, dennoch: Ein Rapper, der seine Freundin misshandelt, sich rassistisch äußert oder antisemitische Verschwörungstheorien propagiert, reproduziert und fördert gesellschaftliche Probleme, die auf uralten Machtgefällen fußen. Es ist unsere, und damit meine ich jede*n, Aufgabe, dagegen vorzugehen.

Das heißt nicht, dass es schlimmer oder weniger schlimm ist, das N-Wort zu benutzen als alte, gutgläubige Menschen um ihre Ersparnisse zu bringen – denn darum geht es nicht. In den sozialen Medien tobt allerdings ein Krieg, der die eigentliche Debatte komplett verwässert. „Aber Rapper XY hat doch das gemacht und da gab es keinen Aufschrei.“ Stimmt. In diesem Fall ist ein gewisser Whataboutism sogar angebracht. Aber nicht, weil es darum geht, die Taten gegeneinander aufzuwiegen. Loredana hat unentschuldbare Scheiße gebaut, genau wie es zahlreiche ihrer männlichen Kollegen schon getan haben. Dabei hat sie aber keinen gesellschaftlichen Mechanismus bedient, sondern ein gewöhnliches Kapitalverbrechen begangen, wie so viele zuvor.

Auch das macht es nicht weniger schlimm, sorgt aber von medialer Seite für einen anderen Umgang mit dem Sachverhalt. Vergleiche mit Xatar hinken beispielsweise in beide Richtungen – auch er hat sich bereichert, doch das geraubte Gold war versichert. Dafür hat er die Fahrer des Transporters womöglich schwer traumatisiert, während Loredana, sollte es denn stimmen, frei von Zwang vorging, aber die privaten Ersparnisse von unschuldigen Rentnern einsackte. Es ist schlichtweg nicht unsere Aufgabe, das Strafregister von Künstler*innen zu bewerten – die gesellschaftlichen Impulse, die von ihnen ausgehen, hingegen schon.

Warum trifft es Loredana?

Es gibt ohnehin keine direkte Vergleichbarkeit, zumindest nicht aus moralischer Sicht. Aus juristischer Sicht ist dieser Shitstorm unangemessen, das wäre aber auch der Shitstorm gegen Gzuz gewesen, schließlich ging der Fall nicht vor Gericht. Es kann also nur um die moralische Einordnung gehen und die scheint besonders von zwei Faktoren abzuhängen:

Der erste Faktor ist das Opfer. Eine nette, alte Omi abzocken ist wirklich kein Kavaliersdelikt. Irgendwie scheinen Omas in Deutschland ohnehin einen besonderen Schutz zu genießen, man bedenke nur die unsägliche Debatte um die Causa „Umweltsau“. Doch klar: Petra Z. wollte helfen und wurde den Anschuldigungen nach schamlos ausgenommen. Es ist gut und richtig, sich in einer solchen Situation mit dem Opfer zu solidarisieren. Zuzuhören, zu verstehen und dann zu urteilen. Es spielt sicherlich auch eine Rolle, dass Frau Z. in der Öffentlichkeit steht und ihre Geschichte erzählt. Das weckt Emotionen, das ist greifbar. Irgendeine Frau hinter einer Insta-Story-Textwand ist kaum greifbar, da ist es fast schon egal, was ihr angetan wurde und somit auch, was der Täter verzapft hat. Das ist psychologisch mehr als nachvollziehbar, aber impulsiv, emotional und nicht besonders reflektiert.

Hier kommt allerdings wieder der zuweilen angebrachte Whataboutism ins Spiel, der zum zweiten Faktor führt: Loredana selbst.

Natürlich setzt sich die Welle der Empörung aus einem Haufen einzelner Meinungen zusammen, die für sich genommen jeweils in Graustufen ausdifferenziert sein mögen, doch das Gesamtbild gestaltet sich leider verdammt frauenfeindlich. Der Aufschrei hallt aus einer völlig anderen Richtung als es beispielsweise bei Flers jüngsten Verfehlungen der Fall war. Klar: Auch hier liegt keine Vergleichbarkeit vor. Dennoch stellt sich die Frage: Warum wird sich nicht mit dem Opfer solidarisiert, wenn es bedroht wird? Warum wurde sich nicht mit Gzuz‘ Lebensgefährtin solidarisiert, als diese ihm gewalttätige Übergriffe gegen ihn vorwarf?

Die Stimmen, die damals schwiegen oder gar schrien, dass man doch erstmal die Glaubwürdigkeit des Opfers prüfen müsse, machen sich nun für die arme Petra gerade. Auch wenn es sicher nicht in jedem Fall dieselben Individuen sind, das Gesamtbild ist unumstößlich. Das ist heuchlerisch. Nicht, weil Gzuz‘ vermeintliche Tat moralisch anders zu gewichten ist, sondern weil die Aufregung sich nicht gegen den eigentlichen Tatbestand zu richten scheint, sondern gegen Loredana selbst – und das in einer Vehemenz, von der ihre Kollegen, egal worum es ging, verschont geblieben sind. Klar, es haben sich Journalisten und Plattformen geäußert, doch der große Sprechchor und der systematische Hashtag in den Trends blieben aus. Es geht nicht darum, dass man Loredana ungeschoren lassen soll, wenn ihre männlichen Kollegen auch so einfach davonkommen – im Gegenteil. Der Backlash, dem die Schweizerin sich ausgesetzt sieht, ist bis auf zahlreiche frauenfeindliche und grenzüberschreitende Äußerungen absolut angemessen – der Knackpunkt ist, dass es sich bei diesem Sturm der Empörung um eine Empörung handelt. Warum?

Ja, es geht um Sexismus

Wiegt Loredanas Tat wirklich so viel schwerer oder gibt es andere Gründe?  Liegt es an Loredanas polarisierender Musik? Liegt es an ihrem Erfolg? Oder liegt es womöglich daran, dass sie eine Frau ist? Vermutlich an einer Mischung aus allem. Unübersehbar ist jedoch: Der Hashtag ist voll von misogynen Tweets, sexistischen Takes und jeder Menge Schadenfreude. Es entsteht der Anschein, es ginge gar nicht um die Skrupellosigkeit der Tat, sondern schlichtweg darum, der Schweizerin einen möglichst engen Strick aus den Vorwürfen zu drehen.

Loredana darf zwar im auch 2020 noch männlich dominierten HipHop-Zirkus mitspielen, doch Fehltritte werden deutlich offenbar deutlich härter geahndet als es bei männlichen Kollegen der Fall ist. Ob ein Mann mit dieser Nummer durchgekommen wäre, kann man natürlich nur mutmaßen – doch dass in dieser Intensität ein Boykott von der Community selbst gefordert wird, ist tatsächlich neu. Das heißt nicht, dass es keiner kritischen Auseinandersetzung mit den Tatvorwürfen bedarf. Das heißt lediglich, dass hier nicht ein anders Maß angelegt werden sollte als beispielsweise beim selbsternannten König der Einbrecher Sinan-G, der munter damit prahlt, während eines Einbruchs eine Oma an einen Stuhl gefesselt zu haben. Doch Loredana ist nun mal keine lustig-sympathische Kult-Kriminelle. Sinan findet auf rap.de allerdings auch nicht statt – die Gründe dafür sind vielfältig.

Wir wollen hier keine Lanze für Loredana brechen. In der Redaktion findet sich kein wirklicher Fan ihrer Musik und der Traffic, den rap.de durch die Berichterstattung über Loredana generiert, ist schwindend gering – besonders gemessen an dem, was wir z.B mit Artikeln über die 187 Strassenbande generiert haben, über die wir seit längerem schon nicht mehr berichten. Wir haben auch keinen Sponsor oder Geldgeber, der politische Korrektheit von uns einfordert, wie es gerne behauptet wird. Wir wollen einfach keine menschenverachtenden Strömungen und Weltbilder fördern.

Dabei können auch wir als Magazin uns sicher nicht von einer gewissen Doppelmoral freisprechen, aber auf dieses Glatteis begibt man sich eben, sobald man damit beginnt, Haltung zu zeigen – wie Spotify, als sie einen rechtsextremen Rapper auslisteten und sich von nun an die Frage stellen müssen, wer und was für Musik künftig ausgelistet wird. Es müssen Kriterien her – für uns, die Branche und jeden einzelnen da draußen, der Loredana lauthals kritisiert und sich künftig an seinen eigenen Äußerungen messen muss. Nur Passivität kann vor Doppelmoral schützen – doch Schweigen ist am Ende des Tages auch Zustimmung. Also kritisieren wir, nehmen gegebenenfalls wütende Anrufe oder Anwaltspost entgegen und boykottieren dann. Natürlich nur, wenn wir keine angemessene Alternative mehr sehen, denn das ist unsere letzte Maßnahme.

Cancel Culture

Dass wir überhaupt auf Boykotts zurückgreifen, ist ein Zeichen von Machtlosigkeit. Wir kritisieren und entziehen im äußersten Fall die Plattform, denn das ist alles, was wir in unserem Rahmen tun können. Natürlich schaden wir uns mit diesen Maßnahmen selbst deutlich mehr als den Künstlern selbst. Doch nicht nur aus diesem Grund sind wir nicht zufrieden mit unserer Lösung, problematische Künstler künftig nicht mehr positiv zu erwähnen oder gar zu ignorieren. Nicht nur, weil negative Berichterstattung, selbst kommentierende oder einordnende wie dieser Text, immer schwieriger wird. Juristische Repressalien sind mittlerweile an der Tagesordnung – kleine Redaktionen sind leicht mundtot zu machen, schließlich könnte ein längerer Rechtsstreit die Firma einfach finanziell ausbluten, selbst wenn man im recht ist. Auch kriminelle Hintermänner sorgen nicht unbedingt dafür, dass einem kritische Berichterstattung leicht von der Hand geht – doch auch das sind strukturelle Probleme der Branche, keine Gründe dafür, einfach so weiter zu machen als wäre nichts geschehen, wenn mal wieder ein derartiger Fall auf dem Tisch liegt.

Diese sogenannte Cancel Culture ist keine Dauerlösung, doch wie geht man mit solch einem Fall um? Ganz ehrlich: Wir wissen es nicht. Versieht man künftige Postings mit Fußnoten? Quasi ein „Fehltrittregister“ in jeder News? Wie sorgt man für ein Umdenken? Wie kann man solch extremes Fehlverhalten von Künstler*innen entsprechend quittieren?

Die Medienlandschaft und die HipHop-Szene als solche braucht nicht nur ein moralisches Gewissen, sondern auch einen künftigen Umgang mit derlei Vorfällen. Nicht nur für Verhalten, das in unser Boykott-Beuteschema fällt, sondern auch für Fälle wie eben diesen. Natürlich sind wir in der Pflicht, uns mit Loredanas mutmaßlicher Tat auseinanderzusetzen und gegebenenfalls Konsequenzen zu ziehen – spätestens, wenn ein gerichtliches Urteil gesprochen wurde. Doch auch in Fällen, in denen es keine Anklage gibt, keinen Richter, auf dessen Schultern man die Entscheidung abladen könnte, müssen wir wissen, wie zu handeln ist. Nicht, weil wir als Medien die Macht über das Schicksal des Künstlers haben oder haben sollten – doch wir alle als HipHop-Gemeinde haben das bis zu einem gewissen Punkt.

Leider kann ich in diesem Text keine Lösung anbieten. Unsere Boykotts sind wirkungslos, großflächige Boykottversuche wie der Hashtag um Loredana entgleisen zu einer sexistischen Shitshow und werden selektiv gestartet. Es ist auch nicht unsere Aufgabe, Musiker*innen für ihr Verhalten zu bestrafen – doch es ist in unserer Verantwortung, wen wir – als Szene, als Großes Ganzes – unterstützen und wem wir unseren Support aus moralischen Gründen entziehen. Bis wir eine bessere Lösung haben, muss es wohl ein Boykott sein – doch wenn wir ehrlich sind, ist diese Szene voller Idioten und Idiotinnen. Wo fängt man an, wo hört man auf? Keine Ahnung. Doch es ist gut, dass diese längst überfällige Debatte endlich ausgetragen wird.