Review: Slowy &12 Vince – Undercover Blues

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Undercover Blues: Am vergangenen Freitag erschien das nunmehr dritte gemeinsame Projekt des Hamburger Untergrund-Spitters Slowy und seines Produzenten 12 Vince und damit gleichzeitig die erste LP seit dem Seite-an-Seite-Album „Ultima Ratio“, das vor mehr als 3 Jahren erscheinen war. Das letzte gepresste Lebenszeichen von Rapper Slowy liegt mit der „Gedankenstrick EP“ auch schon knappe zwei Jahre zurück, womit erklärt wäre, warum viele Liebhaber des dreckigen Rap-Sounds aus der Hansestadt den „Undercover Blues“ kaum noch erwarten konnten. Die Platte erschien, wie auch die letzten Releases der Jungs über das hauseigene Label Akai 47 records, obwohl es, wie in den Lyrics mehrerer Songs angedeutet wird, in der nahen Vergangenheit mehr als ein Angebot seitens größerer Hausnummern gegeben haben muss.

Während auch der Sound weitgehend der Alte geblieben ist, schließt Slowy textlich und inhaltlich eher an sein 2012 erschienenes Debüt-Album „Floweffekt“ an und schlägt im Vergleich zu den Vorgängern „Dialog“ und „Ultima Ratio“ wieder deutlich persönlichere und kaum beliebige Töne an. Der Vergleich der Scheibe mit einem Dokumentarfilm, den Slowy im Intro „Status Zwo“ tätigt, ist insofern treffend, weil sie an vielen Stellen einer Art Abrechnung mit seinen Erlebnissen der letzten Jahre ist. Ich habe ihn noch nie so kantig, emotional abgeklärt, nachdenklich und angepisst aufmüpfig erlebt, wie zum Beispiel im Titelsong „Undercover Blues“, finde aber, dass ihm dieser Stil gut steht, auch weil er an keiner Stelle ins Hämische oder Gehässige abweicht.

Tracks wie „Beats Rhymes & Sprays“, „Alibier“, „Gehheimtipp“ oder „Ouroboros“ zeugen von einem umfassenden Prozess der Beobachtung und Selbstreflexion seinerseits. Slowy hat sich mit der deutschen Rap-Szene und seiner Rolle in ihr, mit dem Traum vom großen Durchbruch, mit geheuchelter Rebellion und Lifestyle, Selbstzweifel und dem eher frustrierenden Zeitgeist beschäftigt und hat seine Schlüsse gezogen: „früher hetzte ich noch euren Utopien hinterher, heut‘ lebe ich im Hier und Jetzt …“ Auch wenn er viele Dinge beim zweiten Mal anders machen würde, lassen jene Bestandsaufnahmen doch durchschimmern,  dass er mit sich selbst im Reinen zu sein scheint. „Ouroboros“ klingt stellenweise fast schon wie ein resignierter Abschiedsbrief an die Rap-Szene.

Feinstes Storytelling aus real erlebten Situationen und ernüchternden Realitäten aus dem Alltag der Hamburger Szene-Kieze wie in „Supersoaker“ oder präzise Verarbeitung von Kindheitserinnerungen wie in „Imperfekt“ treffen im Laufe des Albums auf kreative, teils paradoxe Themen, auf die man erst mal kommen muss. „Dankeschön“ erzählt beispielsweise von einer Traumvorstellung, in dem alle Rap-MCs auf dem gleichen Dopeness-Level sind und keiner mehr durch eminente Whackness oder besonderes Genie heraussticht. Was zuerst als wünschenswerter Zustand geschildert wird, entlarvt sich im Laufe der Nummer als Alptraum, in dem Langeweile durch mangelnde Pluralität in Slowys Augen vorprogrammiert ist.

Eine weitere Parallele zu „Floweffekt“ ist der Song „Tinderrail“, der den nicht unbekannten Track „Rotlichtlampe“, die legendäre Liebeserklärung an das eigene Lieblings-Vinyl im selben Stil logisch und auf dem Zahn der Zeit angemessen fortsetzt. Diesmal richtet sich der Liebesbrief jedoch an die Sprühdose, ohne die Slowy partout nicht das Haus verlassen, geschweige denn leben will.

Das Album schafft es noch besser als seine Vorgänger, den Hörer in Stimmungen, Räume, in „Zum goldenen Brausefass“ ist es eine Eck-Spielunke, und ausformulierte Szenarien eintauchen zu lassen. Es vermittelt zwar stets traute Gemütlichkeit, ist aber keineswegs frei von Zweifeln und schwerwiegendem Trübsal, eher im Gegenteil. Slowy hat in der Zwischenzeit zu „Floweffekt“ mehr Abstand zur Szene gewonnen, ist mittlerweile mehr Ratgeber aus dem Off, denn Teil des Gesamtkonstrukts. Was er währenddessen nicht abgelegt hat, ist die innige Liebe und Affinität zu Graffiti.

Kurz zur Produktion: ich habe selten eine derart adäquate, faltenlose und probate Sample-Verwertung erlebt, wie auf diesem Projekt und meine mich nicht zu täuschen, wenn ich behaupte, dass auch 12Vince selbst seine Skills im Cutten und Samplen nochmal um einen Deut verbessert hat. Auch die von Vince kreierten Skits zwischen den Rap-Tracks sind eine gelungene Hommage an die goldenen Zeiten.

Natürlich ist eine Platte wie diese gewissermaßen von vornherein zum Untergrund-Dasein verurteilt und wird leider wohl kaum über den Liebhaber-Status hinauskommen. Dies ist allerdings keineswegs ein Grund dafür, ihre Qualität und Dopeness in Frage zu stellen.

1 KOMMENTAR

  1. “Partout“ statt “patu“, meint mein Klugscheißerhirn. Sonst super. Hab bock dem guten Slowy mal wieder zuzuhören.

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