D-Bo – Kopffick mit Niveau (Album)

By Phil Weichert
In REVIEW
Jan 10th, 2013
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Kann sich noch irgendwer an die Zeiten erinnern, als ersguterjunge aus mehr als nur einem Künstler bestand? Damals, als noch Künstler wie Eko, Bass Sultan Hengzt, Chakuza oder Baba Saad die HipHop-Szene von Berlin aus aufmischen wollten. Zu dieser Zeit war der Göttinger D-Bo als Mitbegründer von ersguterjunge, I Luv Money Records sowie des Untergrund-Vertriebs Distributionz schon längst im Biz. Über sein eigenes Label Wolfpack erschien nun D-Bos neues Doppelalbum mit dem verheißungsvollen Titel “Kopffick mit Niveau“.

Kopffick mit Niveau” ist soundtechnisch eine konsequente Fortsetzung von “Auf der Suche nach dem Glück“. Der Vorgänger wurde als experimentelle Mischung aus Dubstep und Drum & Bass angepriesen, konnte diese Vorsätze aber leider nur zum Teil erfüllen. Dagegen geht “Kopffick mit Niveau” diesen Weg konsequent bis zum Ende. D-Bos Album ist weniger Rap als viel mehr Electro-Hop. Der Syntheziser ist in Dauernutzung und die Beats switchen zwischen den Genres Dubstep, Drum & Bass, Techno und Elektromusik fröhlich hin und her. Das ist im Jahre 2013 nichts außergewöhnliches mehr, klingt aber trotzdem gut produziert und der ein oder andere Beat bleibt dem geneigten Hörer auch etwas länger im Kopf rumschwirren.

Musikalisch soweit also kaum Einwände. D-Bos Rap hingegen hat sich seit “Auf der Suche nach dem Glück” leider kaum weiterentwickelt. Immer noch ist Monotonie das vorherrschende Grundgefühl der Parts des gebürtigen Göttingers. Ein einigermaßen souveräner Flow sollte, zumal für einen so alten Hasen im Biz, heutzutage eigentlich Standard sein, leider kommt es aber immer wieder zu auffälligen Aussetzern. Ärgerlich. Das wäre vielleicht nicht so schlimm, würden sich die Texte nicht anhören, als hätte sie der 34jährige aus dem Poesiealbum eines 12jährigen Mädchens geklaut.

Cool sein ist cool – out sein ist out,
im Briefkasten liegt meistens nicht was ich brauch,
das Fernsehen zeigt meistens nicht was ich will,
die Waage im Bad dafür meistens zu viel,
Gedanken sind grau – das Leben ist bunt,
und alles was ich esse meist eh ungesund,
das Wetter ist scheiße, der Bus ist zu spät,
Idioten im Anmarsch, ach hallo, wie geht’s?

Vielleicht verbirgt sich hinter solchen banal gestrickten Zeilen ja auch eine Persiflage, sollte dies der Fall sein, hat sich dem Rezensenten allerdings leider nicht erschlossen, worauf sich diese bezieht. Beim weiteren Hören wird allerdings klar: D-Bo meint das vollkommen ernst. Etwa, wenn er über Einhörner (no Orsons), seine “atmenden Gefühle” oder Traumtänzer schwadroniert. Besonders heraus sticht dabei “Neonlicht“, allerdings alles andere als positiv. Was sich D-Bo dabei gedacht hat, ist dem Rezensenten völlig schleierhaft. Hohle Phrasen treffen auf dauernde Wiederholung einzelner Wörter und sorgen für genervtes Augenverdrehen bis hin zu Aggressionen. Aufhören, verdammt noch mal! Warum der Kopfficker dieses Konzept mit “Na und” auch noch weiterführt, ist dann vollends unverständlich.

Doch auch die guten Seiten des Albums sollen nicht vergessen werden. Der vorab veröffentlichte Track “Dein Herz” stellt einen der wenigen Höhepunkte dar. Auch wenn das Thema abgedroschen ist, wurde es musikalisch doch recht gut umgesetzt. Auch die Featuregäste, die aus RAF 3.0, der Sängerin Emine Bahar oder Max Mostley bestehen, liefern solide Parts ab, Max Mostley auf “Ist Okay” mal ausgeschlossen. Unangenehm fällt jedoch auf, dass alle Gäste sich inhaltlich auf das Niveau von D-Bo (herab)begeben haben. Sprich: Seichte Texte, die niemanden weh tun, die aber auch Menschen über 14 weniger interessieren durfte. Anspruch? Ade!

Da D-Bo die Platte als Doppelalbum veröffentlicht, hätte man vielleicht meinen können, dass sich auf der zweiten Platte vielleicht die ganzen guten Songs mit mehr Anspruch oder Vielfalt verbergen. Fehlanzeige. Mit “Ist Okay” liefert CD2 sogar den sowohl inhaltlichen wie musikalischen Tiefpunkt des Albums. Ein Schlag ins Gesicht für alle Musikliebhaber mit Anspruch. D-Bo zählt hier diverse Missstände auf, die mit einem einfachen “Ist okay, du kriegst das hin” abgehandelt werden. Are you serious? In der Hook treibt es Max Mostley dann auf die Spitze. Wer auf Geheule á la Tim Bendzko steht, der wird den kitschigen Part des Düsseldorfers feiern, alle anderen werden schon nach den ersten drei Wörtern wegskippen und den Track nie wieder anspielen.

Weißt du wem du immer wirklich wichtig bist?
Das bist du, du.
Folge deinem Herz, du weißt was richtig für dich ist
Hör dir zu, du
Glaube an einen Traum, auch wenn er winzig ist, du
Du, du kannst wissen, was dir wichtig ist, hör dir zu
Das bist du

Nichts, was man nicht in jedem handelsüblichen Esoterik-Wandkalener jeden Tag lesen könnte. D-Bo hat mit “Kopffick mit Niveau” 73 Minuten Inhaltslosigkeit abgeliefert. 73 Minuten, die der Rezensent sinnvoller Nutzen könnte, zum Beispiel mit dem Hören von guter Musik, dem Aufräumen der eigenen vier Wände oder dem Ordnen der internationalen Vinylsammlung. Dem Titel wird das Album nur zur Hälfte gerecht: Echtes Niveau sucht man zwar weitgehend vergebens, aber dafür hat es D-Bo geschafft, den Kopf des Rezensenten zu ficken. Immerhin etwas.

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