Celo & Abdi – Hinterhofjargon

By Max Schulz
In REVIEW
Mai 29th, 2012
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Als Celo & Abdi ihr Releasedate bekannt gaben, war (sicher nicht nur) meine erste Reaktion “endlich!“. Und als dann “Hinterhofjargon“ in der Post war, gleich nochmal. Denn das kostenlose “Mietwagentape“ war eine der größten Überraschungen des vergangenen Jahres. Über ein Jahr haben die hessischen Hustler mit dem Hamburger Produzenten m3 an “Hinterhofjargon” geschraubt. Frei nach dem Motto Never change a winning team wurden die wichtigsten Erfolgsmerkmale von MWT übernommen, nämlich Straßenrap mit authentischem Backgroundknowledge, starker Technik und dem furiosen Mix aus diversen Sprachen und Straßenslang.

Aber keine Sorge – die deutsche Sprache bildet natürlich immer noch das linguistische Grundgerüst, allerdings kann man auch dieses mal Sprachfetzen auf arabisch, türkisch, jugoslawisch, französisch und so einige mehr entdecken. Und damit sind wir schon  beim ersten Punkt, der dem Album seinen realen Flair verleiht. In Melting Pots wie Frankfurt ist es üblich, dass man mit unterschiedlichsten Sprachen konfrontiert ist, und zu eingleisig fährt, wenn man nur eine davon beherrscht. Auch in Hinblick auf die wachsamen Ohren der Ordnungsmacht kann es mitunter von Vorteil sein, Begriffe zu variieren. Damit aber auch Zuhörer ohne jeglichen Migrationshintergrund und Straßenabi mitkommen können, wird gleich an zweiter Stelle der Track “Hinterhofjargon“ vorgeschickt. “Ich bins Abdi, Erfinder des globalen Rap/ aka interlinguales Vokabelheft/ Urbanstreetslang, Celo rappt Esperanto/ cento per cento, autentico garanto“.

Nach diesem kurzen Crashkurs kann es dann so richtig losgehen. Da wäre zum Beispiel das großartige “Über Wasser halten“. Vor allem Celo zeichnet hier sehr eindrucksvoll den Lifestyle eines Dealers wieder, der so gar nichts von Tony-Montana-Glamour und Sopranos-Phantasien hat. “Montag, acht Uhr morgens auf dem Sofa/ voll stoned, kein Bock, Totalschaden, Koma/ 24/7, Matrix, aufstehen, ready for action/ Doppelleben, rausgehen, Baustelle in Kauf nehmen/ acht Stunden, hart schuften/ nach Feierabend weitermachen und dann Drugs pushen.“ In der Hook kommt ein elegant-jazziges Sample zum Einsatz, das dem Song geradezu einen “Jackie Brown“-Flavor verleiht.

Überhaupt unterscheidet sich das Bild, das Celo & Abdi zeichnen, doch sehr häufig von dem romantisierten Dealer-Superhelden, das so viele andere der Kollegen gerne zeichnen. Da wäre zum Beispiel “Besuchstag“, das aus der Perspektive eines Inhaftierten den grauen Knastalltag schildert und passenderweise von Xatar und Veysel Unterstützung erhält. “Wallah, muss trotz der Sehnsucht immer lächeln/ damit Mutter sieht man kann den Sohn hier nicht brechen“ rappt Xatar da beispielsweise und Celo weiß “Oder da, der Habesha war Fußballtalent, ohne Zweck/ jetzt muss er fünf Jahre weg“. Natürlich kicken Celo & Abdi auch wieder jede Menge Streetknowledge, etwa auf “Traffic Cartel“ mit einem nassforschen Gastbeitrag von Haftbefehl. Allerdings wirkt der Track über den globalen Waffenhandel und Drogenschmuggel selbst für das Frankfurter Ticker-Trio etwas zu cineastisch überhöht , ist dadurch jedoch nicht minder unterhaltsam.

Und  da ist  ja auch noch “Durchsuchungsbefehl“, “Tock, tock, es macht an der Tür/ klopf, klopf, durch den Spion seh ich den Hausflur/ voll Cops, oh Gott, ich hab doch noch Stoff/ sieben Jahre Loch gehen mir gerade durch den Kopf“ schildert Abdi sehr bildlich, wie schnell das schöne Thug Life sein jähes Ende finden kann. Und weil eben auch Celo & Abdi eigentlich nur zwei ganz normale Jungs sind, gibt es auf dem Album halt auch ab und zu ganz normale Jungs-Themen, beispielsweise auf dem Track “Frauen“. Zugegeben, neue Erkenntnisse erhält man hier nicht, dafür aber einen Gastvers von Schwesta Ewa, die schon mal einen Hinweis gibt, worüber es in ihrem hoffentlich bald erscheinenden Mixtape gehen könnte: “Mit Jungs im Base-Chat am telefonieren/ präsentierst deine Blaselippen auf deinem Facebookprofil/ ach, ich könnte stundenlang von euch Heuchlern labern/ doch hab keine Zeit, weil ich muss Steuern zahlen“ regt sie sich über die Doppelmoral mancher Frauen auf, die über Ewas Berufsstand verächtlich die Nase rümpfen, aber durch ihr Verhalten selbst jeder Prostituierten Konkurrenz machen könnten – meist allerdings weit schlechter bezahlt sind.

Sehr amüsant auch “Last Action Hero“ mit Queen-Sample, oder das durch die Videoauskopplung bekannte Hektiks“ mit Celos Supereinstieg. “Hinterhofjargon“ ist nicht nur ein extrem kurzweiliges Album geworden, was zu einem erwähnenswerten Teil auch m3 zu verdanken ist, der immer die richtigen Instrumentals aus dem Ärmel zu schütteln weiß, sondern durch seine rohe, unverfälschte Machart ein echter Beton-Klassiker, vergleichbar mit früheren Azad-Werken. Pure Authentizität gepaart mit dem richtigen Schuss Wahnsinn. Hier wird die Messlatte, an der sich künftige Releases dieser Schule werden messen lassen müssen, ganz schön hochgelegt, oder um an dieser Stelle mal meine zugegebenermaßen noch schwachen Hinterhofjargonskills anzubringen: Rrrasiert!

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