Review: B-Tight – Wer hat das Gras weggeraucht?

Es muss 2005 oder 2006 gewesen sein, als ich mit Aggro Berlins erstem Label-Sampler „Ansage 1“ meine allererste HipHop-CD zwischen die Finger bekam. Auch wenn sie schon zu diesem Zeitpunkt bereits eine halbe Ewigkeit auf dem Markt war, habe ich sie noch ein paar weitere Jahre lang hoch und runter gehört und kenne bis heute alle sieben Tracks in und auswendig. Wenn ich an „Ansage 1“ denke, dann denke ich auch unweigerlich an den Track „Märkisches Viertel“ vom da noch sehr jungen B-Tight. Ein bekennender Kiffer aus der Platte am Berliner Stadtrand mit afroamerikanischen Wurzeln, der schon damals kein Blatt vor den Mund nahm, dessen bester Buddy ein gewisser Siggi Smallz war (und auch bleiben sollte) und der bereits Lines wie „Spießer glotzen auf‘n Joint wie Penner auf Gold“ spittete, als die Herren SSIO, Marsimoto und Plusmacher noch im Kindergarten chillten (vermutlich ohne Joint).

Anfang 2017, gute 15 Jahre nach seinem Deal bei Aggro, veröffentlichte jener B-Tight nun sein neues Werk „Wer hat das Gras weggeraucht?“ über das Indie-Label Jetzt Paul. Schon bei der Betrachtung des Albumtitels wird klar, wo die Reise hingeht, nämlich eher in Richtung vergangener Tage denn in die Zukunft. Die rhetorische Frage „Wer hat das Gras weggeraucht?“ tauchte bereits auf Bobbys Debüt-EP von 2002 auf, wurde in deren Folge zu einem seiner wichtigsten Wiedererkennungsmerkmale und dürfte jedem Rap-Fan in Deutschland zwischen 15 und 35 ein Begriff sein. Allein deswegen ist es kein Wunder, dass die Frage zum Quasi-Jubiläum erneut aufgeworfen und nochmal neu beantwortet wird.

Wenn sich einer wie B-Tight mit seiner eigenen Vergangenheit beschäftigt und seine bisherige Karriere Revue passieren lässt, dann liegt es nahe, dass er sich früher oder später auch mit dem eigenen exzessiven Cannabis-Konsum auseinandersetzten wird. Auch wenn „Wer hat das Gras weggeraucht?“ kein reinrassiges Kifferalbum ist, passiert genau das diesmal in sehr breitem Umfang. Allerdings nicht ausschließlich in Form von unreflektierter Glorifizierung des grünen Krautes, sondern auch, wie im Track „Gift“, aus bemerkenswert bewusster, kritischer, fast schon präventiver Perspektive. Während Tracks wie der Opener „Bob der Baumeister“, das chillige „Spliffpolitik“ oder die Neuauflage des Klassikers „So high“ die Kifferei als Lebensmotto eher auf die leichte Schulter nehmen und mit anregenden Inhalten geizen, stellt der Abschluss mit besagtem „Gift“ eine durchaus spannende Konfrontation mit der eigenen Sucht dar.

Weitere positiv herausstechende Songs, die wirklich neue Impule setzen, sind „In einer Gegend“ oder „So wie du“. Besonders in letzterem trifft ein epischer und live-tauglicher Beat auf einen wirklich guten Konzepttext, der unter anderem mit Hypes, Major-Labels und Sellout-Moves abrechnet. Bobbys Zeilen „Von morgens bis abends, 24/7 denk‘ ich immer an Musik, weil ich sie liebe“ wirken hier wirklich hundertprozentig glaubwürdig. Ähnlich verhält es sich mit dem Song „Wünsche“, der von der Idee her zwar sehr interessant ist, aber musikalisch leider schwach umgesetzt wurde. Auch „Auf Tour“, in dem B-Tight zusammen mit seinen Gästen Unoo, Viruz und den Beathoavenz humorvoll den eigenen Touralltag beschreibt, bleibt unter seinen Möglichkeiten.

Lieder wie „Übertreiber“, „Einen Scheiß wert“ oder „Rich Kids“ fallen dagegen zu flach und gehaltlos aus und wirken stilistisch etwas zu gezwungen an vergangene Jahre angelehnt, um wirklich beklatschbar zu sein. Der Electro-Track „Jeder pumpt es“, an dem mit Juju von SXTN auch eine junge Deutschrap-Protagonistin beteiligt ist, hat zwar durchaus das Zeug zum Clubhit, ist textlich aber auch eher abgedroschen. Das Trap-lastige „Mörder“, auf dem Bobby von seinem alten Weggefährten Frauenarzt unterstützt wird, ist der einzige Song, auf dem das Experiment, das Alte neu aufzulegen, wirklich gut funktioniert hat.

Man hört dem sympathischen B-Tight seinen Spaß an der eigenen Musik auf „Wer hat das Gras weggeraucht?“ immer noch deutlich an, auch wenn das Album nach aktuellen Standards und gemessen an einigen seiner Vorgänger eher mittelmäßig ausgefallen ist. Darüber können auch die an die damals auf der Playsi programmierten Beats angelehnten Instrumentale nicht hinwegtäuschen. Die für ihn typische Art der Betonung seiner Lines und die unbekümmerte Lockerheit und Coolness, die seine Texte nach wie vor ausmacht, sind ihm auch auf dem neuen Album voll anzumerken und kommen glaubwürdig rüber. Die Platte ist wie maßgeschneidert für Fans der ersten Stunde, Deutschrap-Trueschooler der frühen Nullerjahre, Kiffer in der Midlife-Crisis und Sammler-Typen. Für letztere hat B-Tight ja sogar noch ein Tape beigelegt, auf dem unterschiedliche unveröffentlichte oder ausgegrabene Tracks aus sehr alten Tagen zu finden sind, in denen noch „Alles die Sekte“ war.

Wer allerdings – wie ich – einen anderen Lebensmittelpunkt als die chronische Weed-Pafferei hat und aus einer jüngeren Rap-Generation kommt, dem wird es nicht immer leicht gemacht, „Wer hat das Gras weggeraucht?“ von vorne bis hinten hören und fühlen zu können. An vielen Stellen ist spürbar, dass sich deutscher Rap in den letzten zehn Jahren einfach weiterentwickelt hat.

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