Review: Majoe – Auge des Tigers

Was wurde Majoe anfangs belächelt, als sein Debütalbum „BADT“ im September 2014 anstand. Als Bodybuilder-Rap verspottet, als Kollegah– bzw. Farid Bang-Klon abgetan, und überhaupt, der Name klingt doch nach Mayonnaise.

Heute lacht keiner mehr. Und das liegt nicht nur daran, dass sein Label Banger Musik ihm von Anfang an mit gewohnt souveräner Marketingstrategie den Weg zum wirtschaftlichen Erfolg geebnet hat. Mehr als nur der Kontostand hat sich um ein paar Kommastellen verschoben, auch als Künstler hat sich Majoe weiter entwickelt.

Zum einen musikalisch: War sein Vortrag auf dem Debütalbum noch etwas unbeholfen (so dass man teilweise wirklich das Gefühl hatte, er würde seine eigenen Punchlines nicht checken, wie seinerzeit in der Graphizzle-Karikatur unterstellt), so rappt er auf „Auge des Tigers“ nicht nur souveräner, sondern setzt auch seine Stimme deutlich variabler ein.

Natürlich ist er nicht über Nacht zum Rapgenie geworden. Majoe ist am Mic weiterhin eher bieder und trotz besseren Stimmeinsatzes recht glatt. Aber er hat seine von Anfang an saubere Raptechnik, gespickt mit den obligatorischen Punchlines, weiter ausgefeilt und hebt sich dadurch von seinen angeblichen Vorbildern stärker ab. Er scheint durchaus zu wissen, wo seine Schwächen liegen – und konzentriert sich auf die Stärken.

Auch textlich wurde die Bandbreite erweitert. Bodybuilding Rap – wenn es das je wirklich gab – findet auf „Auge des Tigers“ nicht statt. Stattdessen gibt es eine Mischung aus Protzen mit dem Erreichten und nachdenklicheren Tönen. Dabei geht Majoe auch erstmals auf die Vorwürfe zu Beginn seiner Karriere ein und lässt durchblicken, dass ihn diese wenn nicht getroffen so doch auch nicht ganz kalt gelassen haben.

Was die Stimmung angeht, ist „Auge des Tigers“ recht vielseitig ausgefallen. Es gibt Battle- und Representer-Tracks wie „Silberner Ferrari“ mit Farid oder „Aus Hatern werden Fans“, Straßenrapsongs wie „Stresserblick 2“ mit Kurdo oder „Draußen“ mit Jasko und nachdenklichere Songs wie „Narben“ mit MoTrip.

Richtig gelungen – wenn auch etwas einfach gestrickt – ist „Blind“ mit Summer Cem, in dem die beiden unterschiedliche Perspektiven einnehmen. Während Summer den großmäuligen Hartz IV-Penner gibt, der vom schnellen Geld durch Überfälle träumt und sein Leben verkackt, ist Majoe der fleißige, gewissenhafte, der mit Köpfchen Karriere macht. Bisschen klischeehaft, klar, und in seiner pädagogischen Absicht recht leicht zu durchschauen, dennoch eine gelungene Herangehensweise.

Gegen Ende der Standardversion wird dann mit zwei Phillipe Heithier-Features und Songs wie „Heut‘ nacht“ oder „Wenn die Sonne aufgeht“ aber so richtig auf deutsche Formatradiomusik gesetzt – Berührungsängste vor Pop sind hier offenbar keine vorhanden. Nicht, dass das grundsätzlich schlimm wäre, aber die Grenze zum Kitsch wird doch das ein oder andere Mal klar überschritten – zumal inhaltlich hier voll auf weitgehend austauschbare Allgemeinplätze gesetzt wird.

Tatsächlich verbergen sich einige der stärksten Songs dann unter den Bonustracks: „Keiner außer uns“ etwa, oder das bereits vorab veröffentlichte „EWDRG“. Und „Mitternacht“ knüpft zwar atmosphärisch an den poppigen Ausklang der Standardversion an, ist aber deutlich weniger phrasenhaft.

Somit folgt „Auge des Tigers“ dem klassischen Banger Musik-Leitfaden: Souverän produziert, das stellen die üblichen Verdächtigen von Joznez über Gorex bis Juh-Dee klar, mit einem Protagonisten, der sich weiterentwickelt hat, sich auf seine Stärken verlässt, aber auch hin und wieder kleinere Experimente wagt und vor Annäherungen an den musikalischen Mainstream nicht zurückschreckt. Ecken und Kanten, Überraschungsmomente oder unkalkulierbare Risiken sucht man hier weitestgehend vergeblich. Auch die teilweise harten Disses von Featuregast Farid wirken kalkuliert, zumal sie bereits vorab über die HipHop-Klatschpresse angekündigt wurden. Dem Zufall wird hier nichts überlassen. Die Formel lautet nach wie vor: Klar definiertes Image, einfache, verständlich verpackte Message, saubere Technik und Punchlines. Dass man damit in Deutschland sehr weit kommt, wurde bereits bewiesen.

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