Review: Haiyti – Nightliner

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Haiyti aka Robbery, der Girlbossgangsta. Für viele kam sie 2016 aus dem Nichts – direkt aufs Coup-Album. Und doch ist die Hamburgerin keine Newcomerin, sondern schon eine ganze Weile am Start. Die Aufmerksamkeit stieg durch die ersten Gehversuche im Netz mit Songs wie „Teenage Rehab“ oder der MBeezy Kollabo „Trap Baby“. Neben Small-Scale-Drogenticker Geschichten geht es immer wieder ums Nachtleben. Parties, Clubs, Drogenkonsum. Champagne for the Pain eben. Aber niemals abgehoben: Im Video zu „Speedleiche“ hängt sie in Bars, in denen Mittelschichtshipster zitternd ihr MacBook Pro umklammern würden.

Trotz unbestreitbarer Qualitäten fliegt das darauffolgende Album „Havarie“ unter dem Radar und wird von einem großen Teil der Szene nicht oder nur als Randerscheinung wahrgenommen. Man kann zu wenig mit Haiyti anfangen. Kann sie nicht wirklich in eine Schublade stecken. Eine Rapperin, die Geschichten vom Schmutz und Glanz der Straße erzählt, aber in Hipster-ähnlichen Outfits auftritt, die so gar nicht dem Code der Straße entsprechen. Man ist sich nie sicher, was Realität und was Fiktion ist.

Das alles änderte sich vor neun Monaten, als Haiyti das Mixtape „City Tarif“ droppt. Die Produktionen scheinen Haiyti wie auf den Leib geschneidert zu sein. Auf dem Tape ist von höchst amüsanten Skits bis Trap-Banger und Liebessongs alles zu finden. Und genau hier kommt ein Teil des Phänomens Hayiti zum Tragen. Haiyti ist eine Frau im Rap-Game. Schon mal keine einfache Aufgabe, wenn man an die Rapperinnen denkt, die es ganz nach oben geschafft haben – äh genau, da gibt es eigentlich keine.

Das alles wirkt, als ob es komplett ohne Berechnung entsteht. Darum sind die Klickzahlen unter ihren Videos auch harten Schwankungen ausgesetzt. Selbst der größte Fan wird immer wieder vor den Kopf gestoßen und muss sich mit neuer Haiyti-Materie auseinander setzen. Was sich bis heute nicht verändert hat ist die Art der Videos. Oft sind es Very-Low-Budget Produktionen mit dem Smartphone gefilmt, die den Look von Haiyti – zwischen Second-Hand Klamotten und Luxusmarken, leichten Tomboy-Anleihen und Weiblichkeit – treffend einfangen.

Und da ist es also, das erste richtige Langspiel-Release von Haiyti. Wurde mit der von KitschKrieg produzierten Toxic-EP schon das erste kürzere Release zum Kauf angeboten, geht man mit „Nightliner“ den nächsten Schritt und veröffentlicht ein 13-Track starkes Tape über die gängigen Portale.

Das Tape führt Haiytis Stil weiter ohne zu sehr an „Toxic“ oder „City Tarif“ zu erinnern. Fans von Haiytis letzten Projekten und moderner Soundästhetik im Rap allgemein kommen auf ihre Kosten. Der Bass wummert, die HiHats rattern, Synthiemelodien und Auto-Tune geben die düstere Richtung vor. Die Tracks gehen oft stark nach vorne, was vor allem Haiytis Flow zuzuschreiben ist. Doch gibt es natürlich auch Songs, die versuchen das bekannte Schema aufzubrechen. So zum Beispiel die Single „Globus“, mit der schon fast schnulzigen Gitarrenmelodie. Doch vor allem diese Songs geben einem das Gefühl, etwas tiefer in die Persönlichkeit von Haiyti blicken zu können.

Das Mixtape birgt leider auch die Gefahr, etwas eintönig zu werden. Man hat die Geschichten teilweise schon öfter von ihr gehört und die Beats sind sich oft sehr ähnlich. Zum Glück gibt es kleine Features wie die Phrasen vor vielen Songs, die catchy und eine Abwechslung vom Standard-Deutschrap-Song-Intro sind. „Let the club banger be a club banger“ und „Yo, yo, yo, yo, check my crazy flow“ lockern die dunkle Stimmung des Tapes definitiv auf.

„Nightliner“ ist nicht die Neuerfindung des Rades, doch hat starke Songs und potenzielle Hits wie „Geld, Taxis, Hotel“ in Petto. Haiyti geht ihren Weg, das ist klar. Vielleicht würde es sich lohnen, auch mal etwas davon abzuweichen und im Gebüsch zu streunern, um neues zu entdecken. Trotzdem sind die Produktionen von AsadJohn, MVLIGNXM und Lex Lugner on point, da kann man sich nicht beschweren. Die Features von Why SL Know Plug, Skinny Voyou Finsta und GPC fügen dem Ganzen jetzt nicht wirklich was hinzu, aber sind tolerierbar. Wobei Joey Bargeld als Featurepartner von Haiyti schon immer eine gute Figur gemacht hat. Auch nach mehreren Veröffentlichungen bleibt Haiyti also ein Phänomen, das nicht einfach zu greifen ist und uns sicher noch öfter begegnen wird.

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