Ali As – Euphoria [Review]

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Ali As hat im Vorfeld nichts unversucht gelassen, um mit „Euphoria“ endlich den Durchbruch zu schaffen. Er versöhnte sich mit denselben Typen, die er letztes Jahr noch als YouTube-Lelleks geschmäht hatte, er  veröffentlichte sein erstes Video über den Banger Channel und er schoss mit „Lass sie tanzen“ einen mehr oder weniger offensichtlich auf Radio-Airplay ausgelegten Song ins Netz.

Man könnte also durchaus die Befürchtung haben, dass das Album selbst komplett kommerziell angelegt ist. Dem ist aber – soviel sei vorweggenommen – glücklicherweise nicht so. Vielmehr eröffnet Ali As sein drittes Soloalbum mit „Denkmäler“ und erzählt dem Zuhörer detailliert die Geschichte seiner Eltern: „Zig Milliarden Stories hier ist eine davon/ Papa fuhr über die Grenzen, ganz allein im Waggon/ Alle Habseligkeiten in einem kleinen Karton/ ne Tausend Meilen weite Reise in der Heimat begonnen“ , heißt es dann. Anstatt jedoch die eigene Familiengeschichte auf Songlänge auszudehnen, ballern nur circa eine Minute später wummernde Kicks und schnelle HiHats aus den Boxen, über die der Münchner Dinge rappt wie: „Jubelnde Fanbase, Trubel entsteht/ Frauen machen den String zur Seite, wie Google Translate“ – auf dem gleichen Song wohlgemerkt. Alle Achtung. Und: Diese ersten 3:31 Minuten von „Euphoria“ stehen sinnbildlich für das gesamte Album, denn Ali tut hier immer wieder Dinge, die man so eher nicht erwartet hätte – im Guten, aber manchmal auch im Schlechten.

Als Beispiel für letzteres dient vor allem „Jetzt komm‘ wir“ . Nachdem sich der Künstler auf einem packenden Beat selbstkritisch mit den großen Namen der Weltgeschichte vergleicht, setzt in der Hook ein Kinderchor ein und singt: „Denn es waren schon so viel Menschen vor uns hier an diesem Ort/ Und jetzt kommen wir, malen ein großes buntes Herz auf den Beton“ . Puh. Ali As möchte Epik, mir ist das in diesem Fall aber eindeutig zu kitschig.

Keine zwei Meinungen gibt es allerdings bei der Qualität der Produktionen. ELI vermischt trappige Drums mit unkonventionellen Samples, vereinzelten Reggae-Elementen und kurzen, prägnanten Vocalsamples zu einem Trademarksound, der hervorragend zu Ali As‚ Style passt.

Logischerweise ist nicht jeder Song eine experimentelle Gratwanderung. Manche Tracks sind auch einfach dope. Der großartige Titelsong „Euphoria“ mit Kollegah oder „Dope in der Denim“ zum Beispiel. Dass Ali As ein Lyricist der gehobenen Klasse ist, wird auf „1 Mio Psychos“ ein weiteres Mal eindrucksvoll unterstrichen. Hier beschreibt Ali die Großstadt mit all ihren Facetten, Menschen und Geschichten ausgesprochen treffend. „Tausend tote Träume am Boden der engen Gassen/ Hilferufe verhallen zwischen klobigen Sendemasten/ Nächte werden in rosa getränkt/ Botox-Lächeln für den Kodak-Moment“ . Das Kopfkino wird erneut von einer gesungenen Hook abgerundet, die sich abermals an der schmalen Grenze zwischen Hitpotenzial und zu-viel -gewollt bewegt.

Auf „Euphoria“ wird der mit „Amnesia“ eingeschlagene Weg konsequent weitergeführt und weiterentwickelt. Die Rapskills des Protagonisten werden mit hittigen, manchmal etwas arg poppigen Hooks angereichert und von druckvollen, sehr gut ausproduzierten Beats unterlegt. Das funktioniert in den häufigsten Fällen gut und schafft ein individuelles Soundbild ohne Kopier-Verdacht. Hin und wieder wird die Schraube zwar überdreht, aber mir ist ein Langspieler wie „Euphoria“ , der sich etwas traut und konsequent die eigenen Horizonte erweitert, zehn mal lieber als das x-te Standard Rap-Album mit den gleichen Themen und Soundentwürfen.

Ali As
VÖ Datum: 1. April 2016
Verkaufsrang: 34
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