Review: Dexter – Haare nice, Socken fly

Dexter ist im deutschen Rap alles andere als ein unbeschriebenes Blatt: Wer hier und da auch nur einen oberflächlichen Blick in die Liste der an Alben beteiligten Produzenten wirft, ist schon dutzende Male über seinen Namen gestolpert und kann in etwa einschätzen, was dieser Mann in den letzten 15 Jahren für die deutsche Szene geleistet hat – und warum der Künstler aus dem Hause WSP bereits mit mindestens einem deiner Lieblingsrapper zusammengearbeitet hat.

Mit „Haare nice, Socken fly“ liefert der multitalentierte Stuttgarter nun einen ersten wirklich umfassenden Eindruck davon, was passiert, wenn er jenseits der sich kreisenden Plattenteller und neben den blinkenden Knöpfen des Soundboards ein Mic und ein Textblatt zwischen die Finger bekommt. Der Vorgänger „Palmen und Freunde“ hatte ja noch eher Sampler-Charakter – bzw. war einfach eine große Cypher, in der Dexter mit seinen Kumpels ans Mic gesteppt ist.

Wer nach deeper Emphase auf dramatischen Beats, ernstem und bleiernem Content oder in die Tiefe bohrenden Balladen Ausschau hält, ist bei „Haare nice, Socken fly“ definitiv an der falschen Adresse. Das Album ist schließlich „wavy wie der Ozean“ und lebt rundherum von durch sommerliche Leichtigkeit geprägten Gegebenheiten. Die Lyrics sind bestimmt vom Umstand, dass es Dexter einfach nur gut geht. Er scheint ernsthaft „keinen Tag tauschen“ zu wollen, weder in seiner Rolle als eingespannter Familienvater, noch in der des treuen Freundes oder in der des beobachtenden Musikers.

Erst durch die stets spezielle und lustige Herangehensweise an die eigentlich banalen Gegenstände seiner Texte erhält die Scheibe ihren originellen und einzigartigen Schliff. Dexys völlig eigener Humor, den er unaufhörlich in präzise formulierten Halbsätzen zum Ausdruck bringt, ist das Kernelement im einem Anglizismen-Ameisenhaufen gleichenden Projekt. Nur dank seines schlagfertigen Scherzes kann es Dexter sich erlauben, ganze Tracks über nüchterne Tatsachen und eigentlich völlig triviale Situationen zu droppen.

Beispiele? An der einen Stelle beschäftigt er sich minutenlang mit der schlichten Warterei am Flughafen, an der anderen langatmig mit seiner ausgeprägten Schwäche für Wein. Nichts, absolut gar nichts an „Haare nice, Socken fly“ hat einen annähernd dramatischen Charakter, die Wesensart ist durchgehend von positiven Vibes unterschiedlicher Couleur bestimmt.

Stilistisch ist das Album in seiner Gesamtheit schwer mit dem Output anderer Rapper zu vergleichen, was nicht zuletzt auch an der ungewöhnlichen Mischung der verschiedenen Feature-Gäste liegt: Dexy lässt Vertreter aus unterschiedlichsten Subgenres am Albumkonzept teilhaben, als wäre es selbstverständlich. Sowohl Trapheads wie Ahzumjot oder LGoony, als auch klassische Boombapper wie Fatoni oder der Retrogott haben Parts abgeliefert und tragen im gegenseitigen Zusammenspiel zu einem gelungenen und abwechslungsreichen Spannungsbogen bei.

Dexter hat das Album (wie sollte es auch anders sein) höchstpersönlich produziert. Die durchgehend smoothen Beats passen sich optimal an die unbeschwerten Texte an. Dexy hat hier völlig zurecht an unnötiger Komplexität gespart, was maßgeblich zur lockeren Grundstimmung der Platte beiträgt. Das klare Soundbild, das sich durch eine gehörige Portion Trap-Breaks und den exorbitanten Einsatz fluffiger Hi-Hats auszeichnet ist nicht nur enorm hochwertig, sondern beweist auch, dass kein Trend der letzten Jahre am Stuttgarter vorbeigegangen ist.

„Haare nice, Socken fly“ ist eine gelungene und erfrischende Abwechslung zu allen anderen Rap-Alben dieser Tage und weiß auf durchgehend hohem Niveau zu überzeugen.

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Interview mit Dexter: Wie nice sind die Haare, wie fly die Socken?

Dexter ist nicht nur einer der unbestreitbar besten Produzenten des Landes – inzwischen rappt der gute Mann auch immer öfter. War er auf seinem letzten Album „Palmen und Freunde“ eher noch ein seltener Gast am eigenen Mic, so steht er bei seinem neuen Album „Haare nice, Socken fly“ viel mehr im Vordergrund. Grund genug, mit […]

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