Sierra Kidd – Rest in Peace [Review]

Das Rap-Jahr 2013 war gerade angebrochen, als in den unendlichen Weiten der gängigen Videoportale ein knapp vierminütiger Track namens „Kopfvilla“ die Herzen der HipHop-Kenner und Major-A&Rs höher schlagen ließ. Das Verrückteste an der Sache war, dass der geheimnisvolle, damals noch gesichtslose Macher dieses musikalischen Sprengkörpers, ein gewisser Sierra Kidd, gerade einmal sechzehn Jahre alt war. Grundehrlich, nüchtern abgeklärt und doch mit dem richtigen Maß an Poesie berichtete dieser Junge unerhört authentisch über die alltägliche Trübsal aus dem Leben eines Heranwachsenden, der so einiges durchzustehen hatte.

Jetzt, im Juni 2017, schließt derselbe Sierra Kid endgültig das Buch, das damals verheißungsvoll mit dem Kapitel „Nirgendwer“ geöffnet wurde. Zumindest unter diesem Alias. Der Wahl-Hamburger meldet sich mit seinem zweiten vollwertigen Studioalbum auf der Deutschrap-Bildfläche zurück und sagt im gleichen Atemzug „Rest in Peace“.

Vom „Kopfvilla“Kidd ist inzwischen sowieso nicht mehr viel übrig geblieben: So smoove, wie er sich anfänglich mit wohltönender Stimme über klar strukturierte Beats treiben ließ, trippelt er heute über schwer fassbare Cloudrap-Punches. Wo früher deepe Reimketten über die ernüchternden Erlebnisse in der Schulklasse und mit der Jugendliebe standen, dominieren heute spektakuläre Downtown-Abenteuer, in denen regelmäßig die Kugeln durch die Luft pfeifen. „Kidd macht [jetzt] Dollars“, da bleibt nicht mal mehr Zeit für Fotos mit „Groupie-Bitches“. Eine Wendung um 180 Grad also, und das auf allen Ebenen.

Achtbarer Weise scheint das gesamte Gerüst der vorliegenden Platte, von der anfänglichen Vision bis hin zur detailreichen Umsetzung, von Kidd selbst errichtet zu sein: Auf dem hauseigenen Label Teamfucksleep erschienen sind selbst die Beats auf „Rest in Peace“, abgesehen von ein paar Ausnahmen, von Kidd höchstpersönlich produziert.

Gerade dieser Umstand verursacht aber auch einige augenfällige Schattenseiten: Der Sound weist durch seine sekündlich rotierenden, stets vor sich hin eiernden Autotune-Zirkel ein mechanisch wirkendes Gesamtbild auf, das die in Wahrheit sehr angenehme Stimme Kidds stellenweise in einen eher belastenden und stressigen Baustein seiner Musik umkrempelt und somit unnötigerweise in den Schatten stellt. Gerade, weil das elementare Kapital vergangener Tage, der Tonfall, die Diktion, und besonders der saubere Flow seiner Stimme dadurch extrem verfälscht sind, beeinflusst dies den Vibe einiger Songs eher unglücklich als bereichernd. Hier seien besonders Tracks wie das durch seine Zerhacktheit unfassbar anstrengende Intro „Cutthroat“ oder das bereits per Video ausgekoppelte „Go Go“ als Negativbeispiele genannt.

Im Kontrast dazu funktioniert der bedingungslose Autotune-Einsatz allerdings auf den etwas melodiös-harmonischeren Liedern „Juice“, „Bag“ oder besonders auf dem wohl stärksten Track der Platte, „Copied“, ziemlich sauber.

Die inhaltliche Essenz von „Rest in Peace“ ist schnell erläutert: Kidd zeichnet im Verlauf des Albums ein apokalyptisches Szenario, das an seinem Ende auch die von ihm konstruierte Kunstfigur mit in den Abgrund reißt. Im Großen und Ganzen soll künstlerisch plausibel gemacht werden, dass er, zumindest unter diesem Namen, in Zukunft keine Musik mehr veröffentlichen wird. Dieser Überschlag ist leider zu offensichtlich und wirkt dadurch gekünstelt.

Kidd mimt den mustergültigen Gangster, der einst broke war, bevor er sich hoch kämpfte und an dessen Gürtel die Knarre stets locker sitzt: Er hat es nicht anders gelernt, schließlich wimmelt es nur so von Ratten und Verrätern, die ihn tot sehen oder mindestens kaltblütig ausnehmen wollen. Auch seine Familie scheint stets Zielscheibe feiger Attacken zu sein: Gäbe es nicht den brutalen Hustler an der Spitze des Clans, der auf den zaghaftesten Angriffsversuch mit handfestem Waffengebrauch reagieren würde, schiene es für sein Blut düster auszusehen. Während Kidd, weil er es kann, standardmäßig zu spät zum Labelmeeting kommt, werden ein paar Cops in seinem Block gekillt. Und so weiter.

Kidd dramatisiert die Situationen, die er beschreibt, auf vorhersehbare Weise bis ins Unerträgliche, während unter den fiktiven Sehnsüchten einer ungestümen Vita im Ghetto von Houston die Authentizität seiner Darstellungen geradezu rigoros erdrückt wird.

Der rote Faden allerdings, der sich bis heute durch alle Releases Kidds zieht, der kontinuierliche Anspruch, mutig und entschieden einzigartig zu sein, lässt auch auf dem aktuellen Release um keinen Deut nach: Gerade auf „Rest in Peace“ nutzt er vermehrt futuristische Ausdrucksformen, die, auch wenn sie zumeist das amerikanische Trap-Geschehen der letzten Jahre wiedergeben, für deutsche Verhältnisse ohne Frage außerordentlich innovativ sind. Insbesondere der in diesem Ausmaß exorbitante Einfluss der englischen Sprache sowohl auf die gesamte Tracklist als auch auf das Innenleben aller Lieder, ist in einem solchen Ausmaß definitiv neu.

Es bleibt abzuwarten, was dieser junge Mann, der künftig wohl unter neuem Namen agieren wird, perspektivisch mit seinem Talent anstellen wird. Ich persönlich fände es gar nicht verkehrt, einen Fort- oder Rückschritt zum Kidd früherer Tage zu vollziehen…

Rest in Peace
  • Sierra Kidd, Rest in Peace
  • TeamFuckSleep (Chapter ONE / Universal Music)
  • Audio CD

Sierra Kidd: Von „Kopfvilla“ bis „Rest in Peace“ – wie hat sich die Musik verändert? [Video]

Es hat sich viel getan in den letzten Jahren.

1 KOMMENTAR

  1. „Insbesondere der in diesem Ausmaß exorbitante Einfluss der englischen Sprache […] ist in einem solchen Ausmaß definitiv neu.“ – Jason & Favorite im Jahre 2005: „Scheiss auf Jada, jetzt sind Fav und J da
    Guck, die Hater mucken, wir bringen die Guns in eure Neighbourhood
    Stay geduckt, ich bin evil, du Schmock
    Ein Rhyme und du siehst aus, als hätte dich Vin Diesel geboxt“ – usw.

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