Review: Nate57 – Unter Deck Mixtape

Wie viel Straße kann in einem auf eine silberne Scheibe gepressten Zeitdokument eigentlich stecken? Ich schwöre euch: die volle Ladung! Nate57 ist „Zurück im Barrio“ und eigentlich hat sich seit den Tagen, in denen es „Stress aufm Kiez“ gab und die „Verrückte(n) Ratten“ den lang ersehnten frischen Aufwind in die Segel der damals etwas lethargischen und in die Jahre gekommenen Hamburger Szene brachten, nichts verändert.

Mit dem kleinen Unterschied, dass Nate heute eben alles andere als ein Newcomer ist. Vielmehr ist er ein alter Hase im Business, der es im Laufe der Jahre ohne Zweifel geschafft hat, seine eigene stilistische Nische auszuloten – ohne den ganz großen Durchbruch zu schaffen, den man ihm eigentlich zugetraut hätte.

Das neue Release „Unter Deck Mixtape“ beweist noch eindrucksvoller als alle Vorgänger-Releases sein Alleinstellungsmerkmal. Brachiale Schrammel-Beats mit radikal portionierten unangenehmen Ausschlägen und altmodischen Baselines versetzen einen in das epische Feeling einer entspannten GTASanAndreas-Promenaden-Stippvisite im Blista Compact und treffen auf einen gewohnt fehlerfreien Flow im verhältnismäßig melodischen Sprechgesangsstil.

Wären die Vocals nicht so hervorragend abgemischt und die Lyrics nicht auf Deutsch, könnte man glatt meinen, diese Scheibe sei aus einem seit den frühen Neunzigern verschlossenen Kellerraum an der amerikanischen Westküste ausgegraben worden. Mindestens zwei Drittel der 16 Tracks gehen straight vorwärts und zwingen, gerade durch die Einfachheit ihrer Grooves, förmlich zum Headbangen. Nate selbst bringt den Stil seines Sounds im Abreißer-Titeltrack „Unter Deck“ mit der Line: „lieb‘ Bässe und das Knacken von der Platte, du weißt, mag‘s mit Leichtigkeit, bisschen hektisch zugleich“ ziemlich genau auf den Punkt.

Seit dem 2016 nach langer Pause erschienenen Album „Gauna“ hat sich offenbar schon wieder eine Menge neuer Storys über die verruchten, von Junkies belebten Seitengassen, der legendären, sündhaften Meile im Herzen des Kiezes, Bullen in Zivil, weißes Pulver aus der Hafen-City, kokette Mädchen und andere Bewandtnisse aus der Hammerburger Festung angestaut.

Auch wenn sich alle Texte inhaltlich um diese stets wiederkehrenden Themen drehen, wird es nicht einmal im Ansatz langweilig. Ein Grund dafür ist nicht zuletzt die ellenlange Liste an Gästen, die Nate unter dem Dach des Tapes bündelt: neben alten Bekannten aus dem RattosLocos-Kosmos wie Telly Tellz, Blacky White oder Abdel hat er neben namhaften Kandidaten wie dem Karlsruher Spitter Haze vor allem eine lange Reihe noch unbeschriebener Blätter aus dem Hamburger Untergrund ins Boot bzw. an Deck geholt. Besonders rührend und an dieser Stelle definitiv erwähnenswert sind die „Bars aus der Zelle“, die Nates Cousin Collin trotz seines derzeitigen Aufenthalts hinter schwedischen Gardinen zum Album beigesteuert hat.

Tracks wie dieser oder der freche, an die heutige deutschsprachige Rapszene adressierte Oldschoolbanger „Open Mic“ verleihen der Platte ihren extrem ausgeprägten Untergrund-Charakter. Die rekordverdächtige, strukturell beinahe an einen Sampler erinnernde Aufstellung an Features hätte ein klassisches, in sich geschlossenes Album zweifelsohne durch ihre extreme Konfusion zerstört, macht dieses Mixtape aber zu einem sehr abwechslungsreichen Erlebnis.

Nate war schon immer ein Rapper, dessen Anspruch und Horizont weit über die Frage hinaus ging, auf welchem Wege er sich schnellstmöglich einen Bentley beschaffen kann. Seine Zeilen geben stets, jedoch besonders in den tendenziell betrübt-besinnlichen Tracks wie „Trauer“, „Regenzeit“, „Bis du es schaffst“ und „Heb deine Faust“ einen wütend-sozialkritischen und depressiv-philosophischen Kurs an.

Im direkten Kontrast dazu liefert das „Unter Deck Mixtape“ allerdings ebenfalls eine solide Bandbreite sehr leicht verträglicher Kost in Form von gradlinigen Storytellern wie „Blockparty“ oder „Fühle mich selbst“, unkomplizierten Party-Brettern wie „Funk“ und rigorosen Gangster-Gassenhauern wie „St. Pauli Killaz“ oder „Definition eines Gaunaz“.

Das Tape lässt sich in vielerlei Hinsicht als entschiedene Trotzreaktion auf die aktuell vorherrschenden Trends innerhalb der Rapszene lesen, nicht zuletzt, weil man für seine Verbreitung auf jegliche Art der Promo verzichtet hat.

Guten Gewissens haben sich Nate und seine Jungs auf einen fetten musikalischen Output konzentriert, der durch seine Smoothness definitiv eine gelungene Hommage an die goldenen Zeiten darstellt. Und gerade weil ihr Sound zwischen all den Autotune-schwangeren Hooks und Afrotrap-Beats dieser Tage so deutlich heraus sticht, weiß man genau, warum man Nate57 in der letzten Zeit so schmerzlich vermisst hat. So viel Straße in einem Tape habe ich jedenfalls selten erlebt…

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