Review: Sylabil Spill – Der letzte weiße König

Wenn „Der letzte weiße König“ losballert, braucht man drei Dinge. Ein dickes Fell, ein strapazierfähiges Gehör und ein Verständnis für detailverliebte Produktionen und spannende Flows.

Wie gehabt also, nur dass große Teile von „DLWK“ eben keine gewohnte Spill-Kost sind. Nicht, dass man auf Spills gewohnte Qualitäten verzichten müsste, nur kommen Songs wie das als Albumankündigung präsentierte „Auf Modus“ mit ungewohnten Elementen daher, die für bornierte Backpacker gerne ein rotes Tuch darstellen.

Die Beats klingen dann stellenweise halt eher nach Rick Ross als nach Kool Keith. Der Radira liefert aber die gewohnten Knochenbrecher-Flows und schmerzhaft-präzisen Beschreibungen körperlicher Gewaltanwendung.

Dass „DLWK“ leicht verdaulich klingen und sich an irgendeine Zielgruppe anbiedern würde, ist also hanebüchener Unfug. Spätestens das von schrillen 8-Bit Sounds und wirr-verspielten Drum-Arrangements geprägte „Mit mir“, das gefühlt alle vier Takte ein neues Element einwirft, zeigt, dass hier alles andere als Easy-Listening an der Tagesordnung ist.

Die gemütlichsten Momente sind die wenigen Songs, die sich eher typischer Straßenrap-Instrumentale bedienen und mit holzigen Drums auf 90 BpM und synthetischen Orgeln gespickt sind. etwa „Stein“ oder „Graue Tonne“. Im Gegenzug gibt es aber sehr wohl auch die gewohnt sturen Sample-Loops, die die von vielen vermisste „Steine & Zwiebeln“-Atmosphäre wieder aufleben lässt. So beispielsweise „Kein Künstler“ oder „Wenn ein Schuss fällt“.

„Der letzte Weiße König“ klingt dadurch aber nicht durchwachsen, schlagen doch alle Beats in dieselbe bedrohliche Kerbe. Auch inhaltlich hält Spill sich ans Fressenpolieren. Gabeln stecken in Hälsen, Schraubenzieher daten Nieren, Nackenschellen treffen so hart, dass darauf ein Salto folgt und Blut wird als Gleitmittel verwendet.

Auf inhaltlichen Tiefgang, wie Spill in durchaus zu transportieren weiß, wird weitgehend verzichtet. Über „Stein“, in dem mit Hanybal vor Kokain und Crack gewarnt wird, geht es selten bis nie hinaus. Dafür hat der gebürtige Kongolese die Straßennote, die er glaubhaft verkörpert, etwas mehr hervorgehoben. Hier wurde sicherlich in Richtung der Kopfticker-Zielgruppe geschielt, was aber nicht weiter tragisch ist, weil der Schuh einfach passt.

All das passiert in derart spannenden und abwechslungsreichen Flowpattern, dass einem Hören und Sehen vergeht. Sylabil Spill wechselt Tempo, Versmaß und Tonlage mit einer fast schon gleichgültigen Selbstverständlichkeit und hält so jeden Song konstant interessant. Brutal schnell gerappte atemlos-Passagen wie auf „Allein sein“ reihen sich an spielerische Halftimes, in denen Spill gekonnt mit den Drums und seinem Taktgefühl agiert. Für das ungeübte Ohr mag das vielleicht chaotisch klingen, tatsächlich ist es aber eine verdammt interessante Angelegenheit, die viel Fingerspitzengefühl erfordert.

Ja, Sylabil Spill hat einige Weichen umgestellt. „Der letzte Weiße König“ klingt progressiver, verzichtet auf einiges, fokussiert sich dafür auf andere Qualitäten. In erster Linie tut es eins: richtig weh! Brutal zermalmen Raps und Beats alles, was ihnen in die Quere kommt. Jede Snare zwiebelt brutal, jedes Wort zeichnet ein schmerzhaftes Gemälde, jede Silbe sitzt. Die Beats ähneln einander nicht zu sehr, greifen dennoch perfekt ineinander und fügen sich zu einem lauten, harten Album zusammen, das dem Hörer einiges abverlangt.

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