Review: Kurdo – Vision

Vor knapp einer Woche erblickte mit „Vision“ der neue Tonträger des Heidelberger Rappers Kurdo das Licht der Welt. Dieser behält damit seinen, gemessen an anderen Vertretern des Genres, stets rasanten Release-Rhythmus weiter bei und liefert ein gutes Jahr nach „Verbrecher aus der Wüste“ das mittlerweile vierte Album im vierten Folgejahr.

Insgesamt scheinen beim „Slumdog“ in der Zwischenzeit nicht allzu schwerwiegende Veränderungen oder Stilbrüche hinsichtlich des Sounds oder der inhaltlichen Ausrichtungen stattgefunden zu haben. Warum auch? Der Fokus von Kurdos Musik liegt, grob formuliert, weiterhin auf seiner ereignisreichen persönlichen Geschichte und seinem Aufstieg vom Tellerwäscher zum Rap-Millionär. Und sein Klangbild bewegt sich atmosphärisch weiterhin irgendwo zwischen Schießerei mit hohen Opferzahlen und verträumter Orient-Romantik.

Aus rein musikalischer Sicht liegt hier eine extrem gut und detailreich produzierte Platte vor, die mit unterschiedlichsten Sounds und Prägungen zu überzeugen weiß. Die Beats bieten ein sehr solides Fundament und variieren gelungen zwischen Melodramatik und Mühelosigkeit, zwischen Gänsehaut-Feeling und protziger Epik. Tracks wie das einleitende „Mission“, das daran anschließende, zum Krieg blasende „Hände weg“ oder die zum fröhlichen Tanz einladende Oriental-Dancehall-Nummer „Ya Salam“ schaffen es ohne Zweifel, die jeweils gewünschte Stimmung zu erzeugen.

Gemessen an strengen (almantypischen) Raptechnik-Kriterien ist Kurdo kein Ausnahme-Künstler. Wie eh und je lässt sein Flow an einigen Stellen zu wünschen übrig und hinkt mitunter etwas, selbst auf langsameren Beats. Diese Defizite treten besonders auf Tracks wie „Letzter seiner Art“ oder im Feature-Terzett „Stalin“ mit Kollegah und Farid Bang deutlich zu Tage. Seine Stärke liegt eher darin, sehr konkrete Bilder mit wenigen Worten zu zeichnen und das mit seiner verrauchten Stimme glaubwürdig rüberzubringen.

Lenkt man seine Konzentration auf die inhaltlichen Gesichtspunkte, hebt sich „Vision“ nur schwer erkennbar von Kurdos Vorgänger-Alben ab. Die Kernaussagen beinahe aller Tracks sind stets damals-zu-heute-Vergleiche und drehen sich nach wie vor fast ausschließlich um die Themenkomplexe „trotz Ruhm der Alte geblieben“, „früher ein freches Kind, heute reich“, „einst Verbrecher, jetzt Legende“ und natürlich „Scheine zählen, Scheine zählen, Scheine zählen“. Zu selten bleibt dabei für meinen Geschmack irgendeine Art Interpretationsspielraum.

An sich spannende autobiographische Inhalte aus Kurdos Zeit im kurdisch geprägten Nordirak werden oft von einfacher Wohlstands-Glorifizierung oder Phrasen ohne erkennbaren doppelten Boden wie im Genetikk-Feature „Made in Germany“ überschattet. Den meisten Tracks fehlt der bestechende rote Faden, der sie von anderen Liedern abgrenzt und nur wenige Lieder fallen positiv durch ein klares Konzept auf. An dieser Stelle sei etwa „Schatten des Ruhms“ genannt, das schlüssig und stellenweise wirklich tiefgründig kritisches Storytelling über das Berühmt-werden und Reich-sein betreibt.

Ebenfalls stark ist der Song „Traum“, in dem sich der „Wüstenjunge“ als Freiheitskämpfer beschreibt. Allerdings finde ich das hier verwendete Sample aus Martin Luther Kings geschichtsträchtiger Rede über den Traum einer gerechteren und jenseits von Hautfarben gleichberechtigten Welt mit Blick auf Kurdos doch sehr egozentrischen Weltbildes und seinen marginalen Freiheitsbegriffes doch etwas hoch gegriffen.

Wer Kurdo und seine Musik vor „Vision“ mochte, wird wohl auch dieses Album feiern. Wer aber, so wie ich, gehofft hatte, dass sich das vierte Album deutlicher von seinen drei Vorgängern abgrenzen würde, wird enttäuscht, denn nach wirklich neuen Impulsen sucht man vergeblich. Und so bleibt Kurdos Musik eine Sache der Perspektive: Wer epische Beats und materialistisch geprägten Mittelfinger-Rap will, wird mit „Vision“ auf alle Fälle voll auf seine Kosten kommen.

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