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Warum Nationalismus nicht gleich Nationalismus ist [Kommentar]

deutschefahne

Der Gastkommentar von Kaveh über Nationalismus im Deutschrap, den wir letzte Woche veröffentlicht haben, zog weite Kreise. Es gab viele Kommentare – und wir gaben einem weiteren Autoren die Möglichkeit, eine Erwiderung zu schreiben. Auf diesen wiederum antwortete Kaveh in einem weiteren Gastkommentar. Da wir den Zugriffszahlen sowie den Kommentarfunktionen der diversen Kanäle entnehmen, dass das Interesse an der Diskussion durchaus nicht gering ist, geben wir nun einer weiteren Gastautorin die Möglichkeit, sich zu der laufenden Diskussion zu äußern. Wie in allen bisher veröffentlichten Kommentaren gilt, dass nicht jede im Artikel geäußerte Meinung der der Redaktion entsprechen muss. 

Lieber Pathos, hallo Kaveh,

ihr habt euch ein tolles Battle geliefert, ich hatte sehr viel Spaß daran eure Artikel zu lesen. Unter euren Artikeln standen Kommentare wie „Die Kanacks sind doch die größten Nazis im Game darüber solltet ihr mal Palaber machen…“ oder „Ist Antideutsch zu sein nicht auch eine Art Nationalsozialismus egal welche Herkunft?

Deine Antwort, Kaveh, trug die Überschrift „Gegen jeden Nationalismus“. Dies ist als Grundthese zunächst einmal völlig zu unterschreiben. Allerdings sind deine Ausführungen dazu eher mangelhaft. Du solidarisierst dich mit dem sogenannten „palästinensischen Befreiungskampf“, den du als „antikolonial“ bezeichnest und der für dich somit emanzipatorisch scheint. Du schreibst außerdem, dies sei für dich und viele deiner „Genoss*innen“ ebenso. Mein Philosophie-Lehrer hätte mir dafür in einer Klausur an die Seite geschrieben, dass dies ein naturalistischer Fehlschluss sei. Denn nur, weil viele deiner „Genoss*innen“ dies tun, macht es das nicht minder falsch. Du begründest somit deinen allumfassenden Antinationalismus mit Nationalismus. Die Charta der Hamas kann jeder googeln und die Blut-und-Boden-Argumente bei der SDAJ oder diversen Freien Kameradschaften nachlesen. Dies nur am Rande.

Lieber Pathos, dass du nicht näher darauf eingeganen bist warum Ken Jebsen jemand ist, den man besser in die Hölle der Desktoppapierkörbe schieben sollte, als ihm ein Forum zu geben, hat mir bei deinem Artikel gefehlt (Verschwörungstheorien usw.). Dies hätte neben den bereits viel erwähnten fehlenden Quellen deinen Kommentar ungemein aufgewertet.

Nun zu meinem eigentlich Anliegen und die von mir zitierten Facebook-Kommentare. Für einige der rap.de-User scheint es beim Thema Nationalismus nur darum zu gehen, ob jemand eine Nationalfahne schwenkt oder nicht. Oder darum, dass jemand seine Ethnizität nicht in den Vordergrund stellen sollte. Auf den allseits beliebten Ansatz „…aber das ist doch Sozialisation“ für die Besonderheiten im Rap, verzichte ich an dieser Stelle. Denn Nationalismus ist nicht gleich Nationalismus. Ein bisschen durchatmen und differenzieren würde dieser Debatte nicht schaden.

Wenn ein FlerDas ist Schwarz-Rot-Gold, hart und stolz“ rappt, dann bedeutet dies AUCH, dass er stolz darauf ist, dass die Bewohner seines Landes früher über sechs Millionen Menschen ins Gas schickten ,die Presse jahrelang über „Dönermorde“ schwadronierte, wo Nazis sich in Terror üben und Politiker massenweise Menschen im Mittelmeer ersaufen lassen, von den brennenden Flüchtlingsunterkünften mal ganz abgesehen. Dann bedeutet dies außerdem, dass es einen Wohnungsmangel in Großstädten gibt, dass Menschen mit 404 Euro sich irgendwie in die Gesellschaft integrieren sollen. Und dann bedeutet dies ebenso, dass sich eine Frau alles gefallen lassen muss, weil sie dies ja selber so wolle.

Dem kann ich nur entgegen: Deutschland, du mieses Stück Scheiße!
Aus dem Grund, dass dieses Schland über sechs Millionen Menschen ins Gas schickte, finde ich es ganz und gar nicht verkehrt einen Schutzraum für die vom Antisemitismus betroffenen Menschen zu unterstützen. Und ja, die israelische Politik ist in großen Teilen eher, ich möchte mich in einen Euphemismus versuchen, mau. Logisch, ist ein Staat wie jeder andere auch, allerdings mit einer anderen Funktion und einem anderen Gründungsmythos (Schutzraum und Shoah). Temporär, also so lange bis es keinen Antisemitismus mehr gibt durchaus unterstützenswert. Allerdings glaube ich eher an die Unschuld einer Hure als an eine Welt ohne Antisemitismus. Und genau deswegen werde ich den Zionismus in seiner Schutzfunktion niemals in Frage stellen.

Die weiße Mehrheitsgesellschaft habe ich bereits erwähnt. Nun möchte ich mich den „Kanacks“ widmen. Insbesonderen den kurdischen Rappern, die wie eingangs zitiert „die größten Nazis“ seien und in anderen Kommentaren als nationalistisch bezeichnet wurden. Wenn man eine undifferenzierte Kritik am Nationalismus pflegt, dann stimmt letzteres und beim ersten muss ich sagen, dass der Autor vielleicht mal die Begrifflichkeiten nachschlagen sollte.
Ich befasse mich seit der Belagerung des IS von Kobane näher mit der kurdischen Bewegung. Ob ich es verstanden habe weiß ich nicht genau. Aber was ich weiß ist, dass die Kurden aller vier Länder eins gemeinsam haben, nämlich den Wunsch nach einem Schutzraum und den Wunsch nach einer basisdemokratisch organisierten Gesellschaft. Gerade die „türkischen“ Kurden befinden sich zunehmend in der Defensive. Die PKK ist in der EU verboten, die EU unterstützt Erdogan, damit die Flüchtlinge nicht reinkommen und Nachrichten, dass 20 Menschen in einem Keller verbrannten, erreichen meine Facebook-Timeline.

Wenn ein HaftbefehlBiji biji Kurdistan“ in „Chabos wissen wer der Babo ist“ rappt, dann ist dies zunächst natürlich als Nationalimus zu bezeichnen, allerdings bei genauerem Hinsehen auch nicht ganz verkehrt. Genauso verhält es sich bei Xatar, der in „Original“ rappt: “Ein paar Fundis wollten Kurdistan schocken, indem Blut fließt/Sie wollten uns Islam beibringen, doch vergaßen/Dass wir die Kinder Salaheddins sind“ Auch dies ist symptomatisch für den kurdischen Nationalismus zu betrachten. In der Line ist mit „Fundis“ der IS gemeint.

Allerdings zieht sich dies durch die kurdische Geschichte wie ein roter Faden. Sei es, dass die Türkei kurdisch als Sprache verbietet oder die Kurden von iranischen Militärs angegriffen werden. Daraus resultiert logischerweise ein Stolz. Die Kurden sind mit 11,5 Mio Menschen die größte Minderheit in der Türkei und in Syrien die größte nicht arabische Minderheit (Quelle: Wikipedia). Dies bedeutet, dass in etwa ähnlich viele Menschen wie in NRW wohnen über vier Länder verteilt sind, zu denen sie sich nicht zugehörig fühlen. Ich teile den kurdischen Nationalstolz nicht, aber verurteilen kann ich ihn auch nicht. Eher im Gegenteil, für mich ist die Forderung nach einem kurdischen Staat, innerhalb der auf Staaten basierenden Gesellschaft, immer drängender und unterstützenswerter.

Es gab auch einen Kommentar dazu, dass die „Kanacks“ sich doch bitte mal als Deutsche fühlen sollen, da sie hier ja leben. Diesbezüglich hat Xatar in einem Interview gesagt, er sei früher in der Schule als asozialer Kanake von Lehrern bezeichnet worden und habe denen dann den asozialen Kanaken gegeben. Wie soll denn jemand, der solche Erfahrungen macht, sich postitiv mit dem Land, in dem er nun lebt, aber nicht ankommen darf, identifizieren? Da wir in einem gesellschaftlichen Konstrukt leben, in dem der Staat IMMER der Identitätsstiftung dient, bedient man sich der Nation, der man ethnisch angehört. Für mich als Antwort auf erfahrenen Rassismus eine logische Konsequenz.

In diesem Sinne möchte ich einfach jedem Menschen ans Herz legen, ein wenig differenzierter und sachlicher mit Kritik umzugehen und aus dem eigenen schwarz/weiß Weltbild auszusteigen und einen Moment durchzuatmen bevor er in die Tasten haut.

PS: Ich bin eine weiße CIS- Gender- Frau, mit Fachhochschulabschluss aus der unteren weißen Mittelschicht und ich esse Fleisch. Damit ihr wisst, wie ihr mich richtig beleidigen könnt.

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