Die Meisten hielten es wohl für einen weiteren Promo-Gag, als die große "11 Jahre Chimperator"-Jubiläumstour angekündigt wurde. Elf Jahre? So lange hatten wohl die Wenigsten das kleine aber feine Label aus dem Süden Deutschlands schon auf dem Schirm. Tatsächlich saßen aber schon im Jahre 1999 drei Herren in Stuttgart zusammen und planten die Übernahme des Rap-Games -oder was Labelbosse sonst so tun. Wie hart die Zeit des ausbleibenden Erfolgs wirklich war, warum man trotzdem nicht aufgegeben hat und sich aktuell auf einer Stufe mit dem ehemaligen Hauptstadtlabel Aggro Berlin zu dessen besten Zeiten sieht: Darüber sprachen wir mit dem Öffentlichkeitsarbeits- und Künstlerbeauftragten Sebastian Andrej Schweizer also known as Basti. Mit dabei war außerdem Tua, seines Zeichens Mitglied der Orsons, der jetzt eine Neuauflage seiner zwei EPs "Inzwischen" und "Fast" als "Stille" via Chimperator veröffentlicht. Der Reutlinger hatte nicht nur etwas über seine anfänglichen Zweifel bezüglich des "Orsons"-Images zu sagen, sondern sprach außerdem darüber, was ihn in seinen Jahren bei Royalbunker und Deluxe Records so gestört hat.
rap.de: Elf Jahre Chimperator, da könnte man ja jetzt schon fast sagen, das ist das dienstälteste Deutschrap-Undergroundlabel Deutschlands. Seit wann produziert ihr jetzt wirklich ernsthaft? Ich würde sagen, im Jahr 1999 hat man euch jetzt noch nicht so auf dem Schirm gehabt. Das ist ja erst in den letzten Jahren mehr geworden.
Basti: 1999 haben wir zum ersten mal etwas released. Das war das Tape "So ist Es" von der Gruppe "Supreme Techtics". Das waren Steven, unser damaliger Grafiker, der auch das Affen-Logo entworfen hat und heute in Japan lebt, und Coco.
Wir haben halt Musik gemacht, gerappt, sind auf Jams gefahren und so was und 1999 kam dann das Tape raus, da haben wir dann das Logo drauf gemacht und da stand zum ersten mal
Chimperator drauf. Das haben wir auch nur live verkauft, das gab es nicht mal bei
MZEE oder so was. Und darauf folgten dann von der Gruppe
Kesselkost eine Vinylplatte, die wir dann "schon“ über die
WOM-Märkte vertrieben haben.
Die haben uns eine kleine Stückzahl abgekauft und die gab’s dann. Ich weiß nicht, ob’s die deutschlandweit gab oder nur in Süddeutschland.
rap.de: Was für eine Auflage war das?
Basti: 500.
rap.de: Wie viele habt ihr davon verkauft?
Basti: Nicht die 500 auf jeden Fall. Also die Hälfte vielleicht. Und auch nicht auf einen Schlag.
Tua: Aber damals ging das auch nicht. Damals hat glaub ich keiner von uns gedacht: "
Wieviele verkaufen wir davon?“. Nicht mal: "
Wir müssen so und so viele verkaufen, damit wir das Geld wieder drin haben“.
rap.de: Wer hat das denn finanziert?
Basti: Das haben damals immer die Rapper selber finanziert. Die sind arbeiten gegangen. Bei Bosch, bei Daimler, bei Porsche und haben das selber gezahlt.
rap.de: Und was hat dann das Label gemacht?
Basti: Das Label waren ja die Rapper. Wir waren drei Bands, die irgendwann gesagt haben: "
Wir machen jetzt zusammen ein Label“ und aus jeder Band gab es so quasi einen Gesellschafter.
rap.de: Und du hast auch gerappt?
Basti: Ich habe auch gerappt, ja.
rap.de: Bei der Gruppe Kesselkost.
Basti: Nee, ich war bei der Gruppe
Bejone & Vince.
Vince war der DJ, ich war
Bejone. Ich habe aber nie was veröffentlicht, weil ich da angefangen hab, mich so ein bisschen um das Organisatorische zu kümmern. Das hab ich dann immer mehr gemacht, habe gemerkt, dass mir das Spaß macht und dadurch habe ich nie wieder was rausgebracht.
Aber das war ok. Ich dachte damals, den ganzen Glamour krieg ich ja auch als Label Manager mit.
rap.de: Ist das so?
Basti: Ein bisschen bestimmt. 2004 hab ich noch gerappt, da waren wir auch auf Tour. Mein schönstes Tourerlebnis war in Österreich, in einem 4-Sterne Hotel mit einem Wellness-Bereich, wo wir dann Afterparty gemacht haben im Whirlpool, mit Wodkaflaschen und Frauen. Davor die Nacht haben wir in München übernachtet, da waren wir in einem Stundenhotel untergebracht mit Tigerbettwäsche und Blut auf den Bettlaken. Das war das andere Extrem. Seitdem habe ich nie wieder so was erlebt.
rap.de: Seitdem ist es einfach gediegenes Mittelmaß.
Basti: Ja.
rap.de: Hast Du Dir die Labelarbeit vorgestellt, wie sie dann im Endeffekt war?
Basti: Ich habe von 2002 bis 2003 im Rahmen meines Studiums ein halbes Jahr bei der
EMI gearbeitet. Das war dann das erste mal, dass ich wirklich dieses Label- und Musikbusiness in echt mitbekommen habe und dadurch hab ich das dann direkt von der Majorseite kennengelernt. Davor hab ich immer so gesagt, die sind die Bösen, die Majors, die wollen nur Geld verdienen und das darf man nicht und so was.
Ich hab dann aber gemerkt, dass die Leute bei der
EMI, die dort arbeiten auf ihre Art genau so Musikliebhaber sind. Das sind jetzt keine Haie, die den Künstler ausnehmen wollen. Die mögen das, die machen ihren Beruf, den sie für sich gefunden haben, weil sie ihn gerne machen, weil sie gerne was mit Musik zu tun haben und weil ihnen das wichtig ist.
Damals ging es der Musik auch noch ein bisschen besser, da kam grad das "
Mensch“-Album von
Grönemeyer raus, da waren dann dauernd Partys auf der Dachterrasse mit Freibier und Grillen und so was. Aber um auf deine Frage zurück zu kommen, da habe ich dann schnell gesehen wie die Musikindustrie arbeitet und es war dann nicht so, dass ich später gemerkt habe: "
Oh, ich habe mir das alles ganz anders vorgestellt und in echt ist es jetzt so und so“.
rap.de: Du hast an der Popakademie studiert.
Basti: Ja.
rap.de: Hat dir das irgendwas gebracht für deinen Beruf?
Basti: Popakademie habe ich gemacht, weil mein erstes Studium nicht wirklich mit Musik zu tun hatte. Vorher habe ich Internetradio gemacht, ich hab Videos gedreht und so Sachen. Das hatte aber nicht unbedingt was mit Musik zu tun und ich hatte da ab und zu das Gefühl, dass ich da vielleicht was falsch mache. Ich weiß nicht, wie das mit der Steuer ist oder der
GEMA, hab das alles nur so gelesen gehabt und dann dachte ich, an der Popakademie sagt mir jemand, wie das wirklich alles ist.
Während dem Popakademiestudium hab ich dann allerdings gedacht, ok, das alles, was wir hier lernen, das mach ich schon die ganze Zeit. Ich weiß wie der Vertrieb funktioniert, ich mach Promo, ich mach Künstlerentwicklung und all das.