rap.de: Wir befinden uns gerade im Olympiastadion und es ist unwirtlich kalt. Wärmt euch dieser Anblick hier trotzdem das Herz?
Manny Marc: Hier hat alles angefangen. Na gut. Nicht alles vielleicht, aber hier ist der Startschuss gefallen, könnte man sagen.
Frauenarzt: Es war auf jeden Fall eine große Station der ganzen Strecke.
Manny Marc: Hier haben 72.000 Leute einen Song mitgesungen und der wurde denen nicht unterschwellig aufgedrängt, sondern die haben den von alleine gesungen.
Frauenarzt: Es war nicht so, dass irgendjemand gesagt haben "
Ok, passt auf, das ist jetzt die neue Hymne, das ist jetzt euer Hertha Song, singt den mal jetzt“, sondern die Fans haben den selber für sich entdeckt.
rap.de: Ich habe diesen Ort mit Absicht gewählt, weil ich eben auch denke, dass hier die große Karriere begonnen hat. Konntet ihr nachvollziehen, wie die Geschichte von diesem Song "Hey, Das Geht Ab“ funktioniert hat?
Frauenarzt: Die
Hertha Fans hören halt auf dem Weg zu den Auswärtsspielen alle möglichen CDs und der Song hätte sich so oder so verbreitet. Nicht nur bei der Fahrt zu den Spielen, sondern auch im Sommer auf Mallorca. Das ist so ein Mitgröhl-Ding und dann singen das die Leute halt gerne mit.
Aber hier im Stadion hat es extrem gepasst, weil
Hertha in dem Moment halt echt noch am Aufsteigen war und es für die immer weiter nach vorne ging. Die konnten die Meisterschaft schon fast fühlen und
Hertha hat einfach mal so einen Song gebraucht. Das war sonst immer so was Trauriges.
Frank Zander ist zwar super, aber dass war nie so diese "
Ja, wir gewinnen!“-Euphorie.
rap.de: Wusstet ihr, dass sich das geht ab, nicht nur auf Meisterschaft reimt sondern auch auf "Cup“? Also, habt ihr das geplant?
Frauenarzt: Ja. Wir planen alles, jeden Schritt planen wir ganz genau. Wir denken schon ein Jahr voraus, wir sind den Majors überlegen. Nein, natürlich wussten wir das nicht.
rap.de: Aber was war das für ein Gefühl, als ihr das erste Mal gehört habt, dass da Leute im Stadion euer Lied singen, obwohl sie euch gar nicht kennen?
Manny Marc: Das war krass, weil wir ja immer Leute getroffen haben, die uns das erzählt haben.
Dann haben wir gedacht, ok, vielleicht sind das zehn Mann, so eine kleine Truppe. Aber das waren dann echt 4.000 oder 5.000 Mann und das wurden immer mehr, bis es irgendwann eine ganze Kurve gesungen hat. Wir haben dann so Aufnahmen davon auf dem Handy gesehen und dachten "
Boah, krass“.
rap.de: Das ist schon ein bisschen geiler, als seinen Song bei Nico Bielefeld im Radio zu hören, oder?
Manny Marc: Ja, natürlich. Das hat viel mehr mit Herz zu tun, das ist ein ganz anderes Feeling. Du freust dich natürlich, dass Leute deinen Song hören, aber die Leute singen den Song, weil sie den gut finden. Deshalb habe ich auch immer gesagt, dass es viel geiler ist, einen Song vor den Fans zu performen, die den geil finden, als Gold zu machen.
Frauenarzt: Das ist auch der Grund, warum wir den Song dann bei diesem Leverkusen Spiel nicht im Stadion performt haben, sondern in der Ostkurve mit den Fans gemeinsam. Wir wollten uns nicht über die stellen, sondern wir sind ganz normale
Atzen, wie die anderen auch. Also haben wir uns da ohne Security, ohne gar nichts, reingestellt und das kam auch super an.
rap.de: Das war ja dann auch das größte Publikum, was ihr jemals hattet, oder?
Manny Marc: Am Brandenburger Tor hatten wir noch mehr. Da war eine Millionen! Da hat
Helle Stage Diving gemacht hat. Dieses Gefühl, bei einer Million Leute in die Menge zu springen, kennt sonst wahrscheinlich nur
Mick Jagger.
Frauenarzt: Ich sag es ganz ehrlich, hier bei den 70.000 Leuten hat man schon die Relationen nicht mehr gefühlt. Man hat es zwar gespürt, aber nicht mehr richtig registriert, das ist zu heftig. Das ist ein ganz krasses Gefühl und du fühlst dich im Endeffekt sehr respektiert, aber es ist schwieriger, vor zehn Leuten zu rappen als vor 10.000.
Im
Royal Bunker damals, dem Kreuzberger Keller, sind zehn Leute da gewesen und du musst dich etablieren. Du musst sagen: "
Ey, pass auf, hier bin ich. Das ist mein Beitrag, den ich heute Abend mache“ und dann denken alle eine Woche lang drüber nach und freuen sich auf deinen nächsten Beitrag. Entweder du stichst durch irgendwelche Styles, die du machst, positiv heraus, oder durch dein auffälliges Auftreten, aber wenn du verkackst, dann verkackst du und keiner klatscht.
Und hier ist es so, dass du zwar nicht weißt, wie die reagieren, aber die singen das Lied schon, bevor du da überhaupt rauf gehst. Da verschwimmt das dann alles. Du kommst da ja nicht hin, alle Leute sind ruhig und du sagst: "
Ok, ich perform jetzt heute meinen Song 'Das Geht Ab'“ und alle warten und keiner macht was.
Du kommst raus, die Stimmung ist schon am Kochen und alle sind gut gelaunt.
rap.de: Aber glaubst du, dass man durch diese Schule muss? Klein anfangen und sich dann hocharbeiten?
Frauenarzt: Ich glaube nicht, dass man das zwingend muss, aber die Erfahrung ist schon notwendig. Man kann jetzt nicht vergleichen, wenn man vor 500 Leuten auftritt oder vor 72.000, aber trotzdem ist das schon cooler, wenn man so eine Routine hat.
Allein schon für sich selber, damit du nicht anfängst, in der Luft rumzufliegen und einen Höhenflug bekommst. Allein dafür ist es wichtig, schon mal durch die Scheiße geschwommen zu sein und dir das langsam aufgebaut zu haben, bevor du großen Erfolg hast. Deshalb fallen, glaube ich, auch viele Leute, die heute ins kalte Wasser geschmissen werden, auf einmal einen großen Hype haben und vor großem Publikum auftreten, so schnell wieder runter.
Manny Marc: Die sehen sich dann als was besseres und denken sich "
Ich bin jetzt hier der Star und alle anderen sind... äh... Opfer“. Aber wir wissen, wo das alles herkommt. Wir wissen, dass wir selber die Opfer sind.
rap.de: Als ihr diesen Song geschrieben habt, wusstet ihr da schon, dass das ein Live-Kracher wird?
Frauenarzt: Dieses ganze
Atzenmusik-Ding haben wir eigentlich sowieso auf Live aufgebaut.
Manny Marc: Wenn man sich das Album mal anhört: Das ist alles eine Linie und das sind eigentlich alles Live-Kracher. Siehe "
Florida Lady“ oder "
Ein Ganz Normaler Atze“.
Frauenarzt: Das Ding ist, dass wir da auch mit Erfahrungswert rangegangen sind, eben durch die ganzen 400er, 500er Auftritte, die wir gespielt haben. Auch schon mit diesen ganzen Sachen vorher wie "
Pornoparty“. Dadurch haben wir die Live-Erfahrung schon gehabt und wussten, was live gut funktioniert.
rap.de: Habt ihr eigentlich immer noch so einen Major Hass?
Frauenarzt: Nö, gar nicht. Wir haben auf gar nichts Hass.