"Samuel, wann kommt Ben? Ist Ben schon da? Er hat gesagt, er bringt mir eine CD mit!“ – immer wieder kommt das Mädchen mit den glatten, braunen Haaren zu dem Sozialpädagogen gerannt, der ihr geduldig jedes Mal aufs Neue antwortet, dass sie noch etwas warten müsse. Die Rede ist von Sami Ben Mansour, Chef des Wildstyle-Magazins und Gründer der Mellowvibes Media GmbH. Schon im vergangenen Jahr brachte er den "Deutschlands Vergesse Kinder“ Sampler heraus, mit dessen Einnahmen das Kinderhilfswerk Arche unterstützt wurde. Hip Hop gegen Verarmung und Verwahrlosung – auch sexueller Art. Zwei Bücher von Wolfgang Büscher, dem Pressesprecher der Hilfsorganisation, wurden zu diesem Thema ebenfalls veröffentlicht und lieferten ein gefundenes Fressen für die Presse. Heute ist es allerdings nahezu friedlich in Hellersdorf, dem Bereich, wo die Grenze zwischen Berlin und Brandenburg fließend ist. Die Sonne scheint und vor dem Arche-Gebäude haben sich mehrere Jugendliche versammelt, die jeden Passanten abschätzig mustern. Sie warten auf Ben und die angekündigten Stars, es soll nämlich zum mittlerweile dritten Mal ein Hip Hop Workshop stattfinden.

Die Künstler stammen hierbei vornehmlich aus dem erweiterten
Mellowvibes Umfeld, neben
Colos und
Sneezy von
Hammer & Zirkel sind dieses Mal aber auch
Bacapon und
Sleepwalker aus Hamburg angereist. Ganz in "Four Elements Of Hip Hop“-Manier haben die Jugendlichen und Kinder die Möglichkeit, sich sowohl beim Texten, Streetdance und Graffiti auszuprobieren, als auch im Bereich des Musikproduktion. Schnell füllt sich der Raum, in dem das Reim-Coaching angeboten wird. Unter dem Thema "Ich wünsche mir“, sollen die Schreib-Interessierten zwischen 12 und 18 Jahren (so zumindest die angepeilte Altersspanne) lernen, ihre Gedanken, Gefühle und Wünsche auf den Punkt zu bringen. "
Ich würde mich freuen, wenn ihr so was wie "Hurensohn“ nicht erwähnt“, sagt der Rapper
Bacapon, der in Hamburg eine große Vorbildfunktion für die Jugendlichen auf den Straßen eingenommen hat, während
Colos Kugelschreiber verteilt. In seiner Stadt suchen junge Menschen Trost und Rat bei ihm, hier in Berlin kennt ihn niemand. Zum Beat von
Massivs "
Wenn Der Mond In Mein Ghetto Kracht“ wird die ein oder andere Zeile zu Papier gebracht, in einer anderen Ecke des Raums lauschen weitaus weniger Jugendliche dem ehemaligen Sprüher
Ben. "
Graffiti ist Kinderkacke“, erklärt dieser resolut, während er mit zwei Stiften in einer Hand Buchstaben aufs Blatt malt. Kein Writer hat direkt mit spektakulären und großen Bildern angefangen ist die Grundaussage, die die Jugendlichen erst einmal verstehen müssen. "
Du musst zuallererst eine schöne Handschrift haben, dazu macht man Tags. Da bekommt man einen Blick für die Proportionen.“ Schon hier lässt die Konzentration der Nachwuchs-Künstler nach. Das hatte man sich offensichtlich alles ein bisschen einfacher und weniger langwierig vorgestellt.
Der Tanzraum hingegen, in dem zeitgleich auch Grundbegriffe des Beat-Machens erklärt werden sollen, wirkt nahezu verwaist. Eine junge Frau in Jogginghose macht mit knapp fünf Kindern Aufwärmübungen,
Sneezy und
Sleepwalker sitzen am hinteren Ende der winzigen Turnhalle mit ihrem Equipment an einem Tisch und starren ins Leere. Viele wollen rappen, niemand scheint sich jedoch dafür zu interessieren, wo die musikalische Untermalung eigentlich herkommt. Auch die zaghaften Gesprächs-Versuche des Hamburger Produzenten, der mit zunehmend motzigem Gesicht an seinem Laptop herumfummelt, werden von einem blonden Mädchen in
Nazar-T-Shirt zurückgewiesen. Der Berliner Kollege hingegen ergibt sich seinem Schicksal. Schließlich ist er nicht zum ersten Mal hier und hat als hauptberuflicher Erzieher vermutlich schon Schlimmeres erlebt. Die selbst gebastelten Diskokugeln aus Alu-Folie werden kurz darauf allerdings Zeuge eines denkwürdigen Abgangs, denn die Situation Tanzgruppe-Produzentenduo eskaliert. Als die Streetdance-Lehrerin fragt, ob man nicht mal ein bisschen Musik anmachen könne, verlässt
Sleepwalker wutentbrannt den Raum. Fast erwartet man noch ein pubertäres Türenknallen.