Hört man sich ihre Tracks an mit Titeln wie "Hardcore Girls" oder "Shake It To The Ground" mit ihren leicht explizitem Inhalt, könnte man meinen, man trifft eine männerfressende Ghetto-Diva zum Interview, die sich währenddessen die Nägel feilt und dich bloß eines Blickes würdigt, wenn du gerade eine dumme Frage gestellt hast. Fast wollte ich ihren Manager fragen "Wo ist sie denn nun?", als er mir dieses kleine, schmale 18-jährige Mädchen in bunten Nike Air-Max 1 als RyeRye vorstellte. Noch überraschter war ich im Laufe des Gesprächs, über ihre schüchterne und doch professionelle Art Interviews zu führen, ihre Höflichkeit trotz Hood Credibilty und ihrer unfassbaren Souveränität im Umgang mit ihrem Werdegang. Big Up RyeRye.
rap.de: Du bist momentan auf Europa-Tour, frisch aus London angereist. Da bist du im YoYo aufgetreten. Wie war das für dich?
RyeRye: Aufregend. Die Leute in London sind echt verrückt! Ich hatte sehr viel Spaß und es ist sehr, sehr spät geworden. Ich bin total müde.
rap.de: In London kennen die Leute dich schon etwas besser. Was sollten wir hier in Deutschland über dich wissen?
RyeRye:
(lächelt süß) Dass ich aus Baltimore, Maryland komme. Ich bin eine neue Künstlerin auf Interscope und
M.I.A.’s Label
N.E.E.T. Ich habe angefangen zu rappen als ich 15 war, jetzt bin ich 18 und Major. Mein Sound ist sehr anders, kein typischer Rap, kein Hip Hop, sondern eher eine Art Mash-Up von verschiedenen Musikrichtungen wie der Baltimore Club-Music, Jazz, Techno, Musik und Elementen aus vielen verschiedenen Feldern.
rap.de: Baltimore ist eine Stadt, die bekannt ist für 2Pac. Sie ist das Zuhause von vielen Jazzmusikern, aber auch die Stadt mit einer der höchsten Kriminalitätsraten in den U.S.A. und einem hohen Anteil an Menschen, die in großer Armut leben. Wie ist der Vibe der Stadt und wie beeinflusst er dich und deine Musik?
RyeRye: In Baltimore haben viele einen "Keep-it-real-Swagger" und ich auch. Ich bin 100% real in meiner Musik. Außerdem sind die meisten Leute in Baltimore nicht daran gewöhnt, es zu schaffen, also denken sie, ich sei abgehoben oder so, aber wenn sie mich treffen, dann lieben sie mich. Mein Musikstil ist sehr eigen, den Baltimore Club-Sound gibt es schon sehr lange, seitdem ich ein kleines Kind war. Jetzt ist eine Zeit da, in der man den Sound in die Welt raus rappen kann. Die Musik hat mich stark beeinflusst. Ich habe mit acht Jahren angefangen zu tanzen, natürlich zu B-more Club-Musik, also mache ich heute einen Sound, bei dem ich mir ganz sicher sein kann, dass er mich zum Tanzen bringt und so auch andere. Unser Clubsound ist ein großer Einfluss, die Beats sind schnell und der Bass ist heavy, das ist der Unterschied zu anderen Städten. Bei uns ist der Bass echt heavy. In unserer Clubszene gibt es viele Konkurrenten und Battles und manchmal brechen krasse Schlägereien aus. Wenn du bei uns in den Club kommst, dann siehst du Kreise. In der Mitte tanzen zwei gegen einander, die Leute sind auch jung, es ist echt verrückt.
rap.de: Sind das richtige Crews? Ist das so wie früher bei den B-Boys?
RyeRye: Nein, es gibt nicht wirklich diese Crews. Es ist ein Haufen von Teenagern, die eigentlich gar nicht in dem Club sein sollten. (lacht) Es sind mehr so Eins-gegen-Eins-Battles. Die Jungs haben manchmal Crews, aber sonst überlegt sich jeder eigene Moves und versucht seinen eigenen individuellen Style zu finden. Als Mädchen wirst du jedoch immer sofort zum Tanzen aufgefordert.
rap.de: Da könnten die Jungs hier sich eine Scheibe von abschneiden! Wie sieht es mit den Themen für deine Raps aus? Worüber rappst du?
RyeRye: Über meine persönlichen Erfahrungen in der Hood. Ich rappe viel mit Baltimore-Slang, den kennen die Leute so gut wie gar nicht. Auch der Akzent ist sehr anders, das hörst du sehr deutlich raus bei meinem Track "
Shake It To The Ground“ zum Beispiel. Darin erzähle ich auch wie es in den Clubs abläuft, wie die Jungs die Mädels klarmachen und so’n Zeug. Ich rede einfach über meine Erfahrungen und das, was ich kenne und ich lande als erste Künstlerin auf einem Label. Es ist verrückt.
rap.de: Da ist eine M.I.A., die aus Sri Lanka nach London kommt, sie trifft auf ein Mädchen aus Baltimore und ohne es zu wissen, seid ihr musikalisch auf dem selben Level. Das nennt man doch Globalisierung. Werden Musikstile immer ähnlicher?
RyeRye: Ja, das denke ich schon. Die Attitüde heute ist "
Lasst uns zusammenkommen, kollaborieren und frei von Genres sein“. Ich habe sogar hier in Europa in manchen Clubs unseren Sound aus B-more gehört. Für mich ist das unglaublich, dass jemand, der nicht in B-more aufgewachsen ist, diese Musik kennt und feiert. Ich bin dort aufgewachsen und hatte immer das Gefühl, unser Sound sitzt bei uns fest, dann kommst du raus und hörst ihn an Orten, von denen du vorher noch nie gehört hast. Aber auch in L.A. und New York und dann hast du
M.I.A. Sie bindet neben Baile Funk, Hip Hop und Techno auch Baltimore Club-Sound ein. Ich habe diese Musik schon gemacht, bevor ich sie und ihre Musik kannte. Jetzt breitet dieser Style sich aus, denn eine neue Generation ist da. Alle kriegen jetzt die Chance, die Musik der kleinsten Orte dieser Welt zu entdecken. Ich experimentiere auch mit vielen verschiedenen Styles und finde meine Musik nicht gerade einfaltig. Sie ist nicht zu klassifizieren und es gibt keine Schublade, in die du sie stecken kannst.