rap.de: Musiker interessieren sich ja selten für Kategorisierungen. Trotzdem: Wie nennst du deinen eigenen Sound?
Terry Lynn: Ich will Musik auf einem anderen Level machen. Ich liebe Reggae und Dancehall, aber ich habe mich entschieden, etwas zu machen, das anders ist, eine Herausforderung. Man fühlt sich als Person einfach besser, wenn man etwas anders macht als alle anderen. Es war nicht einfach, denn ich habe nicht das Talent, mit jemanden in einem anderen Land zu verhandeln. Also war mein Manager mein Medium, um mich mit Leuten aus anderen Welten zu connecten. Er hat mich mit Typen aus Europa zusammen gebracht, die Beats machen und ein paar gesammelt, damit ich sie mir anhören konnte. Und die, die zu meinem Spirit am besten gepasst haben, zu denen habe ich dann Texte geschrieben. Ich habe einfach über mein Umfeld gesprochen, das Leben, das ich lebe. Denn ich denke, das ist interessant. Ich weiß nicht, wie das bei euch ist, aber bei uns denkt man, dass eine Frau über Sex reden muss, um cool zu sein. Sex ist gut, aber es gibt wichtigere Themen. Und über die sollte eine Frau auch sprechen, um wirklich vollständig zu sein. Also habe ich mich entschieden, vor allem über Themen zu reden, die mich betreffen, weil ich im Ghetto aufgewachsen bin. Ich habe ein Kind, einen Sohn, und damit er mich als seine Mutter respektieren kann, muss ich etwas machen, das in eine gute, positive Richtung geht.
rap.de: Was erhoffst du dir für deine Zukunft?
Terry Lynn: Ich hoffe, dass ich um die ganze Welt touren kann. Man sagt, der Himmel sei die Grenze. Ich will nicht etwas verkaufen oder aufgeben, um irgendwo hinzukommen, ich will meiner Kunst, mir selbst und meinem Land treu bleiben. Being true in every sense of the word. Ansonsten lebe ich jeden Tag, wie er kommt, ich weiß nicht, was die Zukunft bringen wird. Ich werde einfach sehen, ob ein Baum aus dem Samen wachsen wird, den ich gepflanzt habe.
rap.de: Lebst du schon von deiner Musik?
Terry Lynn: Nein, das erste Mal, dass ich international performt habe, war erst letztes Jahr in Bern. Um als Künstler voran zu kommen in deiner Karriere, muss man mit wenig Geld auskommen, bis man es irgendwann vielleicht schafft. Aber ich verkrampfe mich da nicht. Das Wichtigste ist, die Sache richtig zu machen. Das lohnt sich für einen selbst am meisten. Jeder will Geld verdienen. Jeder will leben und überleben. Aber wenn ich Musik machen würde mit dem Gedanken, dass ich reich werden will, würde der wahre Spirit nicht rüberkommen. Ich würde singen „I wanna be rich, I wanna be rich“ und nicht versuchen, Kunst zu machen, die den Leuten gefällt und sie berührt. Das ist aber mein Anliegen.
rap.de: Kümmern sich Musiker heutzutage vielleicht zu viel um Geld? Leidet die Kunst darunter?
Terry Lynn: Nun, niemand kann ohne Geld zurechtkommen. Jeder muss überleben. Und gerade wenn man zu den Ärmsten gehört hat, warum sollte man keine Pläne machen, um seine Situation zu verbessern? Musik zu machen, muss einem ein gewisses Einkommen sichern, aber wenn man sich ausschließlich auf das Einkommen fokussiert, dann ist es, als ob man das Hühnchen haben will, bevor das Ei überhaupt gelegt wurde. Zuerst denke ich an meine Musik, alles andere wird schon von selbst kommen. Wenn ich es perfekt mache, wird es sich auszahlen.
rap.de: Liest du eigentlich viel?
Terry Lynn: Ja, Bücher und auch viele Zeitungen. Ich lese Nachrichten. Wenn man Journalist oder Korrespondent sein will, muss man informiert sein, um die Nachrichten vermitteln zu können. Sonst verstehst du die Story nicht.
rap.de: Also willst du eine Vermittlerin sein?
Terry Lynn: Ich will einfach ein Medium sein, für Leute, die weniger glücklich sind, die nicht die Stimme haben, um ihre Meinung nach außen zu tragen und über Probleme zu reden, über die sie reden wollen. Ich will ein Medium sein für ein Kind in Südafrika, obwohl ich die südafrikanische Kultur nicht wirklich kenne, aber ein Kind, das in Südafrika struggelt, kann sich mit meiner Musik identifizieren. Ein Kind in einem Dritte-Welt-Land wird es verstehen, denn es lebt das Leben, das ich selbst geführt habe.
rap.de: Meinst du, dass man die Dritte-Welt-Problematik überhaupt jemals überwinden kann?
Terry Lynn: Vielleicht. Das System war von Anfang an so. Vielleicht kann man es ändern, vielleicht nicht. Aber sobald man einem anderen hilft, der weniger glücklich ist, kann die Welt ein besserer Ort sein. Leute können Liebe erfahren. Und wenn sie Liebe erfahren, müssen sie nicht so arrogant und feindselig sein. Wenn ein Kind, das in großer Armut aufwächst, die sozialen Möglichkeiten bekäme, die es braucht, würde es nicht so gestresst werden und wäre nicht so ein wütendes Kind, das Gewalt verursachen wird.
rap.de: Nur Liebe kann also die Welt retten?
Terry Lynn: Yeah. Das glaube ich. Es ist sehr wichtig, Liebe zu verbreiten, um die Arroganz und die Feindseligkeit zu ändern, die wir als erstes sehen, wenn wir die Nachrichten schauen. A hungry man is a angry man. Liebe besiegt alles und verändert alles.
rap.de: Brauchen wir mehr Frauen in der Öffentlichkeit, um diesen Geist zu fördern?
Terry Lynn: Nein, nicht nur Frauen. Die auch, aber Leute im allgemeinen. Alle Leute sollten teilen und sich umeinander kümmern. Das wird die Arroganz, Ignoranz und Feindseligkeit brechen. Liebe besiegt alles.
rap.de: Wusstest du eigentlich, dass in Deutschland sehr viel Reggae gehört wird?
Terry Lynn: Ja, ich weiß, dass Deutschland ein großer Reggae-Fan ist und ich freue mich darüber. Denn dadurch können wir mit deutschen Leuten in Kontakt treten,
rap.de: Hast du noch ein paar abschließende Worte an die rap.de-Leser?
Terry Lynn: Sicher. Ich bin Terry Lynn aus Kingston/Jamaika und meine Botschaft ist Liebe. Das Größte. Liebe kann Wunden heilen. Eine zerbrochene Familie, eine zerbrochene Gesellschaft kann nur Liebe wieder zusammenfügen. So my message to people out there is just love, sharing and caring.
yippieyo 28.12.2008 sehr cool..
leider interessiert es wieder so gut wie niemanden..
zu beiträgen mit politischem hintergrund ist immer am wenigsten feedback. ist sehr schade, aber wie sie es selbst sagt, es wird alles auf uns zurückkommen.
BeatBAUER 28.12.2008 Zitat:"...Ignoranz und Feindseligkeit brechen. Liebe besiegt alles."
Ich finds toll, wenn Menschen die Welt verbesseren wollen - vorallem mit so großen Revolvern. Super !
Ja, ja die "Liebe" ... *stöhn*
I shot HipHop 28.12.2008 Ihr solltet Euch unbedingt mal ihr Video "The System" reinziehen. Ein Hammer Text und krasse Bilder dazu.
@beatbauer 28.12.2008 du urteilst zu früh.
was würdest du denn machen wenn du in einem ghetto aufwächst und die polizei nach lust und laune leute erschießt und sich nur gangster draußen rumtreiben... klar, sich selbst bewaffnen! es bringt nix zu hoffen, dass man verschont bleibt... man muss sich wehren können in einem umfeld das willkürliche gewalt an die tagesordnung legt...
selbst in deutschland laufen schon genug leute mit messer rum und das NICHT ohne grund.
das hat mit liebe hin liebe her nix zu tun...
samba 28.12.2008 das ist ja schön und gut. aber wie wird einem den in anderen ländern vom staat unter die arme gegriffen, wenn man seine künstlerische kreativität ausleben möchte? Zudem muss ich im Monat mit 400 € auskommen und dafür gehen 300 € direkt für Miete weg. Natürlich ist das alles nicht schön, aber ich heule nicht rum, solange ich nicht meinen Arsch hochkriege und mehr mache, als drüber zu reden, wie leider die meisten Musiker. In Gaza, da ahben die Leute echte Probleme
Harro Ganz 29.12.2008 Gutes Interview, mehr davon.
krasserati 29.12.2008 mann wie goil is das denn?! terry lynn rockt!
@samba 29.12.2008 in den slums in dritte-welt-ländern hast du keine möglichkeit beruflich nach oben zu steigen.
es ist eine logische schlussfolgerung, dass du aus der armut in einen beruf (falls überhaupt) übergehst, der für ungebildete leute ist.
man kann alles schaffen wenn man will mag stimmen, aber das ist hier nicht realistisch...
toddler 31.12.2008 "man kann alles schaffen was man wirklich will2 ist eine der größten und perfidesten lügen des kapitalismus. in wahrheit sind sehr viele menschen auf dieser erde ohne den hauch einer chance, irgendetwas zu "schaffen".
yotodayeah 03.01.2009 ich hab ja erwähnt, dass es hier nich realistisch is ;)
die knarre is in der hand von terry lynn am rechten fleck und der grund dafür sind wir...
LW84 aka Lea-Won 08.01.2009 habe das interview nicht ganz gelesen. aber danke für die hinweise hier bei den kommentaren. das "system" lied und video fand ich sehr gut.
J-nis the PAINes 10.01.2009 Jetzt mal abgesehn vom Inhalt, auch soundtechnisch is das extrem unpopulär. Da is ja General Levy noch melodischer. So kann man diese Inhalte nicht an die vermitteln die sie mal zo Ohren bekommen sollten. Kann sein dass der Vergleich mit Jungle jetzt nen bischen hinkt, aber noch mal wieder jenseits davon is ihr sound auch nicht besonders innovativ und jaaaa sie scheint aus dem ganzen ghettoding auch wieder ne Frage der Ehre zu machen. Also meinetwegen kann Terry Lynn morgen wieder aufhören musik zu machen.
joejackjim 12.01.2009 mal abgesehen vom quatsch: das ist der shit und wers nicht merkt, pennt eben weiter, hält aber bitte seine fresse (schnarchen stört).
S-E-N 16.02.2009 ist das nicht die uschi von gentleman's 'jah, jah never fail'?
julakim 05.05.2009 Hier ein Interview auf englisch mit ihr über urbane Gewalt von ar2com (architecture to communications).
http://www.ar2com.de/radiofavela-blog/world-wide-crisis/
Ulf Wedler | Musikredaktion DISCO MAGAZIN 14.08.2009 SINGLE DES JAHRES: "Kingstonlogic"
Electro ist back!
Hier rotzt und karzt es, wie in den Anfangstagen des Techno.