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Terry Lynn
Autor/Interview: Oliver Marquart
28.12.2008 Terry Lynn
Stimme der 3. Welt - radikal und elektronisch

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rap.de: Bist du in deiner Kindheit mit Gewalt konfrontiert gewesen?

Terry Lynn: Klar. In Waterhouse bin ich mitten in der Nacht durch Schussgeräusche aufgewacht. Bang, bang, bang. Das war nicht wirklich cool. Diese Sachen passieren, weil die Regierung es versäumt hat, Maßnahmen zu ergreifen. Die Parteien haben ja selbst die Waffen in die Ghettos gebracht, damals in den Achtzigern. Sie haben ein paar Ruffnecks bewaffnet, damit diese gegen ihre politischen Gegner kämpfen und bestimmte Leute vom Wählen abhalten sollten. So kamen die Waffen ins Spiel. Heute ist es ein Riesenproblem. Es gibt keine Grenzen, alles kommt rein. Jamaika liegt genau in der Mitte zwischen Südamerika und Nordamerika und alle Waffen und Drogen kommen auf ihrem Weg durch Jamaika. Kingston ist inzwischen die Stadt mit der höchsten Mordrate weltweit. Du hast vielleicht in meinem Video „Kingstonlogic“ gesehen, wie ich eine Waffe halte, was einfach die Umgebung widerspiegelt, in der ich aufgewachsen bin. Diesen Dingen ist man dort nun mal ausgesetzt. Ein paar Blocks in deiner Straße befinden sich in Gangstreitigkeiten mit ein paar anderen Blocks einer anderen Straße. Die normalen Bürger, die einfach nur zur Arbeit gehen und ihren täglichen Geschäften nachgehen wollen, können das nicht. Nicht, dass mein Problem einzigartig wäre, so etwas passiert ja nicht nur in Jamaika. Leute in Brasilien, in allen Dritte-Welt-Ländern, kennen dieses Problem. Um damit fertig zu werden, müssen wir es auf den Tisch packen und endlich darüber sprechen. Eine andere Person, die in einem anderen Land oder in einer wohlhabenden Gegend lebt, mag denken, dass sie nichts damit zu tun hat. Aber es kann sich zu einem Problem für alle entwickeln, wie ein Pickel, der sich zu einer lebensbedrohlichen Krankheit ausweitet. Denn Armut erzeugt Verbrechen, und aus Verbrechen kann sich auch Extremismus entwickeln. Und wir haben ja gesehen, dass Extremismus ein großes Problem geworden ist. Wenn jemand das mal einsehen würde, würde man vielleicht mehr dagegen vorgehen. Dann hätten wir einen besseren Planeten.

rap.de: Deine Musik soll die Leute also wachrütteln?

Terry Lynn: Yeah, denn ich denke, Musik ist ein Werkzeug der Erziehung. Musik kann auch eine wichtige Message übermitteln und als Medium genutzt werden, um Veränderung zu bewirken. Wenn ich eine Minute Aufmerksamkeit bekomme, warum soll ich sie nicht benutzen, um über Probleme zu sprechen? Musik soll natürlich unterhaltsam sein, sie muss es sogar. Man kann zu meiner Musik tanzen. Mein Album handelt von Liebe, von Sex, nicht nur von sozialen Problemen. Denn auch mitten in all diesen Problemen verliebt man sich oder wird emotional verletzt. Ich rede über Freunde, die einen gut oder schlecht beeinflussen können und über das Schicksal. In meinem Song „Destiny“ geht es darum, den Struggle, den man täglich durchmacht, zu überwinden und siegreich zu sein. Es ist nicht so, dass jemand, der aus dem Ghetto kommt, den Pfad der Zerstörung immer zu Ende gehen muss. Wenn wir mit Leuten, vor allem Kindern mehr reden würden, könnten wir die Richtung ändern und den negativen Einfluss stoppen. Kinder reagieren sehr sensibel auf visuelle Einflüsse und im Fernsehen sehen sie viel Negatives und denken dann, "Bang Bang, shoot em up!“ wäre cool. Und ein reiches Kind, das Uptown lebt, geht vielleicht in dieselbe Schule wie ein Ghettokind. Also kann der negative Einfluss auch die Oberschicht betreffen.

rap.de: Die Oberschicht sollte also schon aus Eigeninteresse daran interessiert sein, die Probleme zu lösen?

Terry Lynn: Ja, die können zwar sagen, das hat nichts mit mir zu tun, mir passiert das nicht. Aber eines Tages wird es auch dich betreffen. Du hast vielleicht ein Kind, das in die High School geht, wo es Kontakt mit einem Kind mit einem negativen Background hat und dadurch mit Drogen oder Gewalt in Berührung kommt. Armut ist einfach nicht gut. Man hat gesehen, was Armut in Ruanda angerichtet hat, überhaupt in den afrikanischen Nationen und den Dritte-Welt-Ländern. In einer Welt, in der so viel Geld da ist, denke ich nicht, dass es richtig ist, dass ein Kind an einer simplen Malaria stirbt, die man einfach nur früher hätte behandeln müssen. Die Regierungen in den reichen Ländern befassen sich nicht mit diesen Problemen. Dabei können diese Probleme sie genauso betreffen, denn wenn andere Länder zu Grunde gehen, gibt es einen Massenexodus und die Leute kommen zu ihnen. Wenn jeder ein gutes Leben führen könnte, würden diese Leute nicht an euren Türen klopfen. Also geht es jeden etwas an, nicht nur uns in Jamaika. Wenn wir uns mehr mit den Ursachen beschäftigen würden, müssten wir nicht mit den Problemen kämpfen. Wenn wir es aber zulassen, dass diese Dinge immer weiter passieren, dann wird es zu sehr viel mehr Ärger kommen. Also muss man darüber sprechen.

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Kommentare:
???   28.12.2008
Wer is diese Frau!? hahaha

yippieyo   28.12.2008
sehr cool.. leider interessiert es wieder so gut wie niemanden.. zu beiträgen mit politischem hintergrund ist immer am wenigsten feedback. ist sehr schade, aber wie sie es selbst sagt, es wird alles auf uns zurückkommen.

BeatBAUER   28.12.2008
Zitat:"...Ignoranz und Feindseligkeit brechen. Liebe besiegt alles." Ich finds toll, wenn Menschen die Welt verbesseren wollen - vorallem mit so großen Revolvern. Super ! Ja, ja die "Liebe" ... *stöhn*

I shot HipHop   28.12.2008
Ihr solltet Euch unbedingt mal ihr Video "The System" reinziehen. Ein Hammer Text und krasse Bilder dazu.

@beatbauer   28.12.2008
du urteilst zu früh. was würdest du denn machen wenn du in einem ghetto aufwächst und die polizei nach lust und laune leute erschießt und sich nur gangster draußen rumtreiben... klar, sich selbst bewaffnen! es bringt nix zu hoffen, dass man verschont bleibt... man muss sich wehren können in einem umfeld das willkürliche gewalt an die tagesordnung legt... selbst in deutschland laufen schon genug leute mit messer rum und das NICHT ohne grund. das hat mit liebe hin liebe her nix zu tun...

samba   28.12.2008
das ist ja schön und gut. aber wie wird einem den in anderen ländern vom staat unter die arme gegriffen, wenn man seine künstlerische kreativität ausleben möchte? Zudem muss ich im Monat mit 400 € auskommen und dafür gehen 300 € direkt für Miete weg. Natürlich ist das alles nicht schön, aber ich heule nicht rum, solange ich nicht meinen Arsch hochkriege und mehr mache, als drüber zu reden, wie leider die meisten Musiker. In Gaza, da ahben die Leute echte Probleme

Harro Ganz   29.12.2008
Gutes Interview, mehr davon.

krasserati   29.12.2008
mann wie goil is das denn?! terry lynn rockt!

@samba   29.12.2008
in den slums in dritte-welt-ländern hast du keine möglichkeit beruflich nach oben zu steigen. es ist eine logische schlussfolgerung, dass du aus der armut in einen beruf (falls überhaupt) übergehst, der für ungebildete leute ist. man kann alles schaffen wenn man will mag stimmen, aber das ist hier nicht realistisch...

toddler   31.12.2008
"man kann alles schaffen was man wirklich will2 ist eine der größten und perfidesten lügen des kapitalismus. in wahrheit sind sehr viele menschen auf dieser erde ohne den hauch einer chance, irgendetwas zu "schaffen".

yotodayeah   03.01.2009
ich hab ja erwähnt, dass es hier nich realistisch is ;) die knarre is in der hand von terry lynn am rechten fleck und der grund dafür sind wir...

LW84 aka Lea-Won   08.01.2009
habe das interview nicht ganz gelesen. aber danke für die hinweise hier bei den kommentaren. das "system" lied und video fand ich sehr gut.

J-nis the PAINes   10.01.2009
Jetzt mal abgesehn vom Inhalt, auch soundtechnisch is das extrem unpopulär. Da is ja General Levy noch melodischer. So kann man diese Inhalte nicht an die vermitteln die sie mal zo Ohren bekommen sollten. Kann sein dass der Vergleich mit Jungle jetzt nen bischen hinkt, aber noch mal wieder jenseits davon is ihr sound auch nicht besonders innovativ und jaaaa sie scheint aus dem ganzen ghettoding auch wieder ne Frage der Ehre zu machen. Also meinetwegen kann Terry Lynn morgen wieder aufhören musik zu machen.

joejackjim   12.01.2009
mal abgesehen vom quatsch: das ist der shit und wers nicht merkt, pennt eben weiter, hält aber bitte seine fresse (schnarchen stört).

S-E-N   16.02.2009
ist das nicht die uschi von gentleman's 'jah, jah never fail'?

julakim   05.05.2009
Hier ein Interview auf englisch mit ihr über urbane Gewalt von ar2com (architecture to communications). http://www.ar2com.de/radiofavela-blog/world-wide-crisis/

Ulf Wedler | Musikredaktion DISCO MAGAZIN   14.08.2009
SINGLE DES JAHRES: "Kingstonlogic" Electro ist back! Hier rotzt und karzt es, wie in den Anfangstagen des Techno.