rap.de: Ist deine persönliche Hemmschwelle oder Frustrationsschwelle gesunken? Bist du resistenter geworden?
Wolfgang Büscher: Ja, mit Sicherheit. Ich schreibe jetzt auch deutlicher und bringe die Dinge auf den Punkt. Ich schreibe jetzt nicht mehr drum herum und arbeite mich nicht mehr vor, sondern steige direkt vorne ein. Die Geschichten, die die Kinder dir erzählen, werden immer schockierender und dadurch fängt man an, sie als normal anzusehen. Mal gibt es eine Vorladung wegen Kindesmissbrauch, dann schläft die Mutter mit dem Freund ihrer 15-jährigen Tochter. Das ist wirklich alles zu viel. Letztens kam eine Frau hier vorbei, die mir von ihrem 12-jährigen Nachbarskind erzählte, von der sie weiß, dass sie geschlagen wird und alles und als sie versucht hat zu helfen, sagte ihr das Jugendamt, sie solle sich nicht in die Angelegenheiten ihrer Nachbarn mischen.
rap.de: Und dann kleben genau diese Leute Plakate überall hin mit der Aufschrift „Schaut nicht weg“.
Wolfgang Büscher: Und genau das ist ja das Problem. Die haben genug zu tun, da ist kein Geld mehr da und deshalb helfen wir jetzt selber. Die haben uns mal als Zeugen geladen bei einem Fall und wir dachten, wir verschieben das mal nach hinten, nur um zu sehen, wie die reagieren und seitens des Amtes gab es da kein Problem. Die wollten es auf Februar verschieben. Ich meine, wenn sie ernsthaft helfen wollten, dann würden die doch sagen, dass das nicht geht, weil es ein wichtiger Fall ist. Da war kein Beamter, der sagte, wir müssten sofort darüber reden oder dass wir uns da mal zusammensetzen sollten. Da war überhaupt kein wahres Interesse. Auf der Pressekonferenz aber waren sie dann da, ganz offiziell kommen sie dann da an, aber haben nichts zu sagen. Wir sind denen wirklich ein Dorn im Auge. In Hellersdorf gibt es sogar Bands, die richtige Hassparolen über mich singen. Das hängt aber damit zu sagen, dass viele Politiker meinen, wir ziehen Hellersdorf und Marzahn in ein schlechtes Licht und lassen es so aussehen, als würde es diese Probleme nur in diesen Bezirken geben. Wobei wir wissen, dass es diese Probleme gibt und zwar in allen Metropolen.
rap.de: Inwiefern ändert ihr denn tatsächlich Sachen? Oder lindert ihr mehr die schlimmste Not?
Wolfgang Büscher: Nein, wir hatten Kinder, die sind jetzt fest im Berufsleben, wir arbeiten eng mit Unternehmen zusammen und jeder, der hier einen Ausbildungsplatz will, kriegt auch einen. Wir haben gute Kontakte und wir schaffen das. Wir nutzen jede Gelegenheit, um über Armut zu reden, insbesondere Kinderarmut und zwar ohne Rücksicht auf Verluste. Es hat sich noch nicht viel verändert, aber wir sind auf dem Weg dahin. Wenn ich hier auch mit unseren Kindern rede, sind die auch heiß. Die wollen arbeiten. Letztens meinte auch wieder ein Politiker wie toll es doch sei, dass sie alle arbeiten und weg von Hartz IV wollen. Aber wie sollen die das denn machen, wenn die Bildung fehlt? Wenn die dann was brauchen, holen sie es sich. Kleinkriminalität ist kein Problem mehr für die.
rap.de: Glaubst du, es läuft auf eine Gesellschaft hinaus, die irgendwann mit Polizeigurt Arm und Reich trennt?
Wolfgang Büscher: Ja, natürlich. Irgendwann wird es hier so sein wie in Südafrika oder Nairobi, wo ich kürzlich erst war. Da sind die besseren Häuser mit Stacheldraht gesichert und das wird passieren. Es werden immer mehr Leute auf der Strecke bleiben, Kriminalität steigt, man wird für zehn Euro töten, wenn man nicht versucht es zu verändern und ich stehe immer noch dahinter, dass man es sehr wohl kann. Nur, wie soll man das schaffen, wenn man die Gruppe um die es geht so ausschließt? In den meisten Fällen werden die Jungs hier kriminell und die Mädchen prostituieren sich sehr jung oder die fangen an sich zu ritzen. Das ist wirklich ein Phänomen, dass viele hier ein Vorstrafenregister haben in einem sehr jungen Alter, aber wenn sie man kennt, dann weiß man, das sind alles ganz Nette.
rap.de: Oft hat man den Eindruck, die Leute lassen einen auch gar nicht an sich ran. Wie geht man damit um?
Wolfgang Büscher: Die Kinder versuchen natürlich auch sich zu schützen. Wenn wir ihnen zum Beispiel neue Schuhe schenken oder so, lassen viele von ihnen die in der Arche stehen, weil Mama das nicht wissen darf, weil die die Schuhe dann versetzen würde, um an das Geld zu kommen. Das muss man alles wissen und dann kriegt man den Dreh im Umgang mit den Kindern raus. Wir gehen auch an die Kinder ran, wenn die Eltern das nicht wollen. Also wir arbeiten da nicht im ungesetzlichen Bereich, es gibt aber Möglichkeiten.
yippieyo 26.11.2008 genau sowas will ich hier lesen.
danke und weiter so...
beschäftigt euch mit ernsten sachen, es ist allerhöchste zeit.
Dizzzza 26.11.2008 rofl, das erste bild!! shrek oder was?
brsch 26.11.2008 sehr gutes interview. danke.
yippieyo 26.11.2008 du kannst deinen spaß über das bild machen wenn du das geschriebene ernst nimmst...oder bist du eher der typ der nur bilderbücher versteht ;)
es geht um den inhalt, nicht um das image (eine lektion, die man auch im rap lernen kann).
sfg 26.11.2008 sehr gut
tschalk 26.11.2008 ein sehr schöner artikel. ich habe den sampler übrigens gekauft und kann ihn uneingeschränkt empfehlen. Besonders die Tracks von d-flame, joe rilla, pan und morlockk sind erste Sahne!
Jöran 26.11.2008 endlich der lang ersehnte beitrag, nur leider wenig von der cd an sich gesprochen...
hamma... 26.11.2008 ...gut!
sosiehtdasaus 26.11.2008 echt traurig was auf den straßen deutschlands abgeht (beziehungsweise zuhause bei den familien). Gehört definitiv, cd ist gekauft.
www.deutschlands-vergessene-kinder.info
checkt das aus ;)
WordUP! 27.11.2008 abruptes ende, aber sehr interessant..
gute fragestellungen und gute antworten, die mal n bißchen tiefer in die materie (bzw. die praxis) gehen, als das neoliberale gequatsche, das man sonst so von irgendwelchen (eigentlich komplett anteilnahmslosen, wohlständischen) hilfsorganisationen zu hören bekommt! lediglich die fadenscheinige legitimation des frauenarztes (dessen musik nichts für zwölfjährige sei), find ich etwas beschränkt, zumal allen beteiligten klar sein sollte, dass er die musik ausschließlich für jugendliche in dem alter macht! ich kenne keinen, der älter ist als 18 und sich ernsthaft frauenarzt anhört!
HomerSimpson 27.11.2008 sehr interessantes Interview!
Steezey 29.11.2008 Ich bin nicht Homophob oder so, aber was will man von einem schwulen Bürgermeister erwarten? Etwa das er ein christliches Jugendhilfswerk welches vor sexueller Verrohung warnt finanziell unterstützt? Tss, mit Sicherheit net... aber so was darf man ja nicht sagen, ohho, toleranz gegenüber den schwulen, haha... und wir kriegen bestimmt noch mehr Probleme...
yippieyo 02.12.2008 warum sollte ausgerechnet ein schwuler NICHT helfen? is doch latte ob hetero oder homo... siehste doch, die heteros helfen genauso wenig... sind doch alles fotzen
Friedwächter #1 04.12.2008 Die Archeorganisation ist eine großartige Übergangslösung von den Kriegszeiten mit schlecht belehrenden Schulen hinein in die Nachkriegzeit mit immer besser werdenden Schulen, ohne Militärs, ohne Greueltaten, denn schädigende Taten sollen gegen Ängste sein, doch Ängste haben wir doch wegen Schädigungen.
DerSlawe 29.12.2008 Also Ich weiss nicht wie der typ darauf kommt dass dass alles stimmt wass er sagt...Der redet so als obes in Hellersdorf aussehen würde wie in Soweto oder South Central LA , das ist doch lächerlich! Sicherlich, im Osten siehts schlimmer aus als im Westen was Arbeitslosigkeit angeht, aber die zustände wie er sie beschrieben hat kommen mir doch etwas übertrieben vor...z.b dass die Mütter sex mit dem 13-jährigen Freund haben, dass ist ehrlichgesagt pädophil und sonst nix...Also Ich meine schon dass es gut ist dass es organisationen wie die Arche gibt allerdings find ich dass er übertreibt wenn er sagt dass es in Deutschland wie in Südafrika aussehen wird in der Zukunft, das ist einfach nur unsinn, dass ist reine polemik sonst nichts . Mit der Wirtschaftskrise wird die gesselschaft sowieso wieder auf den boden zurückkommen meine Ich...und hoffentlich werden dann solche organisationen wie die Arche nicht mehr nötig sein.
100Resolutions 12.06.2009 interessantes interview, und jawohl: bildung is TOP!!!
schade nur, dass das getippte interview doch einige eklatante rechtschreibfehler aufweist ;)