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Deutschlands Vergessene Kinder
Fotos: /Interviewer: Staiger
25.11.2008 Deutschlands Vergessene Kinder
Ein Gespräch mit Wolfgang Büscher

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rap.de: Also wenn man das Buch dazu gelesen hat, vermittelt sich einem schon der Eindruck, dass Sexualität den Alltag bestimmt.

Wolfgang Büscher: Richtig. Sexualität ist wie eine Ersatzdroge, die kein Geld kostet. Wenn man jung und der Körper noch einigermaßen knackig ist, kann man den als Waffe einsetzen. Bei uns ist es so, dass viele Kinder schon mit neun, zehn, elf Jahren anfangen, ihre Sexualität auszuleben. Die erleben eben nicht nur aktive, sondern auch passive sexuelle Gewalt zuhause. Dass Kinder gezwungen sind, ihren Eltern beim Sex zuzugucken oder ihrer Mutter, wenn die einen neuen Lover hat. Dass der Papa vorm Internet sitzt, dass die Mutter mit dem Freund ihrer Tochter schläft, der 13 oder 14 ist – das sind alles Dinge, die gängig sind, die wir hier täglich erleben und es kommt immer wieder etwas, was das noch einmal toppt. Ich habe mein Büro in Mitte, im Haus der Bundespressekonferenz, und es kam ein Junge rein, dessen Geschichte ich auch im Buch beschrieben habe. Der brachte seinen sechzehnjährigen Kumpel mit, der meinte „Ich hätte dir für das Buch auch was erzählen können.“. Seine Freundin und deren Schwester sind Zwillinge, 15 und beide schwanger vom gleichen Jungen, der 14 ist. Ich meine, solche Dinge passieren eigentlich wirklich jeden Tag. Von den 83 Jungs und Mädels, die ich befragt habe, schützen sich zwei regelmäßig, die Mädchen ansonsten tauschen einfach immer die Pille. Die eine nimmt sie Montags, die andere Dienstags oder die nehmen sie immer nur vor dem Sex, wie eine Tablette praktisch. Die Jungs haben alle eine Gummiallergie, ich habe noch nie so viele Allergiker gesehen wie in der Arche. Ich wurde oft von Fernsehsendern gefragt, ob ich nicht mal Lust hätte, mit Frauenarzt zu diskutieren. Ich habe mich ein paar Mal mit dem getroffen, der ist ja auch so ein ganz netter Typ, unkompliziert und lustig, aber diese Pornotexte sind eben nicht zu unterschätzen, weil unsere Kinder danach leben.

 

rap.de: Aber die Frage ist doch, würden sie ohne diese Texte anders leben?

Wolfgang Büscher: Nein, das ist sicher richtig. Die Musik ist nur ein kleiner Multiplikator. Der Grund dafür, dass die Zahl dieser Kinder höher ist als früher, hängt sicher damit zusammen, dass man an solche Sachen einfach einfacher rankommt. Wenn ich mir früher einen Pornofilm ausleihen wollte, musste ich ja erst mal Hemmschwellen überwinden, allein dadurch, dass ich in so einen Videoladen rein musste. Heute gehe ich auf youporn.com, klicke an, dass ich 18 bin, und habe alle Formen der Sexualität vor mir. Mit Tieren, anal…

rap.de: Mit Tieren glaube ich nicht.

Wolfgang Büscher: Gut, aber das Problem ist ja, dass du das heute nur anklicken musst. Der Zugang für Kinder ist zu einfach und viele Kinder brauchen mit 12 auch noch kein Handy, mit dem sie ins Internet gehen können. Neulich hat mir ein Junge ein Handyvideo gezeigt, bei dem drei, vier Jungen Sex mit einem Mädchen hatten. Die waren alle so 14, 15 und dann hat er mich gefragt „Bin ich nicht gut?

rap.de: Wie? Er war da mit dabei?

Wolfgang Büscher:  Ja, die standen da alle mit ihren Zipfelchen und…

rap.de: Und das zeigt er dir?

Wolfgang Büscher: Ja, aber die wissen ja auch, dass ich kein pädagogischer Mitarbeiter bin. Ich bin ein offener Typ, gehe auf die Kinder zu, gehe auch oft zu Familien nach Hause um zu sehen, wie es da abgeht… Der auslösende Faktor ist einfach, dass viele Kinder mit fünf oder sechs Jahren schon zusammen mit ihren Eltern Pornos angucken. Die Eltern sagen dann, dass wäre nur Sex und natürlich, das haben wir wirklich ganz oft.

rap.de: Dass du den Kindern gegenüber nicht totalitär auftrittst, ist klar, aber wie reagierst du dann auf die Eltern?

Wolfgang Büscher: Gar nicht, weil ich bin kein Pädagoge. Ich war damals Kriegsberichterstatter und habe jemandem geholfen. Dadurch hat sich der Krieg verändert, denn ich war nicht mehr Beobachter sondern Beteiligter. Deshalb mische ich mich da absolut nicht ein, nur wenn mir ein Jugendlicher etwas erzählen würde, wo bei mir wirklich die Hutschnur hochgeht, dann würde ich einen der Pädagogen darauf aufmerksam machen. Aber wenn ein Jugendlicher mir, wie beim Buch, seine Lebensgeschichte erzählt hat, dann helfe ich dem nicht oder sage, was er tun soll. Auch wenn ich jemandem für irgendetwas Geld gebe, kläre ich das immer vorher mit den Pädagogen ab. Das ist schon ein enges Miteinander. Hier schreibt uns gerade das Jugendamt in einem Brief, ob wir einer Familie nicht helfen können. Der von der Stadt gestellte Hausmeister würde das nicht machen, weil die Ausländer sind. Hier in Hellersdorf haben wir auch hauptsächlich Kinder, die aus mehreren Generationen deutscher Familien stammen. Hier gibt es kaum Leute mit Migrantenhintergrund. Ich vertrete heute den Standpunkt, dass wir in Deutschland kein Migrantenproblem, sondern ein Bildungsproblem haben. Das gibt es sowohl bei den Migranten, als auch bei uns. Als das Buch fertig war, hat Spiegel TV den ersten Beitrag gebracht und da hat der Journalist einen 19-jährigen Jungen gefragt, woran es denn liegt, dass es ihm so beschissen geht. Da meinte der, es würde an den jüdischen Großbanken liegen. Der konnte das nicht begründen, das war einfach ein dumpfer Spruch. Das erleben wir hier sehr häufig, weil die Kinder sich auch einfach nicht bilden. Ich höre mir auch das Geblubber der ganzen Politiker nicht mehr an. Wenn die davon anfangen, dass man die Eltern stärker einbinden solle, lache ich mir doch einen Ast.

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Kommentare:
yippieyo   26.11.2008
genau sowas will ich hier lesen. danke und weiter so... beschäftigt euch mit ernsten sachen, es ist allerhöchste zeit.

Dizzzza   26.11.2008
rofl, das erste bild!! shrek oder was?

brsch   26.11.2008
sehr gutes interview. danke.

yippieyo   26.11.2008
du kannst deinen spaß über das bild machen wenn du das geschriebene ernst nimmst...oder bist du eher der typ der nur bilderbücher versteht ;) es geht um den inhalt, nicht um das image (eine lektion, die man auch im rap lernen kann).

sfg   26.11.2008
sehr gut

tschalk   26.11.2008
ein sehr schöner artikel. ich habe den sampler übrigens gekauft und kann ihn uneingeschränkt empfehlen. Besonders die Tracks von d-flame, joe rilla, pan und morlockk sind erste Sahne!

Jöran   26.11.2008
endlich der lang ersehnte beitrag, nur leider wenig von der cd an sich gesprochen...

hamma...   26.11.2008
...gut!

sosiehtdasaus   26.11.2008
echt traurig was auf den straßen deutschlands abgeht (beziehungsweise zuhause bei den familien). Gehört definitiv, cd ist gekauft. www.deutschlands-vergessene-kinder.info checkt das aus ;)

WordUP!   27.11.2008
abruptes ende, aber sehr interessant.. gute fragestellungen und gute antworten, die mal n bißchen tiefer in die materie (bzw. die praxis) gehen, als das neoliberale gequatsche, das man sonst so von irgendwelchen (eigentlich komplett anteilnahmslosen, wohlständischen) hilfsorganisationen zu hören bekommt! lediglich die fadenscheinige legitimation des frauenarztes (dessen musik nichts für zwölfjährige sei), find ich etwas beschränkt, zumal allen beteiligten klar sein sollte, dass er die musik ausschließlich für jugendliche in dem alter macht! ich kenne keinen, der älter ist als 18 und sich ernsthaft frauenarzt anhört!

HomerSimpson   27.11.2008
sehr interessantes Interview!

Steezey   29.11.2008
Ich bin nicht Homophob oder so, aber was will man von einem schwulen Bürgermeister erwarten? Etwa das er ein christliches Jugendhilfswerk welches vor sexueller Verrohung warnt finanziell unterstützt? Tss, mit Sicherheit net... aber so was darf man ja nicht sagen, ohho, toleranz gegenüber den schwulen, haha... und wir kriegen bestimmt noch mehr Probleme...

yippieyo   02.12.2008
warum sollte ausgerechnet ein schwuler NICHT helfen? is doch latte ob hetero oder homo... siehste doch, die heteros helfen genauso wenig... sind doch alles fotzen

Friedwächter #1   04.12.2008
Die Archeorganisation ist eine großartige Übergangslösung von den Kriegszeiten mit schlecht belehrenden Schulen hinein in die Nachkriegzeit mit immer besser werdenden Schulen, ohne Militärs, ohne Greueltaten, denn schädigende Taten sollen gegen Ängste sein, doch Ängste haben wir doch wegen Schädigungen.

DerSlawe   29.12.2008
Also Ich weiss nicht wie der typ darauf kommt dass dass alles stimmt wass er sagt...Der redet so als obes in Hellersdorf aussehen würde wie in Soweto oder South Central LA , das ist doch lächerlich! Sicherlich, im Osten siehts schlimmer aus als im Westen was Arbeitslosigkeit angeht, aber die zustände wie er sie beschrieben hat kommen mir doch etwas übertrieben vor...z.b dass die Mütter sex mit dem 13-jährigen Freund haben, dass ist ehrlichgesagt pädophil und sonst nix...Also Ich meine schon dass es gut ist dass es organisationen wie die Arche gibt allerdings find ich dass er übertreibt wenn er sagt dass es in Deutschland wie in Südafrika aussehen wird in der Zukunft, das ist einfach nur unsinn, dass ist reine polemik sonst nichts . Mit der Wirtschaftskrise wird die gesselschaft sowieso wieder auf den boden zurückkommen meine Ich...und hoffentlich werden dann solche organisationen wie die Arche nicht mehr nötig sein.

100Resolutions   12.06.2009
interessantes interview, und jawohl: bildung is TOP!!! schade nur, dass das getippte interview doch einige eklatante rechtschreibfehler aufweist ;)