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Nach Home Sweet Home und London Town meldet sich der gerade mal 23-jährige Brite zurück. Mit freshem neuem Album 140 Grime Street, veröffentlicht über eigenes Label Bigger Picture Music traf ich einen weniger freshen, gerade in Berlin angekommenen Kano im schicken Shiro I Shiro, dem weissen Schloß in Mitte. Wie es zur Kollaboration zwischen dem jungen Gentleman und Marteria kam, warum er 679 verließ und wie er zu seiner Heimat London steht - das alles hier und jetzt.
rap.de: Ein Name, der Fragen aufwirft, ist der deines Albums, "140 Grime Street". Was bedeutet dieser Titel?
Kano: Es ist das Konzept hinter der Musik. 140 ist die Anzahl der BPM in traditioneller Grime Musik und der Style ist von der Straße. Du hörst Grime überall in den Straßen.
rap.de: Wie kommt es, dass sich die meisten deiner Album-Titel auf dein Zuhause beziehen? "Home Sweet Home", "London Town", du scheinst deine Stadt zu representen wo du nur kannst. Ist das so und in wie weit ist London kreativer Input für dich und deine Musik?
Kano: Ich werde von mehreren Orten dieser Welt kreativ beeinflusst. Jamaika ist einer davon, Dancehall Musik, die Staaten bilden mit Hip Hop ihren Einfluss, aber London ist mein Zuhause und deshalb Haupteinflussquelle. Die Titel der Alben kommen erst nachdem das Album fertig ist und nicht umgekehrt. Ich höre der Musik zu und sie sagt mir, was es ist. Es ist London, es ist Heimat. Ich denke, ohne London hätte ich es nie soweit gebracht. Viele Leute fliegen in die Staaten um aufzunehmen oder nach Frankreich, aber ich muss hier sein, ich muss mittendrin sein. Vielleicht mache ich das eines Tages anders, aber momentan ist London die Nummer Eins.
rap.de: Wo wurde "140 Grime Street" aufgenommen?
Kano: In Ilford/London, im Schlafzimmer eines Freundes. Da liefen Kinder rum und Leute haben geschrien…
rap.de: …und das Mic war im Badezimmer?
Kano: So in der Art.. (lacht)

rap.de: Das ist dope. Was ist momentan kreativer Input in London?
Kano: Es gibt viele Kids da draußen momentan. Viele gute Untergrundkünstler wie Chipmunk, Ice Kid, Criminal. Gleichzeitig gibt es verdammt gute MCs von der Straße wie Ghetto. Musik aus England hat mich immer schon inspiriert. Wiley, Heartless Crew und die komplette Garage-Szene. Ich glaube, wir inspirieren uns gegenseitig sehr viel und geben einander die nötige Energie. Das ist die Art Szene, die wir sind, nur deshalb konnten wir auch so einen einzigartigen Sound kreieren wie diesen, weil wir nicht außerhalb des UK nach Inspiration suchen. Bevor es uns gab, gab es einen Haufen MCs, die einfach einen amerikanischen Akzent aufgesetzt und einen auf Jay-Z gemacht haben.
rap.de: Wer denn zum Beispiel?
Kano: Die meisten. Roots Manuva war einer der ersten, der einen ganz eigenen kreativen Style hatte und wir kommen mit der gleichen Mentalität – wir wollen klingen wie wir, wollen aussehen und uns ausdrücken wie wir, alles auf unsere eigene Art und Weise.
rap.de: Witzig, dass du das sagst, denn von Deutschland oder zumindest von mir aus, scheint es so, als gäbe es verdammt viel Beef unter den Crews und MCs. Als wäre es gar nicht eins.
Kano: Die Medien versuchen natürlich unsere Musik mit den aktuellen Themen zu verbinden, wie nun mal Jugendkriminalität und so was. Aber das hat nicht viel mit der Musik zu tun, denn die ist mit Sicherheit eine Sache, die Menschen zusammenbringen kann. Für eine gewisse Zeit war das ganz und gar nicht so. Da hatten wirklich viele Beef miteinander, aber das hat sich geändert. Wir machen jetzt unbekümmert Musik miteinander. Ich habe kürzlich ein Video gedreht mit Wiley und Ghetto zur Single "She Glows“, was zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind uns zu vereinigen und zu lernen, wie man das macht. Ich habe auch Skepta und Ghetto auf meinem Album, Da Vinci und Mikey J als Produzenten und wir sind alle zusammen aufgetreten bei einem meiner Konzerte in London. Das war ein schöner Anblick. Ich werde in Zukunft auf jeden Fall mehr mit Leuten außerhalb meines eigenen Kreises arbeiten.
rap.de: Dein Album klingt für mich ein wenig so, als hättest du versucht, ein größeres Publikum anzusprechen ohne deinen eigenen Stil zu verraten. Ist das ein unvermeidbarer Kompromiss, den man als Künstler eingeht? Von vielen gemocht zu werden und doch seiner eigenen Linie treu zu bleiben?
Kano: Ja das ist es, immer. Wenn ich versuchte, ihn (zeigt wahllos auf einen Mann) dazu zu bringen mich zu mögen, dann würde mich der Typ von der Straße, der mich immer schon mochte, wahrscheinlich nicht mehr mögen. Wenn man aber etwas zu krampfhaft versucht, dann geht man tatsächlich einen Kompromiss ein, aber manchmal kann man sich gar nicht in der Mitte treffen, sondern bleibt nur in der Mitte stecken. Es wird immer einen geben, der dich nicht mag. Ich versuche daher, nicht mit einem Album oder einem Song alle Publika für mich zu gewinnen, aber über die Jahre wurde ich von so vielen verschiedenen Musikarten geprägt, dass ich mit der Zeit immer neue Kreise begeistern konnte. Es ist ganz natürlich passiert. Besonders mit diesem Album habe ich versucht mir so treu zu bleiben und es ist so nah angebunden an meine Grass Roots-Leute, dass es mir einfach egal war, ob es Mainstream kompatibel wird.
rap.de: Das ist krass, denn es hört sich genau nach dem Gegenteil an.
Kano: Nein, die meisten der Songs wurden noch nicht mal im Radio gespielt. Radio1 zum Beispiel hat der Single keine Rotation gegeben, das Video zu "Hustler“ war zu explizit, die Fernsehsender wollten es nicht spielen. Doch genau so ein Video wollte ich auch machen, eins das nicht gespielt wird. Ich wollte, dass jeder es hört, aber gleichzeitig tat ich nichts, was nötig gewesen wäre, um mein ursprüngliches Ziel zu erreichen. Also gab es in diesem Fall keinen Kompromiss und trotzdem schlug es in die Charts ein, hatte unglaubliche Online-Präsenz auf Youtube, Myspace und all dem. Ich musste keinem TV- oder Radiosender hinterherlaufen.

rap.de: Glaubst du, ohne Kompromiss ist deine Musik interessanter?
Kano: Sicher. Auf eine gewisse Weise schon. Dieses Mal schon.
rap.de: Was war mit “London Town”? Das wurde ja sogar in den USA verkauft, richtig?
Kano: Manche Alben landen drüben in den Regalen, ohne dass es ein offizielles Release gab. Wir waren dort und haben ein paar Shows gemacht, aber Europa ist cool für mich. Ich bringe meine Alben in vielen Ländern hier raus und das reicht mir vorerst.
rap.de: Also sind die USA kein angestrebtes Ziel?
Kano: Im Moment gar nicht. Dieses Album richtet sich an die Grime-Szene und ich weiß nicht, ob Amerika das verstehen würde. Um die Leute dort für Grime zu begeistern, müsste man mehr Zeit drüben verbringen, die Menschen und ihre Musik studieren. Aber dann würde ich einen Teil meiner Fanbase hier verlieren. Vielleicht versuche ich es eines Tages, wenn die Zeit dafür reif ist. Es ist alles eine Frage des Timings.
rap.de: Was hältst du von Dizzee und seinen US-Releases?
Kano: Ich weiß davon und wenn er meint, er hat die richtigen Tracks für die Leute in den Staaten, dann soll er doch sein Ding machen. Ist mir sonst eigentlich egal.
rap.de: Wie siehst du denn deinen eigenen Status im Moment? Bist du ein Grime-Rapper? Gibt es das überhaupt? Oder bist du unabhängig und frei von Genres?
Kano: Nee, das wär ich gerne aber die Leute lassen so was nicht zu. Alles braucht eine Betitelung für die Meisten. Ich sage ihnen, sie sollen mir kein Etikett verpassen, aber am Ende des Tages braucht alles seine Kategorie. Ich nenne mich selbst manchmal einen Rapper, manchmal einen Grime-MC. Was für Musik mache ich? Hip Hop, Grime, etwas von allem. “Typical Me” zum Beispiel. war etwas rockiger, ganz und gar kein typischer Grime-Track. Ich glaube über die Jahre habe ich was entwickelt, was mich immun macht gegen Einzelbegriffe.
rap.de: Heißt deshalb dein Label "Bigger Picture Music“?
Kano: Da ging es weniger um die Musik und mehr ums Business. Es geht darum, ein größeres Bild zu sehen, weniger engstirnig zu handeln und neue Verfahrensweisen für Musikveröffentlichungen zu entdecken, weg von denen der Major Labels.
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