Interview mit Tanguy über „Prisma“, Bekanntheit und Entschleunigung

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Tanguy ist trotz regelmäßigem und hochwertigen Output relativ unbekannt. Woran das liegen mag? Darüber wird im Interview mit dem Nürnberger gemutmaßt. Ebenso ging es um die neue EP „Prisma“ und es wurde über Lebensentwürfe und Entschleunigung philosophiert.

Ich habe dich immer als sehr vielseitigen Künstler wahrgenommen. Alleine wenn man Songs wie „Free Your Mind“ mit „Werd erwachsen“ oder „High“ vergleicht. Warum setzt du so viele verschiedene Stile um, statt dich auf einen festzulegen?

Ich habe mir damals überlegt, was ich machen möchte, und versucht, meinen Stil zu finden. Aber ich habe gemerkt, dass mir gerade die Vielseitigkeit Spaß macht. Bei vielen Künstlern feiere ich auch deren Vielseitigkeit. Ich liebe es, mich in jedem Bereich meines eigenen Ichs auszutoben. Natürlich könnte ich jetzt kein Gangsterrap oder R’n’B-Album machen, aber ich finde es wichtig, mich komplett ausleben zu können. Trotzdem geht es in letzter Zeit immer mehr in diese langsame, positive Richtung. Also habe ich vielleicht etwas mehr meinen Stil gefunden. Aber ich bin auch als Mensch nicht so straight. Mal lebe ich so, dann so – und das lebe ich auch in meiner Kunst aus.

Du hast gerade gesagt, du findest deinen Stil. Ist das denn eine reine Frage der Stilfindung? Du setzt jede Richtung, in die du gehst, ja sehr gut um. Nach einer Suche klingt das für mich nicht.

Ich finde der ganze Battlerap ist etwas, das man macht, um ein bisschen Promo auf sich zu ziehen und natürlich einfach viel Spaß macht. Aber die tiefgründigen Songs sind das, was mir am Herzen liegt. Ich hatte viel Spaß am Battlen, das hatte etwas von einem Kampfkunstverein, bei dem man sich messen, ausprobieren und abhärten konnte.

Du sprichst von der RBA oder? Da warst du ziemlich gut platziert.

Genau, am Ende war ich dort Platz 12. Aber ich mag es trotzdem nicht so gerne, jemanden battlen zu müssen, gegen den man persönlich nichts hat. Ich möchte mittlerweile nur noch Sachen machen, die mir selbst von ganzem Herzen gefallen. Früher habe ich mir überlegt, was ich für einen Stil habe, dann dachte ich, vielleicht ist mein Stil alle Stile. Aber mittlerweile denke ich, mein Stil ist positiver und straighter als bisher. Trotzdem liebe ich es auch, das Ganze zu persiflieren oder da auszubrechen. Auf „Prisma“ habe ich auch zwei Tracks, die nicht in diese deepe Richtung gehen, sondern ein bisschen crazy-battlemäßig. Ich lege mich ungern fest – genau so bin ich zum Beispiel auch in der Suche nach meinem Beruf.

Das macht es dir wahrscheinlich nicht leicht oder? Sowohl beruflich als auch musikalisch. Ist das ein Grund dafür, dass du verhältnismäßig unbekannt bist?

Auf jeden Fall. Wenn ich einen „Halt die Flasche“-Track mache, in dem ich für alle Säufer rappe, und danach einen total deepen Song, dann ekel ich manche Fans direkt wieder weg. Aber gerade diese Kontraste haben mich auch bei anderen Rappern immer fasziniert. Ein Savas kann auch mal einen schnulzigen Kopf-hoch-Track machen und ein Curse einen „RAP“-ich-beweise-mich-Song machen kann. Das Harte im Weichen und das Weiche im Harten hat mich immer interessiert – quasi das Yin und das Yang. Irgenwie arbeiten ja auch viele Stars damit, dass sie ein bisschen kontrovers sind und auf der einen Seite Pink, auf der anderen Seite Camouflage repräsentieren. Ich mache das aber nicht, um Aufmerksamkeit zu generieren, ich bin einfach ein sehr schwankender Mensch. So lebe ich voll meine Stimmung aus. Aber lebenstechnisch, wie auch businessteschnisch kostet der Probierteller auf jeden Fall mehr, als wenn man einfach nen normalen Döner bestellt.

Du machst das dann wahrscheinlich auch eher unverkopft. So klingt das zumindest.

Genau. Mein Schaffen passt sich an mich an, nicht ich mich an mein Schaffen. Ich möchte immer meine Gefühle ausdrücken, das steht an oberster Stelle, nicht das berechenbare Business.

Was meiner Meinung nach noch ein Grund sein könnte, ist, dass du es den Hörern sehr schwer machst, deine Texte zu verstehen. Auf „Prisma“ musste ich einige Songs mehrfach hören, um nur annähernd zu verstehen, was du mir erzählst.

(überlegt) Ich bin ein Mensch, der sich geistig immer weiter entwickeln möchte und auch außerhalb von Rap immer auf der Suche ist und sich weiterbildet. Viele Aussagen auf „Prisma“ (Dem gleichnamigen Song; Amn. d. Red) habe ich über die Zeit als Wissen gesammelt und dort versucht zu kanalisieren. Das war ziemlich schwierig, aber ging mir trotzdem ganz gut von der Hand. Einen riesigen Wissensschatz in zwei bis drei Minuten zu pressen, ist auf jeden Fall sehr schwer. Bei „Blüte“ war es aber so, dass ich in einem so einem Bewerbungskurs, quasi einem Auffangbecken für Arbeitslose, war, wo lauter 40-50-Jährige rumsaßen. Ich habe mir einfach die Stärken und Schwächen von den Leuten aufgeschrieben, um für mich selber diese Werte wahrzunehmen und mir zu überlegen, was den Menschen fehlt. Ein Bestandteil meiner Musik ist ja auch, dass ich Menschen eine gute Energie und Motivation mitgeben möchte. Da habe ich viel, was diesen Leuten gefehlt hat in diesem Song verarbeitet und versucht, diese Stichpunkte in einen Text mit ’nem roten Faden einzubauen. Ein paar Dinge sind natürlich raus gefallen, aber im Großen und Ganzen war es quasi ein komplett an diese Runde gerichteter Text, nur dass die es nie gehört haben und wohl nie hören werden. Viele schwer verständliche Texte von mir sind halt so, weil ich mich geistig irgendwo total reinmanövriere und mit der Matrix, dem Unsichtbaren und wissenschaftlichen Grenzbereichen beschäftige.

Würdest du sagen, du strebst nach Erleuchtung?

Auf jeden Fall hatte ich das schon vor (lacht). Ich habe viel meditiert und alles mögliche. Aber 99 Prozent von dem, was im Internet und so steht, sind Bullshit. Man muss lange suchen, bis man etwas findet, das einem wirklich was gibt. Ich vergleiche dann meine Beobachtungen mit dem, was ich finde, und suche weiter nach der Wahrheit.

Auf der anderen Seite hast du auf der EP den Song „Trash Bandicoot“, der nicht sonderlich tiefsinnig ist. Wieso hast du diesen Song geschrieben und auf „Prisma“ platziert, obwohl er eigentlich aus dem Rahmen fällt?

Wir haben ziemlich viele Songs gemacht und „Trash Bandicoot“ hat meinem Produzenten Audiogen am besten gefallen. Ich gebe ihm da auch viel Entscheidungsfreiheit, also musste er rauf. Ich möchte manchmal auch, dass die Leute wieder einen freien Kopf kriegen und rappe deswegen nicht nur nachdenklich. Wortspielereien gehören ja auch irgendwo zu Rap dazu. Bei „Trash Bandicoot“ geht es ja auch darum, dass die Künstler nur noch Trash machen – genau das spiegele ich in dem Track ja auch wider.

Ich fand vor allem die Hook sehr stark. Ich sehe bei dir ein großes Talent für Hooks, aber habe das Gefühl, du spielst es nicht immer aus. Woran liegt das? Ist das Glückssache oder verzichtest du manchmal bewusst auf eine catchy Hook?

Manche Hooks freestyle ich einfach. Oft liegt Freestyle vielleicht näher am Herzen und dadurch kommt es wahrscheinlich manchmal cooler, als wenn ich stundenlang verkopft jede Silbe durchdenke und zehn Mal die Zeilen vertausche. Manchmal achte ich mehr auf den Text, dann bleibt der Swag etwas außen vor. Aber wenn ich nur auf die Melodie oder meine Intuition achte, wird es manchmal sehr catchy. Es kommt glaube ich auch darauf an, ob es ein reiner Spaß-Track ist oder ich noch etwas bestimmtes sagen möchte.

Du hast gerade erzählt, dein Produzent habe entschieden, den Song aufs Tape zu packen. Dein letztes Album, „Feuerhund“, hat er auch vollständig produziert. In letzter Zeit arbeitest du nur noch mit Audiogen zusammen oder?

Ja, er ist seit 2009 ein sehr guter Freund von mir. Damals nannte er sich noch Haze Productions, jetzt hat er sich aber umbenannt. In den letzten Jahren hat er sehr viel dazugelernt, auch was das Abmischen betrifft. Eigentlich macht er auch nicht so viele Beats, mit mir hat er aber die Motivation, ein paar Beats zu schrauben. Manchmal fehlt im glaube ich der Motivator. Ich habe aber auch vor, selber Sachen zu machen, bei denen ich komplett alles übernehme. Dafür will ich aber noch besser abmischen lernen. Beats machen geht schon klar, aber wenn es nicht cool gemixt ist, habe ich mir die ganze Arbeit umsonst gemacht.

Ich finde Audiogens Beats auch sehr stark. Gerade „All You Can Need“ hat es mir angetan. Der hat sehr gut zum Song gepasst, weil er so schnell und hektisch war. Ist es Absicht, dass genau dieser Song, der von Stress und Entschleunigung handelt, der schnellste und kürzeste Song auf dem Tape ist. Stellt das quasi eine Metaebene dar?

Klar, ich hab‘ ihm von Anfang an gesagt: Mach mir einen Beat auf der Geschwindigkeit und mach ihn so stressig wie möglich. Bei vielen Freunden und Bekannten bemerke ich einfach, dass die ganze Zeit dieser Erlebnis-Drang und Entertainment-Wahn dazu führt, dass die sich total überfordern. Ich merke auch, dass mein Ehrgeiz mich irgendwo in der Hand hat.

Wie versuchst du, dich dem zu entziehen? Wie entschleunigst du deinen Alltag?

Früher durch Meditation, mittlerweile durchs Beten. Aber man kann auch einfach in die Natur gehen oder sich mal aufs Bett packen und nachdenken, abschalten, schlafen. Ich glaube, dass man sehr viel Kraft verschwendet. Vor allem durch Smartphones – dass man die ganze Zeit dazu in der Lage ist, jede Millisekunde seines Lebens zu nutzen. Das Problem ist, dass wir unsere Smartphones 1000 Mal aufladen, aber unsere eigenen Kräfte nicht. Dabei kann ja nur noch Bullshit rauskommen.

Machst du es dir dabei nicht etwas zu einfach, wenn du es einfach auf unser Lebensmodell schiebst? Du hast vorhin erzählt, du warst bei einer Maßnahme für Arbeitslose. Im Song „High“ sagst du, du hast nur den Hauptschulabschluss – und das, obwohl du ja offenbar sein sehr kluger Mensch bist. Hast du vielleicht auch zu sehr entschleunigt?

(lacht) Joa, es kann sein, dass ich einfach aus meiner Antihaltung heraus genau das Gegenteil gemacht habe. Vor allem durchs Kiffen wahrscheinlich. Mittlerweile denke ich aber ganz bewusst, dass es besser ist, langsamer zu sein und später eine richtige Entscheidung zu fällen, statt überstürzte Entscheidungen zu treffen und sich nicht mehr über die eigenen Gefühle und Gedanken bewusst zu werden. So macht man sich doch zum Sklaven dieser Ehrgeiz-Maschinerie und hat irgendwann mit 40 seinen Burnout. Da ist es besser, wenn man erstmal mit sich selbst fertig wird und dann langsam Fuß fasst. Viele Leute spielen sich schon mit 16 vor, erwachsen zu sein, und stellen all ihre Bedürfnisse hinten an, um zu sein, wie die Gesellschaft sie will. Ich bin schon zufrieden damit, mir Zeit gelassen zu haben. Die Menschen in meinem Umfeld spiegeln mir wider, wie ich bin – und ich merke, dass es gut so ist, wie ich bin. Auch wenn mir ein bisschen Geld nicht schaden würde (grinst)

Braucht es nicht einfach einen guten Mittelweg?

Klar, die goldene Mitte ist immer das richtige. Nur die Frage ist: Wo ist links, wo ist rechts. Um die Mitte zu finden, muss man ja erstmal die Grenzen finden.

Deine Beschreibung klingt noch nach Grenzen finden – aber gerade dein Stichwort: Erwachsen werden. Auf „Feuerhund“ hast du den Song „Werd erwachsen“, auf dem du dich selbst ansprichst. Bist du jetzt auf dem Mittelweg?

Tatsächlich schon irgendwie. Ich mache gerade meinen Führerschein und habe in letzter Zeit ein paar Jobs gemacht, bin weniger am rumhartzen. Ich habe mir geschworen, nie wieder zum Arbeitsamt zu gehen, weil es einfach ein Drecksverein ist, der einen nicht wie einen Menschen behandelt. Lieber gurke ich auf low rum, als mir Komplexe zu schieben, dass ich auf Staatskasse lebe. Aber ich peile den Mittelweg an. Den findet man glaube ich am besten, indem man vor einer Entscheidung inne hält und auf sein Gefühl hört. Wenn man tausende Pros und Contras auflistet, können auf der einen Seite zehn stehen, und auf der anderen Seite 20 – aber vielleicht wiegen die zehn schwerer. Deswegen muss man manche Entscheidungen aus dem Herzen treffen, statt da zu verkopft ranzugehen.

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