Bahar

Der Aufschrei war groß, als Bahar, frischgetrennt von Ersguterjunge und in sich für die Öffentlichkeit in einer businessmäßig unklaren Situation befindend, eine Spendenaktion ins Leben rief, mit deren Hilfe sie das Release ihres Debütalbums finanzieren wollte. Begleitet wurde dies von einer Videoreihe namens "Bahar packt aus", in deren wöchentlich via Youtube veröffentlichten Folgen die Rapperin über ihre Erfahrungen mit Rap Kollegen und dem Hip Hop Biz im Allgemeinen sprach. Darf man um finanzielle Unterstützung bitten, wenn man sich innerhalb einer Szene bewegt, bei der der Kampf von unten nach oben zum künstlerischen Werdegang dazu zu gehören scheint? Und warum wurde es nach erfolgreichem Abschluss der Aktion urplötzlich ruhig um die Künstlerin? Auf all diese Fragen haben wir nun eine Antwort. Bahar hatte sich nämlich nicht mit den Spenden nach Tahiti abgesetzt, sondern wohnt nach wie vor in Berlin-Rudow, wo wir sie dann auch besucht haben. Ein offenes und selbstkritisches Gespräch über "Save Bahar", Frauenrap und nicht zuletzt auch darüber, warum sich die Zusammenarbeit mit Bushido so wenig fruchtbar gestaltete. Ein Exclusiv hat uns die gebürtige Iranerin neben jeder Menge Antworten auch noch aus dem Süden der Hauptstadt mit zurück nach Kreuzberg nehmen lassen, "Letzter Atemzug" könnt ihr euch HIER herunterladen.

rap.de: Zu Beginn deiner Save Bahar Aktion warst du medientechnisch sehr präsent, mittlerweile ist es aber wieder ruhig um dich geworden. Wie ist denn deine aktuelle Situation?

Bahar: "Save Bahar" habe ich ja gemacht, weil wir einfach kein Geld hatten, ich aber finde, dass meine Musik es verdient hat, richtig und ordentlich raus zu kommen. Deshalb wollte ich das auch nicht einfach nur als freien Download auf meine Seite stellen. Die Aktion haben wir jetzt erfolgreich beendet, auch wenn es sich etwas gezogen hat zum Schluss. Wir haben uns natürlich wahnsinnig über die 5000 Euro gefreut und sind jetzt mitten in der Planung für das Album, was auch schon im Oktober rauskommt.  

rap.de: Hat es dich überrascht, dass das so gut geklappt hat?

Bahar: Ich wusste von vielen Leuten, dass sie Fans von meiner Musik sind und auch auf ein Album warten, aber dass wirklich so viele dazu bereit sind, auch was dafür zu tun, war mir nicht klar. Es war auch so, dass wir uns von diesem Bushido Thema und eigentlich auch vom Hip Hop an sich emanzipieren wollten. Da ist ja immer alles gleich so peinlich und das geht alles nicht und man darf dies nicht und man darf das nicht – wir haben es dann einfach getan. Wenn es am Ende nicht geklappt hätte, wäre es wahrscheinlich ein bisschen peinlich geworden, aber auch dazu kann man dann stehen. (lacht)

rap.de: Es war aber ja jetzt schon eine sehr ungewöhnliche Aktion. Hat es dich Überwindung gekostet, so nach draußen zu treten und zu sagen "Ich habe kein Geld, ich bin auf eure Hilfe angewiesen“?

Bahar: Du hast vorhin gesagt, dass du auch ein Hip Hop Fan bist und weißt ja, wie das ist. Klassischerweise hören wir beide wahrscheinlich auch mehr Musik von Männern und das, was bis auf ein paar Ausnahmen szenemäßig Erfolg hat, ist halt dieses "Ich habe mein Bling Bling und das Auto und ficke die Ollen“ und so weiter und das nervt auf Dauer. Wenn das einer mal gut rüberbringt, Savas zum Beispiel, der ja eigentlich auch ein ganz anderes Leben führt, dann kann das ganz interessant sein, aber dadurch hat es mich eben auch Überwindung gekostet, diesen Schritt zu gehen. Ich wusste schon vorher, dass so Sachen kommen werden wie "Du persische Fickschlampe, schämst du dich nicht?“ oder "Du gottlose Hure bettelst um Geld!“ – es kamen ja ganz viele solche Sachen. Umso mehr hat es mich natürlich gefreut, dass es da auch eine Gegenbewegung gab, die gespendet hat, obwohl sie das vielleicht ein bisschen komisch fanden. Für mich war diese Aktion eigentlich eine Art Emanzipation aus diesem Hip Hop Kontext. Frauen, die in Deutschland Rap machen, fahren halt entweder diese "Leck meine Muschi“-Schiene oder wollen beweisen, dass sie härter als alle Männer sind. Entweder sie gehen in Konkurrenz dazu oder machen eben das krasse Gegenteil.


rap.de: Jetzt haben aber die wenigsten Leute haben von Anfang an das Geld, um ihre Sachen raus zu bringen, dementsprechend könnte man natürlich auch sagen: Wenn du Musik machen willst und nicht das Geld dazu hast, dann kannst du es dir ja erarbeiten.

Bahar: Genau, das war auch ein ganz wichtiger Kritikpunkt, der immer wieder kam. Die meinten "Mädchen, geh doch arbeiten, spar dir das Geld zusammen und bring deine Platte dann raus“, aber ich arbeite ja für mein Brot. Ich arbeite für meine Miete, meinen Strom und so weiter und von dem, was davon übrig bleibt, kann ich mir mal bei Starbucks einen Kaffee kaufen, aber ich habe nicht die Möglichkeit, davon eine Platte raus zu bringen. Außerdem wollte ich die Leute mit der aktuellen Situation in der Musikindustrie konfrontieren. Als ich angefangen habe, wurden noch Platten verkauft und dann kam dieser große Umbruch durch das Internet. Ich wollte ein Zeichen setzen für die Künstler, die aufgrund dieser Situation einfach sterben und keine Möglichkeiten mehr haben. Das Internet wird als Plattform immer größer und der Künstler muss seinen Fans jetzt immer mehr geben, um sie dazu zu bringen, Geld für seine Musik auszugeben.  

rap.de: Es gab ja schon sehr krasse Reaktionen auf diese Aktion. Gab es da Aussagen, die dich wirklich getroffen haben und bei denen du vielleicht auch bezweifelt hast, dass das jetzt so der richtige Weg ist?

Bahar: Man zweifelt immer an den Tagen, an denen nur schlechte Sachen kommen. Da bekommt man vielleicht mal eine nette Mail und dann wieder 30, in denen es nur heißt  "Du gottlose Hure hast es nötig“ und "Komm, blas mir einen“. Irgendwann kippt die Laune und du denkst dir "Ok, das geht schief.“. Die eigene Stimmung ist in so einer Zeit fremdgesteuert, weil man sich ja irgendwie schon nackig macht.

rap.de: Man könnte das Ganze jetzt aber auch als unfassbaren Promomove bezeichnen, weil du mit diesen Videos überall präsent warst. Du eben eine Präsenz dadurch erhalten hast, die du nicht unbedingt gekriegt hättest, wenn du einfach nur dein Album veröffentlichst.

Bahar: Ja, das war auf jeden Fall auch eine Intention. Zu sagen "So, ich bin da und ich möchte auch, dass ihr das wisst.“, weil ich eben wie schon gesagt finde, dass es meine Musik einfach verdient hat, nicht unterzugehen. Musik zu machen ist ein Privileg und es ist nicht so, dass ich mich jetzt hinsetze und erwarte, dass ihr mein Album kauft und mir Geld gebt, aber man kann das natürlich ein bisschen ausreizen. Ein Promomove war es aber auf jeden Fall auch.

rap.de: Jetzt gab es auch von vielen anderen Musikern negative Reaktionen darauf. Hast du denn wirklich erwartet, dass du für so einen Spendenaufruf Respekt bekommst?

Bahar: Nein. Lisa, guck mal, wenn wir hier fertig sind, hast du vielleicht Lust, dass ich dir ein oder zwei Tracks zeige und…

rap.de: Das ist jetzt kein persönlicher Disrespekt meinerseits, das ist einfach eine Frage.

Bahar: Nein, nein. Es ist gut, dass du das fragst und du stellst gute Fragen. Es ist so, dass ich dieses Medium Hip Hop/Rap/Sprechgesang dazu nutze, um meine eigene Musik zu machen. Die ist sehr poppig und hat mit all dem "Ich bin broke, ich bin am Arsch, mein Geld… blablabla“ nicht mehr viel zu tun, das sind eigentlich ganz andere Themen geworden. Deshalb ist mir das alles auch gar nicht mehr so nahe gegangen. Ich wollte einfach gnadenlos und ehrlich sein, deshalb habe ich auch sagen über Kobra gesagt, mit dem ich jahrelang Sachen gemacht habe. Genau so ehrlich antworte ich dir jetzt auf deine Fragen und deshalb kannst du mich fragen, was du möchtest. Sogar, was ich für eine Intimrasur habe. (Gelächter)

rap.de: Das wird die Abschlussfrage!

Bahar: Ok, jetzt bin ich irgendwie von der eigentlichen Frage abgekommen. Ob ich erwartet habe, dass ich Respekt dafür bekomme. Ich habe mir gedacht, dass wenn ich es schaffe, das Geld zusammen zu bekommen und dann mein Album raus bringe, schon sagen könnten "Ok, es hat geklappt.“. Das mit dem Respekt ist natürlich fraglich.

rap.de: Was waren das für Leute, die gespendet haben? Gab es da einen kleinen Kreis, der sehr viel gespendet hat, oder waren das sehr viele Leute mit kleineren Beträgen von zehn Euro, die das Free-Album haben wollten?

Bahar:  Die meisten haben wirklich zehn Euro gespendet, um das Album zu kriegen. Was ich ganz süß fand war, dass viele Leute auch nur einen Euro gespendet haben. Die haben dann gesagt “Wir haben nicht mehr und wir wissen, dass wir das Album nicht kriegen, aber wir finden das gut was du machst, hier hast du einen Euro“. Denen haben wir das Album ab einem gewissen Zeitpunkt trotzdem geschickt. Es war breit gefächert. Manche Leute haben es auch erst hinterher mitbekommen. Über MySpace fragen mich immer noch Leute, wo sie spenden können.  Nach der “Bahar packt aus“ Sache hat es natürlich abgenommen, deswegen haben wir das Geld auch erst vor kurzem zusammen bekommen.  

rap.de: 5000 Euro sind wirklich viel Geld. Wenn man sich vorstellt, dass jeder zehn Euro spendet, dann müssen es am Ende immerhin 500 Leute sein. Ich hätte nicht unbedingt damit gerechnet, dass es funktioniert. Was mich aber gewundert hat war, dass man urplötzlich eben gar nichts mehr von dir gehört hat und deine Website auch offline war.

Bahar: Wir haben die Zeit jetzt ein bisschen genutzt, um das ganze Release vorzubereiten, um die Abschlussaufnahmen im Studio zu machen, die Homepage fertig zu stellen und was man eben sonst noch von dem Geld machen muss. Seit dem ersten August ist die neue Homepage online. Wir haben davor alles abgeschaltet für ein paar Wochen. Ich habe auch Briefe bekommen von wegen “Du blöde Kuh, jetzt hast du das Geld und jetzt bist du auf den Malediven“. Das war aber unser Plan, dass wir erst mal alles runter fahren. Wenn wir jetzt zurückkommen, werden diese ganzen “Bahar packt aus“ Videos gelöscht. Dann ist erst mal Ruhe und danach wollen wir eine neue Aktion machen. Das wird auch wieder was Besonderes, denn wir wollen das jetzt Internet-mäßig richtig nutzen. Wie sagt man so schön: “Ist der Ruf erst ruiniert…“. Ich kann noch nicht drüber sprechen, aber die Homepage heißt auf jeden Fall www.borderliner.net und da läuft erst mal ein Countdown runter, bevor etwas passiert. Mit Borderline kann man schon viel machen. Der Name sagt ja schon einiges.

rap.de: Du bist nach wie vor nirgendwo gesignt, oder?

Bahar: Genau, ich habe mich aber auch einfach nirgendwo zugehörig gefühlt. Angefangen mit der Bushido-Sache, wo ich mir immer gedacht habe "Ja, aber ich kann mir keine Alphajacke anziehen“.

rap.de: Wollten die, dass du dir eine Alphajacke anziehst?

Bahar: Ich glaube schon. Ich bin halt nicht cool, weißt du? Aber cool sein gehört eigentlich zum Hip Hop dazu. Ich mach meine Musik, ich versuche alles authentisch zu machen, aber ich bin halt nicht die coole Bitch. Ich kann mich noch an eine Szene auf Tour erinnern, als ich zusammen mit Chakuza im Zimmer war und mich da geschminkt habe. Da kam er rein und meinte total entgeistert "Was machst du denn da? Oh Gott, ich glaube, ich werde schwul. Ich muss rausgehen.“ Dieses Lachende, Weibliche, Mädchenhafte war denen einfach nichts, die waren eben alle cool.

rap.de: Aber kann man nicht davon ausgehen, dass wenn man ein Mädchen signt, das eben kein weiterer Homie ist, der mit der Alphajacke hinterm Auto steht?

Bahar: Eigentlich ja. Ein bisschen atzig bin ich ja auch, ich mache jeden Spaß mit, aber natürlich kann man davon ausgehen. Ich hatte auch Gespräche mit Frauenarzt und Universal, aber das war auch wieder so: Entweder du ziehst eine Alphajacke an oder du zeigst deine Muschi, aber so sehe ich mich eben nicht und deshalb ist das schwierig. Ich habe das gemacht, um mir selber treu bleiben zu können und wenn es jetzt gar nicht funktioniert hätte, wir nur schlechte Resonanz bekommen und kein Geld eingenommen hätten, dann hätte ich das vielleicht doch alles einfach nur so gemacht und auf Youtube gestellt. Ich muss ja nicht davon leben können, aber ich finde einfach, dass es meine Musik verdient hat, richtig raus gebracht zu werden. Deshalb habe ich das eigentlich gemacht.

rap.de: Du hattest ein Gespräch mit Frauenarzt und er wollte, dass du auf der nächsten Pornoparty rum springst?

Bahar: (lacht) So direkt sind wir da nicht gegangen, aber ich war bei ihm und wir haben uns unterhalten. Da hat man schon gemerkt, dass wir da ganz unterschiedliche Ansichten hatten. Aber schlussendlich muss jeder für sich seinen eigenen Weg finden.

rap.de: Glaubst du, dass die Leute glauben, dass man Frauen einfacher formen kann? Dass sie gar keine eigene Künstlerpersönlichkeit sind, sondern sich dem anpassen sollen, was von ihnen gewollt wird?

Bahar: Ja, gerade im Hip Hop. Es hat damals mit Sabrina Setlur ja auch funktioniert, dass eine Frau richtig erfolgreich abgegangen ist und hinter den Texten stand halt Moses. Das war also auch so ein von außen gesteuertes Projekt und danach kam eigentlich gar nichts Nennenswertes mehr. Damals bei Aggro haben die dann ja auch eine Frau gesucht, die sie unter Vertrag nehmen wollten. Das Thema war da halt: Entweder sie holen sich so eine Bitch, sie haben sich ja auch mit Lady Bitch Ray unterhalten, die ihnen aber zu krass war und die sie auch nicht mehr formen konnten, oder sie nehmen eine mit Kopftuch. Sie wollten eine richtig verschleierte Muslimin und hätten dann wahrscheinlich so eine Aktion gemacht, dass sie das Tuch irgendwann abnimmt und…

rap.de: … darunter einen Bikini trägt und tanzt.

Bahar: (lacht laut) Genau! Aber zurück zu deiner Frage. Dadurch, dass es mit Frauen und Hip Hop so selten beziehungsweise gar nicht funktioniert hat, denken sich die Männer "Dann müssen wir es eben anpacken, die Frauen kriegen das nicht hin“. Finde ich wirtschaftlich soweit auch gut gedacht, aber ich persönlich möchte etwas anderes.

rap.de: Hattest du zu der Zeit Gespräche mit Aggro?

Bahar: Ich habe mich nur mal mit Käthe, die damals die A&R Arbeit gemacht hat, unterhalten, aber dann kam Bushido zwei Wochen später und das hatte sich sozusagen erledigt.

rap.de: Wie bist du damals zu Ersguterjunge gekommen? Es hieß ja plötzlich nur wie aus dem Nichts "Hier, Siesgutesmädchen, Bahar wurde gesignt“.

Bahar: Das kann ich dir erzählen. Seitdem ich angefangen habe, bin ich eigentlich gut mit Taichi, den ich über verschiedene Produzenten kennen gelernt und mit dem ich mich immer gut verstanden habe. Der hat an der SAE studiert und D-Bo, der ja fast Mitbegründer von Ersguterjunge, seit ewigen Jahren der beste Freund von Bushido und jetzt aber auch da weg ist, auch. Sie haben sich immer darüber gestritten, ob es eine Frau geben würde, die rappen kann und dann haben sie eben gewettet. Eigentlich ist das eine ganz lustige Geschichte. Also habe ich mein Demo da hin geschickt, obwohl mein damaliger Produzent und ich uns immer gedacht haben "Bei denen? Vergiss es.“. Dann ging es aber ziemlich schnell. Ich habe mich mit Bushido getroffen und er hat gesagt "Ich helfe dir, deinen Traum zu verwirklichen“ und ich habe mich natürlich gefreut. Viele Leute meinten aber zu mir "Mach das nicht, der ist nicht ganz koscher der Mann“, aber man muss ja jedem Menschen eine Chance geben. Ich war dann ja auch fast ein Jahr da, habe ganz viele Freetracks gemacht, war mit denen auf Tour und letztendlich hat es halt nicht geklappt. Ich bin gekommen, als "Nemesis“ gerade fertig war und bin gegangen, bevor "Vendetta“ raus gekommen ist. Für "Vendetta“ habe ich, auch in Kooperation mit anderen Künstlern, noch ein paar Songs gemacht, aber wir haben uns dazu entschieden, dass es nicht klug wäre, mich da noch weiter zu promoten, wenn man sowieso nicht mehr vorhat, gemeinsam ein Album raus zu bringen.

rap.de: Wie kam es denn eigentlich zu dem Bruch? Gab es eine konkrete Situation, die das ausgelöst hat, oder war das eher ein schleichender Prozess?

Bahar: Eher ein schleichender Prozess. Das Release wurde immer wieder verschoben und irgendwann war ich frustriert davon. Damals war ich halt noch ganz neu und ungeduldig und meinte immer "Aber du hast mir versprochen…“, was für ihn natürlich auch schwierig war. Er meinte "Du bist eine Frau, wir müssen dich perfekt positionieren“ und so weiter – es gab da einfach so ein bisschen Unstimmigkeiten. Letztendlich wusste er aber glaube ich doch nicht mehr so richtig, wie er eine Frau auf den Markt bringen soll und das habe ich in verschiedenen Situationen einfach gespürt. Es war nicht so, dass er zu mir jetzt besonders böse oder gemein war, aber er geht mit allen gleich um und wer damit zurecht kommt, kann bleiben, und die anderen können nicht bleiben. Das mag wirtschaftlich gut gedacht sein, aber ist eben nicht meins. Viele haben damals gesagt "Wie dumm, warum hast du nicht einfach die Zähne zusammengebissen, bist geblieben und hast da zumindest ein Album raus gebracht?“, aber ich denke, dass genau das meiner Karriere eher nachhaltig geschadet hätte.

rap.de: Wobei eigentlich alle Ersguterjunge-Signings davon profitieren, dass Bushido innerhalb der Deutschrapszene wohl die treueste Fanbase hat und die dann auch alles kaufen, was über das Label erscheint.

Bahar: Deswegen hatte ich, als wir auf Tour waren, auch totale Angst, wie die Leute auf mich reagieren. Insbesondere die Mädchen, weil die alle groupiemäßig unterwegs sind. Der Hype war aber unfassbar, der hätte selbst seine Putzfrau auf die Bühne stellen können. (lacht) Das hatte schon fast was sektenmäßiges, deshalb konnte ich dann auch ganz entspannt auftreten. Die Frage ist aber natürlich auch: Wenn Chakuza sich irgendwann entschließt, sein eigenes Ding zu machen – wer kauft die Sachen dann noch? Ist das Produkt dann an sich gut und eigenständig? Das habe ich mich eben gefragt und dachte mir dann auch, ok, du machst dich von jemandem abhängig, der nicht ganz so dicht ist. Er ist eine sehr authentische Persönlichkeit, so wie er in den Interviews ist, ist er auch wirklich. Er ist charismatisch und cholerisch, melodramatisch und launisch und das macht eine Zusammenarbeit mit ihm als Chef schwierig. Es ist wenig Raum, um über Dinge zu sprechen und das gibt dann Probleme. Wenn du mich jetzt bei rap.de einstellen würdest und wir haben bei irgendetwas unterschiedliche Ansichten, dann würden wir uns zusammensetzen und darüber sprechen. Wenn es aber gar nicht möglich ist, in Kommunikation zu gehen, dann wird es schwierig. Ich weiß nicht, wie das bei den Jungs ist, aber an sich ist es ja schon sehr markant, dass bei dem Label sehr viele Leute ein und aus gehen. Hengzt war da, Sentence war da, ich, D-Bo, Saad geht jetzt weg, Eko

rap.de: Saad geht weg?

Bahar: Also… Wie man immer mal wieder hört, ist die Situation schwierig… Bushido hat halt immer einen neben sich, das ist dann mal D-Bo oder Saad, dann Eko, dann Kay One und dann ist es tatsächlich auch Liebe zwischen den beiden. Der verliebt sich dann richtiggehend in die, ist immer mit ihnen unterwegs und das ist dann auch ganz süß, aber irgendwann ist der Flash dann halt vorbei. Er ist auch so ein bisschen Borderliner. In mich war er aber nicht „verliebt“. Er hat so eine Art mit Frauen, die ich irgendwie ganz spannend finde. Entweder er versucht das so ganz atzig und sagt "Ey Bahar, du bist doch Atze, mit dir kann man doch über alles reden. Das hier sind Gangbangbändchen für den Bus, verteil die mal an hübsche Mädchen.“, oder er findet dich scharf und will dann halt was Erotisches mit dir starten. Aber das man mit ihm in eine Beziehung gehen kann, wie man das mit einem Chef oder einem Mitarbeiter macht, dass man über Dinge spricht, das geht eigentlich nicht. Aber in seine Jungs ist er verliebt – nicht homoerotisch, aber mit denen kann er so eine Beziehung führen. (lacht) Ich habe ja ein Jahr nach meinem Weggang diesen Song "Reich Mir Deine Hand“ gemacht, ich weiß nicht, ob du den kennst. In jedem Fall fanden das viele komisch, weil ich in dem Lied Verständnis für seine Geschichte zeige und Mitleid mit ihm habe. Das haben viele als Entschuldigung aufgefasst, andere aber auch als Diss.

rap.de: Ich habe ganz ehrlich gedacht, dass das ironisch gemeint wäre.

Bahar: Eigentlich war es aber weder noch. Eigentlich wollte ich sagen "Ich weiß, wie du dich fühlst, dir geht’s scheiße, ist ok, mach dein Ding.“ Als Entschuldigung war es auf keinen Fall gedacht, so ironisch wäre es vielleicht aber auch nicht schlecht gewesen.

rap.de: Wie wird es jetzt weiter gehen? Dein Album kommt im Oktober raus. Machst du alles komplett alleine oder bist du irgendwie vertriebstechnisch angebunden?

Bahar: Die Sache ist die, dass ich ein ziemlich gutes Team habe, die viele Sachen mit mir zusammen machen. Zum Beispiel die Dinge im Internet, die ganzen Fotos, Grafiken, Studio und so weiter. Die stellen das auf die Beine, von daher habe ich viel Hilfe von Leuten, die das unterstützen.

rap.de: Strebst du ein Signing an?  

Bahar: Das ist eine gute Frage. Eigentlich strebe ich jetzt kein Signing mehr an. Für mich lag das immer auf der Hand, dass die so jemanden haben wollen, der Tag und Nacht euphorisiert schreibt und macht. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass das 100 Milliarden andere auch machen. Das ist in Ordnung, denn ich habe meine Stimme und wenn ich das so machen möchte, wie ich will, dann muss ich im Gegenzug einfach darauf verzichten, dass jemand sehr viel Geld in mich investiert. Nach Bushido hätte ich das gerne gemacht, denn da war ich auch ein bisschen geschlaucht und fertig von der ganzen Geschichte. Damals hätte ich nichts dagegen gehabt, aber jetzt gucken wir selber, was wir machen können.  

rap.de: Was glaubst du, macht es für Frauen so schwierig, sich in dieser Männerdomäne Rap durchzusetzen? Insbesondere in Deutschland, denn in Amerika scheint es ja doch zu funktionieren.

Bahar: Da Plattenfirmen natürlich wirtschaftlich orientiert sind, wird wenig Geld investiert, um zu gucken, was noch alles erfolgreich sein könnte und wo die Grauzonen sind. Zurzeit gibt es eben zum einen die Schiene “Ich lutsch deine Schwanz und dann kannst du richtig abspritzen“ und zum anderen “Ich box dich tot“, wie Emily bei German Dream früher.  Wenn ich so was Gewalttätiges hören will, dann höre ich mir das doch lieber von Pillath und Snaga an, die das dann lustig verpacken. Ich glaube nicht, dass eine Frau nicht alle Facetten auslegen kann, die sie so hat, aber ich denke es hat auch damit etwas zu tun, dass Frauen so sind, wie sie sind. Entweder sind die Frauen sehr maskulin, was sie sich bei den Männern abgucken. Das fängt ja schon bei den Videos an, da werden oft die gleichen Bewegungen gemacht. Oder man ist die Nutte, die sich in allen Facetten zeigt. Frauen haben glaube ich, ihre eigene Identität noch nicht gefunden, im Genre Hip Hop. Dafür möchte ich mich maßgeblich engagieren. Nicht für die Frauen, aber für mich und da ich nun mal von diesem Geschlecht bin, möchte ich dem ganzen eine Identität geben, das ist meine Intention. Da es viel Unsicherheiten gibt, gucken sich viele Frauen alles bei den Männern ab und das ist meiner Meinung ein Teufelskreis.

rap.de: Findest du, dass es Frauen in den USA als Rapperinnen leichter haben, weil sie oft eine prägnantere, kräftigere Stimme haben? Im Sprechgesang geht es ja auch darum, eine starke stimmliche Präsenz zu haben, was bei  Frauen oft nicht der Fall ist,  weshalb viele ihre Stimme verstellen. Dabei muss man wiederum aufpassen, weil das sehr schnell peinlich und anstrengend sein kann.  

Bahar. Das war bei mir früher auch ein Thema. Ich habe zwar alleine angefangen, dann aber viel von Kobra gelernt. Er hat ja sehr laut und ausdrücklich gerappt und alles sehr stark betont. Natürlich eignet man sich viel an, aber darüber hinaus entwickelt man dann irgendwann seine eigene Art. Es ist auch ok, die Leute daran teilhaben zu lassen. Was Stimmen angeht finde ich, dass Kitty eine ganz gute Stimme hat. Ihre Stimme ist echt angenehm. Ich musste halt auch erst mal von diesem Brüllen wegkommen. Lustigerweise schreiben die Fans jetzt “Sie hat ja gar keinen Druck mehr in der Stimme, so wie früher.“ Die mögen halt das, was sie schon kennen, aber das ist ok, man muss sich entwickeln.  

rap.de: Hast du das “Bitchfresse“ Video von Kitty Kat gesehen? Sie stellt in diesem Video ja einen, zumindest auf Rap bezogen, neuen Frauentyp dar, der zwar auch zu seiner Weiblichkeit steht…

Bahar: Findest du, dass sie zu ihrer Weiblichkeit steht?

rap.de: Ich finde schon. Eigentlich ist sie so ein Mittelding zwischen Lady Bitch Ray und Cora E. Ich glaube, dass das eine ganz gute Art ist, Mädchen anzusprechen, die sich ein bisschen unsicher sind und eigentlich fraulich sein, aber auch bei den Jungs akzeptiert werden wollen.

Bahar: Das glaube ich nicht. (lacht) Ich glaube, wenn ich mir "Lutsch Mein Schwanz“ anhören wollen würde, würde ich mir das von Savas anhören. Ich weiß auch nicht, ob ich es cool finde, wenn eine Frau darüber rappt, dass sie den Männern das Geld wegnimmt und sie mit ihren Mädels abzieht oder so. Das finde ich auch bei Typen schon nicht cool. Lisa, ich würde es mir so sehr wünschen, dass gerade die Frau, die von sido so sehr supportet wird und in die gerade so viel reingesteckt wird, irgendetwas macht, womit sie die Fahne für uns hochhält, damit sich die Leute wieder auf Frauenrap einlassen können. Aber das ist es glaube ich nicht. Ich fühle das gar nicht und sehe es irgendwie auch gar nicht kommen.

rap.de: Die Aussage von "Bitchfresse“ ist ja eigentlich die, dass man als Frau genau so wertgeschätzt und ernst genommen werden will, wie als Mann. Und weil einem als Frau bei solchen Dingen gerade im Hip Hop Kontext vielleicht so ein bisschen das Vokabular fehlt, sagt man eben "Lutsch mein Schwanz“.

Bahar: Aber es ist doch die Frage, warum wir diese Musik überhaupt machen. Wir sind doch Rapperinnen und sagen von uns, dass wir es lyrisch total drauf haben. Und dann verstehe ich absolut nicht, wieso man dann sagt, dass man als Frau genau so ernst genommen werden möchte. Sag es doch einfach durch deine Texte! Zeig es doch einfach durch deine Art, damit umzugehen. Warum erwähnst du es extra noch mal, warum machst du es selbst noch mal zum Thema? Zeig doch einfach, was du kannst und rede nicht darüber, was du von anderen willst. Sie macht es natürlich schon mit einer Power dahinter, aber das ist dasselbe, was viele davor auch schon versucht haben. Es zeckt mich einfach nicht an.

rap.de: Das ist auf jeden Fall eine Frage, die man sich stellen muss: Wie will man als geschlechtsunabhängiger Künstler wahrgenommen werden, wenn man immer wieder Sachen sagt wie "Ich kann rappen – obwohl ich eine Frau bin“, "Ich bin cool – obwohl ich eine Frau bin“. Es besteht halt die Gefahr, dass man sich dadurch selbst in diese Rolle drängt.

Bahar: Man degradiert sich auf jeden Fall, denke ich. Das tut nichts zur Sache. Mach dein Ding, für wen auch immer, aber es interessiert wirklich keinen, ob du ein Mann oder eine Frau bist. Ich glaube zum Beispiel, dass mehr Mädchen meine Musik hören. Ich habe zum Beispiel vor zwei Jahren oder so für euch ein Exclusive mit dem Amelie-Soundtrack gemacht. Das hat bei Youtube mittlerweile zwei Millionen Klicks, es scheint den Leuten also etwas zu geben. Und in dem Moment ist es total egal, ob Curse oder ich das Lied machen. Alles andere ist so eine Message ohne Message. Wie, du würdest sagen "Lutsch mein Schwanz“, wenn du ein Mann wärst? Darum geht es doch: Du bist kein Mann! Es wird irgendwie kein Schuh draus. Aber im Endeffekt würde ich mich natürlich freuen, wenn sie damit jetzt den reißenden Erfolg hätte, weil es trotzdem Türen öffnet – auch wenn sie jetzt etwas ganz anderes macht, als ich oder andere.

rap.de: Was glaubst du, wie erfolgreich deine Musik werden kann?

Bahar: Das ist eine gute Frage Lisa. Ich glaube, dass sie mit etwas Zeit und viel Arbeit kommerziell sehr erfolgreich sein kann und das ist auch das, was ich nach wie vor anstrebe.

rap.de: Würdest du gerne mehr auf der Bühne stehen?

Bahar: Ja, sehr gerne, aber ich bin kein Fan davon auf die Bühne zu gehen und irgendwelche Songs zu haben. Ich mag es etwas in der Hand zu haben, was ich den Leuten anbieten kann und nicht irgendwas. Ich bin da vielleicht sehr anspruchsvoll gewesen, auch wenn ich da noch gar nicht so weit bin mit der Anzahl der Releases und so.

rap.de: Was  arbeitest du denn? Du lebst ja nicht von deiner Musik, du machst ja eigentlich was anderes.

Bahar. Ich bin Erzieherin. Ich habe die Ausbildung gemacht, habe dann direkt mit dem Hip Hop angefangen, immer mal wieder aufgehört, dann konnte ich eine Zeit lang immer mal wieder von der Musik leben und dann habe ich wieder angefangen. Zurzeit arbeite ich wieder, aber auch nur 30 Stunden, damit ich auch noch genug Zeit habe um Musik zu machen, kann davon leben und freue mich, dass ich das Andere auch noch hinkriege.

rap.de: Wann konntest du von deiner Musik leben, wenn du eigentlich gar keine CDs hast?

Bahar: Über dem Hip Hop hinaus schreibe ich auch Popsong, also mache Songwriter-Sachen und über einige Verkäufe, die man da so gemacht hat, kann man zeitweilig leben.

rap.de: Also hast du auch so bekanntere Sachen geschrieben?

Bahar: (lacht) Ja, aber nur Sachen über die man nicht sprechen darf. Aber ja, da wird schon das ein oder andere dabei gewesen sein.

 

rap.de: Stört dich diese “Jeder-muss-seine-Texte-allein-schreiben-Diskussion“ im Hip Hop?

Bahar: Ja, das stört mich sehr und geht mir auf die Eier. Warum? Wenn jemand total grandios performen und rappen kann, warum soll nicht jemand, der aber viel bessere Texte schreibt, dazu beitragen? Ich glaube, an Michael Jacksons Produktionen saßen 17 Menschen gleichzeitig und das war es auch wert, wie man im Nachhinein gemerkt hat. Aber warum irgendwelche Regeln befolgen, die irgendwelche Leute mal gemacht haben? Das ist vielleicht auch so ein Ding, warum Hip Hop zurzeit so krass stagniert. Du kannst nichts mehr machen. Du bist fest gefahren in den alten Gangstersachen, sonst bist du Backpacker…

rap.de: …die aber auch nicht mehr funktionieren. Das Straßenrapding funktioniert heute einfach nicht mehr. Ich glaube, dass es sich jetzt wirklich wieder mehr in diese Technikrichtung entwickelt, was natürlich auch gut ist, was mir als Musik jetzt aber nicht so viel gibt. Du kannst es dir anhören und du kannst es gut finden, aber im Endeffekt wird dir nichts weitergegeben vom Künstler.

Bahar: Genau, Skills um Skills zu zeigen, aber nicht um einen Message rüberzubringen.

rap.de: Oder es geht jetzt in Richtung dieser überzogenen und sehr lustigen Sachen, was dann aber so was Comedymäßiges teilweise hat. Ich glaube, das ist wirklich so ein bisschen der Trend und viele ärgern sich jetzt, dass sie so auf diesen Gangsterrapzug aufgesprungen sind.

Bahar. 2006 habe darüber mit Neffi unterhalten, der A&R von Universal, der Bushido und auch einige andere gemacht hat, und der hat mir schon damals gesagt: “Gangsterrap? Nein, Gangsterrap ist vorbei, das ist schon tot!“. Da sind aber noch mal voll viele auf den Zug drauf gesprungen, die Shok-Leute und Massiv zum Beispiel, auch im allerletzten verwinkelten Untergrund haben die Leute wieder darüber gerappt. Was halt viel schwieriger ist, als einen Flow zu entwickeln, oder Reime, oder einen guten Text, ist, einen Text zu machen, der für dich spricht, der was über dich sagt, aber trotzdem den Raum gibt, um da sein eigenes Ding reinzuinterpretieren. Das ist total auf der Strecke geblieben. deswegen finde ich, dass sido DER Rapper in Deutschland ist. Auch wenn ich mir die Musik nicht Tag und Nacht anhöre, finde ich trotzdem, dass er sehr gute Songs gemacht hat und er hat einfach auch was zu sagen und das wird auch immer mehr so werden. Und dieses Technikzeug, das habe ich mir angehört, um rappen zu lernen, danach aber auch nie wieder.

rap.de: Du hast von Texten gesprochen, die etwas über einen selbst aussagen. Ich glaube, dass viele eine Diskrepanz zwischen dem und aber auch der Tatsache, dass da auch jemand anderes den Text schreibt, sehen. Dass es im Hip Hop darum geht, auf sehr verständliche Art und Weise auszudrücken, was man selbst fühlt und was einen selbst bewegt und dass es halt ab dem Moment schwierig wird, wo jemand anderes sich hinsetzt und dir die Texte schreibt. Ich glaube nicht, dass das Problem ist, dass jemand anderes, der besser ist, die Texte schreibt, sondern das es nicht von dem ist und er damit nicht mehr real ist. Und real zu sein ist ja sehr wichtig.

Bahar: Ja, das ist es. Kobra war damals zum Beispiel so, dass der einfach ein kreatives Burn-Out hatte. Der wollte ans Mikrofon, rappen, aber der hatte nichts mehr in sich, was er hätte beschreiben können. Und dann ist die Frage, wenn wir jetzt hier so sitzen, wir sind Freunde und du bist ein emphatischer Mensch, der Einfühlungsvermögen hat, ob du nicht genau diese Sachen aufgreifen kannst und in eine Sprache verpacken kannst. Das heißt, wenn man Texte für jemanden schreibt, ist es ja auch die Frage: Habe ich jetzt einen Text fertig und gebe ihm den einfach, oder setzte ich mich damit auseinander, wer dieser Mensch ist? Das ist halt auch im Hip Hop so gar nicht möglich, oder kannst du dir vorstellen, wie Kollegah und Farid zusammensitzen und sagen: “Ey, ich hab ein bisschen Probleme, ich konnte die eine Muschi nicht knacken“ und dann sagt KollegahJa komm, ich schreib dir das mal auf“. Das kann man sich doch gar nicht vorstellen! (lacht)

rap.de: Aber ist doch auch eine schöne Vorstellung eigentlich. Wenn man sich so trifft und erzählt sich einfach gegenseitig von seinen Problemen und schaut dann mal, wie man das schön verpackt. (lacht)

Bahar: Aber die Leute zwängen sich ja selber in so ein Korsett. Deswegen fand ich es so genial, als sido auf seinem “Ich“ Album gesagt hat “Warum habe ich Schuppenflechte, sag mir, warum das juckt“. Das war einfach… Darüber spricht man nicht und auch nicht darüber, ob dein Penis zu klein ist oder ob du Potenzprobleme hast. Dabei kannst du doch cool sein und zu deinen Schwächen stehen. Das steht bei mir auf jeden Fall hoch im Kurs. Ist es vielleicht nicht viel authentischer, wenn dir jemand einen Text schreibt, der dich emotional verstehen kann, als wenn du schreibst und doch nur wieder die alte Scheiße schreibst?

rap.de: Man hat halt das Gefühl, dass diese Ghostwriting Sache in Deutschrap viel vorhanden ist, dass aber niemand drüber sprechen möchte. Ich meine, da sind ja sehr viele Leute mit drin und trotzdem hört man dann nur vereinzelt von solchen Sachen. Ich kann mir aber schon vorstellen, dass es schon weiter verbreitet ist. Dass Eko eben nicht nur für drei Leute geschrieben hat, oder wer auch immer.

Bahar: Das stimmt. Die haben wahrscheinlich für jeden geschrieben, den es so gibt. Gerade wenn man ein guter Rapper ist, so wie Eko, der ein ausgesprochen guter Rapper ist, dann kann man sich auch in einen anderen Flow hineinfühlen und eine andere Wortwahl benutzen, sodass das am Ende nicht mehr so auffällt, wie dass er zum Beispiel Bushidos Album geschrieben hat. Außerdem ist es peinlich für den, der es in Anspruch nimmt, glaube ich. Gerade bei den Männern ist das so, dass die dafür gerade stehen wollen, was sie machen. Ich glaube, es wäre gar nicht mehr peinlich, wenn man es verkaufen könnte. Wenn man es verkaufen kann, wenn man hinter der Sache steht, ist nicht mehr schlimm. Du kannst einfach sagen "Der und der hat mir die Texte geschrieben, und es ist okay.“ Ich habe mal das Gerücht gehört, dass Bushido in der Backspin, oder Bravo Hip Hop gesagt haben soll “Ja, natürlich schreibe ich nicht alle meine Texte selber, kann ich auch gar nicht, ich bin ein Popstar.“. Das ist genial, weil in dem Moment entwaffnest du die anderen, die sagen “Du schreibst deine Texte nicht selbst“. Man muss unterscheiden zwischen zwei Arten von Rappern. Die einen verkaufen ihre Musik, die anderen verkaufen sich selbst und Bushido hat sich selbst verkauft. Seine Persönlichkeit hat er verkauft, in Interviews, in Fernsehshows, in Zeitungen hat er seine Persönlichkeit verkauft.

rap.de: Was ist deine Wunschliste für Rapdeutschland? 

Bahar: Ich hätte gern, dass mehr Leute die ein bisschen was im Kopf haben, Musik machen und das die Tore offen sind. Dass Hip Hop und andere Musik, Soul und Funk, miteinander verschwimmt und es nicht so eine Inzestsuppe bleibt.

rap.de: Na dann hoffen wir doch mal das Beste. Vielen Dank für das Interview.

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