Amewu

Bislang ist Amewu, der sich früher "Halbgott" nannte, noch ein Geheimtipp. Wer sich gelegentlich auf einer der Freestyle-Veranstaltungen in Berlin herumtreibt, dürfte schon in den Genuss einer Demonstration seiner durchaus beeindruckenden Fähigkeiten als Live-Performer und präziser Techniker gekommen sein. Abgesehen von ein paar Gastparts auf den Alben seiner Edit-Kollegen sowie Beiträgen zu diversen Compilations konnte man seine Musik bisher allerdings nicht auf Tonträgern erwerben. Das ändert sich nun Ende Januar, wenn sein Debütalbum "Entwicklungshilfe“ erscheint, das tatsächlich mal Themen anspricht, die im deutschen Rap bisher kaum eine Rolle spielten. Oder wann gab es zuletzt einen Rapper, der sich mit der menschlichen Erkenntnisfähigkeit beschäftigt UND dabei auch noch Flow hat? Eben. Grund genug, dem eigenwilligen Rapper die eine oder andere Frage zu stellen – auf die als Antwort definitiv nicht die 183. Wiederholung hinlänglich bekannter Phrasen erfolgte.

rap.de: Man kennt dich von diversen Berliner Freestyle-Bühnen, zum Beispiel dem End of the Weak. Wie lange bist du denn schon am Start?

Amewu: Puh, ich bin echt schlecht mit Jahreszahlen. Aber ich glaube, ich habe vor ungefähr zehn Jahren angefangen. Mein Stiefvater hatte ein paar Rap-CDs, Standardsachen wie Pac, Wu-Tang und Ghostface. Dann haben wir ein bisschen auf Englisch geschrieben und auf Deutsch gefreestylet. Ich habe auch ein bisschen aufgelegt und war in einem DJ-Workshop von DJ Zettt. Irgendwann haben aber alle, mit denen ich bis dahin Musik gemacht habe, aufgehört, also habe ich viel für mich alleine geschrieben. Am Anfang war es alles Bullshit, dann habe ich aber gemerkt, krass, ich kann mir Sachen von der Seele schreiben.

rap.de: Was denn so zum Beispiel?

Amewu: Naja, ich hatte eine interessante Schulzeit, da sind lustige Sachen passiert. Die habe ich da alle verarbeitet. Ich habe schon in der zweiten Klasse angefangen, mit Lehrern zu diskutieren. Ich hatte eben von Anfang an ein Problem mit sinnloser Autorität. Ich konnte meine Klappe nicht halten, wenn mich etwas genervt hat. Zu manchen Fächern bin ich dann aus Prinzip nicht mehr hingegangen. Nicht nur, weil ich morgens keinen Bock hatte aufzustehen, sondern weil ich mit den Lehrern nicht klar kam.


 

rap.de: Aber bestimmt gab es auch Lehrer, denen deine diskussionsfreudige Art gefallen hat, oder?

Amewu: Es war fünfzig-fünfzig. Für den einen Lehrer ist eine Bereicherung, wenn man mitdenkt und kritische Fragen stellt, für den anderen halt Mehrarbeit. Der will nur sein Zeug durchziehen oder ist einfach frustriert und deswegen unfair. Ich habe etwas gesagt, wenn die Lehrer Schüler fertig gemacht haben, aber auch, wenn Schüler ohne Grund einen Lehrer fertig gemacht haben. Ich war nicht nur solidarisch mit den Schülern.

rap.de: Du warst also der gerechte Krieger?

Amewu: (grinst) So ungefähr. In einem Zeugnis stand. „Amewu hat ein sehr ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl“. Ich glaube, das war aber nicht als Kompliment gemeint, sondern eher als Warnung.

rap.de: Wie siehst du selbst das im Rückblick? War dein Verhalten richtig oder doch eher jugendlichem Übermut geschuldet?

Amewu: Ich wurde eben so erzogen, dass über alles diskutiert wird. Irgendwann wurde mir klar, okay, ich kann sagen, was mir nicht passt, muss mir aber dann auch anhören, was ich für ein Idiot bin. Meine Mutter hat damit ein Monster geschaffen, weil ich mich rhetorisch immer weiter entwickelt habe. Ich bin dann nicht mehr ausgerastet in Diskussionen, sondern konnte ganz ruhig dasitzen und jemand Stück für Stück auseinander nehmen. Irgendwann habe ich versucht, mir das ein bisschen abzugewöhnen oder anders damit umzugehen. Ich weiß, dass manche Menschen es verdienen, nicht nur, weil sie mir auf die Nerven gehen, sondern weil sie sich scheiße benehmen. Aber ich versuche inzwischen, relativ fair zu sein und manchmal einfach auch gar nichts zu sagen. Obwohl ich was sagen könnte.

rap.de: Okay. Wie kamst du dann vom alleine zuhause Texte schreiben zum Live-Ding?

Amewu: Den ersten Auftritt hatte ich bei den Projekttagen in der Schule, da habe ich am Ende vor allen auf dem Schulhof gerappt. Das war krass, Lampenfieber und überhaupt. Dann gab es immer wieder Auftritte, bei Straßenfesten, irgendwer kannte irgendwen, der eine Veranstaltung gemacht hat. Es war alles im kleinen Rahmen, ich war damals nicht in irgendeiner Szene drin. Ich bin bei den verrücktesten Festen aufgetreten, die gar nichts mit Rap zu tun hatten.

rap.de: Welche Funktion oder Bedeutung hatte Rap damals dann für dich?

Amewu: Von Anfang an wollte ich immer was erzählen. Das haben die Leute dann aber nicht hören wollen. Also fing es mit dem ganzen Skills-Ding an. Ich habe jeden Tag geübt, bin aufgestanden, habe geübt, ging zur Schule, kam zurück und hab weiter geübt. Da habe ich mir mein Basiswissen geschaffen, von dem ich heute noch zehre. Das war richtiges Training.

rap.de: Früher warst du unter dem Namen "Halbgott“ unterwegs. Warum hast du ihn mittlerweile in Amewu geändert?

Amewu: Ich trete seit etwa einem Jahr als Amewu auf, das ist mein richtiger Name. Ich hatte sehr viele Diskussionen mit Leuten, die sich für gläubig halten. Für Leute, mit denen ich mich sinnvoll über ihre Religion unterhalten konnte, war der Name aber nie ein Problem. Die sich daran stören sind oft die, die ihre Religion gar nicht richtig praktizieren, aber sobald irgendwas kommt, was irgendwie dagegen sein könnte, verteidigt man das kleine bisschen, das man noch hat, um sich zu beweisen, wie gläubig man doch ist. Es gab auch Leute, die mir auf die Fresse hauen wollten. Ich habe dann 20 Minuten mit denen geredet, dann waren die still. Einer sagte mir mal, es ginge nicht, das wäre gegen den Koran. Ich habe ihn dann gefragt, warum. Er konnte es mir aber nicht erklären, ich solle zum Imam gehen, der würde es mir erklären. „Wenn du es mir nicht erklären kannst, solltest du vielleicht mal in dich gehen und deine eigene Religion kennen lernen“ meinte ich.


rap.de: Wie war der Name denn eigentlich gemeint?

Amewu: Ich hatte den Namen plötzlich. Eine Zeitlang habe ich immer meinen Namen geändert. Irgendwann ist mir aufgefallen, ich heiße schon ein paar Monate Halbgott. Für mich war das ein wenig abgetrennt von meiner Persönlichkeit oder dem Ego, das ich habe. Es ist nicht so, dass ich als Rapper nur zu den anderen rede, sondern ich rede auch viel zu mir selbst. Manche meiner Texte sind ja schon menschenverachtend, also jetzt nicht in der Form von Gewalt, sondern dass ich explizit darüber rede, wie unfähig die Menschheit ist. Viele haben das so verstanden, dass ich mich als den Fähigen sehe und die anderen als die Unfähigen. Aber es sind eher Selbstgespräche. Amewu ist hingegen mein individuelles Schicksal hier, meine Person, meine Identität. Die hat ihre guten und ihre schlechten Eigenschaften. Halbgott ist eher die pure menschliche Erkenntnis. Ich meine, wenn mir mein eigener Track beim Einrappen selbst klarmachen kann, wie bescheuert ich eigentlich bin und wie zurückgeblieben ich mich manchmal verhalte, dann muss es für andere Leute, die in der Kunst der Verdrängung besser bewandert sind, schlimm sein. Ich kann mir vorstellen, dass es manchmal hart ist.

rap.de: Kommen wir mal zu deinen sehr speziellen Texten. Wie kommst du auf solche Themen überhaupt?

Amewu: Das sind die Themen, die am ehesten meinem Alltag entsprechen. Ich denke viel über so was nach. Ich denke sowieso viel nach, und wenn, dann fast nur über so was. Ich denke viel über meine persönliche Entwicklung nach. Ich beherrsche diesen Verdrängungsmechanismus nicht. Als es in der Schule mit Politischer Weltkunde anfing, wurde mir langsam klar, dass eigentlich alles am Arsch ist. Oder Erfahrungen mit Freunden oder Frauen, wo man sich irgendwann fragt, warum gebe ich mir das überhaupt noch? Und warum habe ich trotzdem noch das Bedürfnis, mich gegenüber den Leuten gut zu verhalten? Ich bin da immer sehr extrem in meinem Denken, deshalb habe ich mir gesagt, entweder ich gehe jetzt den kaputten Weg und mache, was ich will und jeden, der im Weg steht, räume ich beiseite oder ich versuche, unabhängig davon, wie abgefuckt Leute zu mir sind, den guten Weg zu gehen. Ich habe den kaputten Weg mal  zu Ende gedacht, aber das war für mich kein lebenswertes Leben, deshalb habe ich mich dann für den anderen entschieden.

rap.de: Aha. Ist das dann der "Krieger des Lichts“, wie der Name deiner MySpace-Seite lautet?

Amewu: Dieses "Krieger des Lichts“-Ding darf man nicht zu ernst nehmen. Das wäre eben die nette Seite von mir. Das ist ein Track wie "Universelle“, das ist zugänglich und haut dir mit der Aussage nicht in die Fresse. Da musst du nicht extrem über was nachdenken. Ich nehme das schon ernst, aber es ist eben nur ein Aspekt von mir. Bei Tracks wie "Hoffnung“ oder "Finsternis“ sage ich dagegen direkt, was wirklich Sache ist. Das sind für mich nicht Themen, die ich aufgreife, weil man halt über alles mal schreiben muss, den Storyteller, den Battletrack, den Song für die Freundin. Sondern so rede ich mit Leuten, so diskutiere ich, das ist mein Leben.

rap.de: Was hat dich in diese Richtung beeinflusst?

Amewu: Am meisten hat mich eine Phase beeinflusst, in der ich total clean war. Nicht gekifft habe, keinen Alkohol getrunken, viel Kampfsport gemacht, mich gut ernährt und viel meditiert. An dem Punkt habe ich die meiste Erkenntnis gesammelt. Einfach aus mir selbst heraus. Ich lese nicht so viel, ich denke lieber nach. Ich kann stundenlang zuhause sitzen und nachdenken. Klar ist es cool zu sehen, bestimmte Leute hatten schon den und den Gedanken oder sind im Diskurs auf das und das gekommen, aber selbst zu denken war mir immer wichtiger.

rap.de: Gleich im ersten Satz auf der Platte sagst du, du seiest ein „unverbesserlicher Studiohasser, aber dafür Live-MC“. War es also schwierig, das Album aufzunehmen?

Amewu: Schon. Mir macht das Einrappen nicht so viel Spaß. Wenn ich in der Gesangskabine stehe und rappe, habe ich nicht die gleiche Energie wie wenn ich vor anderen Leuten rappe. Auch wenn es nur fünf Leute um mich herum sind. Ich finde es schon cool, dass man dann einen Track hat, den man anhören kann. Aber an sich gibt es mir nicht so viel, Tracks aufzunehmen.

rap.de: Warum machst du es dann?

Amewu: Anscheinend brauchen die Leute so was. Quasi als Werbung dafür, dass ich auftrete. Man wird ja bei Auftritten auch immer gefragt, ob man eine CD hat. Für die Leute, die es sich auch mal zuhause anhören wollen. Und für mich ist es natürlich auch cool, mal was in der Hand zu haben, wo ich sagen kann, das habe ich gemacht. Aber hauptsächlich ist es für die Leute und um an mehr Bookings zu kommen. Es ist auch etwas völlig anderes, wenn die Leute bei den Konzerten die Texte mitrappen können.

rap.de: Welche Rolle spielt Geld für dich?

Amewu: Ich habe meine Geldentwicklung in den letzten zehn Jahren sehr zurückgestellt. Fand ich immer eklig, wollte ich nichts damit zu tun haben. Das ist natürlich dekadent und totaler Luxus, so denken zu können. Ich habe aber auch schon verschiedene Jobs gehabt und gemerkt, dass das nicht mein Ding ist. Die ganze Zeit in einem Café zu arbeiten – da frage ich mich, was ich da eigentlich tue. Ich habe nicht vor unfassbar reich zu werden, aber es wäre schon cool, wenn ich mir irgendwann eine Wohnung kaufen und normal leben könnte. Das will ich mit Musik schaffen, ob mit Rap oder ob ich noch andere Instrumente lerne oder Rapworkshops gebe, ist mir gleich. Ich will mit Musik meinen Lebensunterhalt bestreiten.

rap.de: Du hast auf dem Album vier Songs, die sich mit Rap oder anderen Rappern beziehungsweise deren Versagen befassen. Warum?

Amewu: Das ist mir einfach wichtig, weil ich nicht jemand bin, der zuhause sitzt, seinen Text schreibt und mit der HipHop-Szene nichts zu tun haben will. Ich bin auf Freestyle-Sessions, auch bei welchen, wo voll die prolligen Leute rumhängen und rappe auch da, was ich immer rappe. Ich werde oft gefragt, warum ich mich überhaupt mit der HipHop-Szene abgebe, aber mir hat die diese Szene lange Zeit eben sehr viel gegeben. Ich könnte auch nur bei Spoken Word-Veranstaltungen auftreten, aber ich will mich auf keinen Fall abschotten. Wenn "Rap City Berlin“-Party ist, gehe ich da hin. Oder zu "Feuer über Deutschland“, auch wenn ich da grandios verkackt habe. Ich würde übrigens nicht mal sagen, dass ich verloren habe, weil unsere Gegner nicht besonders gut vorbereitet waren. Ich hatte halt keinen Bock was zu schreiben, wollte dann aber auch nicht alte Texte rappen, habe also kurz vorher ein paar Parts zu schreiben versucht, wusste dann aber oft nicht mehr weiter. Es war mir aber wichtig, da hinzugehen. Obwohl es voll seltsam war, alles so inszeniert und scheiße, dass man nicht mal mehr die guten Punchlines feiern konnte. Trotzdem ist es mir wichtig, da aufzutauchen, die Leute müssen sich ja auch weiter entwickeln. Was bringt es, sich von allem abzuschotten? Studiorapper, die die ganze Zeit Battletracks machen, halte ich für einen Witz. Die tauchen nirgendwo auf, wo man sie battlen könnte. Dialog ist aber wichtig. Ich will nicht abgehoben irgendwo herum schweben.

rap.de: Was hältst du eigentlich davon, dass Kollegah sich zum „besten Doubletimer der Welt“ ausgerufen hat?

Amewu: Das ist Größenwahnsinn, ich kenne mindestens zehn bessere. Allein TechN9ne oder Twista. Ich selbst droppe ja auch nicht, ich rappe meine Parts komplett durch. Für mich ist das eine reine Image-Aussage. So was entscheidet sich halt live, ich habe ihn live allerdings noch nicht gesehen. Ich würde mich selbst auch nicht als den krassesten Doubletimer bezeichnen. Aber für mich ist ohnehin Eligh ein krasserer Doubletimer als Twista, weil er es schafft, auch noch etwas Sinnvolles dabei zu erzählen. Davor habe ich mehr Respekt.

rap.de: Worum geht es dir denn konkret bei Rap?

Amewu: Darum, dass ich das, was ich mache, gut mache, in seinem gesamten Kontext gut. Ich mache Rap, ich könnte aber auch ein Restaurant aufmachen, gut kochen, mit guten Zutaten, und das zu einem guten Preis anbieten. Das verstehe ich unter gut. Und dann, also wenn ich ein krasses Problem mit Rumposen hätte, wäre ich kein Rapper. Und wenn ich nicht gerne Musik machen würde, wäre ich auch kein Rapper. Aber das wichtigste für mich ist, das was ich habe sinnvoll umsetzen. Deswegen mache ich manchmal auch krasse Aussagen darüber, was ich von anderem Rap halte. Bei Rap wird eben viel geredet, Gedanken spielen eine sehr essentielle Rolle und in diese Gedanken soll man auch Liebe reinstecken.

rap.de: Du kommst manchmal wie ein Esoteriker rüber. Stört dich das oder ist das in Ordnung?

Amewu: Wenn ich bei dem Album alles, was ich denke, sagen würde, wäre ich bei vielen Leuten auf jeden Fall unten durch. Es ist aber nicht so, dass Leute, die diesen Eso-Film fahren, für mich die besseren Menschen sind. Das sagt nichts darüber aus, was wirklich in ihren Köpfen vorgeht, was für ein Leben sie führen. Jemand, der sich überhaupt nicht für so was interessiert, kann ein viel coolerer Mensch sein. Es ist auf jeden Fall nicht das, was mich komplett ausmacht oder der Film, auf dem ich absolut bin. Aber wenn ich mich damit nicht beschäftigen würde, wäre ich unglücklich. Wenn ich in einer anderen Zeit leben würde, wäre ich vielleicht ein Wanderprediger. Auf einer bestimmten Ebene ist es mir auch völlig egal, wo HipHop herkommt und was er alles gemacht hat. Mich interessiert nur, was ich damit machen kann. Stimmt natürlich nur bedingt. Aber ich bin eben ein Mensch, der bestimmte Dinge sagen will und habe eben Rap gelernt, also sage ich sie dadurch.

rap.de: Welche Hoffnungen knüpfst du an dein Album? Und ab wann wäre es für dich ein Misserfolg?

Amewu: Ein Misserfolg wäre für mich gar nicht möglich. Es sei denn, ich fände mein eigenes Album scheiße, aber das ist nicht der Fall. Für Erfolg gibt es viele Möglichkeiten. Das Coolste wäre, wenn ich dadurch das machen kann, was ich will, also auftreten. Und es wäre cool, wenn es dazu beitragen würde, dass sich das ganze Rapgame verändert.

 

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