Feuer über Deutschland

Wenn in Hagen das Feuer über Deutschland entfacht wird und das verbale Rappergemetzel beginnt, ist jeder deutsche Rapper mit Rang und Namen dabei. rap.de gelang es, den Leipziger Battlekönig Morlockk Dilemma als Redakteur zu verpflichten. Lest seinen Reisebericht und werft einen Blick hinter die Kulissen…

Die Geschichte wie wir zum „Feuer über Deutschland2“ gekommen sind ist ziemlich witzig 
Naja, nicht wirklich witzig, aber sie ist wenigstens kurz.
Obwohl…egal jetzt hab ich ja schon angefangen, sie zu erzählen.
Die erste Staffel habe ich tatsächlich an dem Tag das erste Mal gesehen, als bekannt wurde, dass wir ein Team für den zweiten Teil stellen sollen. Wie allgemein bekannt ist, sind wir Ostdeutschen den ganzen Tag damit beschäftigt, für Bananen Schlange zu stehen und im Wald Rehe zu reißen. Da bleibt nicht viel Zeit übrig, um in Sachen Deutsch-Rap auf dem Laufenden zu sein.
Nun gut. Ich war natürlich begeistert. Die erste DVD war sehr unterhaltsam, und der Neue Westen brillierte außerordentlich. Auf dieses Team sollten wir nämlich losgelassen werden.
Flott löste ich DesertD und Cholerika vom Schreibblock, schon waren wir komplett: Team SnuffPro.
Wochenlang malträtierte ich beide mit antikapitalistischer Hetzlektüre und sinnlosen Gewaltmärschen durch die Idylle der Wohnkombinate, und machte sie so ready für einen fairen Wettkampf.

Da unser Anfahrtsweg zu den wohl längsten der Teilnehmer zählte, mussten wir bereits am Samstag Mittag in Richtung Hagen starten. Die Fahrt verlief ohne Zwischenfälle. Die 2 Anhalterinnen, die wir mitnahmen, verwöhnten uns mit mundgerecht geschnittenen Apfelstückchen. Dafür mussten wir ihnen versprechen, sie nicht zu schänden und im Wald zu verscharren. Wir gingen auf den Deal ein. So rauschten wir in Windeseile in den Goldenen Westen, hoch motiviert, voller Neugier und zu den süßen Klängen einer Thunderdome 3.
Im Pott angekommen, wurde der 2 Tages-Plan skizziert, der vorsah, sich nicht zu besaufen und damit die Unternehmung „FÜD2“ in Gefahr zu bringen. Circa eine Stunde später tauschten wir den leeren Kasten gegen einen neuen.

Am Abend des Samstag wurde im alten Gloria-Kino das 1on1-Dingsbums veranstaltet. Wir sind aber nicht reingegangen, weil wir Freestyle-Veranstaltungen nichts abgewinnen können. Außerdem war es draußen viel lustiger. Wir hatten unseren Spaß mit dem HipHop-Volk und gaben uns als Mitarbeiter einer Internet-Rap-Sendung aus (demnächst bei Youtube). Später, zurück in der Jugendherberge, machten wir uns auf Entdeckungstour. Zu unserer Überraschung waren unsere Zimmernachbarn ein paar Homie von Sektenmusik. Wir luden sie zu einem gepflegten Saufgelage ein, aber die Herren kiffen ja nur. Der Höhepunkt der Nacht war unbestritten unser Einbruch in die Küche, wo wir uns Chilli Con Carne gönnten.

Mein Sonntag begann damit, dass mir ein halbnackter Jot (von RuhrpottConference) den Frühstücks-Appetit verdirbt und sich meine Zunge anfühlt, als hätte ich einen Bühnenvorhang im Mund. Wir hatten ungefähr 3 Stunden geschlafen und unser Restalkohol hätte ausgereicht, um ein Großstadtkrankenhaus zu desinfizieren. Um 12 Uhr Mittag war Treffpunkt vor dem Gloria-Kino. Wir waren pünktlich, doch es waren schon ein Haufen Baggies da. Dann sollte die Strapazen aber erst so richtig beginnen: es wurde gewartet. Stundenlang. Die Sonne meinte es gut an diesem Tag. Zu gut. Man smalltalkte mit Bekannten, traf alte Freunde (yo Ras), und hoffte irgendwas mitzubekommen, wann es denn nun reingeht ins Gloria. Dann wurden die Teaminterviews gemacht. Wir waren wohl so gegen 18 Uhr an der Reihe. Hier trafen wir auch das erste Mal auf unsere Kontrahenten, Team Der Neue Westen. Mein erster Eindruck war, dass sie ziemlich angespannt waren. Sie hatten ja auch nach dem Tontaubenschießen vom Vorjahr etwas zu verlieren. Für mich waren sie auf dem ersten Teil das beste Team gewesen. Und auch dieses Jahr wurde das Battle mit Vorfreude erwartet. (Insgeheim war unsere größte Befürchtung gewesen, dass Jesen binnen eines Jahres 60 Kilo verloren hätte. Unser Kartenhaus wäre in sich zusammen gefallen. Glücklicherweise erschien er in alter Form.)

Snaga begrüßte uns auf dem Dach des Kinos, man stellte sich vor, redete zusammenhanglose Phrasen und durfte dann in den Innenbereich des Gloria.
Feuer über Deutschland“ ging in die zweite Runde.

Eins vorweg: Ich krieg die Namen aller Beteiligten nicht mehr 100%ig zusammen. Viele sahen sich auch einfach zu ähnlich und rappten gleichbeschissen. Daher nur ein paar Erinnerungsfetzen von mir.

Gleich am Anfang battlete so ein Jiggy-typ gegen einen der Sektenmusik Homies. Anscheinend müssen die Berliner am Vorabend wirklich noch was zu rauchen bekommen haben, denn der Homie von Sektenmusik fing plötzlich an zu freestylen. Und das richtig Scheiße. Der wollte auch gar nicht mehr aufhören. Das waren fast 100 Bars. Alle schauten sich an, das Gelächter wurde lauter. Hoffentlich bleibt diese Szene trotzdem auf der DVD, auf Grund ihrer enormen, wenn auch unfreiwilligen, Komik. Ein weiterer Höhepunkt war der Battle zwischen den Mädels. Die eine hat überhaupt keinen Spass verstanden und wollte bei jeder Nutten-line, der anderen gleich die Schminkmurmel abschlagen. Es wurde, glaub ich, 2 Mal unterbrochen. Doch bei jedem neuen Versuch dasselbe Szenario. In Sachen Emotionen konnten wir Kerle uns da noch eine Scheibe abschneiden.

In der Zwischenzeit versuchte ich auf unsere Gegner etwas Psychostress auszuüben. So nach dem Motto: „Warum sind deine Hände so nass..“, „Ist das da Angst in deinen Augen?“ usw. -mit mäßigem Erfolg. Jesen und Co sind halt Profis.
Immer wieder ging man in Gedanken die Texte durch, denn niemand wollte sich bei der Aufzeichnung einen „Shiml“ erlauben.

Irgendwann war es dann soweit. Man positionierte sich und schoss sich abwechselnd Beleidigungen um die Ohren. Ossiwitze versus Dickenwitze. Das Resultat kann man sich auf der DVD ansehen. Es ist auf jeden Fall sehr unterhaltsam geworden auch wenn einige Sachen recht plump waren (auf beiden Seiten). So wurde in Jesens Hintern bei Fußbädern relaxed, während auf der anderen Seite Trabbi gefahren wurde. Der Höhepunkt war, als Jesen dem farbigen Cholerika aus meinem Team eine Banane überreichte. Welch ethnischer Fauxpas! Ein Selbstmordattentat durch Brothers Keepers konnte nur durch Beschwichtigungen verhindert werden. Einige Ostlerwitze waren vorhersehbar, aber so ist eben das Spiel mit den Klischees. Das Publikum entschied sich jedoch für die Ossiwitze. Vielleicht waren wir zu schnell, oder zu leise. Vielleicht fehlte den Zuhörern auch einfach nur der intellektuelle Zugang zu unserer Arbeit

Adi hat mir gerade geschrieben, dass er schon Vorabszenen gesehen hat, und das man keinen eindeutigen Sieger feststellen kann. So hab ich das vor Ort auch gesehen. Nach dem Battle waren die Gemüter schlagartig abgekühlt und es gab Hand-Shakes. Profis halt.

Der 2.Teil von „Feuer über Deutschland“ war eine Riesenveranstaltung. Sehr viele Battles mit wechselndem Niveau. Viele Lines, aber auch viele Sachen, die man irgendwo schon mal gehört hat. Es ging sogar das Gerücht herum, dass von einschlägigen Witze-Seiten einfach Zeug übernommen wurde. Ich will auch nicht wissen, wie oft ich an diesem Tag das Wort „Schwanz“ gehört habe. Irgendwie wurde überall hineingefickt.

Wenn Typen anderen Typen was von ihrem Schwanz erzählen, hat das für mich irgendwann etwas von Christopher Street Day. Ich war irritiert. Viele Parts erinnerten auch mehr an Gedichteaufsagen als an Rap. Da hörten manche Zeilen überhaupt nicht mehr auf. Das erklärt vielleicht auch, warum manche Rapper bei Accapellas glänzen, aber nichts auf nem Beat hinbekommen. Egal.

Positiv fand ich den Zusammenhalt der Pott-Artists. Jedes Mal wenn ein Junge von denen in ein Battle ging, stellten sich sämtliche Akteure hinter ihn. Da kam es schon mal vor, dass ein Rapper vorm halben Schalkeblock stand. Mike Fiction aus Berlin ist das zum Beispiel passiert. Der rappte gegen Pedders und die 40 Räuber. War schon ein krasses Bild, aber Mike ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Der drehte den Spiess um und haute mächtig auf die Kacke, aber mehr will ich nicht verraten

Feuer über Deutschland2“ hat echt Spaß gemacht, wenn man dieses Gewarte ausklammert. Ein paar Stühle wären nicht schlecht gewesen, ich fühlte mich nach der Veranstaltung 2 cm kleiner. Abschließend möchte ich noch sagen, dass es uns, wie immer, sehr im Pott gefallen hat. Die Leute dort waren sehr nett und es herrschte eine Community, die mich sehr überraschte. Danke an die Veranstalter und wir kommen gern wieder. Ich werde bestimmt in den Kommentaren auf viele “wichtige“Battles hingewiesen, die ich nicht erwähnt habe. Stimmt auch, aber ich bin auch zwischendurch mal was trinken gegangen und hab vielleicht auch eine „Monsterline“ verpasst, während ich schiffen war. Deshalb holt euch die DVD, das lohnt sich auf jeden Fall, ganz sicher. Ich freu mich schon auf das nächste Mal und hoffe, dass die Gewalt zwischen Rappern niemals versiegen möge.
Reingehauen und viel Spaß,
Euer Morlockk Dilemma

(Nachwort: Leider hatte der Autor falsche informationen bezüglich der Sektenmusikleute. Fakt ist, dass der "Freestyler" nicht von Grüne Medizin stammt. Wir möchten dies berücksichtigen und den Fehler entschuldigen.)

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