Puppetmastaz

Das Marionettenhafte in der Musikindustrie ist wahrlich keine Neuentdeckung, auch wenn hier immer wieder neue Standards gesetzt werden. Sei es durch Fernsehsendungen, die zur öffentlichen Selbsterniedrigung der Untalentierten einladen oder vermeintlich "glaubwürdige" Musiker, denen jede Form von außermusikalischer Schlammschlacht recht ist, um die eigenen Verkaufszahlen in die Höhe zu treiben. Höchste Zeit also, dass mal Fachleute zu Wort kommen und uns erklären, wie das so als "echte" Puppe zwischen all den humanoiden Laiendarstellern mit unsichtbaren Fäden dran ist. Die Abordnung der Puppetmastaz, Mr. Maloke, Pit und Croucholina, haben sich lange genug zwischen den Menschen getummelt, um uns im Gespräch anlässlich der Veröffentlichung ihres ersten Longplayers Einblicke in Kung-Fu, den Mittelpunkt der Erde, Polen und die Rolle der "Creature" im Rap-Biz zu geben. Netterweise bleiben dabei ihre "Schatten", wie sie die marionettenspielenden Menschen nennen, da, wo sie hingehören, nämlich im Hintergrund. Und was bleibt, ist das unzensierte Wort der Creatures.
rap.de: Ihr seid also die Verkörperung des Begriffs "Pet Sound", die kleinen Tiere, die den Menschen den Sound bringen?
Mr. Maloke: Ja, klar, wir sind gekommen, um den Planeten ins Schwingen zu bringen und eine Atmosphäre zu erzeugen, die die Menschen aus ihrem gewohnten Trott raus- und zu ihren Roots zurückbringt.
rap.de: Müssen wir also von Außerirdischen gerettet werden?
Croucholina: Sie sind schon da, in den Köpfen der Menschen.
Mr. Maloke: Ja, sie sind schon da, denn die Menschen stellen immer das Eine und das Andere in Frage. Seitenwechsel
rap.de: Bringt ihr also das Außerirdische in die Musik wie Sun Ra?
Pit: Es geht hier nicht um Aliens.
Mr. Maloke: Weißt du, wir bringen die Creature zurück zu den Aliens. Die Creature kommt nicht aus dem Weltall, sondern lebt im Sumpf, unter der Erde, zwischen deinen Haaren…
Croucholina:… oder in deinen Turnschuhen.
Mr. Maloke: Die Creature ist etwas, was in dir ist, und wir bringen sie zum Vorschein.
Pit: Es ist ein bisschen, als würde man den Toten Leben einhauchen.
Croucholina: Ja, als würde man Elvis wiederbeleben.
Mr. Maloke: Yeah, wir haben Elvis Presley, wir haben Elvis Costello. Sie sind beide in unserer Crew, und sie warten nur darauf, dass ihr ihnen zuhört. Also was die ganze Alien-Geschichte angeht: Manche Menschen fühlen sich entfremdet, weil sie immer das Eine mit dem Anderen vergleichen. Aber wenn du dich an das Eine hältst, wirst du immer da sein, wo du hingehörst.
rap.de: Also geht es eher um Unity?
Mr. Maloke: Es geht darum, es roh und ungeschliffen auf Street Level zu halten.
Croucholina: Yeah, keep it real and stick to the one.
rap.de: Stehen Creatures deshalb auf HipHop?
Mr. Maloke: Wir machen eigentlich nur HipHop, weil wir nicht die richtigen Instrumente für Country-Music haben. Wir wollten einen Kontrabass und so haben.
rap.de: Wenn man euch ein Banjo gäbe, würdet ihr dann wie Johnny Cash spielen?
Mr. Maloke: Ja, könnte sein.

rap.de: Was war zuerst da, die Creature oder die Musik?
Mr. Maloke: Zuerst war da die Creature. Wir fluchten und schimpften auf der Straße, bis so etwas wie ein Rhythmus dabei rauskam, eine Art Beatbox. Und als wir aufhörten zu reden, prasselte der Regen aufs Dach und machte diesen Krach, der auf einmal wie HipHop klang, bis dann schließlich die Prosetti Brüder vorbeikamen und sagten, dass sie uns produzieren würden.
Pit: Freestyle kommt auch von den Straßen Rumäniens. Für einen Penny freestylen kleine Zigeunerkinder auf der Straße. Eigentlich geht es bloß darum, der Sache einen Namen zu geben. Mr Maloke zum Beispiel kommt aus Crooklyn, New York, und vor etwa 140 Jahren hat er schon den HipHop erfunden. Da wusste er schon, dass HipHop existiert.
Mr. Maloke: HipHop war sogar schon da, lange bevor ich Kung-Fu erfand.
Croucholina: Weil Musik die Nahrung der Liebe ist, muss man einfach immer weiter machen.
rap.de: Wie bringt ihr denn auf eurer Platte rüber, dass Creatures am Werk sind und nicht etwa Menschen, die vorgeben, Puppen zu sein.
Mr. Maloke: Unsere Haltung ist wie der Geruch, der von einem Stück du-weißt-schon ausgeht. Es ist dieser neue Gestank, den wir über die Welt bringen und der ehrlich ist. Nicht wie diese Politiker, wie Bush oder Westerwelle, die tun, als wären sie Marionetten der Medien, und in Wirklichkeit sind sie Menschen. Das ist nicht fair.
rap.de: Wie können Menschen denn den Creature Funk verstehen, haben sie selber so was wie Funk oder Groove?
Mr.Maloke: Wir stellen die animalische Seite des Menschen dar. Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Das ist typisch für die Menschen, sie haben zwei Seiten, das ist das ganze Drama ihres Lebens. Dr. Jekyll, der immer kontrolliert ist, und Dr. Hyde, der ständig den kranken Scheiß startet. Wir lassen den Doktor direkt weg, wir sind der ill shit.
rap.de: Ihr bringt also das Tier im Menschen zum Vorschein?
Croucholina: Jeder Mensch hat den Creature Funk in sich. Du musst dich an das Eine halten und es in deinem Goldenen Zentrum finden.
Mr.Maloke: Wer suchet, der findet.
Pit: Und wenn du es nicht findest, dann schau in unsere Augen. Da wirst du es finden. Seitenwechsel
rap.de: Könnt ihr also zwischen euren verschiedenen Identitäten hin und her wechseln?
Pit: Einmal wachte Mr. Maloke auf und war Dracula.
Croucholina: Oder Frankenstein. Kennst du Frank Stone?
Mr.Maloke: Manchmal liege ich in meiner Metallkiste rum und frage mich, wann dieser Schatten endlich auftaucht, um mich loszulassen. Doch wenn sie ihren Arsch hochkriegen, sind wir bereit loszulegen.
Pit: Manchmal treiben wir uns auch im Mittelalter rum, da sind unsere Wurzeln. Wir stehen ziemlich auf Schwerter, Mann-gegen-Mann-Gefechte. Leute wie Bush sollten ihre Truppen minimieren und Duelle austragen. Präsident gegen Präsident. Saddam vs. Gerorge W.
Mr. Maloke: Ja, eine große Arena drum herum, reichlich Popcorn und jede Menge Geld verdienen.
Croucholina: Und dann können wir wetten, wer gewinnt.
rap.de: Was haltet ihr von anderen Puppen wie den Muppets?
Croucholina: Miss Piggy ist gefickt. Ich muss sie immer und immer wieder dissen. Sie ist immer voll auf Alkohol und Drogen. Ich glaub, sie kriegt ihre Drogen von Kermit oder irgendwelchen Medien-Typen-Dealern, die um sie rumlungern. Ich meine: Der älteste Erfolg ist der von gestern, wie Freddy Quinn mal gesagt hat.
Mr. Maloke: Ich glaube, bei den Muppets lief eine zwiespältige Geschichte ab. Die Puppen wurden in New York gemacht, aber die Show wurde in London aufgezeichnet. Ich glaube nicht, dass das gut für die Puppen war. Die Schatten der Puppen sollten immer mit den Puppen abhängen, damit sie präsent sein können.
Pit: Wenn die Muppets auf einer Pepsidose durch die Gegend fliegen, dann ist das traurig. Es gibt einige gute und witzige Puppen, doch es ist, als gehörten die Puppen jemandem, als würde sie jemand kontrollieren. Sie benehmen sich nicht wie Puppen. Doch wir Puppen von den Puppetmastaz sind unsere eigenen Herren und Meister.
Pit: Wir glauben nicht an Gott, wir glauben an die Goldene Mitte.
rap.de: Und was ist die Goldene Mitte?
Pit: Es ist ein warmer, leuchtender Ort.
Croucholina: Es ist wie eine einzelne Schüssel Reis.
Mr. Maloke: Es ist der Mittelpunkt der Erde.
Croucholina: Manchmal machen wir ein Picknick da.

rap. de: Gibt’s da Radio, und was spielen sie?
Mr. Maloke: Sie spielen eine Menge indischer Musik.
Pit: Aber auch alles Mögliche, wie Barock.
Mr. Maloke: Es ist irgendwo zwischen Indien und Kreuzberg. Und sie haben sogar blauen Himmel. Aber es führt auch ein anderer Weg direkt in die Hölle. Ich ging dahin, hatte ne Menge Spaß, kam zurück und ging direkt ins Aufnahmestudio. Und da hab ich mir die Lunge rausgeschrieen. Seitenwechsel
rap.de: Ihr wart im Goldenen Zentrum und in der Hölle. Wie ist es denn, danach in Berlin in einem Club aufzutreten?
Pit: Wie Helloween.
Mr. Maloke: Berlin ist immer noch ein Ort, der die Mädels zum Tanzen bringt. Und wenn die Mädels tanzen, dann bin ich fasziniert vom Glanz der Nylonstrümpfe. Wenn du den Lesern irgendetwas sagen willst, dann, dass sie Nylonstrümpfe tragen sollen.
Croucholina: Ja, auch die Jungs.
Mr. Maloke: Wenn du so klein bist wie wir, siehst du immer nur die Beine und die sollten dann bitte glänzend und hypnotisierend sein.
Pit: Sie könnten auch mehr rumhüpfen. Die Leute sind meiner Meinung nach überinformiert durch die Kultur, sie sind überfüttert. Jeder kennt schon alles, hat alle möglichen Fotos und Filme gesehen und so weiter. Deshalb bewegen sie sich nicht, wenn sie ausgehen. Weil sie den Topact jeden Abend sehen können. Schau dir da lieber mal die Leute auf dem Dorf an.
Mr. Maloke: Ja, wir waren in Polen. Ich glaube, dass nicht viele Menschen in Polen Fernsehen oder tolles Entertainment haben. Aber die Leute sind abgegangen wie nirgendwo sonst auf der Welt. Poland is the shit! Es gibt einen polnischen Schriftsteller, der sagt: Wir sind das Alltägliche, Gewöhnliche, das einen Einbruch macht in das hermetische Abstrakte.
rap.de: Glaubt ihr, dass die Menschen über euch lachen oder dass sie euch auslachen?
Croucholina: Sie lachen mit uns.
Pit: Hoffentlich.
Mr. Maloke: Ich mache eine Aussage und die Leute lachen? Hallo? Warum lacht ihr. Ich mag das nicht, schließlich bin ich der Typ, der Kung Fu erfunden hat. Dafür will ich Respekt.

rap.de: Einerseits seid ihr politisch engagiert als Wesen, aber auf der anderen Seite seid ihr lustig. Wie funktioniert das?
Pit: Das fehlt doch in der Politik.
Mr. Maloke: Guck dir doch die Tagesschau an. Ich kann mir das nicht mehr ansehen. Die Art und Weise, wie sie sprechen, macht mich krank.
rap.de: Könntet ihr euch vorstellen, die Tagesschau zu moderieren, als Creature-Variante von Ulrich Wickert?
Mr. Maloke: Ja. Wenn sie mir einen Beat und Informationen geben und mich freestylen lassen über das, was geschieht, sicher. Ich glaube, eine Menge Leute würden das mögen, das ist wirklich direkt. Doch ich fürchte die Reporter in ihren lächerlichen Trenchcoats wollen Objektivität.
Croucholina: Ich vermisse den Hofnarr. Das war der beste Job überhaupt, denn der Hofnarr stirbt nie, außer wenn er schlechte Witze macht. Seitenwechsel
rap.de: Ihr seid also eine moderne Variante der Hofnarren?
Mr. Maloke: Es ist unsere Position in der Gesellschaft. Und für dich ist es doch dasselbe. Die ganzen Medien-Typen sind doch nur Hofnarren in diesem Spiel.
Croucholina: Der Hofnarr ist der Einzige, der Witze über den König machen darf. Und der König hört gerne Witze über sich selbst, da er dann über sich lachen kann.
Mr. Maloke: In Amerika macht niemand außer vielleicht Eminem und Xzibit Witze über Bush, oder? Ich höre zumindest kaum was. Es ist eine kritische Zeit. Und wenn der Narr seinen Mund hält, geschieht vielleicht etwas Schlimmes und Krankes.
rap.de: Der Narr ist also eine Figur, die Entertainer und politische Person zugleich sein kann?
Mr. Maloke: Ja. Und feiern. Das ist das, was wir gelernt haben.
rap.de: Könnt ihr nicht eure eigene Partei gründen?
Mr.Maloke: Wir haben es mehrmals versucht, aber sie wollten uns nicht. Im Reichstag haben sie gesagt: Haut ab und geht in den Zoo, oder so was!
rap.de: Was macht ihr als nächstes, wenn ihr das Album draußen habt?
Mr. Maloke: Wir werden einen eigenen Fernsehkanal eröffnen und diese Hologramm-Dinger überall in Deutschland aufstellen.
Croucholina: Und es wird gratis Turnschuhe für alle geben.
Mr. Maloke: Yeah, das waren die Puppetmastaz. Vielen Dank.

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