Roots Manuva

Gut drei Jahre ist es her, dass wir Roots Manuva das letzte Mal interviewten. Seither hat sich viel getan im Leben des Mannes, der in Stockwell, Süd London geboren wurde. Das einschneidendste Erlebnis dürfte die Geburt seines Sohnes gewesen sein, die natürlich zwangsläufig auch Änderungen im Alltag nach sich zog. Als Künstler hatte ihn das lange Touren und die nachhaltig betriebene Promotion für „Run Come Save Me“ (Big Dada, 2001) so ausgelaugt, dass erst mal eine längere Pause vom Studio nötig wurde. Wie er selbst sagt, kostete es ihn anschließend eine ganze Weile, um beim Aufnehmen wieder Flow zu erleben. Trotzdem haben sich die Mühen und Qualen gelohnt: Gegen Ende letzten Jahres überschritt „Run Come Save Me“ in England die magische Gold-Grenze von 100.000 Einheiten und verdoppelte damit den kommerziellen Erfolg des Vorgängers „Brand New Second Hand“ (Big Dada, 1999), der seinerzeit allerdings auch aus dem Nichts kam. Wichtiger sein wird ihm jedoch, dass mit „Awfully Deep“ nun endlich das dritte Album im Kasten ist. Auch Big Dada dürfte sich freuen, war doch nicht von vornherein klar, dass auch diese Platte beim Ninja Tune-Ableger erscheinen würde. Nun ist mit hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass „Awfully DeepWill Ashon das bisher erfolgreichste Album seines Labels bescheren wird. Nachdem ab Herbst 2004 bereits die Platte „Bâtards Sensibles“ der Pariser Band „TTC“ in sämtlichen relevanten Medien Frankreichs als die Rettung des französischen Raps deklariert wurde, kann Big Dada also bester Dinge in die Zukunft blicken. Doch zurück zu Mr. Smith. Vor drei Jahren kam er mit einem dicken Joint zum Interview, diesmal sitzt er – selbst um 19 Uhr noch – hoch diszipliniert vor einem Glas Mineralwasser.

rap.de: Ich habe gehört, dass du eins deiner Hobbies aufgegeben hast…

Roots Manuva: Ja – ich habe aufgehört, so heftig zu rauchen wie früher. Mittlerweile rauche ich aus besseren Gründen als nur zum Aufwachen. Ich setze es eher als Belohnung ein.
rap.de: Unser letztes Gespräch fand kurz nach der Veröffentlichung von „Run Come Save Me“ statt, was inzwischen über drei Jahre her ist. Was hat sich zwischenzeitlich bei dir getan?
Roots Manuva: Na ja – zunächst gab es ja das Dub-Album [Dub Come Save Me, Big Dada 2002]. Abgesehen von „Awfully Deep“ habe ich dann noch ein weiteres Album mit einer Gruppe aufgenommen, die sich „The Blacknificent Seven“ nennt. Es wird auf Dark Horizon erscheinen, das von Seanie T geleitet wird. Die Gruppe besteht aus Estelle, Rodney P, Karl Hinds, Shortee, einem neuen Rapper, der sich Jeffrey nennt, sowie MC Skeme. Ich habe ein paar der Beats gemacht und bin auf einigen Tracks gefeaturet. Außerdem habe ich ein paar Remixe gemacht. Meine Freundin wurde schwanger – unser Baby ist nun 20 Monate alt. Das hat natürlich alles etwas verlangsamt. Außerdem waren mein Deal mit Big Dada und mein Management-Vertrag ausgelaufen, und ich musste entscheiden, wie es weiter geht. Ich war für eine Zeit sozusagen völlig frei war und konnte die verrücktesten Sachen machen. Ich habe mit einem Label namens OM gearbeitet, auf dem ein Typ erscheint, der sich King Cuba nennt. Ich habe ein paar der Beats für sein Album gemacht. Ich habe es einfach genossen, mich außerhalb eines Release-Schedules bewegen zu können.

Seitenwechsel

rap.de: Du sagtest ja gerade, dass dein Deal mit Big Dada ausgelaufen war. Sicher haben danach auch größere Label Kontakt zu dir gesucht. Was führte zur erneuten Entscheidung für Big Dada?

Roots Manuva: Richtig, mich haben auch größere Label angesprochen. Es kam aber nie jemand mit der richtigen Philosophie oder einer neuen oder stärkeren Vision dafür, wo wir die Dinge hinbringen könnten. Es kamen immer nur so Sprüche wie „Wow – so viel hast du mit Big Dada verkauft? Mit uns hättest du mit der Hälfte des Aufwands mindestens doppelt so viel verkaufen können.“ Es gab nirgendwo wahres Wissen darüber, was ich in der Vergangenheit gemacht hatte. Keiner kannte die Geschichte und das, was es erforderte, um auf das Level zu kommen, auf dem wir nun sind. Ich denke, wenn ich bei einem Major unterschrieben hätte, würde ich nun Kaffee-Tisch-Musik für Leute machen, die die Idee von HipHop mögen, nicht aber HipHop selbst. Das ist halt nichts für mich. Ich will einfach keine „Middle-Of-The Road-Music“ machen.
rap.de: Trotzdem klingt dein Album im Vergleich zu den älteren etwas softer, zumindest der Teil, den wir hören konnten.

Roots Manuva: Es ist eine größere musikalische Reise geworden und weniger rigide oder nur Beat- und Reim-orientiert.
rap.de: Wolltest du mit deinem Sound einen bewussten Kontrapunkt zu Grime setzen?

Roots Manuva: Nein. Grime ist Grime, und ich bin, wer ich bin. Sie nennen mich den Dub-Politician.
rap.de: Wann ist das Album denn entstanden? Hast du schon vor der Geburt deines Sohnes damit begonnen?

Roots Manuva: Der größte Teil entstand, nachdem er geboren war, also in seinem ersten Jahr. Natürlich spinne ich immer an Ideen rum, aber ich neige dazu, mit nichts richtig loszulegen, bevor sich ein Release abzeichnet. Deshalb blieben viele Dinge eine ganze Weile lang im Anfangsstadium stecken.
rap.de: Wo arbeitest du? Hast du ein Studio zu hause? War das ein Problem während der Schwangerschaft?

Roots Manuva: Natürlich (lacht). Wenn das Baby und die Freundin ins Bett gehen, sitze ich die ganze Nacht da, bis drei Uhr. Dann wacht das Baby um sechs schon wieder auf, und ich muss mit aufstehen.
rap.de: Wie hat sich die Geburt auf deine Musik ausgewirkt?

Roots Manuva: Ich war total einbezogen. Die Musik musste sich während der letzten drei Monate der Schwangerschaft sozusagen auf den Rücksitz setzen, genau wie auch die ersten drei Monate nach seiner Geburt. Aber irgendwie bekommst du es hin, irgendwie… Irgendwie bekommst du es hin, deine Augen geschlossen zu halten, wenn das Baby morgens anfängt zu weinen. Man lernt ein wenig, Dad zu spielen. You block out the noise.

Seitenwechsel

rap.de: Ok – aber gab es auch inhaltliche Auswirkungen?

Roots Manuva: Nicht direkt. Ich wollte nicht unbedingt jedermann die Geschichte von der großen Freude an der Vaterschaft auf die Nase binden oder zu sehr ins Detail gehen, was die Unsicherheit anbelangt, die damit einhergeht, dass man nun diese neu-entdeckte Verantwortung trägt und dass es keine Schule oder bekannte Methode dafür gibt, wie man es machen sollte. Ich muss einfach meinem Instinkt glauben, dass ich eine anständige Person bin und dass es im Übrigen in den Händen höherer Mächte liegt. Ich hoffe einfach, ein gutes Individuum zu erziehen.
rap.de: Freunde von mir, die gerade ein Kind bekommen haben, erzählten mir, dass sie danach einerseits stark über ihre eigene Kindheit nachdachten, andererseits aber auch darüber, als Familie älter zu werden. Wie sieht das bei dir aus? Fühlst du dich auch älter, oder fürchtest du dich irgendwie davor, älter zu werden.

Roots Manuva: Ja – ich habe Angst. Ich bringe meinen Sohn in den Kindergarten und erlebe dort andere Eltern. Einige von ihnen sind physisch älter als ich, so dass ich denke: „Damn, du könntest ja mein Vater sein.“ Einige sind physisch jünger und scheinen ihren Kindern deswegen auch näher zu sein. Ich fühle mich dann unwohl. Es gibt eine Menge Sachen, die meine Eltern mit mir veranstaltet haben, die ich mit meinem Kind nicht machen will. Ich will real mit meinem Kind sein – ich will ihn in Verbindung mit der echten Welt groß ziehen. Andererseits habe ich Angst, ihm seine Unschuld zu nehmen. Es gibt Dinge, über die ein Kind sich nicht unbedingt Gedanken machen sollte. Es soll auch als Kind aufwachsen können, verrückt sein und tun dürfen, was es will. My son is a weird guy.
rap.de: Denkst du, dass die reale Welt von heute verrückter ist oder es schwieriger macht, ein Kind großzuziehen, als damals, als du klein warst?

Roots Manuva: Ich denke, meine Generation ist mit einer ausgedehnteren Jugend aufgewachsen. Viele Leute aus meiner Generation haben auch keine Kinder, so dass es weniger Infrastruktur gibt, was das angeht. Das Support-Network ist kleiner. Ich bin stärker auf mich gestellt. Viele meiner Freunde hatten auch früher Kinder, so dass die nun wesentlich älter sind und ich niemanden zum Baby-Sitten habe. Ich stehe jetzt wie der Ochs vorm Tor, und sie lachen mich aus, weil ihre Erinnerungen daran schon lange zurückliegen. Windeln wechseln, sich darüber Sorgen machen, dass sie auslaufen, Milch machen, sich auf die grausame Phase zubewegen, in der Kinder völlig außer Kontrolle geraten, sie nicht mehr zuhören und du eigentlich nichts machen kannst…
rap.de: Ich habe gerade ein älteres Interview gelesen, in dem du aufgefordert wurdest, Roots Manuva zu beschreiben, und du sagtest, du würdest dich ein wenig wie die HipHop-Version von Zorro fühlen. Ist das immer noch so?

Roots Manuva: Ich wäre gerne immer noch so, aber ich musste meinen Kopf ein wenig rausstrecken, weil ich durch ein paar Award-Ceremonies [u.a. durch die des Mercury Music Prize] gegangen bin. Ich bin infolgedessen einfach öfter fotografiert worden und nun auf irgendwelche Bildern zu sehen, auf denen ich in HipHop-Clubs Champagner trinke. Ich werde jetzt auch mit einer Menge Demo-Tapes zugeschüttet und häufig für alles Mögliche angefragt. Viele Leute wollen inzwischen auch Teil meiner Tour sein. Der Ruhm ist ein massiver Fluch. Die Szene reagiert darauf und ist eher verärgert. Sie ist verärgert wegen der Titel, die mir die Presse gibt, obwohl das nichts mit mir zu tun hat.

Seitenwechsel

rap.de: Beim letzten Mal haben wir auch über die HipHop-Szene im UK im Allgemeinen gesprochen. U.a. meintest du, es fehlten richtige A&Rs für dieses Genre. Hat sich daran etwas geändert? Du sprachst ja gerade davon, dass du inzwischen eine Menge Demos bekommst. Wie wirst du als A&R fungieren?

Roots Manuva: Was fehlt, sind auch Proberäume und Orte, wo man Videos machen kann, wo Leute aufnehmen können, Plätze, an denen designt werden kann. Ich würde gerne etwas aufbauen, was hier weiter hilft. Was A&Rs anbelangt, geht es mehr darum, jemanden zu haben, der einen Künstler in seinem Traum unterstützt und ihn dahin führt, wo er hin will, anstelle den Leuten fremde Ideen zu verfüttern. Der A&R ist eigentlich dazu da, einen Weg zu finden, um die Idee des Künstlers umzusetzen und auf den Markt zu bringen. Bei diesem neuen Deal, den ich mit Big Dada gemacht habe, haben sie auf einen Teil ihrer Eigentumsrechte verzichtet – die Rechte an der Platte fallen irgendwann an mich zurück. Ich sollte also später die Plattform haben, Geld in dieses Banana-Clan-Ding zu stecken. Das wird aber nicht alles HipHop sein. Die erste Sache, die darüber erscheinen wird, wird eine Art Vocal-Dancehall-Geschichte sein, von den Rootsrockers und Estelle – sie werden gemeinsam ein Album machen, für das es bisher aber noch keinen Titel gibt.
rap.de: Stehst du also davor, dein eigenes Label aufzumachen?

Roots Manuva: Es ist kein Label. It´s a school of thought. It´s the anti-label. It´s just a movement. Labels sind dazu bestimmt, zu scheitern.
rap.de: Was macht dein Plan von den „Normal Superstars“?

Roots Manuva: That got blown out the window. Natürlich ist es noch in meinem Hinterkopf, ich will es immer noch machen. Es geht um ein Album und ein Buch über den Postboten, der auch singen kann, oder den Tankstellen-Angestellten, der auch rappt, die Mutter von fünf Kindern, die tanzt oder Klavier spielt. Aber Mann, diese Dinge kosten eine Menge Zeit und bedeuten eine Menge Aufwand.
rap.de: Auf deiner Website gab es gerade einen Aufruf, Witness zu remixen? Was hat es damit auf sich?

Roots Manuva: Ich habe keine Ahnung, was das soll (grinst). Vielleicht ist es nur ein smarter Weg, den „Klassiker“ zu re-releasen… Es ist aber sicher auch ein guter Weg, um auf eine nette, zivile Art zu battlen. Allerdings hoffen wir schon, etwas zu bekommen, das man auch veröffentlichen kann.
rap.de: Wir konnten ja leider nur Auszüge deines Albums hören. Gibt es ein Art Overall-Message oder Grundanliegen der Platte?

Roots Manuva: Es gibt keine Message, die ich in wenigen Sätzen einfangen könnte. Ich denke, die ganze Faszination, die ich für Tiefe empfinde, für Dunkles, für Musik, die einen bewegt, macht das Album aus. Ich kämpfe immer noch mit meinen alten Auffassungen darüber, was Gott ist, und stelle die Standard-Interpretationen der Bibel in Frage, auch die Notwendigkeit eines Priesters. Gleichzeitig verstehe ich das Sicherheitsgefühl, welches von Religion und religiösen Riten ausgeht, und weshalb Leute sich von der Sache angezogen fühlen. Es ist ein gutes Gefühl, mehrmals die Woche an einen gewohnten Platz zu gehen und zu singen. Man wird high davon.

Seitenwechsel

rap.de: Religion und Glaube sind generell ein wichtiges Thema für dich. Was willst du deinem Sohn in dem Kontext beibringen – gerade auch mit Blick auf den Islam und religiösen Fanatismus, den es in vielen Religionen gibt?

Roots Manuva: Es sind nicht die Religionen, die den Fanatikern Leben einhauchen, es ist einfach die menschliche Natur. Und Ego. Was meinen Sohn angeht, so strebe ich an, ihn mit unvoreingenommenen Informationen zu versorgen. Ich würde ihn nicht zwingen, in die Kirche zu gehen. Ich weiß, dass seine Mutter möchte, dass er katholisch wird, weil er dann in bessere Schulen kommen könnte. Das ist natürlich gegen all das, worum es mir geht. But these are the breaks, when you have a child. Für mich soll das Individuum selbst interpretieren, was Gott für es ist. Jedes Individuum kann seinen eigenen Gott, seine eigene Spiritualität und seine eigene höhere Macht haben, mit der es sich verbunden fühlt. Das ist eine persönliche Sache. Organisierte Religion ist gefährlich, in vielen ihrer Aspekte.
 
rap.de: Das Cover deiner neuen LP ist von Tom Hunter fotografiert worden und soll auf einem älteren Gemälde aufbauen…

Roots Manuva: Es basiert auf einem alten Rosetti-Gemälde, und Rosetti hat Frauen häufig als Göttinnen dargestellt. Als Göttinnen, die das Männliche beschützt haben. Für mich ist es schlicht eine angenehmere Art, auf dem Cover zu sein (lacht), umgeben von netten Frauen. Sie sind dazu bestimmt, meine Faszination von der Schönheit der Gefahr darzustellen. Ich habe mir die Bücher ganz vieler Fotografen angesehen und wollte einfach etwas anderes für das Cover machen. Er und ich sind dann mit Art-Designern und Art-Directoren zusammen gekommen, und sie haben in etwa 300 Bilder ausgesucht. Ich saß mit ihnen zusammen und sprach mit ihnen darüber, was ich von dem Cover erwartete. Das wurde extrem abstrakt, es war ein ziemlich verrückter Prozess.

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